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Die Bewegte Schule — Perspektiven einer bewegungsorientierten Schulentwicklung

  • Ralf Laging

Zusammenfassung

Schulentwicklung wird heute immer weniger direkt vom Staat bestimmt, sie hat sich von der strukturellen Ebene der Schulformen gewandelt zur Gestaltung der Einzelschule. Ein solcher Prozess spiegelt sich in Umschreibungen wie „erweiterte Selbstständigkeit“, „Selbstorganisation“, oder übergreifend in „Autonomie der Schule“. Die damit verbundene Eigenständigkeit der Schulentwicklung ist eingebunden in eine ambivalente Situation, die sich auf mindestens zwei Ebenen zeigt. Auf der einen Ebene müssen sich die Beteiligten einer autonomen Schule darüber im Klaren sein, dass sie sich ihre Gesetze nicht wirklich selber machen können, sondern nur einen zugestandenen Freiraum für die Schulentwicklung haben. Entsprechend wird auch von Teilautonomie, erweiterter oder relativer Autonomie sowie von Gestaltungsautonomie (Rolff 1995, 31) gesprochen. Auf einer darunter liegenden Ebene wird der Gedanke einer autonomen Schulentwicklung als Gestaltungsaufgabe derzeit wieder eher von staatlichen Vorgaben und Verregelungen im Gefolge der Ergebnisse der PISA-Studie durchzogen (Leistungsstandards, Einschulungsregeln, Schuldauer, Fächer und Fächerumfang, Abschlussprüfungen, Ganztagsbetreuung...). Dieser über die Bildungspolitik erzeugte Druck lässt eine „autonome“ Schulentwicklung zu einer widersprüchlichen Interessenabwägung schrumpfen. Diese Widersprüchlichkeit offenbart sich beispielsweise in den zur Zeit für Schulentwicklungsfragen favorisierten Schulprogrammen. Sie müssen die Widersprüche in programmatische Aussagen überführen und miteinander verträglich machen. Hier wird das zentrale Problem von Schulprogrammen für die Entwicklung von Schulen offensichtlich; es besteht in der paradoxen Situation der Erfüllung von staatlichen Vorgaben statt der Selbstvergewisserung des eigenen Vorhabens:

„Der pädagogische Ruin beginnt zunächst immer im Bereich des sinnvollen, das zuerst empfohlen, dann in Beispielen vorgestellt, in Flugschriften verbreitet, durch flinke Sozialmanager eingeübt und zuletzt auch noch intern und extern evaluiert wird. Alle machen mit, aber bei vielen ist das Mitmachen ein lustloses Nachmachen. Hinzu kommt, dass manche Schulen im Bereich der Präsentation ihrer Ergebnisse noch keine Erfahrungen besitzen: Einige bereiten als Schulprogramme das auf, was sie ohnehin seit Jahrzehnten machen. Andere beginnen bescheidene und bescheidenste Erfolge plakativ zu verkünden, als handele es sich um einmalige Errungenschaften; es ist, als meinten sie, es gehe überhaupt nicht um die Sache, sondern allein ums Anpreisen“ (Rauschenberger 1999, 120).

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Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 2003

Authors and Affiliations

  • Ralf Laging

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