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Einige soziale Wirkungen verstärkter Technisierung

  • Anton Hahne
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Zusammenfassung

Von den Abwicklungsmöglichkeiten informatorischer abstimmungsprozesse hängt die Leistungsfähigkeit arbeitsteiliger Organisationen entscheidend ab. Kommunikation spielt darüber hinaus in Organisationen immer da eine zentrale Rolle, wo körperliche Arbeit durch Automation und Mechanisierung substituiert wird. Derart spezialisierte Teiltätigkeiten bestehen zunehmend aus Aktivitäten der Informationsverarbeitung. Ihre Koordination erfordert fast zwangsläufig intensivere Kommunikation, die teilweise über die Organisationsstruktur und ihre Koordinationsmechanismen der Weisung, Programmierung, Planung und formellen Selbstabstimmung abgewickelt wird1.

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Literatur

  1. 1.
    Beträchtliche Teile der Koordination erfolgen daneben durch informelle bzw. ungeregelte Kontakte; denn die Verschiedenartigkeit (Varietät, Komplexität) der zu bewältigenden Aufgaben läßt nur wenig fixe, dauerhaft geltende Regelungen zu (vgl. Scholl 1993, S.430, der sich u.a. auf O’Reilly/Pondy 1979 und Kerr/Hiltz 1982 bezieht). Die Kommunikationsstruktur weicht daher oft erheblich von der Organisationsstruktur ab, wie O’Reilly/Pondy schon 1979 feststellten. Diese Kommunikationsstruktur werden wir an späterer Stelle Verhaltens- und Spielstruktur nennen (vgl. S.244f. in Kap.5.3.2).Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. zusammenfassend Kubicek 1992a, Sp.937ff. Google Scholar
  3. 3.
    Kerr/Hiltz 1982. Ähnlich optimistisch ist die bekannte These McLuhans, der Mensch gewinne Universalität, da er über große Entfernungen sehen und gesehen werden könne. Das globale elektronische Netzwerk bilde quasi ein großes Zentralnervensystem, ein einziges einheitliches Feld der Erfahrung (McLuhan 1992).Google Scholar
  4. 4.
    Auf den überbetrieblichen Informationsverbund soll hier nicht weiter eingegangen werden. Vgl. als Überblick z.B. Kubicek 1992b, Sp.994ff. Google Scholar
  5. 5.
    Vgl. Kap. 1.2.6 auf S.64ff.Google Scholar
  6. 6.
    Obwohl technische Dokumentationen für die Funktionsfahigkeit komplexer Systeme zentrale Bedeutung haben, gibt es in Deutschland im Gegensatz zu den USA nur beschränkte Ausbildungsmöglichkeiten für technische Redakteure.Google Scholar
  7. 7.
    Technikforscher müßten viel stärker als bisher auf die Formen der Beobachtung und Beschreibung von Technik achten. Erst als “Beobachter zweiter Ordnung” könnten Analysanten beschreiben, wie Nutzer von Maschinen Technik “erzeugen”, “hervorbringen” und “ausformulieren”, so Bardmann u.a. 1992, S.201f., 214, der sich auf v.Foerster bezieht. Dabei könnte gesehen werden, daß Technik “quasi ‘hinter dem Rücken’ der kommunizierenden Kommunikation in sie ‘einschleicht’“. Sie zieht Energie, Aufmerksamkeit, Zeit und Ressourcen ab, ohne dabei ernsthaft noch wahrgenommen bzw. problematisiert zu werden. Der “Parasit” nistet sich ein, wenn er keine Resonanz mehr erzeugt und zwar meist in funktionierender, “trivialer” Form. Diese Trivialität manifestiert sich in reduktionistischer Sauberkeit, Präzision und Routine. Sie gefährdet in der Folge eine differenzierte Realitätswahrnehmung. Bardmann u.a. meinen mit der Parasitenmetapher dreierlei: (1) der “Parasit Technik ist einmal eine Störung, ein Lärm, der ein Kommunikationssystem durcheinanderbringt, es unterbricht, der es zeitweilig lahmlegt und unterdrückt (Störer-Funktion)”; (2) der Parasit Technik vermag “aber auch gänzlich aus dem Erscheinungsund Wahrnehmungsfeld zu verschwinden, er macht sich klein, trivial, unkenntlich, unbemerkbar, er nistet sich ein und funktioniert (die für sein Funktionieren notwendigen fremden Mittel bindend) wie erwartet (Parasiten-Funktion)”; (3) der Parasit Technik ist gleichzeitig “aufgrund seiner Eigenkomplexität aber auch Anlaß und Anstoß zur Veränderung, zur Neubestimmung und zum Wechsel von Themen und Beiträgen. Mithin eröffnet die Technik der Kommunikation bisher ungeahnte Horizonte (Wirts-Funktion)” (Bardmann u.a. 1992, S.211f.). Google Scholar
  8. 8.
    Technikfolgenabschätzungen (‘technology assessment’) im engeren Sinn sind “politisch eingerichtete” Verfahren (Rammen 1989, S.731). Sie sollen Risiken und Folgeprobleme möglichst frühzeitig und mit wissenschaftlichen Methoden ermitteln, die bei der gesellschaftlichen Durchsetzung einer neuen Technik zu erwarten sind. Vgl. u.a. auch Dierkes 1993b, Rammen 1993. Google Scholar
  9. 9.
    Beim Software-Entwurf entstehen hohe Kosten durch Kommunikationsprobleme zwischen Anwender und Entwickler. Der konkrete Vorgang wird vom Anwender im sozio-ökonomischen Kontext erlebt, der Entwickler abstrahiert davon und übersetzt in eine Modellsprache. Diese Operationstechnik des Informatikers ist nach wie vor stark tayloristisch geprägt: Arbeitsteilung, Standardisierung und Trennung von Plan und Ausführung bestimmen das Denken. Laut Schefe 1992 handelt es sich dabei um eine “Mechanisierung des Denkens”.Google Scholar
  10. 10.
    Neue Entwicklungen im Telekommunikationsbereich werden typischerweise auf der technischen Ebene diskutiert (von dort überstrahlt die Faszination potentielle soziale Probleme), ihre Legitimation erfolgt dann aber mit ökonomischen Argumenten (die dann regelmäßig gesamtgesellschaftliche Kosten ignorieren). Soziale Auswirkungen sind allerdings schwer prognostizierbar, sowohl in negativer wie in positiver Hinsicht. Wird — wie beim Volkszählungsboykott — auf die gesellschaftliche Aneignung von Technik massiv Einfluß genommen, so verändert dies die politische kollektive Meinungsbildung und es besteht ex post keine Möglichkeit mehr, die Genauigkeit der ursprünglichen Prognose zu validieren.Google Scholar
  11. 11.
    Für die organisational Kommunikation ist vor allem das Scheitern trivialer, weil rein maschinenorientierter Informationssysteme lehrreich. Die Mangelhaftigkeit von Management Informations Systemen (MIS) in den 70er Jahren macht die Schwachpunkte deutlich (vgl. Hertens 1981. Zusammenfassend Klutmann 1992, S.58ff.): Einseitige Ausrichtung auf den Informationsversorgungsaspekt und fehlende Analyse des Informationsverhaltens. Eine derartige “Trivialmaschinisierung” liegt — laut Winograd/Flores 1989, S.251–257 — aber nicht nur in MIS, sondern zwangsläufig in allen Systemen künstlicher Intelligenz (vgl. Dreyfus/Dreyfus 1987), in Expertensystemen, entscheidungsunterstützenden Systemen (Decision Support Systems [DSS], Executive Support Systems [ESS]) sowie in kommunalen Planungsinformationssystemen (zum Scheitern bisheriger Systeme vgl. Brinckmann/Kuhlmann 1990, S.92ff.) vor. Ihr unreflektierter Einsatz kann mit Gefahren verbunden sein, die exemplarisch im Hinblick auf DSS aufgelistet werden: Zuerst sei schon die Orientierung an der dezisionistischen Sicht der Dinge, an der Selektion gegebener Alternativen falsch; ferner bestimme letzlich das installierte System die Relevanz jeder Tätigkeit; außerdem erfolge mit ihm — obwohl unbeabsichtigt — ein Transfer von Macht; immer träten auch unvorhergesehene Effekte nach der Installation auf (z.B. unerwartete Akzeptanzprobleme); Verantwortlichkeiten würden verschleiert und die Illusion von Objektivität würde hervorgerufen oder verstärkt.Google Scholar
  12. 12.
    Vgl. zur Historie des Telefons Kap. 1.2.6.Google Scholar
  13. 13.
    Fritz 1982 spricht von einer “Erotisierung des Arbeitsraumes”, die in der Phase der Maschinisierung und damit der stärkeren Arbeitsteilung früherer Schreibstuben begann.Google Scholar
  14. 14.
    Das Gefühl der überflüssigen Verkomplizierung kommunikativer Vorgänge durch Computertechnik war noch vor zehn Jahren sehr ausgeprägt. Die Mehrheit der Bevölkerung wollte keinen Computer am Arbeitsplatz. Die Angst vor den “Zauberlehrlingen” (Volpert) wurde immer neu aktualisiert, wenn in der Öffentlichkeit über Leistungen berichtet wurde, die menschliche zu übertreffen schienen. Die Pseudo-Interaktionsfähigkeit des Computers schürte die Angst vor Rationalisierung. Mit der Einführung neuer Telekommunikationsverfahren waren viele “Hypostasierungen” (C.Dörner 1989) verbunden, denn die Veränderung der Lebensumstände ist noch nicht zur Alltagsroutine verfestigt, was ja später den Blick auf die Wünschbarkeit regelmäßig erübrigt. Diese Hypostasierungen, in Form von dämonisierender Kritik oder euphorischer Begeisterung, sind einer nüchternen Einschätzung gewichen. Der massenhafte Verlust von Arbeitsplätzen im Büro hat nicht stattgefunden. Und man gewöhnt sich daran, daß zwar ein billiger Schachcomputer fast unschlagbar ist, daß aber z.B. die digitale Sprachkennung und -eingäbe entgegen häufiger Ankündigungen nur auf sehr beschränktem Niveau funktioniert. Der “Golem” — also eine Maschine, die den Menschen zu ersetzen schien — bleibt auch mit enormer Rechenleistung eine “triviale” Maschine.Google Scholar
  15. 15.
    Vgl. zur Gegenthese einer negativen Technikabhängigkeit der Gesellschaft S.140.Google Scholar
  16. 16.
    Da mit der globalen Vernetzung außer einer Übertragung von Kultur auch die politische Unterwerfung einer Gesellschaft durch eine andere einhergeht, werden nationalpolitische Gegenkräfte geweckt, die letztlich zu mehr Konflikten führen können. Diese nationalstaatliche Perspektive hat im zwischenmenschlichen Bereich Parallelen. Wer seinen Nachbarn besser kennenlernt, schätzt ihn oft nicht besser, sondern grenzt sich wieder stärker ab, da er dessen Andersartigkeit umso deutlicher erlebt hat, je näher der Kontakt war.Google Scholar
  17. 17.
    Der französiche Postmodernist Baudrillard spricht deshalb vom “Prothesencharakter” der Maschine (Baudrillard 1990, S.253ff.): “Das Paradigma der sinnlich mentalen Wahrnehmung hat sich vollständig gewandelt. Denn jene Taktilität hat nicht den organischen Sinn des Berührens, sondern bezeichnet bloß das hautnahe Aneinanderstoßen von Auge und Bild, das Ende der ästhetischen Distanz des Blickes. (…) Und doch ist das Bild, das auf dem Bildschirm erscheint, paradoxerweise immer Lichtjahre entfernt (…), ist virtuell, also unerreichbar, weswegen er (der Bildschirm) nur jene abstrakte, jene unerbittlich abstrakte Form des Austausches zuläßt, welche die Kommunikation ist” (Baudrillard 1990, S.258). Google Scholar
  18. 18.
    Das Verschwinden der Körperlichkeit und damit der Sexualität in der Maschine, in die “Promiskuität des Bildschirms” wird von Baudrillard als “neue Höhle des Piatons” gedeutet, was Rückwirkungen dann auch auf jede menschliche Interaktion hat: “Alle unsere Maschinen sind Bildschirme, wir selbst sind Bildschirme geworden und das Verhältnis der Menschen zueinander ist das von Bildschirmen” (Baudrillard 1990, S.262f.). Google Scholar
  19. 19.
    Dieser Effekt wurde zuerst bei computerbegeisterten Hackern beobachtet und ausführlich beschrieben. So sieht Turkle 1986, S.292 den Computer als Rückzugs- und Zufluchtsort menschlicher Beziehungssehnsucht, da bei ihm die “Schmerzen” ausgegrenzt sind, die das Zusammensein mit anderen Menschen gelegentlich verursacht. Ähnlich formuliert Beland 1988, 8.69 das Bedürfnis nach “Einsamkeit als vorübergehende Entlastung von Objektbeziehungen” könne befriedigt werden. Dies ist für ihn eines von mehreren Elementen, die er an “normaler” Computerfaszination positiv bewertet. Turkle meint aber weitergehende Fluchtbewegungen weg vom Menschen, besonders von Frauen; damit einhergehend die Meidung von Sexualität und Sinnlichkeit. “Die fehlende Intimität in zwischenmenschlichen Beziehungen wird auf die Intimität mit der Maschine verschoben” (Famulla u.a. 1992, S.83, unter Hinweis auf Turkle 1986, S.256ff.).Google Scholar
  20. 20.
    Pflüger/Schulz 1987 zitiert nach Famulla u.a. 1992, S.85.Google Scholar
  21. 21.
    Brater/Herz o.J.; beschrieben in Famulla u.a. 1992, S.258.Google Scholar
  22. 22.
    Vgl. die Sammelrezension von Küpper/Hahne 1993. Google Scholar
  23. 23.
    Kostenvorteile neuer IuK-Systeme wurden lange unterstellt, ohne sie explizit zu prüfen. In jüngster Zeit sind verstärkt Zweifel aufgetaucht, ob generell Kosten eingespart werden, wenn neue Systeme implementiert wurden. Vgl. z.B. Klotz 1993, S.404ff. und Ortmann 1995a, S.143f., 162ff., 268ff. Google Scholar
  24. 24.
    Das vierstufige Wirtschaftlichkeitskonzept nach Reichwald (z.B. 1990) stellt einen Versuch dar, eine Bewertung auch unter Berücksichtigung qualitativer Aspekte vorzunehmen. Im Rahmen dieser Arbeit kann darauf nicht näher eingegangen werden.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen/Wiesbaden 1998

Authors and Affiliations

  • Anton Hahne

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