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Policy-Forschung und politische Institutionenanalyse — Verbindungslinien einer anscheinbaren Zerrüttung

  • Axel Murswieck
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Zusammenfassung

Der Anspruch auf ein neues Paradigma mit eigenständigen Methoden ist von deutschen Policy-Forschern kaum erhoben worden und wäre auch nicht durchzuhalten gewesen (von Beyme, S. 10 ff). Die stattgefundene Herausbildung als Unterdisziplin erregte vielmehr Anstoß aufgrund ihrer rigorosen Verwendung von Erkenntnissen und Methoden anderer Disziplinen und der fremdartigen Benutzung des technizistischen Policy-Vokabulars und der professionalisierten Beschäftigung mit Detailproblemen. Zwar ist uns so eine Paradigma-Kontroverse wie in den USA erspart geblieben (Paranti 1983), aber die erwähnten Merkmale reichten oft aus, um das neue Forschungsgebiet ins Abseits gegenüber der traditionellen Politikwissenschaft zu drängen, weil die Verbindungslinien zu institutionellen Fragestellungen angeblich unterbrochen schienen. Verglichen mit der amerikanischen Ausuferung in ein akademisches und bürokratisches Gewerbe (jedem politikwissenschaftlichen Institut und Department seinen “quantifier”) haben sich die deutschen Policy-Forscher in sehr viel geringerem Maße zu einer Ausblendung normativ-institutioneller Prämissen bei der Politikfeldanalyse bereitgefunden. Das liegt nicht zuletzt gezwungenermaßen daran, daß in der Bundesrepublik weder eine vergleichbare Rezeption sozial- und politikwissenschaftlicher Ergebnisse durch die Ministerienverwaltung gegeben ist (Bruder 1980), noch die Policy-Forscher selbst einem Enthusiasmus nach Umsetzung und Auswirkungen ihrer Analysergebnisse verfallen waren. Der Glaube an eine von der policy-analysis getragene rationale Entscheidungsproduktion und -implementation wurde eher von Kritikern den Politikfeldanalytikern angedichtet, als diese selbst einen solchen ernsthaft (zumindest über längere Zeit) vertraten. Im Gegenteil haben Implementations- und Evaluationsstudien empirisch jene institutionellen Restriktionen (binnenstrukturell und extern gemäß dem Dauerthema der Kontroverse) offengelegt, die einem rationalen, auf umfassender Information und Kalkulation (cost-benefit Analyse etc.) beruhenden Politikprozeß entgegenstehen. Die Tatsache, daß Politikentscheidungen in den wenigsten Fällen rational (im Sinne von durch policy-analysis-vorbereitet) getroffen werden, bildete geradezu den Ausgangspunkt und den Auftrieb für Policy-Studien. Insofern hat man immer an Lord Nelson gedacht, der bekanntlich des öfteren vor einer Entscheidung sein Teleskop an das blinde Auge führte. Ähnliche Enttäuschungen wie bei amerikanischen Policy-Analytikern über die Effizienz und Anwendbarkeit von Ergebnissen der policy-analysis (House 1982) konnten so vermieden werden. Kann so insgesamt von einer Überstrapazierung und Ausuferung der deutschen Policy-Forschung nicht die Rede sein, bleibt die Frage nach dem Ertrag. Dieser liegt vor allem auch, und darauf beschränken sich die Einlassungen, in einem vorhandenen und möglichen Erkenntnisgewinn über institutionelle Politikverläufe.

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1985

Authors and Affiliations

  • Axel Murswieck

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