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Der Streit um eine liberale Rechtskultur

  • Rudolf Wassermann

Zusammenfassung

Unter Rechtspolitik ist ein politisches Verhalten zu verstehen, das auf die Veränderung des Rechts gerichtet ist1. Die apolitische Haltung, man könne sich aus dem demokratischen Parteienstreit heraushalten, war auf diesem Politikfeld besonders lange verbreitet. Das hat seinen Grund darin, daß sich über Jahrzehnte hinweg die Auffassung hielt, die Erneuerung des Rechts sei Sache fachlicher Einsicht und nicht politischer Gestaltung. Die großen Kodifikationen des 19. Jahrhunderts — mit dem Bürgerlichen Gesetzbuch an der Spitze — waren das Produkt einer fachlich hochstehenden Ministerialbürokratie, die ihre obrigkeitlich-liberale Geisteshaltung gleichsam als Rechtsvernunft verstand und politische Einflußnahme als unsachliche Störversuche wertete, denen kein Raum zu geben war. Nicht richtig ist allerdings, wenn man meint, es hätte weder im Kaiserreich noch in der Weimarer Republik rechtspolitische Diskussionen gegeben. Debatten über Gesetzgebungsfragen und Kritik an der Rechtsordnung — etwa unter dem Aspekt des Klassenrechts und der Klassenjustiz — fehlten im politischen Raum auch damals nicht. Die Diskussion berührte aber stets nur die Oberfläche der Rechtspolitik und fand auch nicht die Kraft, Konflikte längere Zeit durchzuhalten. Die Phalanx der Fachleute vermochte daher mühelos das Feld zu behaupten.

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Literatur

  1. 1.
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  2. 2.
    Vgl. Rudolf Wassermann, Unsere konservativen Richter, in: Die Zeit, Nr. 11 vom 13. März 1964, jetzt in: Rudolf Wassermann, Richter, Reform, Gesellschaft, Karlsruhe 1970, S. 9ff.Google Scholar
  3. 3.
    Vgl. R. Wassermann (Anm. 1), S. 16f.Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. dazu Thomas Würtemberger, Zeitgeist und Recht, Tübingen 1987, S. 209f.Google Scholar
  5. 5.
    Vgl. dazu Rainer Litten, Politisierung der Justiz, Hamburg 1971; Rudolf Wassermann, Der politische Richter, München 1972Google Scholar
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    Vgl. dazu Rainer Litten, Politisierung der Justiz, Hamburg 1971; Rudolf Wassermann, Die richterliche Gewalt. Macht und Verantwortung des Richters in der modernen Gesellschaft, Heidelberg 1985, S. 1ff.Google Scholar
  7. 6.
    Vgl. Helmut Rieger, Rundblick, (1990) 7, S. 3.Google Scholar
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    Vgl. R. Wassermann (Anm.7), S.90ff., 108ff., 112ff.Google Scholar
  10. 9.
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    Vgl. Jürgen Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, Neuwied 19755, S. 239.Google Scholar
  12. 11.
    Vgl. Elisabeth Noelle-Neumann, Die Schweigespirale, München-Zürich 1980, S.220f.; R. Wassermann (Anm. 1), S. 110 u. S. 115f.Google Scholar
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  14. 13.
    Vgl. Rudolf Wassermann, Politisch motivierte Gewalt in der modernen Gesellschaft. Herausforderung und Antworten, Hannover 1989, S. 7ff.Google Scholar
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  17. 16.
    Vgl. Rudolf Wassermann, Sicherung oder Aushöhlung des Rechtsstaats?, in: Walter S. Mahle (Hrsg.), Terrorismus contra Rechtsstaat, Darmstadt — Neuwied 1976, S. 125 u. S. 131 ff.Google Scholar
  18. 17.
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  19. 18.
    Vgl. ebd., S. 19ff. (im Anschluß an den »band-wagon-effect« von Paul F. Lazarsfeld/ Bernard Berelson/Hazel Gaudet (Hrsg.), Wahlen und Wähler. Soziologie des Wählerverhaltens, Neuwied — Berlin 1969, S. 145ff.)Google Scholar
  20. 19.
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  21. 20.
    Vgl. Johan Galtung, Strukturelle Gewalt. Beiträge zur Friedens- und Konfliktforschung, Reinbek 1975, S.9.Google Scholar
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  25. 24.
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  26. 25.
    Vgl. Heinrich Oberreuter, Stimmungsdemokratie, Zürich 1987, S. 11 ff.Google Scholar
  27. 26.
    Vgl. U. Sarcinelli (Anm. 15), S. 136.Google Scholar
  28. 27.
    Vgl. Rudolf Wassermann, Gibt es ein Recht auf zivilen Ungehorsam?, in: Zeitschrift für Politik, 30 (1983) (Neue Folge), S. 343ff.Google Scholar
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    Vgl. R. Wassermann (Anm. 22), S. 12ff. u. S. 25ff.Google Scholar
  30. 29.
    Vgl. Friedhelm Neidhardt, Erscheinungsformen von Gewalt in der Öffentlichkeit, in: Günter Bemmann u. a., Gewalt in der modernen Gesellschaft, Düsseldorf u. a. 1988, S. 23 u. S.27Google Scholar
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    Vgl. Friedhelm Neidhardt, Gewalt und Gegengewalt. Steigt die Bereitschaft zu Gewaltaktionen mit zunehmender staatlicher Kontrolle und Repression?, in: Wilhelm Heitmeyer/Kurt Möller/ Heinz Sünker (Hrsg.), Jugend — Staat — Gewalt, Weinheim — München 1989, S.233ff.; R. Wassermann (Anm. 13), S. 58f.Google Scholar
  32. 30.
    Vgl. Gewaltkommission (Anm. 12). Eine mehrbändige Ausgabe der Gutachten (End-, Zwischen- und Erstgutachten, Sondergutachten) erscheint Ende 1990.Google Scholar
  33. 31.
    Vgl. ebd., S. 3.Google Scholar
  34. 32.
    Vgl. etwa die Presseerklärungen des Instituts für Rechtstatsachenforschung und Kriminalpolitik der Fakultät für Rechtswissenschaft an der Universität Bielefeld und der Fraktion der GRÜNEN im Bundestag vom 16. Januar 1990 sowie die Berichte der Frankfurter Rundschau vom 17. Januar 1990, S. 1 und vom 2. Februar 1990, S. 1. Vgl. ferner die Richtigstellungen des Kommissionsmitgliedes Roland Eckert (Universität Trier) vom 16. Januar 1990 und der Kommissionsvorsitzenden Hans-Dieter Schwind (Universität Bochum) und Jürgen Baumann (Universität Tübingen), in: Frankfurter Rundschau vom 12. Februar 1990.Google Scholar
  35. 33.
    Vgl. dazu und zum folgenden U. Sarcinelli (Anm. 15), S. 134f.Google Scholar
  36. 34.
    Vgl. Rudolf Wassermann, Ist der Rechtsstaat noch zu retten? Zur Krise des Rechtsbewußtseins in unserer Zeit, Hannover 1985, S.23ff.Google Scholar
  37. 34a.
    zu Art. 20 Abs. 4 Grundgesetz vgl. Josef Isensee, Das legalisierte Widerstandsrecht, Bad Homburg u. a. 1969Google Scholar
  38. 34b.
    Rudolf Wassermann, Zum Recht auf Widerstand nach dem Grundgesetz, in: Albrecht Randelzhofer/Werner Süß (Hrsg.), Konsens und Konflikt. 35 Jahre Grundgesetz, Berlin — New York 1986, S. 348ff.Google Scholar
  39. 35.
    Zur Frage, ob man Gesetzen gehorchen muß, die man für Unrecht hält, vgl. R. Wassermann (Anm.22), S. 15ff.Google Scholar
  40. 36.
    Vgl. Rudolf Wassermann, Zur Rechtsordnung des politischen Kampfes in der verfassungsstaatlichen Demokratie, in: Juristenzeitung, (1984), S. 263ff.Google Scholar
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    Vgl. Rudolf Wassermann, Recht. Gewalt. Widerstand, Berlin 1985, S. 16ff.; ders. (Anm. 34), S. 30ff.Google Scholar
  42. 37.
    Martin Greiffenhagen in der Einleitung zu dem von ihm herausgegebenen Band Kampf um Wörter? Politische Begriffe im Meinungsstreit (Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 163), Bonn 1980, S. 12. Vgl. auch die Beiträge von Murray Edelman, Politische Sprache und Realität, Walter Dieckmann, Sprache in der Politik in eben diesem Band, S. 39ff., 47ff., sowie Wolfgang Bergsdorf, Herrschaft und Sprache, Pfullingen 1983, S.26ff.Google Scholar
  43. 38.
    Abgedruckt bei Rudolf Wassermann (Hrsg.), Recht und Sprache (Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 199), Bonn 1983, S. 40.Google Scholar
  44. 39.
    Zur Bedeutung symbolischen Handelns in der Wahlkampfkommunikation vgl. U. Sarcinelli (Anm.9), S.43ff.Google Scholar
  45. 40.
    Vgl. Gustav Heinemann, Die Rechtsordnung des politischen Kampfes, in: Neue Juristische Wochenschrift, 15 (1962), S.889ff.Google Scholar
  46. 40a.
    Vgl. Gustav Heinemann, Plädoyer für den Rechtsstaat, Karlsruhe 1969, S.23ff.Google Scholar
  47. 41.
    Zu den »symbiotischen« Beziehungen zwischen Journalisten und Politikern vgl. U. Sarcinelli (Anm.9), S.213ff.; R. Wassermann (Anm.7), S. 150ff.Google Scholar
  48. 42.
    Vgl. Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts, Bd. 7, S. 198ff. (Lüth-Urteil), Bd. 12, S. 113ff. (Schmid-Spiegel-Entscheidung).Google Scholar
  49. 43.
    Vgl. Richard Schmid, Einwände. Kritik an Gesetzen und Gerichten, Stuttgart 1965, S. 7ff.Google Scholar
  50. 44.
    Vgl. auch aus dem Supreme Court der USA Justice Brandeis in der Sache Whitney versus California, 274 U.S. 357, 377 (1927): »The remedy to be applied is more speech, not enforced silence.«Google Scholar
  51. 45.
    Vgl. Rudolf Wassermann, Notwendigkeit und Grenzen der Justizkritik, in: Rudolf Wassermann (Hrsg.), Justiz und Medien, Neuwied — Darmstadt 1980, S. 30 u. S. 34.Google Scholar
  52. 46.
    Auszugsweiser Abdruck der mündlichen Urteilsbegründung des Landgerichts Frankfurt am Main in: taz (tageszeitung) vom 31. Oktober 1989.Google Scholar
  53. 47.
    Erinnert sei an das Eppler-Urteil des Oberlandesgerichts Stuttgart vom 25. Juni 1976, in: Archiv für Presserecht, 4/1976, S. 183f., das die Hinnahme falscher Tatsachenbehauptungen von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens verlangt, wenn die diesen zugeschriebenen Äußerungen zu dem Bild paßten, das man sich von ihnen macht.Google Scholar
  54. 48.
    Vgl. Joachim Scherer, Presserecht zwischen Wahrheitspflicht und Wahrheitsfindung, in: Europäische Grundrechts-Zeitschrift, (1980), S.49ff.Google Scholar
  55. 49.
    Vgl. R. Wassermann (Anm. 22), S. 53ff.Google Scholar
  56. 50.
    Vgl. Ulrich Sarcinelli, Symbolische Politik und Politische Bildung, oder: Auf der Suche nach der Wirklichkeit, in: Bernhard Claußen/Barbara Bröcker (Hrsg.), Politisches Lernen und politische Institutionen im gesellschaftlichen Wandel, Hamburg 1990 (i.E.).Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1990

Authors and Affiliations

  • Rudolf Wassermann

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