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Einleitung: Autonomie von Kunst und die Analyse der Rezeption

  • Thomas Loer
Part of the Beiträge zur sozialwissenschaftlichen Forschung book series (BEISOFO)

Zusammenfassung

Theodor W. Adorno schrieb kurz vor seinem Tode eine Vorbemerkung zu einer Untersuchung über ‘Dogmatismus, Intoleranz und die Beurteilung moderner Kunstwerke’ (ADORNO 1969, RITTELMEYER 1969). In dieser Vorbemerkung wird dreierlei deutlich: zum einen — dies macht er selbst explizit1 -, daß Adorno es durchaus anstrebte, die von ihm entfalteten Theoreme empirisch zu überprüfen; des weiteren, daß es aus seiner Sicht wesentlich ist, vor der Untersuchung der Rezeption die Sache selbst, die rezipiert wird, zu analysieren2; und schließlich — wenn man sich anschaut, wie Rittelmeyer seine Untersuchung durchgeführt hat3 -, daß Adorno keine seinem Postulat der Sachangemessenheit adäquate Methode kannte.4 — Die vorliegende Studie beansprucht sowohl, den Adornoschen Intentionen gerecht zu werden, als auch, die Mängel von deren bisherigen Realisierungs-versuchen zu vermeiden.

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Literatur

  1. 3.
    Das Hauptproblem bei Rittelmeyer besteht darin, daß er - wie im Übrigen alle bisherigen Untersuchungen zur Rezeption von Kunstwerken (vgl. etwa HARMS 1976, PARSONS 1987) mit Ausnahme einer Studie von Bernd Lindner, Leipzig, (mündliche Mitteilung) -, ohne die pragmatische Rahmung zu berücksichtigen, eine künstliche Rezeption initiiert, also nicht bedenkt, welche Konsequenzen dies fir die Rezeptionspraxis hat.Google Scholar
  2. 5.
    Ein entscheidender Schritt war dabei die Magisterarbeit des Verfassers (LOER 1989), in welcher im Ausgang von zwei Werkanalysen die sich dort ergebende Fragen an drei wichtige Theoretiker der autonomen Kunst in der Tradition der Philosophie: Immanuel Kant, Wilhelm von Humboldt und vor allem Conrad Fiedler (FIEDLER 1971), gerichtet wurden. Dabei zeigte sich, daß die These von der Autonomie der Kunst philosophisch-ästhetiktheoretisch durchaus argumentativ zu erweisen ist.Google Scholar
  3. 6.
    LANGER 1984, Kap. 2; Langer gelingt es allerdings nicht, die Dialektik des Übergangs wirklich zu bestimmen; letztlich bleibt ihr Ansatz konstruktivistisch.Google Scholar
  4. 8.
    Conrad Fiedlers Schriften sind ein entscheidender Beitrag zur angemessenen epistemologischen Würdigung der autonomen Kunst als Medium eigenständiger, von begrifflicher also unabhängiger sinnlicher Erkenntnis (FIEDLER 1971). - Vgl. ADORNO 1970, S. 86E „Fortlebende Mimesis, die nichtbegriffliche Affinität des subjektiv Hervorgebrachten zu seinem Anderen, nicht Gesetzten, bestimmt Kunst als eine Gestalt der Erkenntnis, und insofern ihrerseits als ‘rational’.“Google Scholar
  5. 10.
    Dies steht in Widerspruch zu den verbreiteten Auffassungen von Kunstsoziologie (exemplarisch sei verwiesen auf THURN 1989 und SILBERMANN 1967).Google Scholar
  6. 11.
    So feiert z.B. Michael Kimmel in einer Rezension von BECKER 1982 dessen „labeling theory of arts“ (KIMMEL 1983, S. 733) geradezu emphatisch als einen Beitrag „that pierces the veneer of traditional perspectives on art and thereby demystifies the works themselves” (ebd.); daß diese Demystifizierung mit der wissenssoziologischen Auflösung des Gegenstands erkauft wird: „art is ‘what an art world ratifies as art’ ([BECKER 1982] S. 156)“ (ebd.), start ihn dabei anscheinend nicht. Wenn er dann am Ende gegenüber Becker zu Recht auf einer „power of the works themselves” besteht, richtet er die Ideologie, gegen die Becker doch angeblich angetreten ist, wieder auf ohne den Gegenstand zurückzugewinnen: „For something remains of those epochal works that pushes beyond the paradigmatic limits of their art worlds and explored the uncharted universe, something perhaps asociological.“(A.a.O., S. 734E Hervorhebung von mir, T.L.) - Vgl. für Bourdieus Position, die zu einem vergleichbaren Dilemma fiührt: BOURDIEU 1982 und 1992.Google Scholar
  7. 12.
    Auf schlagende und schlagend einfache Weise führt dies Max Imdand in der Diskussion mit Arbeitern und Angestellten von Bayer Leverkusen vor (IMDAHL 1982 a, vgl. besonders das Seminar vom 6.2. 1979, S. 11–40).Google Scholar
  8. 17.
    Bourdieu verwendet in gleicher Weise auch den Begriff des Codes (BOURDIEU 1970 c), zum Teil ungeschieden (BOURDIEU 1982, S. 19).Google Scholar
  9. 18.
    Bezeichnend ist, daß in Bourdieus „Diskussion“ mit einem Künstler die Werke keine Rolle spielen: BOURDIEU/HAACKE 1995.Google Scholar
  10. 19.
    CHOMSKY 1972 u. CHOMSKY 1981; von neueren Entwicklungen in der Linguistik wird dabei abgesehen (CHOMSKY 1986 u. CHOMSKY 1988), da der dort sich andeutende Verzicht auf den Regelbegriff u.E. letztlich mit den Argumenten des frühen Chomsky selbst als Sackgasse zu erweisen ist.Google Scholar
  11. 20.
    Im Grunde trifft hier noch immer die Einschätzung von Algirdas J. Greimas zu, die dieser vor nahezu zwei Jahrzehnten aus der Sicht der Semiotik abgab: […] malgrado gli sforzi compiuti negli ultimi decenni, essa [sc. la semiotica] è fmo ad oggi riuscita molto male a dominare il vasto campo della significazione che, considerando il suo modo d’espressione, si tenta di riunire sotto il nome di visuale. La teoria del visuale […] è lontana dall’essere elaborata e la semiotica visuale, o la semiologia dell’immagine, spesso non è che un catalogo delle nostre perplessità o di false evidenze. “ (GREIMAS 1980, S. 253 )Google Scholar
  12. 21.
    Vor allem, wenn man auf die Geltungsbegründung einer Bildanalyse nicht verzichten will, muß man sich dieser Frage stellen. Selbstverständlich kann eine konkrete Werkanalyse mit dem Anspruch auf Gültigkeit auftreten bevor eine Explikation der Bedingungen ihrer Möglichkeit erfolgte - als Beleg vgl. außer den Werkanalysen Max Imdahls (IMDAHL 1969, 1985, 1986 b, 1986 c, 1988, 1989) und - eingeschränkt - Felix Thürlemanns (THÜRLEMANN 1980, 1981, 1982, 1985, 1989) sowie neben den in vorliegender Studie enthaltenen Bildanalysen (s.u. III.2–5): WER 1993 und OEVERMANN 1983 b, 1986 b, 1986 c und 1993 c. Soll nämlich die Explikation nicht dogmatisch der Falsifikation entzogen werden, so sind die nicht mehr strittigen Urteile der Angemessenheit einer konkreten Deutung eines bestimmten ikonischen Gebildes die Basis für ihre Überprüfung. - Vgl. zu der Architektonik dieses Arguments bzgl. der linguistischen Regelrekonstruktionen OEVERMANN 1986 a, S. 41f.Google Scholar
  13. 23.
    Im gewöhnlichen Leben läuft alles Sehen auf eine sprachliche Bezeichnung des gesehenen Gegenstandes hinaus, und da der Mensch seine geistige Erziehung damit beginnt, daß ihm Namen fir das eingeprägt werden, was er sinnlich wahrnimmt, so bildet sich zwischen Gesichtsbild und Bezeichnung ein so unmittelbarer Zusammenhang, daß eines das andere bei dem geringsten Anlaß hervorruft. Gerade dadurch bildet sich aber ein Schematismus der Vorstellungen aus, der für jeden sinnlichen Eindruck eine Formel bereit hat, über die der Mensch dann in der Regel nicht hinauskommt.“ (FIEDLER 1971, Bd. 2, S. 179 )Google Scholar
  14. 25.
    Vgl. hierzu das von John R. Searle in Anschlag gebrachte Prinzip der Ausdrúckbarkeit (SEARLE 1971, S. 34–37). Daniel Vanderveken kommt bezüglich dieses Prinzips in seiner sorgfältigen Studie über Bedeutung und Sprechakte (VANDERVEKEN 1990 und 1991), die auf der gemeinsamen Arbeit mit Searle (SEARLE/VANDERVEKEN 1985) aufruht, zu folgendem Schluß: „Indeed, any possible state of affairs that can exist in the world and be experienced by a human being can be represented in an act of thought,whose propositional content is directed at that fact. Moreover, that conceptual thought is in principle expressible in the successful performance of an illocutionary act.“ (VANDERVEKEN 1990, S. 59; Hervorhebung im Original) - Mit diesen sprachlogischen Überlegungen eng verknüpfte konstitutionstheoretische Erwägungen zeigen, daß der Sprache eine doppelte Funktion zukommt: einerseits ist die Bedeutungsfunktion und die Konstitution eines Regelbewußtseins überhaupt an Sprache gebunden, diese mit dem naturgeschichtlichen Übergang zu Geschichte, d.h. zu einer sich sozial konstituierenden Gattung unlösbar verknüpft; andererseits ist Sprache nach der Einrichtung der Bedeutungsfunktion nur eine Ausdrucksmaterialität (unten wird eine Differenzierung in diesem Begriff vorgenommen) neben anderen. Daß damit „das zentrale Kriterium Er das Gelingen von Kunst: die konstitutive Verwiesenheit auf die sinnliche Präsenz des Ausdrucksmaterials und die Nicht-Reduzierbarkeit auf eine andere, vor allem nicht auf eine sprachliche Ausdrucksmaterialität” (OEVERMANN 1986 a, S. 79, Anm. 21) nicht geleugnet ist, zeigt Oevermann a.a.O., S. 46f und S. 78ff, Anm. 21.Google Scholar
  15. 26.
    Vgl. OEVERMANN 1993 b, S. 132: Die „Erfahrungsdaten [des wissenschaftlichen Erkennens] sind nicht die Wahrnehmungen der protokollierten Wirklichkeit im Hier und Jetzt einer mit dieser kohärenten Praxis-Raum-Zeitlichkeit. Seine Daten sind vielmehr immer Protokolle oder Spuren solcher Wirklichkeit. — Die methodisch kontrollierte Rekonstruktion von erfahrbarer Wirklichkeit fandet also ihre prinzipielle Grenze an der Differenz von Protokoll und protokollierter Wirklichkeit.“Google Scholar
  16. 28.
    Vgl. OEVERMANN 1993 b, S. 117f: „Das Kriterium Mr den Umfang erfahrbarer Realität besteht hier [sc. beim methodologischen Realismus] nicht in der sinnlichen Gegebenheit der Gegenstände, sondern in deren intersubjektiv nachprüfbarem, zwingendem Nachweis aufgrund methodisch expliziter Operationen, die eine eindeutige Prädizierung von Gegenständen der erfahrungswissenschaftlichen Analyse erlauben.“Google Scholar
  17. 30.
    Gerade entgegen Silbermanns Behauptung: „Aussagen über das Kunstwerk selbst und seine Struktur [bleiben] außerhalb kunstsoziologischer Betrachtungen“ (SILBERMANN 1967, S. 166).Google Scholar
  18. 31.
    Als geradezu eine Karikatur erscheint vor dem Hintergrund dieser Überlegungen die Auswahl des Materials, das Michael Parsons seiner Untersuchung zugrundegelegt hat: „Renoir: Girl with a Dog (a widely sold reproduction of the lower left hand corner of The Luncheon of the Boating Party, 1881), The Phillips Gallery, Washington, D.C.“ (PARSONS 1987, S. 18 )Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1996

Authors and Affiliations

  • Thomas Loer

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