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Wie begründen wir, was ‘natürlich’ ist: Fürsorge für Kinder?

  • Georg Lohmann

Zusammenfassung

‘Natürlich’ ist lange nicht mehr, was als ‘von Natur aus so’ galt. So galt als ausgemacht, dass ‘von Natur aus’ die Eltern ihre Kinder erziehen, die Mutter für die liebende Fürsorge ihrer Kinder zuständig ist, der Vater für die schützende Fürsorge und beide zusammen ganz selbstverständlich, eben ‘von Natur aus’, die ‘natürliche Pflicht’ haben, in einem umfassenden Sinne ihre Kinder zu erziehen. Die Fürsorge ist auf das Wohl des Kindes bezogen. Von Erziehung sprechen wir, wenn die Fürsorge auf eine bestimmte Persönlichkeitsvorstellung gerichtet ist, wenn nicht einfach nur das Wohl des Kindes besorgt wird, sondern eine bestimmte Konzeption, wie es sein soll, dabei angestrebt wird. Die Fürsorge ist also ein Moment von Erziehung. Ich werde mich im Folgenden vornehmlich mit diesem Moment befassen, da es einerseits eine basale Rolle zu spielen scheint, und andererseits eine umfassende Diskussion des Verhältnisses von Fürsorge und Erziehung den Rahmen dieses Vortrages sprengen würden.

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References

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    Zu dieser Konzeption einer differenzierten Achtungsmoral habe ich in meiner Antrittsvorlesung gesprochen. siehe G. Lohmann, Von Pflichten und von Rechten, Antrittsvorlesung an der Universität Magdeburg, 1998 (G. Lohmann 1998)Google Scholar
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    Bernhard Williams, Persons, Character, and Morality, in: ders., Moral Luck, Cambridge: Cambridge University Press 1981 (B. Williams 1981), hat sich daraus die These der Unvereinbarkeit einer Kantianischen Moral der Unparteilichkeit mit einer Moral intimer Beziehungen entwickelt; siehe hierzu auch Scott Kim, Kantische Moral und das gute Leben, in: Was ist ein gutes Leben?, hg. v. H. Steinfath, Suhrkamp Frankfurt/M. 1998 (S. Kim 1998)Google Scholar
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    Ich mull an dieser Stelle die interessante Frage offen lassen, ob aus diesen Motiven auch eine „irgendwie“geartete „Verpflichtung“erwächst oder erwachsen kann. Auf diese MOglichkeit verweist Axel Honneth, „Philosophie. Eine Kolumne. Liebe und Moral“, in: Merkur Heft 12, 52. Jg., 1998, S. 1161 (A. Honneth 1998: 1161). Anregend in diesem Zusammenhang ist immer noch das Konzept „moralischer nichteinklagbarer und nichtsanktionierbarer Verpflichtungen“, das Andreas Wildt, Autonomie und Anerkennung, Klett Cotta Stuttgart 1982, S. 134 ff., entwickelt hat (A. Wildt 1982: 134). Siehe Lohmann 1998 und auch die Argumentation bei Scott Kim, op.cit., S. 262Google Scholar
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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen/Wiesbaden 1999

Authors and Affiliations

  • Georg Lohmann

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