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Policy-Forschung und Internationale Beziehungen

  • Volker Rittberger
  • Klaus Dieter Wolf

Zusammenfassung

Die Diskussion über das Verhältnis zwischen “policy”-Forschung und den sogenannten Kernbereichen des Faches Politikwissenschaft läßt häufig das Bewußtsein von der Existenz von Teildisziplinen vermissen, in denen diese Gegenüberstellung explizit noch kaum als Problem aufgegriffen worden ist. Vielleicht liegt dies im Fall der Internationalen Beziehungen daran, daß die Forschungstradition in den Internationalen Beziehungen in einer Reihe schon immer gepflegter Schwerpunktbereiche wie z. B. der Außenpolitikanalyse und der Forschung über internationale Organisation und Integration die institutionellen Bedingungen und Folgen ebenso wie die Inhalte bzw. Resultate von Politikentwicklungsprozessen nie aus den Augen verloren hatte. Dies geschah nicht deshalb, weil die Internationalen Beziehungen vormodern geblieben wären; auch an ihnen sind die aus der szientistischen Kritik und der “behavioral revolution” hervorgegangenen “approaches” nicht spurlos vorübergegangen. Die nie zu verleugnende existentielle Dimension des Gegenstands der Internationalen Beziehungen hat indessen in aller Regel verhindert, daß die Wissenschaft ihres Wertebezugs völlig verlustig gehen konnte. Welche der klassischen Schulen der Internationalen Beziehungen man auch näher betrachten mag — die realistische der Machtpolitik, die idealistische des “international government” oder die marxistische der Imperialismuskritik —, alle hatten das Problem der Kriegsgefahr und die Frage nach den Bedingungen der Friedenssicherung bzw. Friedensstiftung gemeinsam. Der nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute angestiegene globale Problemdruck aufgrund alter und neuer Konflikte sowie zunehmend auch aufgrund von Interdependenzproblemen verlangt den Internationalen Beziehungen Innovationen in ihrer Forschungspraxis ab, ohne daß diese Teildisziplin deshalb von ihrer Tradition ganz Abschied nehmen müßte. Die Diskussion über die “policy ”-Forschung mag dazu dienen, die Erweiterung des Analysehorizonts schärfer hervortreten zu lassen.

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Anmerkungen/Literatur

  1. (1).
    Vgl. Reinhardt Rummel: Zusammengesetzte Außenpolitik - Westeuropa als internationaler Akteur. Kehl a. Rh./Straßburg 1982.Google Scholar
  2. (2).
    Diese Auffassung geht im Grunde auf den bereits von Immanuel Kant behaupteten Zusammenhang zwischen republikanischer Verfassung und dem „Ewigen Frieden“ zurück. Sie findet Eingang in die moderne Kriegsursachenforschung bei Quincy Wright: Study of War, Chicago 1942, 1965, S. 263 f., 839 ff. Der Hypothese Czempiels, „daß die Beziehungen zwischen dem politischen System und seinem gesellschaftlichen Umfeld auch die Beziehungen beider zu ihrer internationalen Umwelt beeinflussen“ (Ernst-Otto Czempiel: Strategien des Friedens, in: Friedenssicherung und Aggressivität, Freiburg 1973, S. 16.), stehen Resultate der empirischen Kriegsursachenforschung gegenüber, die eine soziostrukturell bedingte Friedlichkeit im Außenverhalten bürgerlicher Demokratien zumindest nicht belegen können (vgl. vor allem die Arbeiten von Erich Weede, Melvin Small/J. David Singer und Michael Haas).Google Scholar
  3. (3).
    Zuletzt hatte die Debatte über die Stationierung nuklearer Mittelstreckenraketen auf dem Territorium der Bundesrepublik das Problem der Demokratisierung des außenpolitischen Entscheidungsprozesses verdeutlich. Zur Grundfrage ist zu verweisen auf: Kenneth N. Waltz: Foreign Policy and Democratic Politics, Boston 1967; Wolf-Dieter Narr: Soziale Faktoren und außenpolitische Entscheidung: Die Bundesrepublik Deutschland, in: Strukturwandlungen der Außenpolitik in Großbritannien und der Bundesrepublik (herausgegeben von Karl Kaiser und Roger Morgan), München und Wien 1970, S. 136 ff.; Karl Kaiser: Das internationale System der Gegenwart als Faktor der Beeinträchtigung demokratischer Außenpolitik, in: PVS Sonderheft 2/1970, S. 340 ff.Google Scholar
  4. (4).
    Eine Konzeptualisierung internationaler Politik, die, ohne daß von „policy making“ Systems gesprochen wird, gleichwohl in eine ähnliche Richtung geht, findet sich bei Ernst-Otto Czempiel: Internationale Politik, Paderborn/München/Wien Zürich 1981. Die Übertragung des etwa bei Werner Jann: Kategorien der Policy-Forschung, Speyerer Arbeitshefte 37, Speyer, Februar 1981 beschriebenen Zugangs auf die Ebene internationaler Beziehungen unternimmt Heinz-Michael Hauser in seiner Tübinger Dissertation: Reform der Entwicklungsfinanzierung durch ‘Automatisierung’, Tübingen 1984.Google Scholar
  5. (5).
    Für die amerikanische Diskussion über die Analyse internationaler Regime richtungsweisend sind: Robert O. Keohane/Joseph S. Nye: Power and Interdependence, Boston, Toronto 1977; Stephan D. Krasner (Hrsg.): International Regimes. A Special Issue of International Organization, Spring 1982.Google Scholar
  6. (6).
    Diese vier für jedes Regime konstitutiven Bestandteile lassen sich für die Entwicklung der Meeresnutzung so konkretisieren: Prinzipien: effektive Nutzung, gesicherter Zugang und gerechte Verteilung; Normen: internationale Nutzungskontrolle; freie Nutzung, nationale Ressourcenhoheit; Regeln: u.a. Küstenmeerbegrenzung und Abgaben auf die Nutzung internationaler Gemeinschaftsgüter; Entscheidungsprozeduren: u. a. Verfahren der Meeresbodenbehörde und zusätzliche Detailregelungen.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1985

Authors and Affiliations

  • Volker Rittberger
  • Klaus Dieter Wolf

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