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Fehlperzeptionen und ein wissenschaftliches Desiderat

  • Horst Eberhard Richter

Zusammenfassung

Der Terrorismus der RAF, ihr „Kampf für eine gerechtere und humanere Welt“, ist zu Ende. Doch auch mehr als fünf Jahre nach ihrer Auflösungserklärung vom 20. April 1998 wird noch immer deutlich, wie tief sich die RAF durch Anschläge und die Bilder ihrer Opfer in der politisch-kulturellen und historischen Landschaft der Bundesrepublik Deutschland verankert hat, welche gravierenden Auswirkungen ihr Terrorismus zeitigte.

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Literatur

  1. 1.
    Richter, Horst Eberhard, 20 Jahre mit der RAF. Anmerkungen zu einer „Prozesserklärung“Birgit Hogefelds vor dem Frankfurter Oberlandesgericht, in: Psychosozial-Verlag (Hrsg.), Versuche, die Geschichte der RAF zu verstehen: das Beispiel Birgit Hogefeld, Gießen 31997, S. 59.Google Scholar
  2. 2.
    So Matz, Ulrich/Schmidtchen, Gerhard, Gewalt und Legitimität, in: BMI (Hrsg.), Analysen zum Terrorismus Bd. IV, Opladen 1983, S. 16.Google Scholar
  3. 3.
    So etwa die freiwillige Selbstauslieferung an die Behörden durch Barbara Meyer am 10. Mai 1999. Siehe dazu „Mutmaßliche RAF-Terroristin stellt sich“, in: Die Welt vom 11. Mai 1999, S. 4.Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. etwa die Ausstellung von Photos aus der RAF-Entstehungsphase durch die ehemalige Aktivistin Astrid Proll. Siehe dazu „Die Unschärfe der Erinnerung“, in: Süddeutsche Zeitung (SZ) vom 1. Juli 1999, S. 11.Google Scholar
  5. 5.
    Siehe dazu Landauer, Carl, Die linksradikale Romantik, Heusenstamm 1975.Google Scholar
  6. 6.
    Als Beispiele seien hier nur wenige angeführt: ID-Verlag (Hrsg.), Wir waren so unheimlich konsequent… Ein Gespräch zur Geschichte der RAF mit Stefan Wisniewski, Berlin 1997. ID-Archiv (Hrsg.), Birgit Hogefeld. Ein ganz normales Verfahren…Prozesserklärungen, Briefe und Texte zur Geschichte der RAF, Berlin Dezember 1996; Psychosozial-Verlag (Hrsg.), Versuche, die Geschichte der RAF zu verstehen…, a.a.O. (Anm. 1). Der 25. Jahrestag hat dagegen nur Resonanz in der Tagespresse gefunden. Siehe dazu „Der kalte Schmerz“in SZ vom 17. Oktober 2002, S. 13.Google Scholar
  7. 7.
    Dies gilt vor allem für Birgit Hogefeld, die in Bad Kleinen festgenommen wurde und in ihrer Prozesserklärung mehr als einmal alte Klischees bediente und neu zu beleben versuchte. Die Prozesserklärung ist abgedruckt in ID-Archiv (Hrsg.), Birgit Hogefeld. Ein ganz normales Verfahren… a.a.O. (Anm. 6), S. 58.Google Scholar
  8. 8.
    So etwa die Bekenntnisse des Aktivisten der zweiten RAF-Generation Peter Jürgen Boock im Palette-Verlag (Hrsg.), Boock, Peter Jürgen, „Mit dem Rücken zur Wand…“. Ein Gespräch über die RAF, den Knast und die Gesellschaft, Bamberg 1994. Jüngst erschien von Boock eine Aufarbeitung der Schleyer-Entführung: Ders., Die Entführung und Ermordung des Hanns-Martin Schleyer. Eine dokumentarische Fiktion, Eichborn 2002. Vgl. dazu auch seine Autobiographie in Romanform: Boock, Peter Jürgen, Abgang, Bornheim 1988 oder auch Mecklenburg, Jens (Hrsg.), Schiller, Margrit, „Es war ein harter Kampf um meine Erinnerung“. Ein Lebensbericht aus der RAF, Hamburg 1999. Zur „Bewegung 2. Juni“siehe Meyer, Till, Staatsfeind. Erinnerungen, Hamburg 1996. Im Laufe des Prozesses gegen Hans Joachim Klein von den „Revolutionären Zellen“(RZ) erfreute sich auch dessen wegweisende Abkehr aus dem Untergrund neuer Beliebtheit; siehe dazu Klein, Hans Joachim, Rückkehr in die Menschlichkeit, Reinbek 1979. Im Sog der Terrorismusliteratur konnte dabei auch die’68er-Bewegung eine Renaissance in der literarischen und autobiographischen Aufbereitung erfahren. Siehe dazu aus letzterer Perspektive vor allem Koenen, Gerd, Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967–1977, Köln 2001.Google Scholar
  9. 9.
    „RAF-Mitglied Klump in Wien gefasst“, in: SZ vom 17. September 1999, S. 1.Google Scholar
  10. 10.
    „Erklärung vom 29. November 1996“, in: ID-Verlag (Hrsg.), Rote Armee Fraktion. Texte und Materialien zur Geschichte der RAF, Berlin 1997, S. 502. In der Folge zitiert als RAF: Texte… a.a.O. (Anm. 10), S. 502. Die Bekennerschreiben wie auch andere Quellen werden in der neuen Orthographie wiedergegeben. Obwohl die Mehrzahl der RAF-Texte im Original in Kleinschreibung verfasst war, wurden die Bekennerschreiben in korrekter Orthographie veröffentlicht. Insofern werden sie hier nach der publizierten Version zitiert.Google Scholar
  11. 11.
    Nachzulesen in ID-Verlag (Hrsg.), Wir waren so unheimlich konsequent… a.a.O. (Anm. 6), S. 8.Google Scholar
  12. 12.
    Leyendecker, Hans, „Der Staatsfeind, das unbekannte Wesen“, in: SZ vom 17 September 1999, S. 2.Google Scholar
  13. 13.
    Zitiert nach Peters, Butz, RAF. Terrorismus in Deutschland, Stuttgart 1991, S. 425.Google Scholar
  14. 14.
    Zu den Ereignissen um die Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Maitin Schleyer und der Lufthansa-Maschine „Landshut“siehe immer noch das Standardwerk der Populärwissenschaft: Aust, Stefan, Der Baader-Meinhof-Komplex, erweiterte und aktualisierte Autlage Hamburg 1997, S. 483–632. Zur ersten Generation siehe in komprimierter Form Horchern, Hans Josef, Extremisten in einer selbstbewussten Demokratie, Freiburg im Breisgau 1975, S. 13–54.Google Scholar
  15. 15.
    BMI (Hrsg.),Verfassungsschutzbericht 1980, Bonn 1981, S. 106. In der Folge werden die Berichte der Verfassungsschutzämter ohne Herausgeberschaft zitiert als: Bundesverfassungsschutzbericht 1980, S. 106.Google Scholar
  16. 16.
    „Sieben singen“, in: Der Spiegel Nr. 20/1980, S. 27/28.Google Scholar
  17. 17.
    „Terrorismus: Zerfällt die RAF?“, in: Der Spiegel Nr. 45/1980, S. 129.Google Scholar
  18. 18.
    „Knarren im Wald“, in: Der Spiegel Nr. 46/1982, S. 130.Google Scholar
  19. 19.
    Meyer, Thomas, Am Ende der Gewalt? Der deutsche Terrorismus — Protokoll eines Jahrzehnts, Frankfurt a.M./Berlin/Wien 1980.Google Scholar
  20. 20.
    Siehe dazu Noelle-Neumann, Elisabeth/Piel, Edgar (Hrsg.), Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie Bd. VIII 1978–1983, München/New York/London/Paris 1983, S. 324.Google Scholar
  21. 21.
    So Schenk, Dieter, Der Chef. Horst Herold und das BKA, Hamburg 1998, S. 464.Google Scholar
  22. 22.
    Vgl. dazu die Einführung zu RAF: Texte… a.a.O. (Anm. 10), S. 279. Einen finanziellen Zugewinn bedeutete das Aufgehen der „Bewegung 2. Juni“in der RAF dadurch, dass die revolutionären Genossinnen den Rest des Lösegeldes aus der Entführung des Wiener Textilindustriellen Palmers (4,5 Millionen Mark) in die „Terroristenehe“mit einbrachten. Siehe dazu „RAF: Brutaler Vollzug, Stich um Stich“, in: Der Spiegel Nr. 39/1981, S. 23.Google Scholar
  23. 23.
    „Die Position der RAF hat sich verbessert“, in: Der Spiegel Nr. 37/1986, S. 38.Google Scholar
  24. 24.
    Siehe dazu Kahl, Werner, „Schätzt die RAF ihre Erfolgschancen für Erpressungsversuche wieder höher ein?“, in: Die Welt vom 08. April 1986, S. 12.Google Scholar
  25. 25.
    „Großer Klops“, in: Der Spiegel Nr. 12/1981, S. 38.Google Scholar
  26. 26.
    Auch von Seiten der Behörden wird der Rechtsextremismus mit seiner reduzierten Komplexität und dem entsprechender Breitenwirkung als gefährlicher angesehen, zumal gegenwärtig ohnehin die Bildung rechtsterroristischer Strukturen befürchtet wird: „Der Linksterrorismus mag punktuell gefährlicher gewesen sein, aber als potentielle Massenbewegung halte ich den Rechtsextremismus augenblicklich für gefährlicher.“So der ehemalige Referatsleiter Terrorismus im BKA Meckenheim und Direktor des Landesamtes für Verfassungsschutz Hessen, Oberregierungsrat Günther Scheicher, im Interview am 08. Februar 2001 in Bad Godesberg; in der Folge zitiert als Scheicher: Interview am 08. Februar 2001 in Bonn/Bad Godesberg. Und in der Tat hat diese Perzeption gerade seit den rechtsextremistischen Übergriffen auch in Ostdeutschland zu einer im Vergleich zum Linksextremismus überproportionalen wissenschaftlichen Betätigung mit dem Rechtsextremismus geführt. Vgl. dazu die einleitenden Bemerkungen von Edinger, Michael/Hallermann, Andreas, Rechtsextremismus in Ostdeutschland. Struktur und Ursachen rechtsextremer Einstellungen am Beispiel Thüringens, in: ZParl 3/2001, S. 588–612, hier S. 588–590.Google Scholar
  27. 27.
    So Neugebauer Gero, Extremismus-Rechtsextremismus-Linksextremismus: Einige Anmerkungen zu Begriffen, Forschungskonzepten, Forschungsfragen und Forschungsergebnissen, in: Schubarth, Wilfried/Stöss, Richard (Hrsg.), Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Bilanz, Bonn 2000, S. 13–37, hier S. 22.Google Scholar
  28. 28.
    Siehe dazu das Kapitel IX.2. „Behörden, Politik und die dritte RAF-Generation“.Google Scholar
  29. 29.
    Siehe dazu „Die tote Armee“, in: SZ vom 09. Mai 2001, S. 15.Google Scholar
  30. 30.
    Die Statements des ehemaligen hessischen Justizministers legen Zeugnis ab von den Schwierigkeiten des fundamentalistischen Flügels der Grünen, Mitte der achtziger Jahre einen Basiskonsens mit dem „System“zu etablieren. So vertrat von Plottnitz ebenso die Auffassung, die in Stammheim inhaftierten führenden Mitglieder der ersten RAF-Generation seien Helden gewesen, welche lediglich durch den Staat kriminalisiert worden seien. Siehe dazu „Die RAF ist kein Problem“, in: taz (Hrsg.), taz-Journal, Die RAF, der Staat und die Linke. 20 Jahre Deutscher Herbst. Analysen, Recherchen, Interviews, Debatten, Dokumente von 1977–1997, Berlin 1997, S. 90Google Scholar
  31. 31.
    Laqueur, Walter, Terrorismus. Die globale Herausforderung, Frankfurt am Main/Berlin 1987, S. 300.Google Scholar
  32. 32.
    Interview mit dem ersten Direktor des BKA Meckenheim, Dr. Manfred Klink. In der Folge zitiert als Klink: Interview am 11. Oktober 1999 in Meckenheim.Google Scholar
  33. 33.
    So in der Vorbemerkung der Herausgeber, in: IG Rote Fabrik (Hrsg.), Zwischenberichte: Zur Diskussion über die Politik der bewaffneten und militanten Linken in der BRD, Italien und der Schweiz, Berlin 1998, S. 8.Google Scholar
  34. 34.
    So der inhaftierte Aktivist „Rico Prauss. 2. Mai 1992“, in: Edition ID-Archiv (Hrsg.), „wir haben mehr fragen als antworten…“. RAF-diskussionen 1992–1994, Berlin/Amsterdam 1995, S. 28.Google Scholar
  35. 35.
    Siehe dazu das Kapitel VIII. 1. „Die Situation nach der Auflösung“.Google Scholar
  36. 36.
    Wunschik, Tobias, Baader-Meinhofs Kinder? Die Zweite Generation der RAF, Opladen 1997.Google Scholar
  37. 37.
    Backes, Uwe, Bleierne Jahre. Baader-Meinhof und danach, Erlangen/Bonn/Wien 1991.Google Scholar
  38. 38.
    Horchern, Hans Josef, Die verlorene Revolution. Terrorismus in Deutschland, Herford 1988.Google Scholar
  39. 39.
    Peters, RAF. Terrorismus in Deutschland…, a.a.O. (Anm. 13).Google Scholar
  40. 40.
    „Überlanger Polizeibericht“, in: Der Spiegel Nr. 35/91, S. 56.Google Scholar
  41. 41.
    Rabert, Bernhard, Links- und Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik Deutschland, Berlin 1995.Google Scholar
  42. 42.
    An dieser Stelle ist vor allem auf das „Jahrbuch Extremismus & Demokratie“zu verweisen. Einer jüngeren Ausgabe entstammt die erste zusammenfassende Darstellung zur dritten RAF-Generation. Vgl. dazu Straßner, Alexander, Die dritte Generation der „Roten Armee Fraktion“zwischen „Phantom“und Surrogat, in: Backes, Uwe/Jesse, Eckhard (Hrsg.), Jahrbuch Extremismus & Demokratie 2001, Baden-Baden 2001, S. 49–71.Google Scholar
  43. 43.
    So die bereits erwähnten RAF: Texte, a.a.O. (Anm. 10); ID-Archiv (Hrsg.), Ein ganz normales Verfahren…, a.a.O. (Anm. 6), ID-Archiv (Hrsg.), „wir haben mehr fragen als antworten…“. RAF-diskussionen 1992–1994…, a.a.O. (Anm. 34). Das IISG wurde 1935 gegründet, um die Historie der sozial motivierten Bewegungen, vor allem aber das gesamte Spektrum der neueren linken Geschichte zu dokumentieren. In den Reihen des Archivs befinden sich daher zahlreiche Nachlässe von Marx, Bakunin, Engels, Nettlau, Luxemburg etc. Das ID-Archiv befindet sich seit 1988 im IISG, seine Aufgabe ist die Dokumentation der linken Geschichte neueren Datums, wobei es sich auf die Verwahrung von alternativen Zeitungen sowie ein Textarchiv mit Flugblattsammlungen, Broschüren etc. spezialisiert hat. Dabei ist das ID-Archiv eine eigenständige Abteilung innerhalb des IISG und für die interessierte Öffentlichkeit zugänglich. Siehe zur Struktur und zur Geschichte des IISG wie des ID-Archivs Moreau/Lang, Linksextremismus. Eine unterschätzte Gefahr, Bonn 1996, S. 349.Google Scholar
  44. 44.
    Vgl. dazu Schenk, Dieter, Der Chef. Horst Herold und das BKA… a.a.O. (Anm. 21), S. 474. Boock befand sich ohnehin zwischen den Stühlen der Behörden wie seiner ehemaligen Genossen, bei welchen er ob seiner Aussagebereitschaft nicht wohlgelitten war. Offensichtlich nicht zuletzt deshalb, da er nach seiner Verhaftung aktiv mit den Behörden zusammenarbeitete. In ihrem Bericht über ihre Gefangennahme 1982 schilderte Brigitte Mohnhaupt, dass sie nach der Verhaftung durch den zwei Jahre zuvor gefangen genommenen Boock identifiziert worden seien: „Dann nach Offenbach. Dort hat uns einer identifiziert, der aussah wie Boock. Sie haben nur kurz die Klappe aufgemacht und sein Gesicht war halb verdeckt, aber ich denke, er war’s, Augen halb zu, glatt rasiert.“Der Bericht findet sich in den Akten der Staatssicherheit der DDR: Akte MfS HA XXII Nr. 1752/4.Google Scholar
  45. 45.
    Siehe dazu „Ein moralisch leerer Mensch?“, in: Der Spiegel Nr. 21/1992, S. 97–108. Bereits 1983 hatte Boock sein früheres Abstreiten einer etwaigen Beteiligung seiner Person an Anschlägen mit tödlichen Folgen revidiert. So gestand er, an einem Anschlag auf die Karlsruher Bundesanwaltschaft beteiligt gewesen zu sein, bei dem das Gebäude mit einem selbstgebauten Raketenwerfer beschossen werden sollte. Das Attentat misslang, da Boock seiner eigenen Aussage gemäß das Gerät wegen moralischer Bedenken deaktivierte. Siehe dazu „Gebäude mit Schietlage“, in: Der Spiegel Nr. 17/1983, S. 50.Google Scholar
  46. 46.
    Die Nachvollziehbarkeit für den Leser der ausgewerteten Akten des MfS hält sich dabei allerdings in Grenzen. Nur in den seltensten Fällen sind die relevanten Akten nach arabischen Seitenzahlen geordnet. Es wird somit hier stets bei Verwendung die gesamte Akte zitiert, sowie -falls vorhanden- die dazugehörige Seitenzahl.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag/GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2003

Authors and Affiliations

  • Horst Eberhard Richter

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