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Sprache und Wissen in der Alltagswelt als phänomenologische Konstruktion der Wirklichkeit

  • Anton Hahne
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Zusammenfassung

Edmund Husserl, der Begründer der philosophischen Phänomenologie, entwickelte die folgende Überlegung: Die Mitglieder der Gesellschaft konstituieren ihre Welt als Lebenswelt in Situationen, die ihrerseits eingebettet sind in Situationsketten und -gefüge. Diese „Konstitution“ ist jeweils eine Bewußtseinsleistung von Subjekt und Mitsubjekt. Als wechselseitige Konstitutionsleistung ist sie eine soziale, denn jede grundlegende bedeutungsreiche Sinnbildung geschieht auf der intersubjektiven Ebene der Beziehungen und Gemeinschaften. Daneben erzwingt das innere Zeitbewußtsein, der „Bewußtseinsstrom“, eine Objektivierung über die Konstitution von Situationen im Sinne einer „Horizontbildung“, wie Husserl formuliert:

„Welt ist hierüber thematisch gegeben, in natürlicher Einstellung objektiviert durch die typisierende Wahrnehmung der alltäglichen Lebenszusammenhänge, strukturiert durch Relevanzen und Deutungsmuster. Durch phänomenologische Reduktion kann ich diese, dem natürlichen Leben verborgenen, Strukturen erkennen, beschreiben und auf ihre ursprüngliche Sinnbildung, ihr Wesen zurückführen“1.

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Literatur

  1. 1.
    Peter 1992, S.66f., der Husserl 1962, S.167ff. heranzieht.Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. dazu auch Kap.7.2 und 7.3.Google Scholar
  3. 3.
    Vertrauen ergibt sich aus der Unmöglichkeit, den gemeinten Sinn der Handlungen anderer Akteure vollständig zu erfassen. Bei Luhmann ist Vertrauen daher ein “Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität”. In der Wissenssoziologie sind Vertrauen ebenso wie Vorurteil grundlegende Orientierungsweisen von Akteuren; vgl. Miebach 1991, S.289. Google Scholar
  4. 4.
    Man beachte den Unterschied zu Formulierungen, die allgemein Sprachhandeln charakterisieren: 1. Funktion der wirksamen Beeinflussung einer Situation, eines Gegenstandes oder einer Person; 2. Funktion der Darstellung von Sachverhalten; ferner 3. Funktion der Herstellung sozialer Beziehungen bzw. 4. Funktion der Selbstdarstellung. Vgl. zu Sprachfunktionen auch S.277f. in Exkurs VI.Google Scholar
  5. 5.
    Die größten “Symbolsysteme” sind die Wissenschaft, die Religion und die Kunst.Google Scholar
  6. 6.
    Die Komödie erzielt ihren Effekt aus dem Umstand, daß Protagonisten über verschiedene Wissensstände verfugen, meist in doppelter Hinsicht: Der Wissensstand in bezug auf die aktuelle Handlung divergiert z.B. zwischen dem Zuschauer und dem Mimen und dessen Wissensstand in bezug auf seine eigene Rolle (z.B. das Verhalten eines Mannes in einer Frauenrolle). Dazu kommt die Brechung durch die Künstlichkeit der Spielsituation. Beachtenswert ist dies, da der organisationale Alltag immer auch abgemilderte Formen des Theaters bietet, bzw. vor der Folie des Theaters gut interpretiert werden kann. Vgl. dazu Goffman 1973a, 1977, S.143ff.; Mangham/Overington 1983, 1987; Rastetter 1992. Vgl. zur “Selbstpräsentation” auch Kap.7.1, S.281ff. sowie zur Theateranalogie Lüscher 1975. Google Scholar
  7. 7.
    Heine/Mautz 1993, S. 134, die den Begriff “kontrastierende Selbstidentifikation” von Berger/Luckmann übernehmen.Google Scholar
  8. 8.
    Wir werden an späterer Stelle den potentiellen Gebrauch des Wissens durch Experten als “Machtquelle” bezeichnen. Vgl. S.216 in Kap.5.3.1.Google Scholar
  9. 9.
    Rollen strukturieren die Mikroweit, werden aber aus der Makrowelt über längerfristige sprachliche Vermittlung internalisiert. Ohne hier weiter auf die Rollentheorie eingehen zu wollen, sei zumindest verwiesen auf Cicourel 1973, S.147ff.; kritisch dazu Haug 1994. Google Scholar
  10. 10.
    Vgl. hierzu und im folgenden Berger/Berger 1976, S.55ff.; Miebach 1991, S.272ff. Aus der wissenssoziologischen Sicht Berger/Luckmanns ist ein weiter Institutionenbegriff sinnvoll, um Regelmäßigkeiten des Handelns als soziale Gewohnheiten qua wechselseitiger Typisierung zu erfassen. Vgl. dazu und zu anderen Begriffsfassungen Koerfer 1994, S.113. Google Scholar
  11. 11.
    Dem widerspricht nicht, daß tabuisierte Einsichten oder verdrängte Erfahrungen buchstäblich unaussprechbar sein können — und doch z.B. als psychosomatisches Syndrom körperlich manifest sind.Google Scholar
  12. 12.
    So poetisch dieses Bild gewählt ist, heutzutage wirkt es aufgrund unserer ökologischen Sensibilität nicht mehr ganz stimmig. Sicher würden sich Berger/Berger dagegen verwahren, wenn man den Sprachgebrauch mit dem materiellen Konsum derart gleichsetzte, daß beider Abfallprodukte als gleichermaßen verschmutzende oder toxische Sedimente betrachtet würden. Dieser Gedanke wird von Sprachpuristen allerdings tatsächlich vertreten; vgl. Veil 1992, die die “kommunikative Umweltverschmutzung” für das Hauptübel des heutigen Wirtschaftslebens hält.Google Scholar
  13. 13.
    “Wie ist es möglich, daß subjektiv gemeinter Sinn zu objektiver Faktizität wird?Berger/Luckmann 1970, S.20. Google Scholar
  14. 14.
    Ähnlich die Überlegungen von Habermas 1987b, S.196 in bezug auf Schütz/Luckmann: Sie hielten am Modell der Bewußtseinsphilosophie fest und sie erfaßten die Strukturen der Lebenswelt “in der Spiegelung des subjektiven Erlebens einsamer Aktoren” (S.198), so daß es sich um ein “kulturalistisch verkürztes” Lebensweltkonzept handele (S.210). Einzelheiten der Position von Habermas werden wir in Kap.3.1.1 behandeln.Google Scholar
  15. 15.
    Siehe Tab. 10 auf S. 181 und Abb. 16 auf S. 182 in Kap.4.3.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen/Wiesbaden 1998

Authors and Affiliations

  • Anton Hahne

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