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Zusammenfassung

Es gehört zu den Merkwrdigkeiten der Theorien des Marxismus und Leninismus, daß den Organisationen zur Wahrnehmung und Durchsetzung der unmittelbaren materiellen und ideellen Interessen der arbeitenden Klassen nur geringe Bedeutung beigemessen wurde, und wenn, dann ausschließlich unter politisch-taktischen Gesichtspunkten der Machterlangung und -erhaltung. Gewerkschaften blieben in dieser Politiktradition machtpolitische „Instrumente zweiter Wahl” (Pirker 1990: 10), die der straffen Führung der Partei bedurften. Als Organisationen aus dem Schoß der alten, überkommenen Ordnung des Industriekapitalismus mußten sie strukturell unfähig bleiben, den politisch-ideologischen Herausforderungen der neuen Gesellschaft gerecht zu werden. Dieser politischen Geringschätzung gemeingewerkschaftlicher Aufgaben gesellt sich ein zweites Moment hinzu, daß der späteren realsozialistischen Herrschaft erhalten blieb: Gewerkschaften sind mit ihrer organisatorischen Borniertheit unmittelbarer Interessenwahrnehmung nicht nur unfähig zur Vermittlung eines authentischen, der neuen Gesellschaft adäquaten Klassenbewußtscins, sie sind darüber hinaus potentielle Kerne abweichenden Verhaltens. Notwendig sci deshalb ihre Transformation in eine Organisation der Partei, eine Massenorganisation. So ist es kein historischer Zufall, daß sich eine der letzten großen Debatten nach der Oktoberrevolution um die Bedeutung und die Funktionen der Gewerkschaften rankte, in denen sich, nach heftigen Auscinandersetzungen unterschiedlicher Fraktionen, Lenin mit sciner Konzeption der Gewerkschaften als „Schulen des Sozialismus “durchsetzen sollte.1

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Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen/Wiesbaden 1999

Authors and Affiliations

  • Rainer Weinert
  • Franz-Otto Gilles

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