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Kommunikationsrelevante Aspekte des Strukturmoments „Legitimation“

  • Anton Hahne
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Zusammenfassung

Rekapitulieren wir: Die klassische Organisationsforschung konzentriert sich auf die Struktur und vernachlässigt die handelnden Personen. Das verwundert nicht, denn Handeln ist ein beständiger Fluß “durchlebter Erfahrung”, der kaum in seinen Einzelbestandteilen wahrgenommen wird (Giddens 1984, S.89). Es bedarf eines reflexiven Prozesses, um einzelne Teile zu klassifizieren. Dies geschieht — wie wir gesehen haben — in der strategischen Organisationsanalyse, wo die in verschiedener Form individuell ausgestaltete Macht wahrgenommen wird. Neben diesem Herrschaftsmoment individueller Einflußnahme gilt aber auch, daß die Organisation “einfach durch die Art, wie sie die Kommunikation und die Informationsflüsse zwischen ihren Einheiten und zwischen ihren Mitgliedern ablaufen läßt, “Macht schafft (Crozier/Friedberg 1979, S.52). Wir wollen es nicht bei diesem Hinweis oder dem banalen Rückgriff auf Organigramme bewenden lassen, sondern werden — nach der Thematisierung von Macht und Herrschaft im vorigen Kapitel — nun organisational Normen, Regeln und Muster auf ihre kommunikative Bedeutung hin untersuchen. Mit ihnen legitimiert sich die Organisation bzw. jedes der in ihr agierenden Mitglieder. Die normative Orientierung in der Alltagssprache soll uns zuerst beschäftigen. Danach werden wir erneut die Frage behandeln, wie Individuen als Organisationsmitglieder eingebunden sind. Wir wollen dabei Muster thematisieren, die das politische Geschehen im Unternehmen entscheidend prägen.

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Literatur

  1. 1.
    Beim Neurolinguistischen Programmieren (NLP) wird die Übereinstimmung von Sprachverhalten, Körperhaltung etc. zum Kommunikationspartner trainiert, um auf ihn besser einwirken zu können. Vgl. Kap.9.2.1, S.417f.Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. zur Attributionstheorie auch Kap.7.4, dort S.318f.Google Scholar
  3. 3.
    Der klassische Arbeitskontakt zwischen Vorgesetztem und Mitarbeiter gilt als ungleich, aufgabenorientiert und formell, eher als konkurrierend und feindselig, denn als kooperativ und freundschaftlich. Vgl. Argyle/Henderson 1986, S.305. Google Scholar
  4. 4.
    Derartige Beispiele von “Banana Time” werden häufig zitiert; hier nach Roy1959 von Argyle/Henderson 1986, S.317f.; ähnlich auch Neuberger 1988b, S.53ff. und Hanft 1991, S.176; vgl. zu “Spielen” die Ausführungen in Kap.6.3.2, S.249ff.Google Scholar
  5. 5.
    “Ratebuster” sind Preisverderber und “Goldbricker” Drückeberger. Vgl. Eunson 1990, 8.49, der auch gruppendynamische Aspekte wie “zerstörerische Rollen” und die Erzwingung von inoffiziellen Normen behandelt; siehe dort S.430ff. Vgl. auch das bei Seemann/Meier 1991 aufgelistete Repertoire an Schikanen.Google Scholar
  6. 6.
    Die Formalstruktur wurde in Kap.5.3.2 auf S.217ff. behandelt.Google Scholar
  7. 7.
    Kritisch äußert dazu Saurwein 1993, S.58, Evolutionsfähigkeit werde unter der Hand mit Fortschrittsfähigkeit übersetzt. Als Kriterium der Fortschrittsfahigkeit fungiere das unbestimmbare Ausmaß, in dem Betroffene und Beteiligte höhere Niveaus der Bedürfnisbefriedigung und Interessensberücksichtigung erfuhren. Geht man von der Inkommensurabilität ihrer Lebenswelten aus — wer solle dann die Maßstäbe dafür begründen können (dürfen), nach denen sich prinzipiell inkommensurable Niveaus der Bedürfnisbefriedigung messen oder vergleichen ließen?Google Scholar
  8. 8.
    Die “Rettung der Rationalität” wurde schon häufig versucht. Entsprechende Arbeiten (vgl. etwa Küpper/Ortmann 1988 oder Türk 1989) erweitern die Kirschsche Perspektive entscheidend. Ob Kirsch wirklich einen gangbaren Ausweg aus der Rationalitätsproblematik aufzeigt, erscheint fraglich; denn die positivistische Vorstellung eines sozialen Wandels durch Evolution befriedigt nicht. “Human history does not have an evolutionary ‘shape’”, formuliert Giddens 1988 (zitiert nach dem englischen Original 1984, S.236). Ähnlich Müller, der betont, daß es keine “world-growth-story” gäbe, denn die reflexive Verfassung sozialen Lebens verhindere den Ablauf nach einfachen Kausalgesetzen (Müller 1992, S.190). Google Scholar
  9. 9.
    Von organisationalen “Pathologien” spricht — unter einem psychoanalytischen Blickwinkel — auch Kets de Vries; vgl. zu seiner Diagnostik den Sammelband Kets de Vries and Ass. 1991. Organisationspathologien sind dabei von reinen “Informationspathologien” (Scholl 1992a, Sp.900ff.) zu unterscheiden.Google Scholar
  10. 10.
    Ist die Organisationsstruktur so komplex, daß sie die kognitive Kapazität des Individuums überfordert, resultiert (strukturelle) Überlastung, ist die Unsicherheit zu groß, so ergibt sich (strukturelle) Ambivalenz. Rollen- und Abteilungskonflikte basieren auf strukturellen Widersprüchlichkeiten. Gegenüber diesen Formen der “Überkomplizierung” grenzt Türk die “Übersteuerung” des Individuums ab, bei der die Eigenkomplexität des Individuums die der Organisationsstruktur erheblich übersteigt, weil letztere zu simpel, zu rigide oder zu repressiv ist. Das dritte pathologische Grundmuster sieht Türk in der “Überstabilisierung” der Organisation, die dann als scheinbar unveränderliche, objektive Gegebenheit erfahren wird. Vgl. Türk 1976; zusammengefaßt in Stolz/Türk 1992, Sp.853f. Google Scholar
  11. 11.
    Laut Türk 1989, S.34ff. ist die Rationalität oft nur Mythos und dient als legitimierende Fassade.Google Scholar
  12. 12.
    Vgl. zu Ritualen auch Kap.6.3.3, S.253ff.Google Scholar
  13. 13.
    Beim Zustandekommen eines Arbeitsvertrages wird von den beteiligten Akteuren ein gemeinsamer Gültigkeitsrahmen von Verhaltensregeln hergestellt, dem ein Ausschnitt aus den Verhaltensregeln der Formalstruktur zugrundeliegt; vgl. Küpper 1993, S.113. Google Scholar
  14. 14.
    Vgl. Abb.23 auf S.294.Google Scholar
  15. 15.
    Vgl. Kap.7.3.2, S.303ff.Google Scholar
  16. 16.
    Mit den Vernaltensforschern Konrad Lorenz oder Irineus Eibl-Eibelsfeld lassen sich universelle Regeln anführen, die offensichtlich angeboren sind. Sprachwissenschaftliche Universalisten, wie z.B. Chomsky, gehen ferner davon aus, daß ein grammatikalisches Grundgerüst vererbt und in der sprachlichen Sozialisation nur modifiziert wird. Darauf soll in unserem Zusammenhang aber nicht weiter eingegangen werden.Google Scholar
  17. 17.
    Vgl. zur wechselseitigen Akzeptanz des “kooperativen Prinzips” Grice 1975; zitiert nach Henne/Rehbock 1982, S.23; vgl. zur Sinnkonstituierung nach Schütz: Brinker/Sager 1989, S.121ff. Google Scholar
  18. 18.
    Habermas 1987a, S.371 verwirft Grice als “intentionale Semantiker”. Seine nominalistische Bedeutungstheorie eigne sich “nicht zur Aufklärung des Koordinationsmechanismus sprachlich vermittelter Interaktionen, weil sie den Akt der Verständigung seinerseits nach dem Muster konsequenzenorientierten Handelns analysiert”. Vgl. zur Diskussion der “handlungstheoretischen Semantik” die Beiträge in Meggle 1993, auf die an dieser Stelle nicht weiter eingegangen wird.Google Scholar
  19. 19.
    Um den Zusammenhang von Bedeutung und Intention in Kommunikationen zu diskutieren, konstruieren Semantiker Beispiele wie: “Ein Angestellter spielt gegen seinen Chef Bridge. Er will sich bei seinem Chef lieb-Kind-machen und will daher, daß sein Chef das Spiel gewinnt. Des weiteren will er, daß sein Chef weiß, daß er will, daß er gewinnt (sein Chef sieht eine derartige Kriecherei gar nicht ungern). Er will jedoch nichts tun, was allzu penetrant wäre, wie wenn er’s dem Chef etwa direkt sagte oder es ihm letztlich durch eine auf ein Signal hinauslaufende Handlung zu verstehen geben würde — fürchtet er doch, daß dem Chef eine derart krude Kriecherei nun auch wieder nicht so ganz paßte. So macht er sich also an die Verwirklichung des folgenden Plans: Wenn er gute Karten bekommt, lächelt er — und zwar so, daß sein Lächeln einem spontanen Lächeln zwar sehr ähnlich sieht, aber eben doch nicht so ganz. Dieser Unterschied soll von seinem Chef bemerkt werden, woraufhin dieser dann die folgende Überlegung anstellen soll: ‘Das war kein spontanes Lächeln — er tut nur so, als sei es spontan. Das könnte nun einfach ein Versuch sein, mich reinzulegen (vielleicht hat er in Wirklichkeit ganz schlechte Karten). Wir spielen nun aber nicht Poker, sondern Bridge. Und er würde mich, seinen Chef, wohl nicht durch eine derartige Ungehörigkeit aufs Kreuz legen wollen. Also hat er vermutlich gute Karten; und da er mich gewinnen lassen will, wird er gehofft haben, daß ich dadurch darauf komme, daß er gute Karten hat, daß ich sein Lächeln für spontan halte. Nun, da dem so ist, werde ich also nicht höher reizen” (Grice 1993, S.24).Google Scholar
  20. 20.
    Nach Schwarz/Chur 1993, S.92, die sich auf Leech 1983 beziehen, ist diese Maxime besonders in Japan ausgeprägt.Google Scholar
  21. 21.
    Wittgenstein 1989 und die “praktischen Semantiker” betonen z.B., ein Kind lerne nicht, daß es Bücher gibt oder daß es Sessel gibt, sondern es lerne, Bücher zu holen und sich auf Sessel zu setzen. Es lerne die soziale Praxis und erschließe daraus die abstrakten Regeln und Bedeutungen.Google Scholar
  22. 22.
    Weicks “GSR-Konzept” wurde schon in Kap.2.3 vorgestellt.Google Scholar
  23. 23.
    Zur Spielmetapher vgl. auch Argyle 1989, S.351f. sowie das (auf S.249ff.) folgende Kap.6.3.2.Google Scholar
  24. 24.
    Daß dies doch nicht immer gelingt, beweist die Problematik der “Emotionsarbeit”. Vgl. dazu Kap.8.3.2, S.367.Google Scholar
  25. 25.
    Vgl. oben S.239f. in Kap.6.1.Google Scholar
  26. 26.
    Um auch ein Beispiel für eine kulturspezifische Regel am Arbeitsplatz zu nennen: In Japan gilt: Man sollte dem anderern bedingungslose positive Wertschätzung entgegenbringen. Vgl. zu kulturspezifischen Normen auch Kap.7.5 auf S.323ff.Google Scholar
  27. 27.
    Vgl. Neuberger 1988b, S.53ff., 1995b, S.192ff.; Türk 1989, S.126ff. Beide nehmen u.a. Bezug auf Burawoy 1979 und Crozier/Friedberg 1979. Google Scholar
  28. 28.
    Vgl. im vorangegangenen Kap.6.3.1.Google Scholar
  29. 29.
    Die Gruppe oder die Organisation gibt dem Mitglied eine einheitliche Identität, die Mead als den “generalisierten Anderen” (“generalized other”) bezeichnet und dessen Verhaltenserwartungen in Form von Spielregeln, Werten und Normen vorgegeben und positions- und situationsspezifisch ausdifferenziert sind (Maier 1991 mit Verweis auf Mead 1980a, S.196 und Joas 1989). Google Scholar
  30. 30.
    Vgl. die Darstellung des Spiels “Making out” in Neuberger 1995b, S.269ff. Google Scholar
  31. 31.
    Parallelen zu Burawoys Spiel “Making out” finden sich in der Untersuchung von Schwandt 1995, S.130f. Auch in der dort beschriebenen Abteilung setzt das “shop management” das Prinzip “Produktivität” gegen die Geschäftsleitung durch, d.h. gegen deren Anweisung, aber ganz in derem Sinn. Vgl. auch Schwandt 1995, S.45, 79ff. Google Scholar
  32. 32.
    Vgl. u.a. S.212 in Kap.5.3.1.Google Scholar
  33. 33.
    Zu Unsicherheitszonen vgl. S.216 in Kap.5.3.1.Google Scholar
  34. 34.
    Siehe oben in Kap.5.3.2 auf S.245.Google Scholar
  35. 35.
    Man sollte vielleicht genauer formulieren: Das Spiel macht als theoretisches Konstrukt eine von außen beobachtete Integration verständlich. Abweichend dazu wird das (politische) Spiel von einigen Autoren als illegitim, da eigensüchtig angesehen. In diesem Sinne hat Mintzberg 1991, S.245ff. einen Katalog von 13 mikropolitischen Spielen in Organisationen zusammengestellt; vgl. zusammenfassend Neuberg er 1995b, S.195ff. und kritisch kommentierend Küpper 1993, S.302ff. Google Scholar
  36. 36.
    Wittgenstein 1989, § 108, Absatz d und § 75, Absatz b.Google Scholar
  37. 37.
    “Theoretisch-wissenschaftliche Ambitionen im Sinne einer systematischen Ordnung oder im Sinne einer Eröffnung von möglichst weitreichenden und möglichst mannigfaltig kombinierbaren Perspektiven wissenschaftlichen Fortschritts mit dem Endziel einer Integration aller Human-Wissenschaften liegen Wittgenstein völlig fern” (Nilsson 1992, S.36). Google Scholar
  38. 38.
    Vgl. Schirmer 1991, 1992 sowie Schirmer/Smentek 1994, S.68f., die die Argumentation von Hirschman 1974 aufgreifen.Google Scholar
  39. 39.
    Dieses EVLN-Modell wird zur Analyse der Arbeitszufriedenheit gebraucht. Vgl. Niedl 1995, S.165ff. Google Scholar
  40. 40.
    Lullies u.a. 1993, S.99 zeigen die Doppelwirklichkeit exemplarisch an der Regelung der Kooperation zwischen Konstruktion und Versuch sowie an der “Freigabe-Regelung” neuer Produktentwicklungen.Google Scholar
  41. 41.
    Vgl. auch weitere Überlegungen zum Technikeinsatz in Kap.9.3.Google Scholar
  42. 42.
    Eine Rolle wird funktionalistisch als “Bündel von Verhaltensnormen” definiert. Das Individuum entwickelt seine Identität, “indem es sich einerseits vorgegebener Rollen bedient und andererseits gleichzeitig von der durch diese Rollen angezeigten Identität distanziert und auf diese Weise auf ein durchgängiges Sich-Selbst-Gleichsein verweist” (Miebach 1991, S.84f. mit Verweis auf Goffman [z.B. 1973b, S.149]). Krappmann 1972, S.138 betont, daß auch umgekehrt die Ich-Identität eine notwendige Bedingung für die Rollendistanz darstellt: “Rollendistanz ist ein Korrelat der Bemühung um Ich-Identität”. Er differenziert vier identitätsfördernde Fähigkeiten: (1.) Rollendistanz, (2.) Empathie und “Role Taking”, (3.) Ambiguitätstoleranz und (4.) Identitätsdarstellung. Vgl. im einzelnen Krappmann 1972, S. 132–173. Google Scholar
  43. 43.
    Giddens — der den Begriff Ritual meidet — betont, daß Routinen in psychologischer Hinsicht der Verringerung unbewußter Angstquellen dienen. Vgl. Giddens 1988, S.113ff., 336. und Goffman 1973b, S.118.Google Scholar
  44. 44.
    Der Begriff “Ritual” stammt eigentlich aus der Religionssoziologie und wird dort im Zusammenhang mit genau vorgeschriebenen Handlungen zur Verehrung höherer Wesen verwendet (Miebach 1991, S.89). Ausführlich gehen auch Neuberger/Kompa 1987, S. 159–173 auf Rituale ein. So zeigen sie am Beispiel der Personalbeurteilung die Entstehung und Funktion von Ritualen (vgl. ebd., S.172f.). Google Scholar
  45. 45.
    Die klassische Soziologie teilt das “Ritual” in positive und negative Riten ein, die im Rahmen von (ursprünglich religiösen) Zeremonien die bestehende Ordnung des Handelns, Denkens und Erlebens festigen. Vgl. Durkheim 1981. In der neueren Soziologie wurde der Begriff — z.B. durch Goffman 1986 — popularisiert und von Anthropologen — z.B. Douglas 1986; Schwartzman 1989 — sowohl bei der Analyse von Industriegesellschaften wie Stammeskulturen verwendet. Neuberger/Kompa 1987, S.161ff. stellen tabellarisch einige Riten aus Eingeborenenstämmen und Wirtschaftsunternehmen gegenüber, um zu veranschaulichen, “daß in allen großen Unternehmen eine Fülle von Prozeduren existieren, die nicht (nur) durch zweckrationale Begründung legitimiert sind, aber auch nicht töricht, überflüssig oder gar schädlich genannt werden können.”Google Scholar
  46. 46.
    Zur Gleichzeitigkeit individueller und kollektiver Perspektiven bei ritualisierten Lösungen vgl. auch Neuberger/Kompa 1987, S.160f. Google Scholar
  47. 47.
    Der Durkheimsche Bezug des Ritus auf ursprünglich religiöse Systeme kommt noch in dem Begriff des Initiationsritus zum Ausdruck, den Fiehler 1980, S.283 in eigener Sache erläutert: “Dissertationen sind ein höchst effektiver Initiationsritus: Wer sie durchsteht, hat gezeigt, daß er in der Lage ist, eine Arbeitsanforderung, deren Realisierung an die zwei Jahre dauert, zu strukturieren, daß er in der Lage ist, sich Tag für Tag freiwillig wieder an den Schreibtisch zu zwingen, kurz: daß er der Außenkontrolle nicht mehr im gesellschaftlich üblichen Maß bedarf. Er hat sie in sich, und so ist es auch nicht verwunderlich, daß man aus dem Promotionsverfahren anders herauskommt, als man hineingegangen ist. Die Effektivität dieses Initiationsritus habe ich unterschätzt.”Google Scholar
  48. 48.
    Vgl. Goffman 1986, S.70ff., 79ff. Eng mit Ritualität ist die Art der Selbstpräsentation verknüpft, die sich in der “vorderseitigen” und “rückseitigen” Region unterscheidet. Vgl. S.284 in Kap.7.1.Google Scholar
  49. 49.
    Um ein Beispiel zu nennen: Als offizielles Ziel eines Personalauswahlverfahrens wird oft der leistungsfähigste und kreativste Bewerber gesucht; unausgesprochen geht es aber um die Selbstrekrutierung des Managements, also um den an betriebliche Normen vorweg angepaßten Bewerber.Google Scholar
  50. 50.
    Vgl. sein Stratifikationsmodell auf S. 186 in Kap.4.4.Google Scholar
  51. 51.
    Leicht modifiziert nach Lüger 1980, S.37. Zu den Sprachfunktionen (außer “appellativ”, “ästhetisch” und “expressiv”): “performativ” heißt, die sprachliche Äußerung wird zugleich außersprachlich vollzogen; “phatisch” heißt kontaktknüpfend (z.B. bei Begrüßungsformeln); “referentiell” heißt auf die außersprachliche Wirklichkeit bezugnehmend.Google Scholar
  52. 52.
    Dieses dient — laut Lüger 1980, S.25 — der zusätzlichen Absicherung, denn nach der expliziten Verpflichtung auf das vorgeschriebene Ritual kann jede Abweichung sanktioniert werden.Google Scholar
  53. 53.
    Zur Strategie in Verkaufsgesprächen vgl. exemplarisch Hahne 1989.Google Scholar
  54. 54.
    Es handelt sich z.B. um memorierende Äußerungen, Selbstreflexionen, das “Monitoring” (der Umgebung, des Selbst und der eigenen Handlungen), z.B. “Ganz ruhig bleiben, Gerd, ganz ruhig, jetzt bloß nicht explodieren”. Fiehler 1994, S.181ff. unterscheidet davon Formen wie: Befindlichkeitsäußerungen, handlungsbegleitende Verbalisierungen, Wortspiele, Sprechen mit Gegenständen bzw. Tieren.Google Scholar
  55. 55.
    Daneben wird die Vorstellung der Interiorisierung der sozialen Interaktion vor allem von Mead 1980a vertreten. Interiorisierung ist die Voraussetzung zur Ausbildung von Ich-Instanzen (I und Me bzw. der generalisierte Andere).Google Scholar
  56. 56.
    Die Überlegungen Wygotskis zur “Interiorisierung” werden in der sowjetischen Tätigkeitstheorie weitergeführt. Auch diese beschäftigt sich mit der Entstehung des Psychischen aus äußeren, materiellen Handlungen. Auf dieses Konzept der sowjetischen Psychologie baut der Arbeitspsychologe Hacker auf, wie wir in Kap.1.2.4, S.54 gezeigt haben. Hacker betont sowohl für die antriebsregulative Funktion wie in ausführungsregulatorischer Hinsicht die große Bedeutung des inneren Sprechens. Eine Selbstinstruktion oder ein Selbstbefehl wird dabei in Anlehnung an Wygotski als Interiorisierung eines ursprünglich äußeren kommunikativen Dialogs verstanden.Google Scholar
  57. 57.
    Vgl. Castaneda 1972, der als Ethnologe entsprechende indianische Praktiken beschreibt, “die Welt anzuhalten”. Eine andere Form von Meditation ist eher eine Selbstbesinnung, in der reflexiv und autosuggestiv an der Verbesserung der eigenen Kommunikation “gearbeitet” wird; vgl. z.B. die Anleitungen in Beattie 1991, S.114f., 199.Google Scholar
  58. 58.
    Wir werden auf S.405f. (in Kap.9.2) einige Vorschläge zum sinnvollen Umgang mit dem inneren Dialog zusammenfassen.Google Scholar
  59. 59.
    Holzkamp 1993, S.300f., der u.a. auf Schönpflug verweist, bei dem der “äußere” Aspekt des Behaltens und Erinnerns in “computersprachlicher” Begrifflichkeit als “externer Speicher” gilt. Deutlich wird dabei zweierlei: Erstens tritt zu dem jeweiligen Inhalt die Erinnerung, wo und wie Verfügbarkeit besteht, und zweitens besteht eine Verknüpfung von Inhalt und Quelle/Träger/Herkunft. Das Behalten bestimmter Inhalte (Silben, Worte, Sätze etc.) ist daher abhängig von deren Träger.Google Scholar
  60. 60.
    Vgl. zum Zusammenhang von Externalisierung, Materialisierung und Retention: Becker/Küpper/Ortmann 1988, S.101.Google Scholar
  61. 61.
    Holzkamp 1993, S.258, der dies anschaulich anhand seines Selbstkommentars beim Hören von Schönbergs Orchestervariationen exemplifiziert.Google Scholar
  62. 62.
    Die Methode der offenen Frage ist eng verknüpft mit der Theorie des “deutero learnings”, einem Organisationslernen, das den Rahmen des rationalen Erschließungslernens (im Sinne von “double-loop learning” nach Argyris/Schön) überschreitet.Google Scholar
  63. 63.
    Die Untersuchung sogenannter “Mehrinstanzenkonzepte” des Ichs (vgl. Tab.11 auf S.188) zeigt, daß sie “innere Sprecherwechsel” beinhalten, z.B. Adressierung durch Namensnennung (“Sehr geschickt, Reinhard”), Frage-Antwort-Sequenzen (“Hab ich die Kaffeemaschine ausgestellt? — Ja.”) und Aufforderungen aneinander (“Los geht’s.”); vgl. Fiehler 1994, S.190ff.Google Scholar
  64. 64.
    Küpper 1993, S.109, der — wie oben erwähnt — ergänzt, der Konsensrahmen der Spielstruktur werde in Frage gestellt, wenn aufgrund eines inneren Dialogs die bisherige “einseitige Akzeptanz” aufgehoben wird, weil z.B. die einseitig geringeren Chancen persönlicher Interessenverfolgung bewußt werden (ebd., S.111).Google Scholar
  65. 65.
    Vgl. Kap.6.3.2, S.252.Google Scholar
  66. 66.
    Vgl. u.a. S.393 in Kap.9.1.1.Google Scholar
  67. 67.
    Ortmann 1995a, S.228, der mit Giddens argumentiert, daß es auch für moralische Kritik keinen verläßlichen Boden geben könne.Google Scholar
  68. 68.
    Als postmoderner Skeptiker könnte man die Frage aufwerfen, ob es heutzutage Sinn macht, eine Ethik zu (re-)konstituieren und dabei das Unbewußte zu ignorieren. Nur ein vernünftiges Subjekt, das seiner Handlungen Herr ist, scheint vernünftige Regeln und Normen des Handelns entwerfen und befolgen zu können. Daß aber das Ich nicht “Herr im eigenen Haus” ist, war Freuds psychoanalytische Entdeckung schon Anfang des 20.Jahrhunderts. Wir teilen diese Auffassung jedoch nicht, denn wie in Kap.4.4 (vor allem in Abb. 17 auf S.186) gezeigt, muß man genauer zwischen verschiedenen Bewußtseinsschichten unterscheiden.Google Scholar
  69. 69.
    Vgl. o. V. 1991, S.22. Die Untersuchung basiert auf einer relativ kleinen Stichprobe und ist nur beschränkt valide. Sie wird hier wiedergegeben, um das kommunikative Phänomen der “Ehrlichkeit” zu thematisieren.Google Scholar
  70. 70.
    Die “Kleine Moral” postmoderner Spielart “ist die Moral mit den verkleinerten und beweglichen Maßstäben: mit dem Verzicht auf allzu langfristige, gar lebenslange Loyalitäten, mit dem Selbstverwirklichungsvorbehalt bei jedem Risiko, mit dem Insistieren auf Umtauschrecht bei jeglichem Engagement, aber eben auch ganz allgemein die Moral mit der Individualisierung aller Konflikte, mit der Vergleichgültigung gegenüber dem großen Konsens, mit der Verdächtigung aller universalistischen Begriffe” (Metz 1994, S.I). Diese “Kleine Moral” ist die Moral der “befriedigten Mehrheit”. Als “Grenzmoral” kümmert sie sich kaum um die unbefriedigten Minderheiten, um die Leiden der anderen, sondern genügt sich im minimal moralischen Verhalten, das man zeigen muß, um weiter am gesellschaftlichen Verkehr teilnehmen zu können (ebd.).Google Scholar
  71. 72.
    “Nimm, was Du kannst!” heiße eine von der Allgemeinheit stillschweigend akzeptierte Regel. Analog zu den Ratschlägen Macchiavellis an Fürsten werde es als nützlich angesehen, Tugenden zur Schau zu tragen, und als schädlich, sie stets auszuüben. Beispielsweise versuchten ca. 70% der Steuerzahler das Finanzamt zumindest versuchsweise “ausgetricksten”; es fühlten sich nur ca. 40% dabei nicht schuldig und nur ca. 50% billigten, wenn andere Leute das Finanzamt betrügen. Vgl. o.V. (in: Psychologie heute) 1991, S.20.Google Scholar
  72. 73.
    Ähnliche Überlegungen stellt Neuberger 1990c, S.293ff. an. Ein wesentliches Korrektiv gegen Fehlentwicklungen wird von ihm im kommunikativen Element “Öffentlichkeit herstellen” gesehen.Google Scholar
  73. 74.
    Vgl. Lüdtke/Schweitzer 1993, S.469, die zur Diskussion den Rational-Choice-Ansatz heranziehen.Google Scholar
  74. 75.
    Es gilt gerade als das Verdienst Kants, moralisches Handeln nicht an vielfältige Folgen oder wandelbare Zwecke zu binden. Wir wollen diese moralphilosophischen Fragen aber nicht weiter vertiefen.Google Scholar
  75. 76.
    Habermas sieht die Diskursethik als Zusammenführung von Positionen Kants und Hegels: “Sie beharrt wie Hegel auf dem internen Zusammenhang von Gerechtigkeit und Solidarität, aber im Kantischen Geiste” (Habermas 1991, S.100). Vgl. auch Schönrich 1993, S.9ff., der die Notwendigkeit (aber auch die Grenzen) der Diskursethik ausführlich diskutiert.Google Scholar
  76. 77.
    Zu Königs Ideal einer innerbetrieblichen “kritischen Öffentlichkeit” vgl. Fußnote 52 auf S.122.Google Scholar
  77. 78.
    Leicht abgeändert übernommen von Rebstock 1993, S.812.Google Scholar
  78. 79.
    Zur Erlernbarkeit von kommunikativer Kompetenz in einem umfassenderen Sinn vgl. Exkurs VII.Google Scholar
  79. 80.
    Vgl. zur gesellschaftlichen Verantwortung des Managers auch Wagner/Nolte 1993, S.14ff.; Ulrich/Thielemann 1992; Steinmann/Löhr 1991; Löhr/Osierloh 1993.Google Scholar
  80. 81.
    Vgl. auch die umfassende Monographie von Kreikebaum 1996.Google Scholar
  81. 82.
    Vgl. Lattmann 1993, S.223f.; Rasmussen 1993, S.514ff. und Kreikebaum 1996, S.84ff.Google Scholar
  82. 83.
    Diese drei Merkmale der Transsubjektivität werden von Steinmann/Löhr um das Merkmal “Sachverständigkeit” erweitert.Google Scholar
  83. 84.
    Vgl. in Kap.2.4, S. 125f. und zur Rationalität S.244 in Kap.6.2.Google Scholar
  84. 85.
    Ulrich wehrt sich allerdings dagegen, daß ihm der “platte Konsensfetischismus der Ökonomen” unterstellt wird. Hier werde die Diskursethik mit der Institutionenökonomik unzulässig vermischt; vgl. den Briefwechsel Ulrich/Ortmann in Ortmann 1995a, S.241ff., hierzu S.248.Google Scholar
  85. 86.
    An dieser Stelle sei auch noch einmal auf Rebstock 1993, S.813 hingewiesen, nach dessen Ansicht sowohl das formalethische Konzept von Steinmann/Löhr als auch das von Ulrich scheitern müssen, wenn nicht gesehen wird, daß jedes diskursethische Programm in Unternehmen Akteure voraussetzt, “deren moralische Entwicklung nicht auf dem präkonventionellen oder konventionellen Niveau stagniert, sondern bis zur postkonventionellen, formal-ethischen Argumentationsfähigkeit fortgeschritten ist.” Rebstock greift damit auf die “moralgenetische” Theorie Kohlbergs zurück, der — wie aus Tab.15 auf S.265 zu ersehen — unterstellt, daß die moralische Entwicklung im Erwachsenenalter beeinflußbar bleibt.Google Scholar
  86. 87.
    Homann/Blome-Drees 1992, S.185, die Kirsch/Knyphausen 1988, S.498 zitieren. Zur Fundierung der Fragen einer betriebswirtschaftlichen Unternehmensethik vgl. auch die Aufsätze von Löhr/Osterloh 1993, Pies/Blome-Drees 1993 und Hox 1993 sowie die Monographie von Blickle 1994b.Google Scholar
  87. 88.
    Vgl. zur “Technokratiethese” Kap.3.1, S.140.Google Scholar
  88. 89.
    Vgl. zur systemischen Rationalisierung die Auseinandersetzung zwischen Baethge/Oberbeck 1990, S.149ff. und Ortmann 1995a, S.177ff.Google Scholar
  89. 90.
    Abgesehen von den Schwierigkeiten, Untemehmenspolitik und strategisches Management zu differenzieren (Was leitet sich woraus ab?), ist empirisch die These Ulrichs nicht bewiesen, nach der es zu einer fortschreitenden Differenzierung systematisch verschiedener Führungsprobleme komme, zu deren erfolgreicher Bewältigung unterschiedliche Rationalisierungsaspekte beitrügen. Ulrich 1990, S.244 sieht deshalb neben der Differenzierung eine fortschreitende Überlagerung der drei Rationalitätsmuster: Jede Rationalisierungsform bilde nach einiger Zeit einen zu engen Rahmen, denn ihm lägen ungelöste ökonomische Voraussetzungen zugrunde, mit denen sich dann eine neuere Form befasse.Google Scholar
  90. 91.
    Wie oben ausgeführt, umfaßt die Idealvorstellung kommunikativer Handlungen, Handlungspläne der beteiligten Aktoren, die nicht über egozentrische Erfolgskalküle, sondern über Akte der Verständigung koordiniert werden. Die Beteiligten sind nicht primär am eigenen Erfolg orientiert; sie verfolgen ihre individuellen Ziele nur dann, wenn sie ihre Handlungspläne auf der Grundlage gemeinsamer Situationsdefinitionen gut aufeinander abstimmen können (Habermas 1987a, S.385).Google Scholar
  91. 92.
    Die Abkürzung steht für die Begriffe Leitung, Organisation und Mitbestimmung.Google Scholar
  92. 93.
    Am LOM-Programm, das in manchem dem deutschen HdA-Programm “Arbeit und Technik” ähnelt, beteiligten sich in seiner Kemphase 1985–1990 148 Organisationen mit 72 Projekten. Es wurde im Sinne der Action Research-Forschung von 64 Wissenschaftlern begleitet. Diese verstanden sich meist als “facilitator” (Organisatoren und Moderatoren), Gesprächspartner, Verkäufer (bestimmter Methoden) und gelegentlich als Advokaten (bestimmter betrieblicher Interessen) (Naschold 1992, S.91ff., 128ff.; Engelstad/Gustavsen 1993, S.219ff.).Google Scholar
  93. 94.
    Die Effizienz ist angesichts der Heterogenität der verschiedenen Programmstrategien kaum einzuschätzen. Eine Evaluation nach Projektschluß konnte nicht sicher bestätigen, daß die Erwartungen in jedem Fall erfüllt wurden. (Naschold 1992, S.102).Google Scholar
  94. 95.
    Vgl. auch (eine ähnliche Kriterienliste in) Naschold 1992 sowie Engelstad/Gustavsen 1993 und Gustavsen 1993.Google Scholar
  95. 96.
    Naschold 1992, S.60 gibt den idealtypischen Ablauf einer Dialogkonferenz (als Projekt-Entwicklungskonferenz) wieder. Weitere Kommunikationsinstrumente sind: Arbeitsplatztreffen, Projektgruppen, Haupttreffen (mit Akteuren aus verschiedenen Projektgruppen), Studienkreise (zum Wissenserwerb), Dialog-Treffen für Führungskräfte und Koordinationsgruppen (Unterstützungsgruppen mit Organisationsleitern und Gewerkschaftern).Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen/Wiesbaden 1998

Authors and Affiliations

  • Anton Hahne

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