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Bildungspolitik: Zwischen staatlicher Planungseuphorie und freien Bildungsmärkten

  • Winfried Sommer

Zusammenfassung

Spätestens die Einsetzung der Enquete-Kommission »Zukünftige Bildungspolitik — Bildung 2000« im Dezember 1987 durch den Deutschen Bundestag widerlegt die verbreitete Auffassung, die Politik habe das Interesse an der Bildung verloren und beschränke sich seit dem angeblichen Scheitern der Bildungsreform auf die Erledigung aktueller Tagesfragen. Tatsächlich hat es weder einen Rückzug der Politik aus der Bildung gegeben, noch kann die Bildungsreform der sechziger und frühen siebziger Jahre pauschal als »gescheitert« bezeichnet werden.

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Literatur

  1. 1.
    Zwischenbericht der Enquete-Kommission »Zukünftige Bildungspolitik — Bildung 2000«, Bundestagsdrucksache 11/5349 vom 14. September 1989, S. 7.Google Scholar
  2. 2.
    Dies gilt beispielsweise für die dringend notwendige Verkürzung der Erstausbildung, die jahrelang von allen politischen Lagern tabuisiert wurde und erst in allerjüngster Zeit angesichts der »europäischen Herausforderung« zum Gegenstand einer äußerst kontrovers geführten bildungspolitischen Diskussion geworden ist. Vgl. hierzu Winfried Sommer, Ausbildungsverkürzung statt Arbeitszeitverkürzung? Die einseitige Kinder- und Jugendlichenbildung muß zugunsten eines Systems lebenslangen Lernens aufgegeben werden, in: Winfried Sommer/Alois Graf von Waldburg-Zeil (Hrsg.), Neue Perspektiven der Bildungspolitik, Köln u.a. 1984, S. 117–154.Google Scholar
  3. 3.
    »Im Zuge dieser Entwicklung hat das Bildungssystem in den siebziger Jahren seine statusverteilende Funktion eingebüßt:… Im Niemandsland zwischen ›hinreichender‹ und ›notwendiger‹ Bedingung hat das Bildungssystem seine ihm immerhin mit der Aufklärung zugeschriebene, in den sechziger Jahren beschworene Funktionsbestimmung — öffentlich kontrollierbare Verteilung sozialer Chancen — verloren!« Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt 1986, S. 244. Beck vertritt die Auffassung, am Ende der Ausbildungsreform hätten Selektionskriterien neue Bedeutung erhalten, die vor ihrem Beginn galten und mit dem Ausbau der Bildungsgesellschaft gerade überwunden werden sollten. Er spricht in diesem Zusammenhang von einer »Renaissance ständischer Zuweisungskriterien in der Verteilung sozialer Chancen«, von einer »Refeudalisierung in der Verteilung von Chancen und Risiken am Arbeitsmarkt« und der Gefahr eines Rückfalls »der Nachbildungsgesellschaft in die Chancenzuweisung der Vorbildungsgesellschaft«. Ebd., S. 248. Vgl. hierzu Eberhard Messer/Winfried Sommer, Reproduktion sozialer Ungleichheit durch Bildung? Untersuchungen zur Rolle des Bildungssystems bei der »Vererbung« sozialer Ungleichheit, in: W. Sommer/A. Graf von Waldburg-Zeil (Anm.2), S. 59–87; ferner Winfried Sommer, Chancengleichheit durch Bildungsreform?, Manuskript einer Sendung des Südwestfunks Baden-Baden vom 9. April 1978.Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. Zwischenbericht (Anm. 1), S. 27–31; ferner Deutscher Bundestag, Protokoll der öffentlichen Anhörung von Sachverständigen zum Thema »Bildung und europäische Integration« auf der 12. Sitzung der Enquete-Kommission »Zukünftige Bildungspolitik — Bildung 2000« am 11. Januar 1989 in Berlin, Protokoll Nr. 12 (Teil I).Google Scholar
  5. 5.
    Vgl. Zwischenbericht (Anm. 1).Google Scholar
  6. 6.
    »Wer sich den Schlaf der Forschungsroutine aus den Augen wischt und die beunruhigende Generalistenfrage nach der Zukunft der Ausbildung in dem sich derart abzeichnenden Systemwandel der Arbeitsgesellschaft stellt, sieht eine Lawine von Fragen auf sich zu rollen, deren offensichtliche Dringlichkeit nur noch durch ihre Unbeantwortbarkeit übertroffen zu werden scheint.« U. Beck (Anm. 3), S. 237. Vgl. hierzu auch Peter Knopf, Informationstechnologien und Strukturprobleme des Bildungswesens, Aarau 1985.Google Scholar
  7. 7.
    Vgl. hierzu z.B. die Wortbeiträge von Norbert Wollschläger und Winfried Sommer anläß-lich der öffentlichen Anhörung der Enquete-Kommission »Zukünftige Bildungspolitik -Bildung 2000« am 11. Januar 1989 in Berlin zu dem Thema »Bildung und europäische Integration«, in: Deutscher Bundestag (Anm. 4), S. 106 f. u. S. 117 ff. Über den Anteil, den die (westlichen) Medien an den dramatischen Entwicklungen in Osteuropa und in der DDR hatten, kann vorläufig nur spekuliert werden. Es ist jedoch unumstritten, daß den Medien, gerade auch den öffentlich-rechtlichen Anstalten, im Hinblick auf die weitere Entwicklung in Europa ein umfassender Bildungsauftrag in dem Sinne zukommt, wie er von den beiden Sachverständigen auf der o.a. Anhörung beschrieben wurde. Vgl. hierzu auch Winfried Sommer, Bildungsfernsehen im Medienverbund: Europäische und internationale Erfahrungen, Modelle und Initiativen. Anregungen für den Rundfunk in der Bundesrepublik Deutschland, Manuskript für den Gesprächskreis Medienverbund/Arbeitskreis 6 der Konzertierten Aktion Weiterbildung, Mainz, April 1989.Google Scholar
  8. 8.
    Vgl. Christoph Zöpel, Fragen des Staates an die Zukunftsforschung, in: Joachim Jens Hesse/Christoph Zöpel (Hrsg.), Zukunft und staatliche Verantwortung, Baden-Baden 1987, S. 24.Google Scholar
  9. 9.
    Christoph Zöpel, Wie weit kann und muß der Staat in die Zukunft sehen?, in: Joachim Jens Hesse/Hans-Günter Rolff/Christoph Zöpel (Hrsg.), Zukunftswissen und Bildungsperspektiven, Baden-Baden 1988, S. 13–33, hier S. 13 u. S. 27.Google Scholar
  10. 10.
    Ebd., S. 27.Google Scholar
  11. 11.
    Vgl. hierzu Winfried Sommer, Bildung in der Informationsgesellschaft, Manuskript einer Sendung des Südwestfunks Baden-Baden vom 7. Januar 1990.Google Scholar
  12. 12.
    Vgl. Ch. Zöpel (Anm. 9), S. 27.Google Scholar
  13. 13.
    Ch. Zöpel (Anm.9), S. 29.Google Scholar
  14. 14.
    Vgl. hierzu z.B. Karl W. Deutsch, Bildung in der Informationsgesellschaft, in: Bundesministerium für Forschung und Technologie/Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft (Hrsg.), Computer und Bildung, Bonn 1984; Ludwig Issing, Bildung in der Informationsgesellschaft, in: Der Bürger im Staat, 35 (1985) 2, S. 106–109; Bundesminister für Bildung und Wissenschaft (Hrsg.), Bildung an der Schwelle zur Informationsgesellschaft, Bonn 1986.Google Scholar
  15. 15.
    Deutscher Bundestag. Protokoll der öffentlichen Anhörung von Sachverständigen zum Thema »Auf welche Zukunft sollte das Bildungswesen vorbereitet sein und selbst mit aktiv vorbereiten?« auf der 5. Sitzung der Enquete-Kommission »Zukünftige Bildungspolitik -Bildung 2000« am 16. Juni 1988 in Bonn, Protokoll Nr. 5 (Teil I), S. 6.Google Scholar
  16. 16.
    Vgl. hierzu Winfried Sommer, Zusammenarbeit Hochschule/Wirtschaft. Neue Medien in der berufsbezogenen wissenschaftlichen Weiterbildung, Manuskript eines Vortrags, gehalten auf der Sitzung des Arbeitskreises »Hochschule/Wirtschaft« der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände am 26. Oktober 1989 in Stuttgart.Google Scholar
  17. 17.
    Burkart Lutz, Welche Qualifikationen brauchen wir? Welche Qualifikationen können wir erzeugen?, in: J. J. Hesse u. a. (Anm. 9), S. 55–66, hier S. 65.Google Scholar
  18. 18.
    Individualisierung ist, so Beck, ein gerade in jüngster Zeit in entwickelten Industriegesellschaften zunehmend zu beobachtender Entwicklungsprozeß: »Das, was sich seit den letzten zwei Jahrzehnten in der Bundesrepublik und vielleicht auch in anderen westlichen Industriestaaten abzeichnet, ist nicht mehr im Rahmen der bisherigen Begrifflichkeiten immanent als eine Veränderung von Bewußtsein und Lage der Menschen zu begreifen, sondern… muß als Anfang eines neuen Modus der Vergesellschaftung gedacht werden, als eine Art ›Gestaltwandel‹ oder ›kategorialer Wandel‹ im Verhältnis von Individuum und Gesellschaft.« U. Beck (Anm. 3), S. 205. Beck spricht gar von einem Individualisierungsschub in der Bundesrepublik im Sinne einer Ausdifferenzierung von »Individuallagen«, die jedoch einhergehe mit einer hochgradigen Standardisierung. »Eben die Medien, die eine Individualisierung bewirken, bewirken auch eine Standardisierung.« Ebd., S. 210. In der fortgeschrittenen Moderne vollziehe sich Individualisierung unter den Rahmenbedingungen eines Vergesellschaftungsprozesses, der individuelle Verselbständigungen gerade in zunehmendem Maße unmöglich mache. Individualisierung bedeute Marktabhängigkeit in allen Dimensionen der Lebensführung, sie liefere den Menschen an eine Außensteuerung und -Standardisierung aus. »Das Fernsehen vereinzelt und standardisiert. Es löst die Menschen einerseits aus traditionell geprägten und gebundenen Gesprächs-, Erfahrungs- und Lebens-zusammenhängen heraus… Die Individualisierung — genauer: Herauslösung aus traditionalen Lebenszusammenhängen — geht einher mit einer Vereinheitlichung und Standardisierung der Existenzformen.« Ebd., S. 213. Allerdings muß diese Entwicklung nicht mit der von Beck angenommenen Zwangsläufigkeit eintreten. Zum einen kann man versuchen, ihr durch geeignete Bildungs- und Erziehungsmaßnahmen entgegenzuwirken, zum anderen handelt es sich dort, wo im Bildungswesen, insbesondere in der Weiterbildung, neue Medien und moderne Informationstechnologien zum Einsatz gelangen, gerade nicht um massenmediale Standardprogramme, sondern auf den individuellen Bedarf zugeschnittene Programmangebote — deshalb auch »Individualisierung des Lernens«.Google Scholar
  19. 19.
    Klaus Haefner, in: Deutscher Bundestag (Anm. 15), S. 46.Google Scholar
  20. 20.
    Vgl. hierzu Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung, Gesamtkonzept für die informationstechnische Bildung, Bonn 1987.Google Scholar
  21. 21.
    Vgl. hierzu Winfried Sommer, Neue Medien/Informations- und Kommunikationssysteme und Bildungswesen — für die Bildungspolitik des Bundes nutzbare internationale Erfahrungen und Innovationen. Gutachten für die Enquete-Kommission »Zukünftige Bildungspolitik — Bildung 2000« des Deutschen Bundestages, Karlsruhe, Februar 1989, S. 120f.Google Scholar
  22. 22.
    So bezeichnete beispielsweise Helmut Mikelskis anläßlich einer Anhörung der Enquete-Kommission »Zukünftige Bildungspolitik — Bildung 2000« die »Wiederherstellung der Einheit von Erkennen, Erleben und Handeln« als zentrale Zukunftsperspektive von Bildung. Er spricht von der Grundidee einer neuen Qualität des Mensch-Natur-Verhältnisses im Erkennen, Erleben und Handeln, das zukünftige bildungspolitische Entscheidungen insgesamt prägen sollte, versteht Bildung als offenen Entwicklungsprozeß, der sich um so erfolgreicher gestalte, »je weniger Gesetze, Erlasse, Richtlinien und Vorschriften verordnet werden, je mehr Freiheit alle Bereiche des Bildungswesens durchweht«. Rudolf zur Lippe bezeichnete bei gleicher Gelegenheit, vom Paradigma einer »lernenden Gesellschaft« ausgehend und unter Bezugnahme auf den Learning Report des Club of Rome, das lebenslange Lernen, das innovative Lernen und das integrative Lernen als die entscheidenden Grundsätze eines künftigen Bildungssystems. Er anerkennt eine Erstausbildung nur dann als zukunftsträchtig, »wenn sie bereits die Keime zu einer Weiterbildung enthält«, in: Deutscher Bundestag (Anm. 15), S. 17 ff. u. S. 30 ff.Google Scholar
  23. 23.
    W. Sommer (Anm. 21).Google Scholar
  24. 24.
    Vgl. hierzu Deutscher Bundestag (Anm. 15), S. 11 ff.Google Scholar
  25. 25.
    Vgl. hierzu Winfried Sommer, Neue Medien in der Aus- und Weiterbildung. Eine Untersuchung über die Einsatzmöglichkeiten von Medien- und Telekommunikationssystemen in der Aus- und Weiterbildung unter besonderer Berücksichtigung der Situation in den USA, Berlin 1987.Google Scholar
  26. 26.
    Vgl. Christoph Ehmann, Der Stellungskrieg der 40jährigen oder: Die Zwei-Drittel-Gesellschaft scheint unaufhaltsam, Manuskript einer Sendung des Südwestfunks Baden-Baden vom 20. Dezember 1989. Vgl. hierzu auch Ludwig von Friedeburg, Bildungsreform in Deutschland. Geschichte und gesellschaftlicher Widerspruch, Frankfurt 1989.Google Scholar
  27. 27.
    Vgl. Joachim Jens Hesse, Forum Zukunft — eine Zwischenbilanz, in: J. J. Hesse u.a. (Anm. 9), S. 286–303, hier S. 303.Google Scholar
  28. 28.
    Ebd., S. 297 ff.Google Scholar
  29. 29.
    Ebd., S. 292. Vgl. hierzu auch Karl Otto Hondrich, Zukunftvisionen für die Industriegesellschaft, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 30. April 1988.Google Scholar
  30. 31.
    Ch. Zöpel (Anm.9), S. 30.Google Scholar
  31. 32.
    Vgl. hierzu U. Beck (Anm.3), besonders S. 220 ff. sowie die dort aufgeführte einschlägige Literatur; ferner Adam Schaff, Beschäftigung kontra Arbeit, in: Günter Friedrichs/Adam Schaff (Hrsg.), Auf Gedeih und Verderb. Mikroelektronik und Gesellschaft. Bericht an den Club of Rome, Reinbek 1984, S. 364–378; Bernd Guggenberger, Recht auf Arbeit — Pflicht zur Muße. Sind wir auf die Freizeitgesellschaft vorbereitet?. Vortrag auf dem »Hambacher Disput« am 9. Dezember 1989.Google Scholar
  32. 33.
    A. Schaff (Anm. 32), S. 376.Google Scholar
  33. 34.
    Moravec bezeichnet das Zeitalter, das durch die von ihm prognostizierte, aus seiner Sicht unvermeidliche Entwicklung entsteht, denn auch konsequenterweise als »postbiologisch« (postbiological). Hans Moravec, Mind Children. The Future of Robot and Human Intelligence, Cambridge, Mass.-London 1988, dt.: Mind Children, Hamburg 1990. Vgl. hierzu auch ders., Der Mensch als Maschine, in: Zeit Magazin, Nr. 12 vom 16. März 1990. S. 28–34.Google Scholar
  34. 35.
    Thomas von Randow, Buch im Gespräch: Entsetzliche Vision von einer neuen Welt, in: Die Zeit, Nr. 40 vom 29. September 1989, S. 52.Google Scholar
  35. 36.
    Elisabeth Beck-Gernsheim, Zukunft der Lebensformen, in: J. J. Hesse u.a. (Anm.9), S. 99–118, hier S. 99.Google Scholar
  36. 37.
    W. van den Daele, Eugenik im Angebot, in: Kursbuch Nr. 80. Begabung und Erziehung, Mai 1985; zit. nach E. Beck-Gernsheim (Anm. 36), S. 110 f.Google Scholar
  37. 38.
    E. Beck-Gernsheim (Anm. 36), S. 112 f. u. S. 116.Google Scholar
  38. 39.
    Vgl. hierzu Hans Jonas, Das Prinzip Verantwortung. Entwurf einer Ethik für die technische Zivilisation, Frankfurt 1984.Google Scholar
  39. 40.
    U. Beck (Anm. 3), S. 243.Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1990

Authors and Affiliations

  • Winfried Sommer

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