Advertisement

Körpertext pp 25-41 | Cite as

Im Reich der komischen Comunitas

Umrisse einer Gelatologie
  • Günther Lohr

Zusammenfassung

Der mythische Diskurs verläuft in einer spiralförmigen Bewegung, er kommt nie zu seinem Ausgangspunkt zurück. Die Negation des “Mediators” (1) der mythischen Handlung führt zu einem Zustand, der mehr ist “als die Nullifikation des Ausgangszustandes”. (2) In der Vermittlung scheinbar irreduzibler Gegensätze spielt der Mythos als “universaler Neutralisator” die signifikante Opposition der geltenden Norm durch (3) und gewinnt im Durchgang durch diese negative Seite die Positivität des Nomos und damit die soziale Stabilität zurück. Diese Durchquerung des Nomos mittels eines Rückfalls in die Anomie dient dazu, die “Plausibilitätsstruktur” (4) der spezifischen Gesellschaft ständig erneuernd zu erhalten. Es ist dies die symbolische wie reale Reproduktion der Wirklichkeit der Welt. Diese rituelle Erneuerung der Welt basiert auf zwei unterschiedlichen Praktiken: zum einen auf der metalogischen Praxis des Rituals, das die reflexive Diskursivität der Alltagsverständigung durch ein metonymisches Spiel mit den reinen Signifikanten ersetzt (5) — und somit erst das nomothetische Signifikat produziert -, und zum anderen auf der alogischen Praxis des Fests, in der das primordiale Chaos als ein sekundäres wiederkehrt. Die Logik der Transgression funktioniert somit nach zwei Modellen, dem des amorphen Festes und dem des geregelten Rituals. Das Fest ist eine Sonderform des Spiels, es ist eine Anhäufung ‘reiner’ Signifikate. (6) Es ist die Praxis der Darstellung der coincidentia oppositorum (7): alle Signifikate sind sozusagen in einer Sinnentropie aufgehoben. (8) Das Fest ist damit ein begrenzter Rückfall in das urzeitliche Chaos vor der Schöpfung. (9)

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Anmerkungen

Zu II

  1. 1.
    Dieser Begriff ist ein von Edith Trager gebildeter Neologismus, cf. Milner 1972:3, Anm.1Google Scholar

Zu II.1

  1. 1.
    Maranda/Maranda 1973:140Google Scholar
  2. 2.
    Maranda/Maranda 1973:139Google Scholar
  3. 3.
    Piatigorsky 1974:226Google Scholar
  4. 4.
    Berger 1973:45Google Scholar
  5. 5.
    Lévi-Strauss (1971) 1975:789Google Scholar
  6. 6.
    Derrida (1967) 1974:524f.Google Scholar
  7. 7.
    Eliade 1973:208Google Scholar
  8. 8.
    Einen Überlick über die verschiedenen Theorien des Fests gibt Simon 1976:128ff.Google Scholar
  9. 9.
    Caillois 1950:135ff.Google Scholar
  10. 10.
    Simon 1976:259Google Scholar
  11. 11.
    Eliade 1973:165Google Scholar
  12. 12.
    Lefebvre 1977, III:110Google Scholar
  13. 13.
    Bachtin 1969Google Scholar
  14. 14.
    Blumenberg 1971Google Scholar
  15. 15.
    Cf. Bataille 1957:42Google Scholar
  16. 16.
    Warning 1976:205Google Scholar
  17. 17.
    Kristeva (1974) 1978:176Google Scholar
  18. 18.
  19. 19.
    Turner 1970 steht damit in der Tradition der ‘klassischen’ ethnologischen Studie Rites of Passages von Arnold van Gennep (1909) Chicago 1960. Zum Verhältnis von ‘festem’ Sinn der doxa und ‘leerem’ Sinn der Mystik cf. Roland Barthes: Roland Barthes par Roland Barthes. Paris 1975:102Google Scholar
  20. 20.
    “(...) men are released from structure into communitas only to return to structure revitalized by their experience of communitas. What is certain is that no society can function adequately without this dialectic.” Turner 1970:129Google Scholar
  21. 21.
    Leach (1976) 1978:98. Vgl. bes. die grafische Darstellung p. 100Google Scholar
  22. 22.
    Nach den vorliegenden Systemen der modalen Logik, die die Funktion eines transduktiven Operators (=>) nicht kennen, müßte die Communitasformel 01 ⊃ ~01 > ℓ lauten, wobei (ℓ) das Zeichen für die logische Konstante “absurd” ist.Google Scholar
  23. 23.
    Kilian 1971:62Google Scholar
  24. 24.
    Turner 1970:132Google Scholar
  25. 25.
    Weidkuhn 1969:294; vgl. a. Elliott 1967/68:417ff.Google Scholar
  26. 26.
    Francis Macdonald Cornford: The Origin of Attic Comedy (1914); Garden City, N.Y. 1961. Jekels 1926; N. Frye’s “Dreisätzigkeit” der Komödie trägt der Formel Rechnung (Frye 1964:173)Google Scholar
  27. 27.
    Lalo 1949:30; Mauron 1964:50Google Scholar
  28. 23.
    Der fehlende Buchstabe soll die Differenz zur allgemeinen Form der Communitas und zugleich die Besonderheit des komischen Einbruchs bezeichnen.Google Scholar
  29. 29.
    Cook 1949:28Google Scholar
  30. 30.
    Vgl. Zijderfeld 1976:166Google Scholar
  31. 31.
    Darauf verwies als erster Ritter 1940/41. Zu Ritters Theorie s. u. Kap.II.3.Google Scholar
  32. 32.
    Kristeva 1970:165Google Scholar

Zu II.2

  1. 1.
    Dorfles 1968; vgl. die Diskussion in Preisendanz/Warning 1976:361379Google Scholar
  2. 2.
    Souriau 1948Google Scholar
  3. 3.
    Warning 1976:280 u. 377Google Scholar
  4. 4.
    McGhee 1972:64f.Google Scholar
  5. 5.
    Chapman 1976:176f.Google Scholar
  6. 6.
    Lalo 1949:206Google Scholar
  7. 7.
    Cf. Fry 1963:96ff.; Lundberg 1969:28. Vgl. a. den Katalog der Bedingungen für eine Witzkommunikation in: La Fave et al. 1976:88Google Scholar
  8. 8.
    Radcliff-Brown (1940) 1952Google Scholar
  9. 9.
  10. 10.
    Bradney 1957; Handelman/Kapferer 1972Google Scholar
  11. 11.
    Handelman/Kapferer 1972:485Google Scholar
  12. 12.
    Coser 1959:180f.; Zijderveld 1968:305; Kris 1952:216Google Scholar
  13. 13.
    Handelman/Kapferer 1972:511f.Google Scholar
  14. 14.
    Zum psychotherapeutischen Gebrauch der Witzkommunikation cf. Amitai 1977:392f.; Eideiberg 1945:57; Grotjahn 1974:148ff.Google Scholar
  15. 15.
    Handelman/Kapferer 1972:506Google Scholar
  16. 16.
    “Fortschreitende Differenzierung von ideologischen Gruppierungen verändert das Lachen qualitativ (Intellektualisierung), quantitativ (normative Einschränkung) und durch die Komplizierung der Normensysteme im Rezipienten.” Karrer 1977:151Google Scholar
  17. 17.
    Chapiro 1940:124; Aubouin 1948:18; Lalo 1949:249f.; Hegel (1970) 1975, III:528Google Scholar
  18. 18.
    von Wright 1977:121Google Scholar
  19. 19.
    Zijderveld 1968:305. Vgl. a. Horkheimer/Adorno 1947:96Google Scholar
  20. 20.
    Es sei nur auf folgende Beiträge verwiesen, die das Komische innerhalb einer kommunikativen Interaktion der Gruppe ansiedeln: Martineau 1972:115; Grotjahn 1974:208; Stempel 1976:225; Giles/Bourhis et al. 1976:141f.; Zijderveld 1976:78–81; Wellershoff 1976:336; Treiber 1973:90–98. Vgl. a. die drei Interaktionsklassen der Witzkommunikation bei Warning 1976:378Google Scholar

Zu II.3

  1. 1.
    Friedrich Georg Jünger: Über das Komische. (1936); Frankfurt am Main (3)1948. Joachim Ritter: Über das Lachen. In: Blätter für deutsche Philosophie 14, 1940/41:1–21; jetzt auch in: ders.: Subjektivität. Frankfurt am Main 1974:62–92; Otto Rommel: Komik und Lustspieltheorie. In: DVjs 21, 3, 1943:252–286; jetzt auch in: Grimm/Berghahn (eds.) 1975: 39–76; Otto Rommel: Die wissenschaftlichen Bemühungen um die Analyse des Komischen. In: DVjs 21, 1943:161–195; jetzt auch in: Grimm/Berghahn (eds.) 1975:1–38Google Scholar
  2. 2.
    So wurde die Anmerkung (2) von Ritter 1940/41:4, die einen Hinweis auf “G. Kadner: Rasse und Humor. München 1935” enthält, in Ritter 1974 weggelassen, der Begriff ‘Rasse’ aber — auf den sich die Anmerkung bezog — unverändert wieder abgedruckt (Ritter 1974:66). Ebenfalls in Ritter 1974:86 fehlen im unteren Abschnitt die drei Worte: “Welt des Nordens” aus Ritter 1940/41:17. In Rommel 1975 fehlt folgende Passage aus Rommel 1943:189: “(...) die noch durch die unerfreuliche Einwirkung jüdischer Schriftsteller vermehrt wurde.”Google Scholar
  3. 3.
    Ritter 1940/41:2 = 1974:65Google Scholar
  4. 4.
    Rommel 1943:189 = 1975:31Google Scholar
  5. 5.
    Ritter 1940/41:9 = 1974:75Google Scholar
  6. 6.
    Carl Schmitt: Der Begriff des Politischen. Hamburg (3)1933:15Google Scholar
  7. 7.
    F. G. Jünger 1936:55Google Scholar
  8. 8.
  9. 9.
    Ritter 1940/41:10 = 1974:75Google Scholar
  10. 10.
    Auf den Zusammenhang von faschistischer Herrschaft und ‘herrschender Sexualmoral’ (S. Freud) hat zuerst Wilhelm Reich in seiner Massenpsychologie des Faschismus (1933) hingewiesen.Google Scholar
  11. 11.
    Rommel 1943:189. Rommel referiert übrigens an anderer Stelle seines Aufsatzes (p.l83f.) die Freud’sche Theorie, allerdings unkorrekt und vor allem unvollständig.Google Scholar
  12. 12.
    “Im Bild der Juden spiegeln sich verzerrt die unverstandenen oder geleugneten Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaft; auf den Juden lenkt der Faschismus die Aggressionen und betrogenen Hoffnungen der Massen, auf den Juden projiziert er schließlich sein verleugnetes eigenes Wesen, seine geheimen Wünsche, den eigenen Untergang.” Winckler 1971:84Google Scholar
  13. 13.
    Ritter 1940/41:9 = 1974:76Google Scholar
  14. 14.
    Ritter 1940/41:10 = 1974:76Google Scholar
  15. 15.
    ibid:9 = 74Google Scholar
  16. 16.
    ibid: 13 = 80Google Scholar
  17. 17.
    ibid: 12 =78Google Scholar
  18. 18.
    Warning 1975(b)Google Scholar
  19. 19.
    Warning 1976Google Scholar
  20. 20.
    ibid:317ff.Google Scholar
  21. 21.
  22. 22.
    Marquard 1976:141Google Scholar

Zu II.4

  1. 1.
    Koestler 1949:37Google Scholar
  2. 2.
    ibid:42 u. 53Google Scholar
  3. 3.
  4. 4.
    Johnson 1976:195Google Scholar
  5. 5.
    Freud (1905)Google Scholar
  6. 6.
    Karrer 1977:95. Karrer unterscheidet eine semantische Interferenz, die die Signifikatebene betrifft (95), von einer sigmatischen Interferenz, die die Ebenen der basalen Praxiscodes und der Codes der signifikanten Praxis gegeneinanderhält (128).Google Scholar
  7. 7.
    ibid:177. Die behavioristische Lachforschung hat die Theorie eines “collative arousal” entwickelt, nach der das Komische durch ein abgestuftes Potential zweier semantisch-kognitiver Aspekte hervorgerufen wird. Cf. Berlyne 1972:48ff.Google Scholar
  8. 8.
    Mead (1934) 1975:250Google Scholar
  9. 9.
    Victoreff 1953:90 u. 174. Vgl. Stierles Begriff der “komischen Enthobenheit”, Stierle 1975:74Google Scholar
  10. 10.
    Martineau 1972:115Google Scholar
  11. 11.
    Chapiro 1940. Die französische Komiktheorie — im gleichen Zeitraum wie die deutsche Lachtheorie entstanden — entfaltet sich gleichsam auf der anderen Seite jener faschistischen Ordnung, die in F. G. Jüngers und Ritters Theorien das Bezugsfeld ihrer Äußerungen abgegeben hatte: zum einen entstand sie im gesellschaftlichen Klima der Volksfront, und zum anderen bezieht sie im Anschluß an Freud das Subjekt als psychischen Faktor mit in die Theorie ein.Google Scholar
  12. 12.
    Cf. a. Swabey 1961Google Scholar
  13. 13.
    Chapiro 1940:50Google Scholar
  14. 14.
  15. 15.
    Chapiro 1940:52; Lalo 1949:163Google Scholar
  16. 16.
    Chapiro 1940:52Google Scholar
  17. 17.
  18. 18.
  19. 19.
    McGhee 1972:64f. Vgl. a. Themerson 1974:134Google Scholar
  20. 20.
    Theodor Reik: Lust und Leid im Witz. Wien 1929. Zit. n. Dieter Hörhammer, “Zur Rekonstruktion der psychoanalytischen Humor-Theorie”, unveröffentl. Manuskript, Frankfurt/M. 1979:14f. Vgl. a. Freud (1905), p.l95f.Google Scholar
  21. 21.
    Hörhammer a.a.O., p.15Google Scholar
  22. 22.
    Lévi-Strauss (1971) 1975:771f.Google Scholar
  23. 23.
    Cf. Kap.IV.5. Anhang. Fragment zur Tragödie Google Scholar
  24. 24.
    Naranjo/Ornstein 1976:47. “Plötzliche Erleuchtung ist ein Einsturz der begrifflichen Struktur des Bewußtseins, der die in den Tiefen des Unbewußten begrabenen Kräfte freisetzt.” Chungyuan 1975:93Google Scholar
  25. 25.
    Milner 1973:21; Johnson 1975:156Google Scholar
  26. 26.
    Grotjahn 1974:170. Zum physiologischen Ablauf des Lachens cf. Berlyne 1972:51Google Scholar
  27. 27.
    Cf. Plessner 1970:136Google Scholar
  28. 28.
    Cf. Krüger 1973:40Google Scholar
  29. 29.
    Lacan 1971, II:205Google Scholar
  30. 30.
    Lindsay 1965:295Google Scholar

Zu II.5

  1. 1.
    Kristeva (1974) 1978:35Google Scholar
  2. 2.
    Für das Funktionieren der komischen Weltnegation und comunitativen Bedeutungsproduktion ist der Unterschied von ‘fiktionaler Realitätsebene’ und ‘Text’ jedoch irrelevant — die methodische Differenzierung setzt lediglich zwei neue bisoziative Terme, mit denen die komische Praxis auf ihre Weise verfährt.Google Scholar
  3. 3.
    Striedter 1976:393f.Google Scholar
  4. 4.
    Hinze 1970; Kleine 1970; Pfister 1977:67ff.Google Scholar
  5. 5.
    Warning 1976: 77Google Scholar
  6. 6.
    Karrer 1977:77Google Scholar
  7. 7.
    Iser 1976:400Google Scholar
  8. 8.
    Kristeva (1974) 1978:35ff.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1987

Authors and Affiliations

  • Günther Lohr

There are no affiliations available

Personalised recommendations