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Dialog zwischen Mensch und Maschine?

  • Anton Hahne
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Zusammenfassung

Im Rahmen einer dialogorientierten Organisationskommunikation interessiert nicht nur das Ideal des zwischenmenschlichen Dialogs, mit dem wir uns in Kap.3 auseinandergesetzt haben. Wir wollen hier noch der Frage nachgehen, inwieweit dialogische Elemente auch zwischen Menschen und Maschinen existieren. Mertens (1994a, S.35ff.) listet neuen Formen der Mensch-Maschine-Kommunikation (im Rahmen betrieblicher Expertisen-Systeme) auf. Er ordnet verschiedene Typen von Berichts- und Beratungssystemen in eine Skala von Interaktionsformen ein:1
Abb. 33

Interaktionsformen der Mensch-Maschine-Kommunikation (Mertens 1994a, S. 37)

Mertens beschreibt verschiedene Systeme, die im Sinne eines Expertensystems aus Zahlenwerken des Rechnungswesens (“Zahlenfriedhöfe”) verbale Gutachten, Übersichtstabellen oder Graphiken erstellen. Diese Systeme sollen hier nicht im einzelnen vorgestellt werden. Vielmehr geht es um die grundsätzliche Problematik der Vorstellung, Mensch und Maschine seien “Dialogpartner” und könnten sich “aneinander gewöhnen” (Mertens 1994a, S.42). Wenn von “Mensch-Computer-Kommunikation” gesprochen wird, verbreitet sich unterschwellig die unsinnige Unterstellung, Maschinen könnten in gleichem Maße wie Menschen Sprache und Situationen verstehen und aus diesem Verstehen heraus handeln. Richtig ist an dieser Formulierung immerhin die Tatsache, daß der Computer kommunikative Funktionen “aufgesogen” hat (Nahe 1988, S.20). Damit geht beim Benutzer das Gefühl einher, dieses Mittel der technischen Kommunikation sei doch irgendwie ein Partner.

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Literatur

  1. 2.
    Der Schein wird verstärkt, wenn interaktiv verwendete Programme nicht mehr im Stapelbetrieb ablaufen, wenn also “statt eines großen Monoliths viele kleine Brocken programmiert vorliegen” (Nake 1988, S.21). Google Scholar
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    Nennt man z.B. die sprachgesteuerten Funktionen von Maschinen (Autos, Computer, Staubsauger etc.) “Dialog”, so wirkt der Dialogbegriff “in der Tat im Orwellschen Sinne verballhornt” (Kocks/Krause 1995, S.3). Google Scholar
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    Anzumerken ist aber, daß die These der Mensch-Maschine-Beziehung im Sinne einer Spiegelbeziehung ebenso an Brisanz verloren hat, wie andere kritische Thesen zur Computernutzung. Auch die Warnung vor einer narzißtischen Faszination, die zur Verschmelzung mit der Maschine führe, ist in den letzten Jahren verstummt; denn das “Downsizing” von der anonymen Großtechnologie zur vertrauten Welt der PC-Nutzung hat vielerorts zu einer nüchternen Einstellung gegenüber der neuen Technik geführt. Vgl. auch in Exkurs I Fußnote 14 auf S.96.Google Scholar
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    Eine Anpassung an das kognitive Niveau des Benutzers ist umstritten. KI-Forschungsvorhaben konzentrieren sich zwar darauf, die Mehrdeutigkeit und Bedeutungsvarianz der natürlichen Sprache zu modellieren. Natürlichsprachliche Bedienungsschnittstellen sind aber in den nächsten Jahren noch nicht zu erwarten. Frank/Kronen 1991, S.136 warnen sogar vor der subtilen Abhängigkeit und Pseudokompetenz natürlichsprachlicher Systeme und der daraus resultierenden möglichen Konfusion. Für Schefe 1992 wäre die Anpassung des Geräts an das kognitive Niveau des Benutzers unakzeptabel, sie grenze an “Freiheitsberaubung”.Google Scholar
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    Hörmann 1991 betont, daß das Prinzip der Sinnkonstanz obligatorisch ist: Die Rezeption einer Äußerung wird gesteuert von der Hörerannahme, daß ihr a priori ein bestimmter Sinn unterliegt, den es aufzuspüren gilt. Vgl. zu Präsuppositionen der Kommunikation Kap.3.3 sowie die Voraussetzungen für Interaktionskompetenz auf S.330f. in Exkurs VII.Google Scholar
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    Vgl. zu Merkmalen benutzerorientierter Dialoggestaltung Ulich 1991, S.256f. und zur Operatio-nalisierung der Kriterien der Kalkulierbarkeit des Computers ebd., S.258f. Google Scholar
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    Seit Jahren ist in der Informatik immer wieder von der “Softwarekrise” die Rede, womit gemeint ist, daß die Komplexität realer Arbeitsvorgänge mit den bekannten Mitteln der Systemanalyse, des Systementwurfs, der Programmierung etc. nicht angemessen genug umgesetzt werden kann (Coy 1989, S.298f.). Die Geschichte der Softwareentwicklung ist auch die Geschichte ruinöser Fehlschläge (Management Informationssysteme, Bildschirmtext, SDI, etc.) und nie eingelöster Versprechen (Menschenleere Fabrik, Papierloses Büro, Automatische Programmierung, etc.). Dies hat theoretische Gründe, z.B. Fehleinschätzungen im Rahmen der Kognitionswissenschaft, und praktische Gründe im Erfassen der Realität, wie Winograd/Flores 1989 zeigen. Die Komplexität dieser Realität verdeutlicht folgende Überlegung von Küpper 1993, S.138: “Durch die Verselbständigung (‘Autonomisierung’) technologisch determinierter Informations- und Ressourcenstrukturen erhält der Strukturierungsprozeß sozio-technischer Systeme eine besondere Qualität. Sie besteht darin, daß die Internalisierung generalisierter Erwartungen nicht nur das Verhalten anderer relevanter Akteure, sondern — hiermit mehr oder weniger eng gekoppelt — das ‘Verhalten’ relevanter Elemente und Aspekte des technischen Systems einschließt”. Er meint u.a. operative Regeln und Techniken der Planung, Konstruktion, Herstellung, Installation, Instandhaltung, Bedienung, Ausmusterung, Ver- und Entsorgung etc. technischer Komponenten und Aggregate. Diese sachlichen “Symbolträger” bilden den — tendenziell — restringierten Code für die Situationsdefinition in “Mensch-Maschine-Interaktionen” (ebd., S.137). Dazu kommt die Beteiligung verschiedener Akteursgruppen (Berufsgruppen, Professionen, “Spezialisten”, “Spezialisierte”) mit ihren je eigenen sozialen Identitäten, Qualifikations- und Interessensstrukturen sowie Entscheidungs- und Handlungsrationalitäten an unterschiedlichen Phasen und Segmenten der Reproduktion technischer Systeme.Google Scholar
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    An eine weitere kommunikative Schwierigkeit sei hier erinnert: Im Software Engineering werden oft massive Sprachbarrieren zwischen EDV-Spezialisten und Anwendern übersehen. So entstehen statt kompetenzfördernder Einfuhrungsprozesse massive zusätzliche Kommunikationsprobleme. Floyd benutzt daher bei ihrem Softwaredesignprozeß “Gestaltungsmetaphern”, die als gemeinsame Sprache von Entwicklern und Benutzern verstanden werden. Mit Begriffen wie “Schreibmaschine”, “Archivierungssystem”, “Werkzeug” oder “Medium” kann an das Vorverständnis der Kunden angeknüpft werden. Auch die Entwickler bekommen ein besseres Gespür für die “Sinnlichkeit” der alten Tätigkeiten, die von ihnen nun formalisiert und damit “entsinn-licht” werden. Neben der Suche nach geeigneten Metaphern wird von Anfang an ein “Glossar” erstellt, das als gemeinsame Sprachbasis dienen soll. In ihm werden die Begrifflichkeiten der Anwenderwelt gesammelt, so daß sich darin ein ausreichendes Fachverständnis widerspiegelt (Floyd 1994). Google Scholar
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    Völlig aus der Welt zu schaffen ist das Problem der doppelten Kontingenz (siehe Fußnote 8 auf S. 166) trotzdem nicht.Google Scholar
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    So unterscheidet z.B. Ulrich 1991 technik- und arbeitsorientierte Gestaltungskonzepte. Nur letztere orientieren sich an einem ganzheitlichen Zuschnitt der Aufgaben; die Regulation der Arbeit erfolgt durch die Operateure, die Allokation der Kontrolle im Mensch-Maschine-System bleibt dezentral. Diese Überlegung wird auch berücksichtigt im “Prinzip des wählbaren Informationsangebots”, mit dem bei der Arbeitsgestaltung verstärkt Tätigkeitsspielräume eingeräumt werden sollen.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen/Wiesbaden 1998

Authors and Affiliations

  • Anton Hahne

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