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Un-Sicherheiten im Streit um Sicherheit — Zur Relevanz der Kontroversen um die Regulierung technischer Risiken

  • Daniel Barben
  • Meinolf Dierkes

Zusammenfassung

Dynamik und Richtung der wissenschaftlich-technischen Entwicklung schienen lange Zeit — und zum Teil immer noch — übermächtig und vorgegeben, einem außerhalb ihrer selbst liegenden gestaltenden Zugriff entzogen1. Von Technologie- und Wissenschaftspolitik zu sprechen — so wie wir es heute zunehmend tun — zeigt darüber hinaus ebenfalls an, daß Technik, Wissenschaft und Forschung, ihre Folgen und Risiken zu prominenten Objekten staatlicher Politik geworden sind. Allein die Existenz eines solchen Politikfeldes widerspricht — wenn man es nicht allein als Bereich symbolischer Handlungen begreift — einer technikdeterministischen Sicht von einer im Selbstlauf sich fortbewegenden wissenschaftlich-technischen Entwicklung. Daß deren generelle Etikettierung als stetiger und umfassender »Fortschritt« fragwürdig geworden ist, begründet sich in der verstärkten gesellschaftlichen Wahrnehmung und Thematisierung der Schattenseiten sozialökonomischer Modernisierungsprozesse bzw. der Risiken technischer Systeme. Die zunehmende Durchdringung weiter Lebensbereiche durch technisch-wissenschaftliche Entwicklungen mit häufig universellen Betroffenheiten vollzog sich in der Weise, daß das dabei offenbar gewordene Auseinanderfallen der Entwicklungen in der wissenschaftlich-technischen, der sozialen und der ökologischen Dimension 2 die Instanzen von Wissenschaft und Technologie einem starken Politisierungsschub unterwarf.

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Literatur

  1. 1.
    Eine breite technikkritische Literatur mit langer Tradition macht dies ebenso deutlich wie eine Fülle von Umfragedaten der letzten Jahrzehnte. Vgl. Rolf Peter Sieferle, Fortschrittsfeinde? Opposition gegen Technik und Industrie von der Romantik bis zur Gegenwart, München 1984;Google Scholar
  2. Meinolf Dierkes, Wissenschaft genießt Vertrauen. Aber vor den Auswirkungen der Technik herrscht Angst — Plädoyer für eine Untersuchung von Innovationsfolgen, in: Rheinischer Merkur/Christ und Welt, Nr. 48 vom 26. November 1982, und Beiträge in: Dieter Jaufmann/Ernst Kistler (Hrsg.), Sind die Deutschen technikfeindlich?, Opladen 1988.Google Scholar
  3. 2.
    Worunter auch Diskontinuitäten in der Entwicklung fallen, insbesondere das von Ogburn vor Jahrzehnten bereits als »cultural lag« beschriebene Nachhinken kultureller und institutioneller hinter den technischen Entwicklungen; vgl. William F. Ogburn, Social Change. With Respect to Culture and Original Nature, New York 1922, sowie ders.. Cultural Lag as Theory, in: Sociology and Social Research, 41 (1957), S. 167–173.Google Scholar
  4. 3.
    Für Analysen der F&E-Politik in der Bundesrepublik siehe insbesondere die Beiträge in Wolfgang Bruder (Hrsg.), Forschungs- und Technologiepolitik in der Bundesrepublik Deutschland, Opladen 1986, sowie Hellmut Wollmann, Entwicklungslinien der Technolo-giepolitik in Deutschland. Bestimmungsfaktoren, Zielsetzungen und politische Zuständigkeiten im Wandel, in: Jochen Hucke/Hellmut Wollmann (Hrsg.), Dezentrale Technologiepolitik?, Basel u. a. 1989, S. 35–75.Google Scholar
  5. 4.
    Die Gegenwart kann mithin besser verstanden werden, wenn man einen Blick auf die Vergangenheit wirft; zur technik- bzw. regulierungspolitischen Diskussion in der Weimarer Republik siehe Meinolf Dierkes/Andreas Knie/Peter Wagner, Zur Diskussion über das Verhältnis von Technik und Politik in der Weimarer Republik, in: Leviathan, (1988) 1, S. 1–22.Google Scholar
  6. 5.
    Vgl. M. Dierkes/A. Knie/P. Wagner (Anm. 4), S. 1 ff.; Meinolf Dierkes/Volker von Thienen, Science Court — Ein Ausweg aus der Krise?, in: Edgar Michael Wenz (Hrsg.), Wissenschaftsgerichtshöfe. Mittler zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft, Frankfurt-New York 1983, S. 11–39.Google Scholar
  7. 6.
    Für einen ersten Zugang zur internationalen und zum Teil technikfeldspezifisch angelegten Literatur zur Risikokommunikation siehe die Bibliographie von Peter Wiedemann/Hans U.Stegelmann/R. Hoffmann/Bernd Rohrmann, Risiko-Kommunikation. Bibliographie, Jülich 19893. Als ausgewähltes Buch, das die Entwicklung und Etablierung des Risikodiskurses nachzeichnet, die risikoanalytische Literatur auswertet und zugleich empirisch — bezogen auf die Behandlung der sozialen Unsicherheiten der Armut bzw. der technischen Risiken der Kernenergie — ansetzt, vgl. Adalbert Evers/Helga Nowotny, Über den Umgang mit Unsicherheit. Die Entdeckung der Gestaltbarkeit von Gesellschaft, Frankfurt 1987.Google Scholar
  8. 7.
    Vgl. Karl Polanyi, The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen, Frankfurt 1978.Google Scholar
  9. 8.
    Die Geschichte der in Prozesse von ökonomisch relevanter Forschung und Entwicklung einbezogenen staatlichen Ministerien fällt mit Prozessen der Staatsentstehung zusammen. Bezogen sich noch im 19. Jahrhundert die staatlichen Aktivitäten der Wissenschafts- und Forschungsförderung hauptsächlich auf den Ausbau der Universitäten und auf die Bildung von Technischen Hochschulen, begann zur Jahrhundertwende unter dem Imperativ der gegenüber dem Weltmarktstandard nachholenden Industrialisierung Deutschlands die Förderung produktionsnaher Forschung und Technikentwicklung. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden diesbezügliche Anstrengungen angesichts von Entwicklungsschüben in Basistechnologien wie der Kernenergie und der Mikroelektronik sowohl für die Wirtschaftsunternehmen als auch für den Staat aufgrund seiner gewachsenen ökonomischen Bedeutung, die in seinem Interventionismus, seiner Finanzkraft und der militärischen Rüstung gründet, in historisch einmaligem Maße wichtig. Dabei ist durchaus von nationalspezifisch unterschiedlichen Modellen der Forschungsförderung und Technologieentwicklung, der Kooperation zwischen Industrieunternehmen und Staat sowie der Bedeutung und Ausprägung des sogenannten militärisch-industriellen Komplexes auszugehen.Google Scholar
  10. 9.
    Insbesondere muß an die Theorie des Staates eine Theorie von Parteiensystem und Parteien geknüpft werden, da in ihrem Rahmen hauptsächliche Auseinandersetzungs- und Entscheidungsformen im Staat und darüber hinaus Staat und Zivilgesellschaft umgreifende Organisationsformen erfaßt werden. Beides ist im Hinblick auf die Konstitution von Wahrnehmungsmustern, Orientierungsperspektiven und Praxisformen — z.B. im Umgang mit Risiken -grundlegend.Google Scholar
  11. 10.
    Was wir hier allerdings empirisch nur äußerst beschränkt tun können, so daß wir z. B. auf Erörterungen der Industrialisierungsprozesse der Landwirtschaft verzichten müssen. — Für eine historisierende Einführung der (Ver-)Nutzung von Wasser, Boden, Luft und Energie vgl. Beiträge in: Franz-Josef Brüggemeier/Thomas Rommelspacher (Hrsg.), Besiegte Natur. Geschichte der Umwelt im 19. und 20. Jahrhundert, München 1987, sowie historisch breiter zur Umweltgeschichte Rolf P. Sieferle (Hrsg.), Fortschritte der Naturzerstörung, Frankfurt 1988.Google Scholar
  12. 11.
    Alle Phasen des Produktions- bzw. Konsumtionsprozesses haben — unabhängig vom Gesichtspunkt, daß immer alternative Möglichkeiten erschlossen werden können und daß die Dynamik des wirtschaftlichen Wachstums problemverschärfend wirkt — ökologische Implikationen: Bei der Extraktion von Ressourcen wird in Ökosysteme eingegriffen, die Produktion von Gütern ist immer auch eine von Schadstoffen, und in der Konsumtion fällt notwendigerweise Müll an.Google Scholar
  13. 12.
    Charles Perrow, Normale Katastrophen. Die unvermeidbaren Risiken der Großtechnik, Frankfurt-New York 1987, S. 95. Wenn Perrow das Hauptaugenmerk auf die Systemeigenschaften richtet, führt dies bei ihm nicht zu der irrigen Annahme, die Bediener moderner Techniken würden zu bloßen, unqualifizierten »Knöpfchen-Drückern«; vielmehr hebt er die Bedeutung guter Ausbildung und umfangreicher Erfahrung gerade für die Kontrolle komplexer, etwa automatisierter Systeme hervor (vgl. S. 123 ff.).Google Scholar
  14. 13.
    Und sie liefern ihm eine Begründung dafür, daß Atomwaffen und Atomenergie nicht völlig kontrollierbar und so mit sicherer Wahrscheinlichkeit immer wieder zu Katastrophen führen und von daher aufgegeben werden müssen. Vgl. zu den einzelnen Gesichtspunkten ebd., S. 98 ff. (Vier Ebenen-Schema zur Untersuchung technischer Systeme), S. 100 ff. (Kategorisierung von Opfern unterschiedlichen Grades zur besseren Einschätzung des Katastrophenpotentials technischer Systeme), S. 107 ff., S. 124 f., S. 128 f. (Unterscheidung zwischen komplexen und linearen Interaktionen/technischen Systemen), S. 131 ff., S. 136 (Unterscheidung zwischen enger und loser Kopplung), S. 134 ff. (Kopplungstypus und Systemregenerierung nach Störfall), S. 386 ff. (Frage nach einer optimalen Organisationsstruktur für die vier mit der zweifachen Unterscheidung erfaßten Systemtypen).Google Scholar
  15. 14.
    Der Bundesverband der Deutschen Industrie geht z.B. davon aus, daß »die moderne Biotechnologie in Zukunft die Mikroelektronik in ihrer Bedeutung als Basisinnovation für die gesamte Volkswirtschaft ablösen wird« (Bundesverband der Deutschen Industrie, Chancen und Risiken der Gentechnologie, Hintergrundpapier zum Bericht der Enquete-Kommission, Bonn 1988).Google Scholar
  16. 15.
    Zur vertiefenden Einführung vgl. Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages, Wolf Michael Catenhusen/Hanna Neumeister (Hrsg.), Chancen und Risiken der Genteehnologie. Dokumentation des Berichts an den Deutschen Bundestag, München 1987 (oder: Bundestagsdrucksache 10/6775), sowie Regine Kollek/Beatrix Tappeser/Günter Altner (Hrsg.), Die ungeklärten Gefahrenpotentiale der Gentechnologie. Dokumentation eines öffentlichen Fachsymposiums vom 7.–9. März 1986 in Heidelberg, München 1986.Google Scholar
  17. 16.
    Wolfgang van den Daele, Gutachten zur Problematik der Risikokommunikation im Bereich der Gentechnologie in der Bundesrepublik Deutschland, Jülich 1988, S. 8.Google Scholar
  18. 17.
    Ebd., S. 9.Google Scholar
  19. 18.
    Ebd., S. 33. — »Bei der Einführung einer neuen Technik, für die es an schon etablierten Praxisbereichen fehlt, an denen man sich orientieren könnte, muß es ausreichen, daß eine ungewöhnliche Unsicherheit über die möglichen (hypothetischen) Gefahren besteht und daß der denkbare Schaden erheblich ist.« Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages (Anm. 15), S. 285.Google Scholar
  20. 19.
    W. van den Daele (Anm. 16), S. 33. Vgl. für diese Argumentationslinie auch, in Kritik an Auflagen der Enquete-Kommission, die Sicht und Interessen der wissenschaftlichen Fachgemeinde: Deutsche Forschungsgemeinschaft, Stellungnahme zum Bericht der Enquete-Kommission »Chancen und Risiken der Gentechnologie«, Bad Godesberg 1987. Zur kritischen Einschätzung der Empfehlungen der Enquete-Kommission bzw. der Position der DFG siehe Regine Kollek, Gentechnologie und biologische Risiken — Stand der Diskussion nach dem Bericht der Enquete-Kommission »Chancen und Risiken der Gentechnologie«, in: WSI-Mitteilungen, (1988) 2, S. 105–106.Google Scholar
  21. 20.
    Perrow zeigt, wie die Wissenschaftlergemeinde selbst innerhalb weniger Jahre, kurz vor der Verabschiedung eines strengen Gesetzesentwurfs, der sich an den von Wissenschaftlern zuvor formulierten Selbstbeschränkungen orientierte, eine abrupte Kehrtwendung zu einer weitgehenden Freigabe gentechnischer Forschungen vollzog. Vgl. Ch.Perrow (Anm. 12), S. 345–353.Google Scholar
  22. 21.
    Zum aus dem Primat der Gewerbefreiheit resultierenden rechtlichen Genehmigungsanspruch siehe auch unter IV. 2.Google Scholar
  23. 22.
    U.E. darf die Frage nicht aufgegeben werden, ob es gegen die bisher als hypothetisch deklarierten Risiken Garantien gibt — daß sie also nicht nur unwahrscheinlich, sondern mittlerweile gar undenkbar geworden sind. Denn wie soll etwa empirisch eindeutig entschieden werden können, daß angesichts der Komplexität von Lebensprozessen beim Gentransfer selbst unerwartete Wechselwirkungen zwischen übertragenem Gen und genetischem Hintergrund des Empfängerorganismus mit unvorhergesehenen phänotypischen Auswirkungen auszuschließen sind? Zudem bleiben schon bei der »Freisetzung ganz weniger an sich harmloser Rekombinanten (mit der man trotz containment immer rechnen muß) dramatische Folgen« theoretisch denkbar; »man unterstelle etwa, daß:Google Scholar
  24. - die rekombinanten Organismen die übertragenen Gene an in der natürlichen Umwelt etablierte Stämme weitergebenGoogle Scholar
  25. - diese Gene bei den Empfängerorganismen zu unerwarteten phänotypischen Ausprägungen führenGoogle Scholar
  26. - diese Ausprägungen für den Menschen gefährlich sind undGoogle Scholar
  27. - den Empfängerorganismen einen Selektionsvorteil verschaffen, der zu ihrer massenhaften Verbreitung im Ökosystem führt.« (W. van den Daele [Anm. 16], S. 34). Insbesondere ist der prinzipielle Einwand gegen die Interpretation der Experimente bzw. der Unfallfreiheit als Ungefährlichkeit ernstzunehmen, daß die Zeitspannen zwischen dem Entstehen neuer Organismen und dem Sichtbarwerden der von ihnen ausgelösten Störungen beim Menschen oder im Ökosystem sehr lang sein könnten und präzise Nachweissysteme für biologische Emissionen und Kontaminationen — z.B. mit manipulierten Produktionsstämmen oder mit Fremd-DNS — fehlten; außerdem ist in Rechnung zu stellen, daß die Eintrittswahrscheinlichkeit großer biologischer Unfälle im Forschungsstadium wohl geringer gehalten werden kann als beim Übergang zur massenhaften ökonomischen Anwendung. Für einen Überblick über die Faktoren, die die Sicherheit im Labor und in biotechnischenGoogle Scholar
  28. Produktionsanlagen bestimmen, sowie über mögliche Emissionspfade siehe I. Stumm/M. Thurau/M. Führ, Gefahren der Gentechnik, in: Werkstattreihe Nr. 34 des Öko-Institutes, Freiburg 1986, S. 35–66.Google Scholar
  29. 23.
    Sehen wir von einigen mysteriösen Unfällen und der Vermutung ab, Aids könnte aus einem Genlabor entsprungen sein. Vgl. M. Blanc, Was geschah am Institut Pasteur?, in: Gen-Ethischer Informationsdienst, 23/1987, S. 4–7; zur Aids-Debatte in Deutschland siehe die Beiträge in der Zeitschrift Wechselwirkung von Booby Hatch, AIDS: Unfall, Zufall oder unzufällig?, 23/1984, S. 38–41; ders., AIDS — eine »Altlast« der Forschung?, 27/1985, S. 35–39; ders., AIDS — der biologische Super-GAU?, 34/1987 S. 38–44, sowie Regine Kollek, Das Undenkbare denken. Die Entstehungsgeschichte von AIDS, 36/1988, S. 34–37; dies., Neue Gefährdungen vermeiden. AIDS — Entstehung, Gentechnik und Impfstofforschung, 37/1988, S. 34–39.Google Scholar
  30. 24.
    Dem Leitbild »Gesundheit« scheint nicht nur die Funktion zuzukommen, gentechnologische Entwicklungen im medizinischen Bereich zu rechtfertigen, sondern für die Entwicklung von Gentechnologien überhaupt eine Akzeptanzbresche zu schlagen.Google Scholar
  31. 25.
    Damit soll jedoch nicht jeder Ethik die Existenzberechtigung abgesprochen werden. Auf dem Terrain der Ethik artikulierte Fragen müßten allerdings mit einem gesellschaftstheoretischen Fundament unterlegt werden und an eine Perspektive praktischen Eingreifens und realer Zukunftsverantwortung gekoppelt sein. Vgl. Heinz Kleger, Gerechtigkeit zwischen Generationen, in: Peter Paul Müller-Schmid (Hrsg.), Begründung der Menschenrechte. Beiträge zum Symposium der Schweizer Sektion der Internationalen Vereinigung für Rechts- und Sozialphilosophie vom 22. April 1983 in Genf, S. 147–190, besonders S. 147–153 u. S. 185–189.Google Scholar
  32. 26.
    Für die widersprüchlichen Beziehungen insbesondere zwischen Wissenschaft und Politik vgl. auch A. Evers/H. Nowotny (Anm. 6).Google Scholar
  33. 27.
    Einen umfassenden Überblick über den Bereich »Risikokommunikation« gibt ein vom amerikanischen National Research Council herausgegebener Band. Nach einer Verständigung über Gegenstand und Probleme von Risikokommunikation werden da Fragen der Erkenntnis und Einschätzung von Risiken, ihrer politischen Mitteilung und gesellschaftlichen Umkämpftheit behandelt. Die Erörterungen über Probleme von Risikokommunikation — und in der Folge Vorschläge ihrer Verbesserung — erstrecken sich einerseits auf das institutionelle und politische System selbst, andererseits auf die unmittelbareren Interaktionen der Beteiligten. Vgl. National Research Council (ed.), Improving Risk Communication, Washington 1989.Google Scholar
  34. 28.
    Mit diesem kulturellen Bestimmungsmoment kann man erklären, daß etwa aufgrund von divergierenden Risikobeurteilungen bzw. differenten Einpassungen in spezifische Lebensweisen riskante Techniken akzeptiert und ungefährliche Techniken abgelehnt werden.Google Scholar
  35. 29.
    In einer solchen ökonomisch subalternen Position befinden sich generell die unterentwickelten gegenüber den industriell fortgeschrittenen Ländern. In anderer Lage, aber gleichwohl vergleichbar, war die DDR gegenüber der Bundesrepublik — wobei diese den Umstand nutzen konnte, daß eine mobilisierende Artikulation einer Umweltbewegung in der DDR durch den autoritären Etatismus des alten Regimes verhindert und so das in der Bundesrepublik Unmöglichgewordene möglich wurde.Google Scholar
  36. 30.
    So können sich z. B. Arbeitsplatz- bzw. Betriebsinteressen gegen den Umweltschutz richten, die immensen ökologischen Probleme in der Dritten Welt durch Verschuldung und Unterentwicklung mit verursacht sein oder wirtschaftsstarke Länder wie die Bundesrepublik oder Japan ein höheres Innovations- und Strategiepotential (Jänicke) für den Umweltschutz besitzen als schwache.Google Scholar
  37. 31.
    Was beim Recht etwa heißen kann, daß neue Rechtsbestimmungen formuliert oder bestehende ignoriert werden, vorhandene Rechtsinstrumentarien so oder anders kombiniert und in die eine oder andere Richtung angewandt werden können, bestimmte Strukturen und Prozesse legitimieren oder aber auch korrigieren können.Google Scholar
  38. 32.
    Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt 1986. S. 84.Google Scholar
  39. 33.
    Dabei ist ein Betreiber nicht nur vor strafrechtlicher Verfolgung geschützt, wenn der Betrieb »genehmigungsgemäß« erfolgt, sondern möglicherweise auch dann, wenn er genehmigungswidrig ist, aber so von den Behörden geduldet wird.Google Scholar
  40. 34.
    Umgekehrt muß man jedoch auch auf die legitimatorischen Effekte von diskursiven Entflechtungen von Zusammengehörigem achten. So eröffnet die strikte Trennung von Grundlagenforschung und Anwendung ihrer Ergebnisse Freiräume sowohl für Forschung als auch Entwicklung. Die Ausführungen zu den Gen- und Biotechnologien zeigten die Unhaltbar-keit der Unterstellung, die Problematik dieser Technologien liege, wenn überhaupt, in praktischen Verwendungszusammenhängen und in immer möglichen Mißbräuchen. Darüber hinaus läßt sich in der Grundlagenforschung selbst der angestrebte Verwendungszweck friedlicher oder militärischer Nutzung kaum bestimmen. Der Versuch, politisch-rechtlich kriegstechnische Entwicklungen zu unterbinden, wäre also im Bereich der Grundlagenforschung nicht kontrollierbar und könnte somit unterlaufen werden. Dies gilt allerdings nicht nur für die Gentechnologie, sondern zumindest auch für Atomkraft und Chemie.Google Scholar
  41. 35.
    Zum gesamten Fragenkomplex der Vorgegebenheit von bzw. Neuentscheidung über Entscheidungsverfahren angesichts vielfältiger und brisanter Entscheidungsnotwendigkeiten siehe Claus Offe, Politische Legitimation durch Mehrheitsentscheidung?, in: Bernd Guggenberger/Claus Offe (Hrsg.), An den Grenzen der Mehrheitsdemokratie. Politik und Soziologie der Mehrheitsregel, Opladen 1984, S. 150–183.Google Scholar
  42. 36.
    Verbreitet ist die Verbindung von Risikoanerkennung und Politikabwehr in dem Sinne, daß die politische Praxis in die vorgegebenen Kanäle des politischen Systems oder in neue korporatistische Arrangements gelenkt wird. Die technokratische Verkürzung und der Verdrängungsversuch von bereits vorhandenen Ansprüchen an eine Neubestimmung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts zeigt sich beispielhaft im folgenden Satz: »Die Krise der wissenschaftlich-technischen Zivilisation ist nicht eine Zielkrise, sondern eine Steuerungskrise.« Hermann Lübbe, Legitimitätswandel der Wissenschaft, in: Franz Moser (Hrsg.), Neue Funktionen von Wissenschaft und Technik in den 80er Jahren, Wien 1981, S. 7–19, hier S. 17. Vgl. für eine ähnliche Perspektive der Problembehandlung im Rahmen der herrschenden Systemcodes Niklas Luhmann, Ökologische Kommunikation. Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, Opladen 1986.Google Scholar
  43. 37.
    Vgl. insbesondere als umfassend angelegte Untersuchung von (prognostizierbaren) sozialen und ökologischen Folgen, ihren Ursachen, ihrem globalen Zusammenhang und Handlungsoptionen: Global 2000, Der Bericht an den Präsidenten, Frankfurt 1980; Volker Hauff (Hrsg.), Unsere gemeinsame Zukunft. Der Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, Greven 1987.Google Scholar
  44. 38.
    Die erste Problemstellung greifen Programme der Technologiefolgenabschätzung auf, die zweite Programme der Technikgeneseforschung und der Technikgestaltung. Vgl. Meinolf Dierkes, Technikfolgen-Abschätzung, in: Handwörterbuch des Umweltrechts, hrsg. von Otto Kimminich u.a., Bd.2, Berlin 1988, S. 470–483; Meinolf Dierkes, Technikgenese als Gegenstand sozialwissenschaftlicher Forschungen — Erste Überlegungen, in: Verbund Sozialwissenschaftliche Technikforschung, Mitteilungen, (1987) 1, S. 154–170.Google Scholar
  45. 39.
    Wir gehen dabei davon aus, daß insbesondere die Diskussions- und Durchsetzungsformen spezifischer sozio-technischer Leitbilder — aufgrund ihrer Relevanz für die Technikentwicklung sowie darüber hinaus allgemein für technikvermittelte Vergesellschaftungsformen -enorm an Bedeutung gewinnen werden.Google Scholar
  46. 40.
    Jürgen Kuczynski, Der Fortschritt ist nicht am Ende, in: Gewerkschaftliche Monatshefte, (1990) 1, (Schwerpunktdebatte: Am Ende des Fortschritts oder Fortschritt ohne Ende?), S. 50–52.Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1990

Authors and Affiliations

  • Daniel Barben
  • Meinolf Dierkes

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