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Anmerkungen zum Radikalen Konstruktivismus

  • Anton Hahne
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Zusammenfassung

Der erwachsene Mensch lebt im normalen Wachzustand nicht in einer, sondern in zwei Wirklichkeiten: in einer von seinen Sinnesorganen wahrgenommenen und in einer anderen, inneren Wirklichkeit, die im Laufe seines Lebens mit Sinn und Bedeutung gefüllt wird. In der Regel erlebt der Mensch die beiden Wirklichkeiten identisch, zur Deckung gebracht, nicht als gemacht oder irgendwie “konstruiert” (Köhler 1993, S.14). Er könnte gar nicht existieren, nähme er seine Umwelt nicht als konsistente Realität wahr. Konträr zu dieser Alltagserfahrung betonen “Radikale Konstruktivisten” (v. Foerster, v. Glasersfeld, Watzlawick u.a.) das Faktum der “gemachten” Wirklichkeit1. Sie verneinen objektive Realität und jede darauf beruhende Wahrheit. Der Mensch erschaffe sich als Gattungswesen seine Wirklichkeit je nach historischen und gesellschaftlichen Bedingungen. Konstrukthaft mit zeitlich und räumlich beschränkter Gültigkeit seien sowohl philosophische Weltentwürfe, profane Organisationskulturen als auch individuelle Selbstbilder. Indem wir sprachlich mit anderen Beobachtern operieren, werden das Ich und seine Umstände als sprachliche Unterscheidung erzeugt (Maturana/Varela 1991, S.228).

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Literatur

  1. 1.
    Man könnte daraus den Schluß ziehen, der Radikale Konstruktivismus sei mit der phänomenologischen Sichtweise identisch und die “Konstruktion” unserer Realität meine dasselbe wie die “Konstitution” der Wirklichkeit (Schütz/Luckmann), auf die oben in Exkurs II genauer eingegangen wurde. Dem widerspricht jedoch Schmidt 1991, S.75: Wie jede Kognitionstheorie sei auch der Radikale Konstruktivismus für Alltagshandeln und -kommunizieren irrelevant. Im Alltag gingen wir mit unseren kognitiven Welten so um, als seien sie real, und bemerkten diese Als-Ob-Fiktionen nicht einmal. Obwohl sie doch fiktiv seien, gebrauchten wir einheitliche operatio-nale Werthierarchien und Bezugssysteme.Google Scholar
  2. 2.
    Wird dieser Grundsatz — der weit über die Vorstellung eines “Beobachterparadoxons” (vgl. Fußnote 201 auf S.91) hinausgeht — mißachtet, so schleichen sich z.B. Luhmannsche “Parasiten” ein, wie am Beispiel in Fußnote 7 auf S.94 gezeigt.Google Scholar
  3. 3.
    Vgl. Lattmann 1993, S.218. Neben der kritischen Philosophie nennt Lattmann zwei weitere Vorläufer des Konstruktivismus: den Konventionalismus, “der — wie später die konstruktive Wissenschaftstheorie — im Konsens das Wahrheitskriterium für die Beurteilung erblickt” und den Operationalismus von Piaget, “der das Erkennen als aktives, am Erkenntnisgegenstand vollzogenes Gestalten erklärt”.Google Scholar
  4. 4.
    Lattmann 1993, S.233 weist auf die Nähe der Auffassung Watzlawicks zum kritischen Rationalismus hin.Google Scholar
  5. 5.
    Saurwein 1993, S.65f. kritisiert allerdings, diese implizite Gleichsetzung von Autopoiese, operativer Geschlossenheit, mit “totalitären” organisatorischen Lebenswelten verkenne, daß autopoie-tische Kommunikation bei Luhmann stets auf spezifische Codes bezogene Kommunikationen sind, eine Konstruktion, die nur vor dem Hintergrund seiner Differenzierungstheorie verständlich würde: “Geschlossenheit wird nur auf der abstrakten Ebene von Codes erreicht, die alle Veränderungen mit Blick auf ihren Gegenwert (z.B. Haben-Nichthaben; wahr-unwahr; richtigfalsch) schematisieren.” Für wirtschaftliche Organisation hieße das, daß alle umweltbezogenen Beobachtungen und Operationen letztlich auf die Frage nach der Erhaltung oder Erweiterung von Zahlungsfähigkeit bezogen würden.Google Scholar
  6. 6.
    Vgl. S.165f. in Exkurs III.Google Scholar
  7. 7.
    Darüber hinaus gibt es selbstreferenzielle Systeme, die sich nicht selbst erhalten, da sie als Subsystem fungieren (z.B. das menschliche Gehirn); Witzer 1992, S.48f.; Lattmann 1993, S.234. Google Scholar
  8. 8.
    Die Selbstrückbezüglichkeit geschlossener Systeme bringt oft Denkfehler und kontraproduktive Lösungsmuster mit sich. Um zwei Beispiele zu nennen: 1. Sinkende Lebensqualität durch Autos (Maturana/Varela 1991, S. 110 führen die strukturelle Kopplung zwischen Autos und Städten an, deren “strukturelle Dynamik im Zuge der selektiven Interaktionen mit dem anderen” beide Seiten dramatisch veränderte) und 2. kontraproduktive Kontrolle statt Controlling (Arnold 1994 hält die Forderung nach verstärktem Bildungscontrolling für einen Denkfehler im geschlossenen System autoritär-konkretistischer Führung).Google Scholar
  9. 9.
    Gemeint ist primär die St.Gallener Richtung einer BWL als Theorie offener Systeme, wie sie H.Ulrich, Malik, Gomez, Probst vertreten. Typisch ist eine “ganzheitliche Orientierung”, bei der neben soziologischen und ökonomischen biologische, anthropologische und verhaltensorientierte Theorien verknüpft werden.Google Scholar
  10. 11.
    Die Offenheit organisationaler Systeme ist letztlich kein Widerspruch zur “operativen Geschlossenheit” (Luhmann). Geschlossenheit meint, daß äußere Impulse zur Adaption und zur Evolution vom System nur wahrgenommen werden können, wenn sie auf eine entsprechende innerne Resonanz stoßen.Google Scholar
  11. 12.
    Geißler 1994, S.227 unter Rückgriff auf Watzlawick u.a. 1969, S.120ff. Die Organisationspsychologen Katz und Kahn definieren schon 1966, S.19 soziale Organisationen durch neun systemtheoretische Aspekte, die hier der Vollständigkeit halber genannt werden sollen: Zufuhr von Energie, Leistung, Output, zyklische Vorgänge, negative Entropie, Systeminput durch negatives Feedback und Kodierung, stabiler Zustand und dynamische Homöostase, Differenzierung, Äqui-finalität. Im System dienen Kommunikationsprozesse der Ingangsetzung von Aktionen, ihrer Kontrolle und der Koordination zwischen Entscheidungszentren. Nach außen befindet sich das System in einem Balanceprozeß der Anpassung an Umweltveränderungen.Google Scholar
  12. 13.
    Vgl. u.a. Satir 1990; Selvini-Palazzoli 1981, 1984. Google Scholar
  13. 14.
    Vgl. E.König 1992b, S.23; König/Volmer 1994. Vgl. zur Organisationsberatung die Überlegungen im letzten Teil dieser Arbeit, besonders S.421 in Kap.9.2.1 und generell Kap.9.2.2 auf S.420ff.Google Scholar
  14. 15.
    Weick 1985, S.43, der sich damit auf verschiedene sozialwissenschaftliche Theorien (Fiedler, Festinger usw.) bezieht.Google Scholar
  15. 16.
    Girgensohn-Marchand 1992, S.89ff., die aus der Perspektive des kritischen Rationalismus argumentiert.Google Scholar
  16. 17.
    Janich 1992, S.35; zitiert nach Lattmann 1993, S.236.Google Scholar
  17. 18.
    Zu beachten ist allerdings, daß Luhmann selbst die Vertreter des radikalen Konstruktivismus kritisiert und ihnen Reflexionsdefizite und zirkuläre Argumentationsmuster vorwirft (vgl. zusammenfassend Bardmann 1994, S.115ff.). Für eine differenzierte Diskussion der Position Luhmanns sei hier auf die Literatur verwiesen, z.B. auf Reese-Schäfers (1992, S.139ff.) Zusammenfassung der Kontroverse Habermas/Luhmann oder Gripp-Hagelstanges (1995, S.119ff.) Reflexionen.Google Scholar
  18. 19.
    Willke 1994, S. 157 verwahrt sich gegen Vorwürfe, die Systemtheorie sei “menschenfeindlich”.Google Scholar
  19. 20.
    Vgl. Tab.20 auf S.339.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen/Wiesbaden 1998

Authors and Affiliations

  • Anton Hahne

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