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Sinn und Funktion des Mythos in der griechischen und der römischen Dichtung

  • Heinrich Dörrie
Part of the Rheinisch-Westfälische Akademie der Wissenschaften book series (VG, volume 230)

Zusammenfassung

Mythos und Dichtung stehen für antikes Denken und Empfinden in enger Wechselwirkung. Gegenstände des Mythos können überhaupt nur in hoher Dichtung, im Epos, im Hymnos, in der Tragödie ausgesagt werden. Handbücher mythologischen Inhalts1 haben lediglich eine ergänzende, etwa das Gedächtnis stützende Funktion.

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Literaturverzeichnis

  1. 1.
    Derlei Handbücher sind seit der hellenistischen Zeit (etwa 300–31 v. Chr.) durchaus verbreitet; sie dienten verschiedenen Zwecken und haben sehr verschiedenartiges Niveau; vgl. Anm. 42 und 48.Google Scholar
  2. 5.
    Einzig die Perser des Aischylos haben ein Ereignis der jüngsten Vergangenheit zum Gegenstand: die Niederlage des Xerxes 480 v. Chr. Das ist als ein Ereignis von soldier Wucht angesehen worden, daß es dem Mythos gleichrangig war; damit gewinnt sogar Xerxes etwas von dem Rang eines in der Tragödie untergehenden Helden. Denn aller Ruhm Athens ist e contrario gezeichnet.Google Scholar
  3. 6.
    In Rom schuf Naevius eine dramatische Gattung, die sog. praetexta, in welcher bedeutende Römer auftraten und handelten. Die Bezeichnung ,historische Tragödie’ ist modern; nach antiken Begriff war das eben keineswegs eine Tragödie, was im historischen Raum ablief.Google Scholar
  4. 7.
    Hierzu weiteres unten S. 19, 20, 23.Google Scholar
  5. 9.
    Sogar die Komödie war zu Beginn Märchenkomödie oder Mythentravestie, und zu diesem Ursprung konnte sie zu allen Zeiten zurückkehren, was noch in der Mitte des 4. Jh. oft geschah. Es sei an das Motiv des Amphitryon erinnert, das in die Weltliteratur einging.Google Scholar
  6. 10.
    „Vom Mythos zum Logos“, so lautete der Titel eines viel beachteten Buches von W. Nestle, 11940, 21943; in dieser Wahl des Titels ist eingefangen, welche Suggestion der Gedanke ausübte, die Entwicklung sei als eine „Selbstentfaltung“ vom Mythos zum Logos verlaufen. Das Buch hat nachmals (41956) den Titel erhalten: Griechische Geistesgeschichte.Google Scholar
  7. 11.
    Das ist in der Tat eine Ur-Funktion des Mythen-Erzählens, was das Lied des Demodokos im ϑ 266–368 gut belegt. Der noch unbekannte Gast soll aufgeheitert werden; auch für einen solchen Zweck ist der Sänger gerüstet; er singt das heiter-frivole Lied von Ares und Aphrodite.Google Scholar
  8. 12.
    M. P. Nilsson: The Mycenaean Origin of Greek Mythology, Berkeley 1932.Google Scholar
  9. 13.
    Vgl. K.Matthiessen: Das Zeitalter der Heroen beiHesiod; Philologus 121, 1977, 176–188.Google Scholar
  10. 14.
    Hier ist auf das Beispiel des Pygmalion hinzuweisen; die vielfältig variierte Wirkungsgeschichte dieses Mythos habe ich untersucht: Pygmalion. Ein Impuls Ovids und seine Wirkungen bis in die Gegenwart. Rheinisch-Westfälische Akademie der Wissenschaften; Vorträge G 195 (mit Zusammenfassung auf englisch und französisch), 1974.Google Scholar
  11. 15.
    Mit Ironie führt G. S. Kirk: Myth. Its Meaning and Functions ... 1970, 242f. den Definitionsversuch von H. J. Rose: A Handbook of Greek Mythology 51953, 14 an. Gewiß ist die Formulierung Rose’s angreifbar, ,Greek myths ... reflect the national character’. Im ganzen aber hat Rose gegen Kirk recht, wenn er die Besonderheit des griechischen Mythos gegenüber allen anderen Auch-Mythen unterstreicht. Denn nur der griechische Mythos ist zum Bildungsfaktor geworden.Google Scholar
  12. 16.
    Ein einziger Mythos bildet eine Ausnahme vom Gesagten: Das ist der eleusinische Mythos von dem Verschwinden der Köre, ihrer Wiederauffindung und der Verbreitung des Ackerbaus. Hier ist in der Tat ein Symbolverständnis, wie man es für alle Mythen postuliert hat, auf das Suchen, das Finden und die Mission angewendet worden. Weiteres dazu in meinem Aufsatz: Philosophie und Mysterium. Zur Legitimation des Sprechens auf zwei Ebenen durch Platon. Verbum et Signum = Festschrift für F. Ohly 2, 1975, 9–24.Google Scholar
  13. 18.
    Dies die Formulierung, die U. von Wilamowitz als grundsätzlich gültig ansah: Der Glaube der Hellenen 1, 1932, 1–5.Google Scholar
  14. 19.
    Nicht nur für U. v. Wilamowitz, sondern für die Mehrzahl seiner Zeitgenossen war es kaum möglich, von dem Begriff der „Glaubensgewißheit“ zu abstrahieren. Sie war so intensiv erlebt worden — ihr Gegensatz war der Zweifel -, daß sie als etwas Absolutes, auch in vorchristlicher Religiosität Gültiges angesehen wurde.Google Scholar
  15. 21.
    Fr. Schiller hat dieses Motiv am Ende des Gedichtes „Das Siegerfest“ nachgebildet: Denn auch Niobe, dem schweren / Zorn der Himmlischen ein Ziel, kostete die Frucht der Aehren / und bezwang das Schmerzgefühl.Google Scholar
  16. 23.
    Nicht aus der Orphik im eigentlichen Sinne, wohl aber aus einer vergleichbaren Haltung erwuchs das Mysterion von Eleusis. Dort wurde ein einziger Mythos dank einem geheim überlieferten Symbolverständnis zur Grundlage des Kultus gemacht; vgl. Anm. 16.Google Scholar
  17. 26.
    Die vormals moderne, fast durchweg assoziativ vorgehende Mythendeutung hat vieles mit der orphischen Mythendeutung gemeinsam. Als ,missing link’ vermute ich die religiösen Spekulationen der Spätromantik, vor allem F. Creuzers, J. Görres’, J. J. Bachofens, die ein mystisch-mythisches religiöses Urwissen der antiken Menschen glaubten aufzeigen zu können. Die engere Fachwissenschaft hat derlei, vor allem dank Chr. A. Lobeck: Aglaophamus, 1829, bald überwunden, wiewohl Fr. Nietzsche und H. Usener der soeben bezeichneten Richtung nahestanden. Während innerhalb der Fachwissenschaft die Kritik an den spätromantischen Deutungen sehr herbe war, ist diese Kritik da, wo mehrere Wissenschaften sich berühren (Ethnologie, Religionswissenschaft, Psychologie) bis heute nicht genügend zum Tragen gekommen; da gilt noch immer, daß erlaubt ist, was gefällt.Google Scholar
  18. 28.
    Hiergegen führte man zur Verteidigung etwa das Folgende an: Homer und Hesiod haben auf die vordergründige Erzählung gar nicht den eigentlichen Wert gelegt. Die Götter des Mythos sind in Wahrheit Naturkräfte; alle Epen stellen Stufen der Weltentstehung, der Kosmogonie dar, was ja für den Beginn der Theogonie Hesiods und Orpheus’ in der Tat zutrifft. Darum dürfe das Lied von Ares und Aphrodite (vgl. oben A. 11) nicht als skandalöse Ehebruchsgeschichte aufgefaßt werden. Die pädagogische Absicht ,des Dichters’ habe weit tiefer gereicht.Google Scholar
  19. 30.
    Euhemeros von Messene stand 311–298 im Dienste des Königs Kassandros, eines der Alexander-Nachfolger. Er gab dem neu sich herausbildenden Herrscherkult eine Art von historischer Begründung: Auch Uranos, Kronos und Zeus waren Menschen, die es freilich verstanden, als Götter anerkannt zu werden.Google Scholar
  20. 31.
    Nämlich: Die Richtung, die wegen moralischer Anstöße die Verwerfung der Mythen forderte, und die Richtung, die an Unmöglichem Anstoß nahm. Beide Richtungen der Kritik lassen erkennen, daß ganz andere Maßstäbe an den Mythos angelegt wurden als in archaischer Zeit.Google Scholar
  21. 33.
    Hier besteht eine enge Verbindung zwischen der Tragödie, die Leidenschaften darstellt, und der stoischen Lehre von den Affekten. Chrysipp sammelte geradezu Äußerungen des Euripides zu dem für ihn zentralen Thema; schließlich reihte er die ganze Medea des Euripides in seine Beispielsammlung ein, Diog. Laertios 7, 180.Google Scholar
  22. 34.
    Hierfür bot die Geschichte, nicht der Mythos anspornende Beispiele: so etwa der heroische Entschluß des Leonidas an den Thermopylen oder der Tyrannenmörder Harmodios und Aristogeiten; vgl. unten S. 23.Google Scholar
  23. 35.
    Dieser Konflikt ist im 4. Buch von Vergils Aeneis angelegt; Aeneas’ Bindung an Dido steht im Widerspruch zu seiner von den fata bestimmten Sendung. Aeneas folgt, im Grunde kampflos, dem Spruch des fatum; ein dramatischer Konflikt im Sinne des 19. Jh. ist das nicht.Google Scholar
  24. 36.
    Hier lag der Grund, warum der Klassizismus des 19. Jahrhunderts kein Verhältnis zu Euripides und den vielen, die ihm nachfolgten, gewinnen konnte. Im Grunde sind auch Aischylos und Sophokles, solange man sie mit den Augen des Klassizisten sah, einseitig verstanden worden; dem pädagogisch orientierten Klassizismus war es verwehrt, ein breiteres Fundament zu gewinnen.Google Scholar
  25. 38.
    Hierfür grundlegend: Hermann Fränkel: Ein Don Quijote unter den Argonauten des Apollonios. Museum Helveticum 17, 1960, 1–20.Google Scholar
  26. 39.
    Ein einziges Epos hat einen geschichtlichen, nicht wie alle anderen einen mythischen Gegenstand: Lucans Epos vom Bürgerkrieg. Die in diesem Epos handelnden Gestalten sind also keine mythischen Heroen. Man hat lange gerätselt, warum Lucan darauf verzichtet hat, die Götter in die von ihm erzählte Handlung hineinwirken zu lassen, so wie es in allen Epen vor ihm und nach ihm geschieht. Das eben ist ein Stück des mythischen Rahmens: In der überzeitlichen Welt des Mythos sind die Götter in Person gegenwärtig. Diese Koordinate des Mythos konnte auf eine in der Zeit ablaufende Handlung, den Bürgerkrieg, nicht angewendet werden. Daß das unmöglich ist, hat der kaum 25jährige Lucan wohl verstanden.Google Scholar
  27. 40.
    Vgl.Anm.37.Google Scholar
  28. 41.
    Kallimachos fg. 612 Pfeiffer.Google Scholar
  29. 42.
    In hellenistischer Zeit entstand eine Fülle von Handbüchern, die diesen Wissensstoff anboten; einige von ihnen waren dazu bestimmt, künftigen Dichtern ihren Stoff anzubieten; andere unternahmen es, eine Ordnung des ganzen Bereiches, vorzugsweise die genealogische Ordnung herzustellen; andere boten Sammlungen zu einem bestimmten Motiv, z. B. Verwandlungssagen. Schließlich gab es Bücher, unseren Opern-Führern vergleichbar, die den Leser über mythische Stoffe, denen er bei der Lektüre oder im Theater begegnete, rasch ins Bild setzte — so die fabulae des Hyginus.Google Scholar
  30. 43.
    Einerseits war es reizvoll, entlegenes Sagengut aufzuspüren und es als erster dichterisch zu behandeln; dies war das Feld, auf dem Kallimachos sich auszeichnete. Andererseits bestand eine Versuchung, den Lesern Rätsel aufzugeben, indem man mythologisches Material in kunstvoller Verschlüsselung anbot. Ein Beispiel dafür ist Lykophrens Alexandra (mit diesem Namen ist Kassandra gemeint; ihr Bruder ist Paris, der auch den Namen Alexandros führt). Von wenigen Versuchen solcher Art abgesehen, ist es sonst nicht dazu gekommen, daß Mythologie zu einem Virtuosentum entartete und somit Selbstzweck wurde.Google Scholar
  31. 44.
    Unverkennbar ist Homer das allen gegenwärtige Beispiel. Sowie Homer für mehr als ein Jahrtausend in unbestrittener Geltung war, so hofften viele, die nach ihm zur Feder griffen, gleichen säkularen Ruhm zu ernten — vor allem wenn es ihnen gelang, Homer zu übertreffen. Bindung an den Mythos heißt auch: Rivalität mit Homer.Google Scholar
  32. 46.
    Vgl. oben S. 20, 23.Google Scholar
  33. 47.
    So Trimalchio bei Petron, satyricon 52,2.Google Scholar
  34. 49.
    Undenkbar wäre es gewesen, unter einem der Mythologie entnommenen Titel eine der Gegenwart entnommene Handlung darzustellen, wie G. B. Shaw: Pygmalion, oder J. Anouilh: Antigone oder der Film: Orfeo Negro. Im 19. Jh. pflegte man den Abstand von der Antike durch die Beifügung ,der neue ...’zu bezeichnen, so K. Immermann: Der neue Pygmalion — eine Gestaltung des Titels, die zweifellos auf La nouvelle Héloise von J. J. Rousseau zurückgeht. Die gegenwärtige Gepflogenheit läßt erkennen, daß sich das Wissen vom Mythos bei Autor und Publikum entleert; eine meist nicht zutreffende Etikette bleibt übrig — vgl. oben so ganz kraß das Beispiel: ,Ödipus-Komplex’.Google Scholar
  35. 51.
    Vgl. dazu S. 19, 20, 23.Google Scholar
  36. 53.
    Hier ist an die Fülle der von Ovid behandelten mythischen Stoffe zu erinnern.Google Scholar
  37. 54.
    Vgl. oben S. 5–8.Google Scholar
  38. 55.
    Vgl. oben S. 6, wo um des Kontrastes willen eine solche Prämisse als Fiktion eingeführt wird.Google Scholar
  39. 56.
    Im Grunde waren es noch immer die Konventionen der homerischen Dichtung, in der Götter aus menschlichen Motiven handeln. Die Diskussion darüber ist seit dem 3. Jh. v. Chr. erloschen; mit dem Mythos akzeptiert man seine besonderen Bedingungen und Gesetze.Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag GmbH Opladen 1978

Authors and Affiliations

  • Heinrich Dörrie

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