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Probleme und Chancen der Massendemokratie

  • Thomas Meyer
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Zusammenfassung

Nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft meldet sich Geiger wiederholt als politischer Soziologe, Zeitdiagnostiker und Zeitkritiker zu Wort. Sein Interesse an Fragen der Demokratie konzentriert sich dabei vor allem auf zwei Problemfelder der politischen Entwicklung: das der Stimmungspolitik und das der Expertenherrschaft.

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Literatur

  1. 429.
    Deshalb attestiert Geiger an einer Stelle auch tendenzielle Konvergenzlinien zwischen faschistischer, stalinistischer und demokratischer Herrschafts form. Während er im Westen eine zwischen kapitalistischen Markt- und sozialistischen Planungsprinzipien pendelnde “Restriktionswirtschaft ohne koordinierenden Plan” ausmacht, sieht er in der Sowjetunion eine “diktatorische Bürokratie” am Werke (KSch, 223).Google Scholar
  2. 430.
    Nichts hat laut Geiger so sehr zur Verbesserung der Lage der Arbeiter beigetragen wie die politische Demokratie. Deshalb nennt er den beliebten Einwand, die Demokratie sei nur formal und ohne reellen Wert für die Arbeiterklasse, “demagogisch und verlogen” (KSch, 73). An anderer Stelle wird hierzu von ihm bemerkt: “Gerade die ‘bloß formale’ politische Gleichberechtigung vieler Menschen hat sich als äußerst effektive Art und Weise der Abwehr der wirtschaftlichen Übermacht der Wenigen erwiesen. Liegt nicht eben darin die bedeutungsvollste gesellschaftshistorische Funktion der Demokratie?” (1947, 7)Google Scholar
  3. 431.
    Die Einschränkung des Bewegungsspielraums des Kapitals zeigt sich aber auch darin, daß diesem das von den Gewerkschaften repräsentierte kollektive Lohnarbeitermonopol entgegengestellt wird. Nach Geiger ist die große Einflußstärke der Interessenverbände ein Signum des Spätkapitalismus (1949NL, 19). Lohnarbeit und Kapital stehen sich dort gleichsam als “organisierte Fronten” (KSch, 203) gegenüber. Die Macht der Interessenverbände sieht er aber nicht als Widerspruch zu dem von ihm behaupteten Primat der Politik, da s. E. die Magnaten der Wirtschaftsverbände aufgrund ihres halbstaatlichen Charakters mit einem Bein in der Wirtschaft, mit dem anderen aber in der Politik stehen (1949NL, 25).Google Scholar
  4. 432.
    Erinnert sei nur an die düsteren Visionen Max Webers (1972), der in Anbetracht des “unaufhaltsamen” (836) Siegeszuges der Bürokratisierung das “Gehäuse jener Hörigkeit” beschwört, “in welche vielleicht dereinst die Menschen sich, wie die Fellachen im altägyptischen Staat, ohnmächtig zu fügen gezwungen sein werden” (835). Ähnliches gilt für Tönnies. Ausgehend von seiner Präferenz für Sozialformen, die eher spontanen und ungezwungenen denn bürokratisch verordneten Mustern folgen, wird die Bürokratie hauptsächlich unter dem Gesichtspunkt einer Bedrohung der individuellen Kreativität gesehen. 431 Seit Alexis de Tocquevilles Über die Demokratie in Amerika (1976)gehört es zum Standardrepertoire kritischer Bürokratietheorien, die Diktatur der Verwaltung als demokratische Fehlentwicklung zu prob-lematisieren.Google Scholar
  5. 434.
    Diese Auffassung ist es auch, die Geiger veranlasst, dem Dezentralismus eine entschiedene Absage zu erteilen (DoD, 221 f.; 1951, 184): “Zentralisierte Massengesellschaft ist schlechthin die Organisationsform des technischen Zeitalters. Dezentralisierung hätte ihren Preis: den Rückgang auf eine niedrigere Stufe der Technik. Romantische Gemüter mögen geneigt sein, diesen Preis zu bezahlen. Glücklicherweise ist ihnen nicht die Wahl gelassen” (1951, 184). Dementsprechend werden überzogene Vorstellungen einerplebiszitären Demokratie als Spiel in “demokratische(r) Puppenstube” und lokale “Bagatellendemokratie” (1960, 221), in der sich das Begehren nach gefühlter Zusammengehörigkeit Luft verschafft, gegeißelt. 435 Charakteristisch hierfür ist der auf Lebenszeit ernannte Beamte, dessen Handeln immer durch das Gesetz und nicht durch eine ihm vom Machtinhaber gelegentlich gegebene Anweisung bestimmt ist (1933f, 517).Google Scholar
  6. 436.
    Schon der Sachverhalt, daß die Anweisungen der mit Verwaltungsfunktionen betrauten bürokratischen Organe nur durch expliziten Widerruf außer Kraft gesetzt werden können, gibt ihnen eine verpflichtende Wirkung. Treffend spricht der späte Geiger von einer Art der “objektiven Selbstbindung” (Geiger RS, 379), der sich die Zentralmacht hier unterwirft.Google Scholar
  7. 437.
    Im Anschluß an die einschlägigen Untersuchungen von Robert Michels thematisiert Geiger hier vor allem das Problem der Oligarchisierung der Parteien (SOC, §33, 140ff).Google Scholar
  8. 438.
    In Ergänzung Max Webers begründet Geiger bei seiner Betrachtung des fachbürokratischen Unabhängigkeitsstrebens unter dem Stichtwort der “ideologischen Emanzipation des Funktionsinhaltes” ausführlich, daß sich mit dem spezifischen Fachdenken in den bürokratischen Ressorts eine Art der Lebensauffassung, Weltbetrachtung und Wertstimmung Bahn bricht, die der politischen Macht entgegensteht (1932/33, 206ff).Google Scholar
  9. 439.
    Dieser Befund deckt sich mit denen der Bürokratietheoretiker Gaetano Mosca, Robert Michels und Max Weber, die allesamt den beschleunigten Bürokratisierungsprozeß mit der Herausbildung der Massendemokratie verbinden.Google Scholar
  10. 440.
    Neben den punktuellen Bezugnahmen auf diese Problematik in den Jahren vor seiner Emigration widmet sich Geiger vor allem in Demokratie ohne Dogma und in Aufgaben und Stellung der Intelligenz systematischer dieser Problematik.Google Scholar
  11. 441.
    Auf die gängige Schutzbehauptung der Presse, lediglich vorhandene Meinungen aufzugreifen, antwortet Geiger: Man “kann sich aber zuweilen nicht des Eindruckes erwehren, daß die angeblich spontanen Volksmeinungen, denen Politiker und Presse sich fugen zu müssen behaupten, vorher mit großem Eifer von ihnen selbst inspiriert und genährt worden sind” (DoD, 236).Google Scholar
  12. 442.
    Ganz abgesehen von dem lamentablen Zustand der Presse glaubt Geiger hier nicht durch populärwissenschaftliche Bemühungen Abhilfe leisten zu können. Für ihn gilt es fern von allem “Gelehrtenhochmut” einzusehen, daß es Erkenntnisse gibt, die sich nicht popularisieren lassen, und bei denen “der Versuch volkstümlicher Mitteilung nur Unheil stiften kann, weil er die Dinge mißverständlich versimpelt” (ASI, 164).Google Scholar
  13. 443.
    Eine Diagnose, die derjenigen Max Webers (1972, 836) ähnelt, der besorgt fragt: “Wie kann, angesichts der steigenden Unentbehrlichkeit und der dadurch bedingten steigenden Machtstellung des uns hier interessierenden staatlichen Beamtentums, irgendeine Gewähr dafür geboten werden, daß Mächte vorhanden sind, welche die ungeheure Übermacht dieser an Bedeutung stets wachsenden Schicht in Schranken halten und sie wirksam kontrollieren? Wie wird Demokratie auch nur in diesem beschränkten Sinn überhaupt möglich sein?”Google Scholar
  14. 444.
    Zu dieser Grundproblematik moderner Informations- und Wissensgesellschaften bemerkt Karl W. Deutsch (1986) ganz ähnlich wie Geiger: “Ein Großteil der Masse der Bevölkerung hat seinen Wissensstand seit 1920 oder 1950 wenig oder nicht verändert. Sie müssen weiterhin ihren Eliten und deren möglichen Irrtümern mehr oder weniger blind Vertrauen schenken, die mit kaum weniger blindem Mißtrauen reagieren (42).”Google Scholar
  15. 445.
    Während die inkriminierte Presseentwicklung Geiger grundsätzlich behebbar erscheint, erachtet er es in Anbetracht der anschwellenden Komplexität des politischen Geschehens prinzipiell als utopisch, die Wählerschaft hier in ein ‘Passungsverhältnis’ bringen zu wollen.Google Scholar
  16. 446.
    Zu den spätestens nach den Arbeiten Max Webers vieldiskutierten Problemen der Nutzbarmachung der Wissenschaft für die Politik sei hier nur auf die grundlegenden Arbeiten von Habermas (1968, 120–145), Flohr (1975) und Albert (1976) verwiesen.Google Scholar
  17. 447.
    Dagegen spricht im übrigen auch seine Überzeugung, nach welcher in der a-politischen Haltung vieler Bürger die Chance des Nationalsozialismus lag, die politisch Enttäuschten und Gleichgültigen einzufan-gen und “Ritter und Knappen für den Kreuzzug gegen die Lebensform der parlamentarischen Demokratie zu werben” (DoD, 21).Google Scholar
  18. 448.
    Obwohl sich Geiger — anders als Habermas — den Idealisierungen der radikalen politischen Aufklärungsphilosophie nicht anschließt und den utopischen Traum rational begründeter Willensbildungsprozesse unter keinen Umständen teilt, hält er, wie seine Auseinandersetzung mit der Entwicklung der Presse zeigt, an den normativen Kernprinzipien des bürgerlich-aufklärerischen Öffentlichkeitsbegriffs fest.Google Scholar
  19. 449.
    Geiger scheint auch hier durch die Auseinandersetzung mit Karl Mannheim beeinflußt zu sein. Dieser führte, wie erwähnt, schon 1932 den später auch von Geiger verwendeten Begriff der “Stimmungsdemokratie” in die Debatte ein und votierte — mit vielen Parallelen zu Geiger — für eine “Massenaufklärung und -Schulung” , um die “Vernunftdemokratie” zu retten und den “Momentanstimmungen” der Massen zu begegnen (Mannheim 1932, 37).Google Scholar
  20. 450.
    Geiger schien zumindest ein Jahr nach Kriegsende die Gefahr eines Wiederauflebens des Nationalsozialismus noch nicht gebannt. Nach Reisen in die von den westlichen Alliierten kontrollierten Besatzungszonen glaubte er einen Prestigeverlust der antinationalsozialistischen und demokratischen Parteien ausmachen zu können. Bei ca. 70–80 % (!) der Bevölkerung sah er nationalsozialistische Wahlpräferenzen fortleben (vgl. hierzu Burisch 1995, 26f).Google Scholar
  21. 451.
    Die Entwicklungen in der UdSSR, daran läßt Geiger weder vor noch nach seiner Emigration irgendwelche Zweifel aufkommen, begreift er nicht als sozialistisch, sondern als totalitär-diktatorische Entartung.Google Scholar
  22. 452.
    Mit dem Problem der politischen Propaganda und Massenbeeinflussung greift Geiger eine Fragestellung auf, die trotz ihres überragenden Stellenwerts für die Politikgeschichte des 20. Jahrhunderts in der Forschung bis heute merkwürdig unterbelichtet ist (siehe jetzt aber: Diesener/Gries 1996). Dies überrascht auch deshalb, weil die Kritische Theorie und hier allen voran Herbert Marcuse in den “Technikern der Politik” und ihren “Lieferanten von Masseninformation” schon vor geraumer Zeit einen wesentlichen Grund für die Denkbeschränkungen in der eindimensionalen Gesellschaft erkannt hat. (1967, 34). Klassische Überlegungen zum Problem der Massenbeeinflussung formuliert aber auch schon Wilhelm Reich in den 30er Jahren.Google Scholar
  23. 453.
    Aber es ist keinesfalls nur die Stimmungsmache auf Seiten der politischen Klasse, gegen die Geiger angeht. In Die Masse und ihre Aktion (1926) bezeichnet er die ‘Herrschaft der Straße’ wegen ihres Gefühls- und Wertpathos als “Bankrott” der demokratischen Ordnung; deshalb will er plebiszitäre Politikelemente auch nur als Ausnahmeinstrumentarium akzeptieren. Seine Sympathie gehört dem parlamentarischen Repräsentationsprinzip als das der Massendemokratie entsprechende Organisationsprinzip. Daher geht er mit der Parlamentsdestruktion des völkischen und kommunistischen Lagers harsch ins Gericht (MA, 48f, 186f). Später schreibt er: “Die Demokratie ist nicht die Herrschaft der vielen, sondern die Herrschaft aller. Das Problem der Demokratie ist dies: Die Macht gehört allen; sie kann technisch jeweils nur von wenigen ausgeübt werden; es ist eine Vertretung der machthabenden Gesamtheit durch wenige jeweils Machtausübende notwendig” (SOC, 42f). Die reale Machtstellung der Allgemeinheit kann somit “nur in effektiver Kontrolle über den Machtgebrauch ihrer betrauten Organe liegen” (KSch, 218).Google Scholar
  24. 454.
    Hier könnte Geiger wiederum von Bertrand Russell beeinflußt sein, der schon in den 30er Jahren die technisierten Propagandamittel als spezifisch modernes Herrschaftsmedium betrachtet. Auch Russell betont die mit den technischen Medien einhergehende Gefahr der Manipulierung und Nivellierung der Meinungsbildung (Russell 1953, 167, 181, 183f). Zur grundsätzlichen Problematik der durch technische Mittel nachhaltig gesteigerten Machtpotentiale siehe: Popitz (1992, 177ff).Google Scholar
  25. 455.
    “Die Politik der Symbole und Phrasen” bildet, wie oben erwähnt, bereits einen wichtigen Punkt der frühen Geigerschen Kritik des Nationalsozialismus (1930a, 337).Google Scholar
  26. 456.
    Auch Geigers Machtbegriff zeichnet sich dadurch aus, daß er Raum für die hier thematisierten mani-pulativen Legitimationstechniken läßt (Pöttker 1980, 202ff; Leunenberger 1993, 219). “Macht” heißt bei Geiger “die Chance, gewisse Ereignisverläufe steuern zu können” (RS, 340) — eine Umschreibung, bei der eine wichtige Abweichung gegenüber der bekannten Definition Max Webers auffällt. Nach Webers vielzitierter Definition bedeutet Macht die Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht. Bemerkenswert ist, daß Geiger dagegen, wie gesehen, auf die Begriffe des Widerstrebens und des Willens als Definitionselemente seiner Machtbestimmung verzichtet. Dies besagt aber, daß er “die Fälle, wo ein Befehlender nicht nur keinen mit physischer Gewalt zu brechenden äußeren, sondern kraft seiner Autorität nicht einmal inneren Widerstand findet” (RS, 340), ausdrücklich mit in seine Definition einschließen möchte. Diese Konzeption kann also auch solche Zustände als Machtverhältnisse verstehen, die durch restlosen Gehorsam, ohne Anzeichen äußerer oder innerer Auflehnung, als hochintegriert erscheinen; sprich: Auch manipulative, sich unterhalb der Bewußtseinsschwelle vollziehende Formen der Fremdbestimmung finden ihre Berücksichtigung.Google Scholar
  27. 457.
    Allerdings führen sich die propagandistisch verschlissenen Wertideen mittlerweile selbst ad absurdum: Sie “sind in dem Grade durch Überanstrengung abgenutzt, daß schon heute hinter der rhetorischen Feierlichkeit, mit der sie gebraucht werden, erstaunlich wenig moralischer Ernst liegt. Das sie tragende, oft falsche Pathos löst teils Irritation, teils ein Lächeln aus, sofern es nicht einfach als rednerische Konvention überhört wird” (RS, 335).Google Scholar
  28. 458.
    Zu den schon behandelten kritischen Aufgaben der sozialwissenschaftlichen Intelligenz gehört es, diese Scheinrationalisierungen der Machtpolitik zu entschleiern.Google Scholar
  29. 459.
    Mit dieser Argumentation befindet sich Geiger in der Tradition des westlichen Marxismus, in der von Georg Lukacs über Theodor W. Adorno und Max Horkheimer bis Antonio Gramsci die Herrschaft als institutionalisierte Bewußtseinsherrschaft begriffen wird.Google Scholar
  30. 460.
    Dies gilt natürlich auch für die Machtunterworfenen, die im Falle ihres Widerstandes dem “Selbstbestätigungsmythos” der Machthaber ihren eigenen “Rechtfertigungsmythos” gegenüberstellen (MuR, 43f.)Google Scholar
  31. 461.
    Deshalb kann die Ideen- und Wertpolitik auch nicht als reiner Herrschaftsbetrug bezeichnet werden (MuR, 43).Google Scholar
  32. 462.
    Die Gefahr eines Wiederauflebens von Diktatur, Chaos und Krieg vermag Geiger in den Nachkriegsjahren nicht auszuschließen. In Rundfunkbeiträgen, Zeitungsartikeln und Vorträgen beschäftigt er sich wiederholt mit den Ursachen des Krieges und den Möglichkeiten seiner Verhinderung.Google Scholar
  33. 463.
    Zur anhaltenden Aktualität der Geigerschen Zustandsschilderungen für die Analyse der heutigen ‘Fernsehdemokratie’ siehe auch Manfred Rehbinder (1995).Google Scholar
  34. 464.
    Fälschlicherweise wähnt Oberreuter Rainer Barzel als Ahnherrn dieses Konzepts. Soweit ich sehe, taucht es jedoch erstmals bei Karl Mannheim (1932, 37) auf, von welchem wiederum Geiger inspiriert sein dürfte. Kritisch anzumerken bleibt, daß Oberreuter aufgrund seiner kaum kontrollierten konservativen Wertbezogenheit die Chance einer ausgewogenen Untersuchung des Problems einer stimmungsdemokratischen Politikkultur verschenkt. Besonders die ressentimentgeladenen Betrachtungen der neuen sozialen Bewegungen fallen weit hinter den erreichten Forschungsstand zurück.Google Scholar
  35. 465.
    Pierre Bourdieu (1992, 174) spricht im gleichen Kontext mit Besorgnis von der “symbolischen Gewalt” einer auf “Sloganisierung” (159) bedachten Politik. Da die Staaten nicht mehr bloß Zentren der physischen Gewaltmonopole sind, sondern vor allem auch zum Träger der symbolischen Gewalt geworden sind, fordert er u.a. gegenüber den “Profis der politischen Rede” eine “ständig wirksame Wachsamkeit gegen den Mißbrauch von Worten, insbesondere von großen Worten auszuüben” (163).Google Scholar
  36. 466.
    Geiger skizziert und kritisiert in diesem Zusammenhang u.a. wie die Markenartikelreklame im Hochkapitalismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts zum ökonomischen Lebenselixier der Massenpresse wurde, welches es ihr ermöglichte, auch auf redaktionellen Inhalte Einfluß zu nehmen.Google Scholar
  37. 467.
    Typisch ist, daß sich Geigers Kritik auf den manipulativen und ökonomisch sinnlosen Charakter der Werbung beschränkt. Auf die unter Kulturkritikern so beliebte ästhetische Kritik — Negativbeispiel Geigers ist auch hier wieder Werner Sombart — will er sich ausdrücklich nicht einlassen (KR, 423).Google Scholar
  38. 468.
    Damit wird ein wichtiger Unterschied zu Theodor W. Adorno und Max Horkheimer deutlich. Während diese die geistige Manipulation als Folge kapitalistischer Überproduktion zum Anlaß nehmen, die bestehende Ordnung völlig zu überwinden, setzt Geiger gleichsam auf eine Selbstheilung des Systems.Google Scholar
  39. 469.
    Siehe hierzu auch Norbert Elias (1970, 149f), der die Bindungen an größere Sozialeinheiten als spezifisch modernes und ambivalentes, aber bislang “anscheinend unentbehrliches Bindemittel” diskutiert.Google Scholar
  40. 470.
    Wir wissen heute leider nur allzu gut, wie sehr sich Geiger irrte, wenn er dieser Einschätzung zum Trotz die Hoffnung nicht fahren ließ, daß das “Zeitalter der Weltwirtschaft” (DoD, 136) und eines “Ge-sellschaftsgefüges von Weltausmaßen” (1960, 222) dem Anachronismus der “nationalistischen Krähwinkelei” (1952a, 70) über kurz oder lang ein Ende bereiten werde (ähnlich schon: 1929e, 66lf). Er setzte dabei nicht zuletzt auf die sich abzeichnenden “Linien einer neuen europäischen Gesellschaft” (1946, zit. nach Bachmann 1995,59).Google Scholar
  41. 471.
    Rainer M. Lepsius spricht deshalb treffend von einer “Staatsbürgernation” (1988, 236).Google Scholar
  42. 472.
    Eine deckungsgleiche Sichtweise findet sich gegenwärtig beispielsweise bei Eric Hobsbawm (1996, 20f). Sieht man einmal von Geigers Weigerung ab, eine Differenzierung zwischen Nationalbewußtsein und Nationalismus vorzunehmen, lassen sich seine Einsichten grundsätzlich leicht mit der jüngeren Nationalismusforschung in Einklang bringen (vgl. etwa Alter 1985, 1 Off.; Katz 1949, 67ff.; Winkler 1978, 5–46; Richter 1996). Als besonders extreme und gefährliche Form der Hingabe an a priorische Ideale und Glaubensdoktrinen untersucht Norbert Elias das nationale Denken in Deutschland, das er durch kumulative Effekte einer “gestörten” Geschichte geprägt sieht (1989, 425ff).Google Scholar
  43. 471.
    Im Rahmen seiner NS-Kritik (SV, 115ff.) prangert Geiger bereits die Berufung auf das Blut als ideologisches Mittel an, mit dem versucht werde, die heterogenen Bevölkerungsgruppen über die sie trennenden Interessenlagen hinweg aneinander zu binden. Allerdings erfährt die Idee der Nation dort noch nicht die scharfe Ablehnung (etwa: 193le, 629), wie dies nach 1945 der Fall ist.Google Scholar
  44. 474.
    “Das Symbol ist das Wertsurrogat, an dem jene sich begeistern, denen sogar die Metaphysik zu wenig narkotisch ist” (DoD, 142).Google Scholar
  45. 475.
    Geiger, der sich in den 20er Jahren intensiv mit dem Gruppenkonzept beschäftigt, dürfte hier von dem Soziologen William G. Sumner beeinflußt sein, der zwischen In- und Outgroup unterscheidet. Die Eigengruppe wird dabei von einem Wir-Gefühl zusammengehalten, die Fremdgruppe sind dagegen die Anderen, deren Mitglieder als minderwertig betrachtet werden. Vgl. hierzu jetzt die vorzügliche Arbeit von Dirk Richter (1996), der in Anlehnung an Luhmanns Systemtheorie genau diese abwertende Differenz zwischen der eigenen und der fremden Nation als Merkmal alles Nationalen herausarbeitet.Google Scholar
  46. 476.
    Dieser Gedankengang deckt sich im Kern mit dem Differenzbewußtsein aktueller Ethnozentris-muskonzeptionen, die Wir-Gemeinschaften in Abgrenzung von den nicht dazugehörigen Umwelten “der Anderen” thematisieren. Ethnozentrismus stellt also zugleich auf eine Eigen- und eine Fremdgruppe ab, die sich von der Eigengruppe unterscheidet. Diese Grenzziehung hat immer einen ambivalenten Gehalt: Sie bezeichnet nicht nur die Wahrnehmung der Fremdgruppe als different, sondern impliziert gleichzeitig deren normative Geringerwertigkeit gegenüber der Eigengruppe. Geiger betont hierbei vor allem die Rolle einer lyrisch-literarischen Intelligenz als nationalistische Ideologieproduzenten. Diese Intellektuellen, die als “Vorsänger und tanzende Derwische” des ideellen Nationalismus (1955c, 63) in Erscheinung treten, sieht er freilich gegen den Kosmopolitismus des Intellekts verstoßen.Google Scholar
  47. 477.
    Daher ist es nur folgerichtig, wenn Geiger in einem Vortrag beim Nordwestdeutschen Rundfunk, seinen Hörern einprägt, daß es dem Frieden nur dienen könnte, “wenn der gemeine Mann seinem nüchternen Verstände folgte, statt sich durch nationalistische oder andere heroische Schlagworte in einen Gefühlsrausch versetzen und zu Kreuzzügen mit Trotyl und Atombomben werben zu lassen” (1951 UN, 6).Google Scholar
  48. 478.
    Obwohl Geigers Abrechnung mit der Idee der Nation so im Frühwerk nicht nachweisbar ist, gibt es auch dort Hinweise auf idéologie- und machtkritische Perspektiven, etwa wenn er über den modernen Nationalstaat schreibt: Auch dieser, “obwohl er sich selbst als Sachverwalter eines allgemeinen Menschentums setzt, will doch dies Menschentum im Sinne seines jeweiligen Kultur- und Machtstatus (...) begriffen wissen — es wäre ja sonst kein Machtgebilde; seine Jugend will er zu brauchbaren, der Süddeutsche würde sagen, handsamen Berufsträgern und zu loyalen, regierlichen Staatsbürgern erzogen sehen” (1933f, 548).Google Scholar
  49. 479.
    Hält man sich an die geläufige Differenzierung des Politikbegriffs in die drei Dimensionen polity, policy und politics, folgt Geiger also letzterer, die die durch Interessenkonkurrenz bestimmte Konfliktaustragung als Strukturmerkmale des Politischen hervorhebt.Google Scholar
  50. 480.
    Geiger: “Die Lehre von einer tonangebenden Elite der Gemeinschaft, von einem gegen die divergenten Einzel- und Klassenwillen dynamisch sich durchsetzenden Gemeinschaftswillen tauchen (auch jetzt wieder, T.M.) auf. Wir haben die politischen Ausgeburten dieser Afterphilosophie bewundern können” (RS, 409).Google Scholar
  51. 481.
    Ein gleichgelagerter Standpunkt findet sich auch bei Norbert Elias (1970, 28). Vor dem Hintergrund des kalten Krieges attestiert dieser der Kollision der gesellschaftlichen Glaubenssysteme eine außerordentliche Härte und Unausweichlichkeit, weshalb er rät, sich für die Lösung gesellschaftlicher und zwischengesellschaftlicher Konflikte auf die realen Interessengegensätze zu konzentrieren.Google Scholar
  52. 482.
    Leitend war hier die auf Hegels berühmtes Diktum — der Staat ist die Wirklichkeit der sittlichen Idee -zurückgehende Vorstellung, den Staat als eine eigengeartete Erscheinung zu begreifen, dessen besondere Würde in der überindividuellen Staatsidee begründet liegt. Zum Zusammenhang zwischen den Spezifika des deutschen Staatsverständnisses und dem Scheitern der Weimarer Republik siehe auch: Dahrendorf (1961,260ff).Google Scholar
  53. 483.
    In der einflußreichen Staatsrechtslehre Ernst Forsthoffs (1950, 185) wird noch einige Jahre nach dem Ende des Krieges die Auflösung des Weimarer Staates durch die organisierten gesellschaftlichen Kräfte des Pluralismus, die Defizite an Staatlichkeit und deren Überformung durch gesellschaftliche Interessen beklagt. In den 70er Jahren findet sich diese Position in abgeschwächter Form in den Thesen von der “Unregierbarkeit” und vom drohenden “Gewerkschaftsstaat” wieder.Google Scholar
  54. 484.
    Für Fritz Ringer (1987, 393) ist es die deutsche Ideologie der Gemeinschaft, die den “Traum von einer vollständigen Flucht vor der Interessenpolitik” nährte, weshalb man beliebte, die kleinlichen Interessenegoismen gegen die ‘großen’ Ideen auszuspielen: “Die Verfolgung der Interessen” , schreibt gegen Ende der 20er Jahre Werner Sombart, “ist niedrig. Nur der Dienst an der Idee ist des Menschen würdig” (zit. nach Appel 1992, 157).Google Scholar
  55. 485.
    Erschreckender noch als die Ressentiments gegenüber dem Interessenkonzept ist die sich dahinter verbergende Demokratieverachtung und Politikverdrossenheit (vgl. hierzu Grebing 1971, 84ff). Unver-blümt tritt die Ablehnung der Massendemokratie beispielsweise bei dem renommierten, immer noch den Idealen des Eliten- und Obrigkeitsstaates verhafteten Staatsrechtler Werner Weber (1958, 312) zutage: “Die Lebenswirklichkeit der Massendemokratie unserer Tage ist zunächst dadurch gekennzeichnet, daß ihr nichts mehr an überlieferter Staatlichkeit eignet, daß sie keine institutionelle Obrigkeit mehr aufweist und auch nicht mehr eine aus der Tradition lebende Statthalterschaft. (...) Sie hat nur noch den Urstoff Volk oder Bevölkerung. Von diesem Stoff als ‘Masse’ zu reden, ist nicht nur deshalb gerechtfertigt, weil es sich hier um Flächenstaaten mit einer quantitativ massenhaften Bevölkerung handelt; wesentlicher ist, daß diese Bevölkerung sozial, wirtschaftlich, kulturell und vor allem hinsichtlich des politischen Status des einzelnen eingeebnet ist. Sie hat außer der Familie keine gewachsenen Ordnungen mehr, keine als solche anerkannten führenden Schichten, keine in ihren eigenen Lebensformen begründete politische Elitebildung.” Aber auch etwa der Emigrant, Nationalökonom und Soziologe Wilhelm Röpke, der heute vor allem als Vordenker des Neoliberalismus bekannt ist, empfiehlt, dem Aufstand der Masse (Ortega y Gasset) durch den “Aufstand der Elite” zu begegnen (1957, 37).Google Scholar
  56. 486.
    Geigers Soziologie gibt von Beginn an den Blick frei für eine Sicht, die Konflikte als “soziologische Tatsachen” ernst nimmt (1923, 35). Vor allem die sozialen Klassengegensätze gelten ihm als Gegebenheiten, auf denen sich die Gesellschaft überhaupt erst aufbaut. Aber auch spätere Arbeiten zur modernen Wertstruktur und zur Demokratietheorie zeigen Geiger als einen Vertreter konflikttheoretischen Denkens. Zum Zusammenhang von Interessen- und Konflikttheorie siehe Massing (1979, 103f.).Google Scholar
  57. 487.
    Am ehesten geschieht dies noch in der Max Weber-Forschung, wo die in Webers Religionssoziologie zugrundegelegte Unterscheidung von Ideen und Interessen diskutiert wird. Eine Neubelebung hat der Utilitarismus in der soziologischen Austauschtheorie und in der neuen Politischen Ökonomie erfahren (Homans 1967; Buchanan 1975; Coleman 1991). Für die jüngere Theoriediskussion in Deutschland sind als wichtige Exponenten besonders Hartmut Esser und Viktor Vanberg hervorzuheben. Die utilitaristische Interessentheorie wird aufgrund ihrer Unterschätzung der Handlungsrelevanz von Werten und Normen bekanntlich gerade von der Durkheim-Parsons-Tradition kritisiert, die das soziale Handeln zuvorderst als auf normative Erwartungen reagierendes Rollenspiel interpretiert. Die defizienten utilitaristischen Ord-nungstheorien bilden für Parsons einen zentralen Ansatzpunkt für die Entwicklung seines systemischen Handlungsbegriffs.Google Scholar
  58. 488.
    Ausführlicher: von Ferber (1958); Neuendorff (1973); Massing/Reichel (1977); Hirschmann (1980, 39ff).Google Scholar
  59. 489.
    Diese wurden bislang aber vornehmlich im Kontext der Diskussion von Geigers Ideologienlehre (IW) unter erkenntnistheoretischen oder begriffsgeschichtlichen Fragestellungen diskutiert. Was fehlt, ist aber eine systematische Rekonstruktion der gesellschafts- und demokratietheoretischen Bedeutung des Status von Interessen in der Soziologie Geigers.Google Scholar
  60. 490.
    Die empirische Soziologie muß, wie er einige Jahre später notiert, im Gegensatz zum Marxismus, “der ein einheitliches Klassendenken konstruiert, zunächst warten, ob eine typische Übereinstimmung zwischen Realgrundlage und Denken der einzelnen nachgewiesen werden kann, ehe sie diese zur Grundlage wissenschaftlicher Untersuchung macht” (SOC, §29, 162).Google Scholar
  61. 491.
    Zum nicht-mechanischen Zusammenhang zwischen objektiver Soziallage und subjektiven Interessen siehe insbesondere Geigers (1955) Schichtungsbeitrag zu Wilhelm Bernsdorfs und Friedrich Bülows Wörterbuch der Soziologie. Dort wird in Anknüpfung an die Marxsche Unterscheidung einer Klasse an sich und einer Klasse für sich eine prozessual-dynamische Sichtweise vorgeschlagen, die zwischen verschiedenen morphologischen Ordnungen — Aggregaten, Quasigruppen, Massen und Gruppen — unterscheidet. Diese Argumentationsfigur taucht dann einige Jahre später als ein Kernstück der Dahrendorfschen Konflikttheorie (1957) auf, in welcher dem Klassenkonflikt als paradigmatischem Konflikttypus eine besondere Bedeutung zugewiesen wird (212f). Ralf Dahrendorf spricht von “Quasigruppen” (218) als Inhabern von sozialen Positionen mit gleichen Interessen, ohne daß diese notwendigerweise die Bewußt-seinsebene der Akteure erreichen. Es wird jedoch davon ausgegangen, daß Interessen “nach draußen (drängen)” (219) und die Tendenz haben, sich — organisatorisch vermittelt — zu kristallisieren und zu artikulieren.Google Scholar
  62. 492.
    Die Ideologisierung des Klassenbewußtseins ist schon dem Geiger der Zwischenkriegszeit ein Dorn im Auge. Er schreibt, daß zwar das “Klassenbewußtsein, sogar kämpferisch proletarische Gesinnung, durchaus in das Bild des gesellschaftlich gebildeten Industriearbeiters paßt. Aber eben nur — wie er hinzufügt -wenn sie der Niederschlag handgreiflicher Selbstauseinandersetzung mit der nur dem industriell arbeitenden Menschen konkret gegebenen Lebenswelt, nicht wenn sie abgelagerter Wortschleim von Agitatoren und Predigern ist” (1930n, 481). Von Beginn an ist Geiger das pragmatische “fair play” der Konfliktaustragung englischer Provenienz sympathischer als die ideologisierten Grabenkämpfe in Deutschland (1923, 35).Google Scholar
  63. 493.
    Geiger hebt jedoch besonders mit Blick auf die niedrig qualifizierte Arbeiterschaft das proletarische Merkmal des “jederzeit Auswechselbaren” hervor (KSch, 87).Google Scholar
  64. 494.
    Neben Marx wird hier aber auch auf die Vertreter der schottischen Moralphilosophie Adam Ferguson und John Miliar verwiesen, deren Lehren für Geigers Denken in diesen Jahren an Bedeutung gewinnen (KSch, 146f).Google Scholar
  65. 495.
    Geigers These von der Verbürgerlichung der Arbeiterschaft heißt aber nicht — wie es in Schelskys These von der nivellierten Mittelstandsgesellschaft der Fall ist — die liberale Ideologie von der offenen Industriegesellschaft zu teilen. So werden z.B. die ausgeprägten Mobilitätsschranken gegen den sozialen Aufstieg von Arbeiterkindern, aber auch gegen den sozialen Abstieg von Akademikerkindern unterstrichen (1950c). Der in diesem Zusammenhang beliebte Verweis auf die Wirksamkeit natürlicher Auslesemechanismen ist für ihn nichts anderes als ein “reaktionärer Sozial-Darwinismus” (1955a, 116 Anm. 1).Google Scholar
  66. 496.
    Hans-Paul Bahrdts (1978, 131) Etikett eines “wütenden Antimarxisten” trifft deshalb bestenfalls die halbe Wahrheit. Nur noch staunen kann man indes, wenn Wolfram Burisch (1995, 87) Geiger zum Importeur der “‘Weltanschauung’ einer ‘kollektiven Spannungslosigkeit’ und einer ‘prinzipiellen sozialen Harmonie’”stilisiert (ähnlich: Walter 1966, 140ff.) Hier muß wohl eine Verwechslung mit Schelsky vorliegen (1979, 328), der in den Erörterungen zu seiner nivellierten Mittelstandsgesellschaft — die allzu vorschnell immer wieder mit Geigers Klassengesellschaft im Schmelztiegel parallelisiert wird (vgl. hierzu Geißler 1995, 289ff.) — die Bedeutungslosigkeit sozialstruktureller Spannungen behauptet.Google Scholar
  67. 497.
    Geigers Hochschätzung der Interessen ist nicht auf die Sphäre der Politik beschränkt. Auch in seiner Kritik der Reklame wird, wie oben gesehen, an der ideologischen Übertünchung der Realinteressen Anstoß genommen. Die Reklame wird, um es nochmals in einem Satz zu sagen, als ein spezifisches Produkt modern-kapitalistischer Gesellschaftsverhältnisse bestimmt, die unter den Bedingungen wirtschaftlicher Überproduktion die ideologische, ihre eigentlichen Gewinninteressen verdeckende Funktion der künstlichen Nachfragestimulierung übernimmt, indem sie durch Gefühlsappelle und Halbwahrheiten auf suggestive Weise Bedürfnisse weckt und das Bewußtsein manipuliert.Google Scholar
  68. 498.
    Zum Mehrheitswahlsystem, in dem wenige Parteien auf große heterogene Wählerschaften fixiert sind, geht Geiger folgerichtig auf Distanz. Er moniert, daß man hier zu einer Form des politischen Kampfes tendiert, in der die Frage, wer an die Macht kommen soll, wichtiger ist als die Frage, welche Politik die regierende Partei in der Sache selbst verfolgt (SOC, §30, 102f.).Google Scholar
  69. 499.
    Das historische Beispiel, welches hier unausgesprochen im Raum steht, ist ohne Zweifel die NSDAP, der es nach Geiger in paradigmatischer Weise gelang, mittels einer sich über alle Interessengegensätze hinwegsetzenden Ideen- und Propagandapolitik “das Kunterbunt der Interessen und der Leiden” für eigene Zwecke zu instrumentalisieren (1930e, 649). Geiger gehört zu den Wegbereitern der in der späteren Zeitgeschichtsforschung populären These, die die NSDAP als erste erfolgreiche Massen- und Volkspartei Deutschlands betrachtet.Google Scholar
  70. 500.
    Auch hier ist zu beachten, daß man in weiten Teilen der damaligen Staatsrechtslehre dem Kompromiß mißtraute und ihn als Mittel zur bloßen Verwässerung einer klaren politischen Willensbildung denunzierte. Ernst Fraenkel, Wegbereiter neopluralistischen Denkens, bemerkt in den 60er Jahren hierzu: “In Deutschland ist das Wort Kompromiß notwendigerweise mit dem Wort ‘faul’ verbunden. In der Grundvorstellung, daß ein Kompromiß seiner Natur nach faul ist, liegt ein Großteil der Krise unseres demokratischen Denkens begründet ”(1991, 290; siehe auch: 142). Nach Ansicht des Norbert Elias (1989, 389) der 70er Jahre sind die Strategien des Kompromisses, die auch er zu den “elementaren Lebensformen” des Parlamentarismus zählt, noch weit davon entfernt, in der deutschen Werteskala einen vorderen Rang einzunehmen. Dafür, so sein skeptisches Urteil, “braucht es wohl einige Jahrhunderte der Gewöhnung.”Google Scholar
  71. 501.
    Ähnlich die Einschätzung von Max Weber (1968, 22f.) und Karl Mannheim. Letzterer konstatiert (1932, 38): “Mit rational denkenden Menschen kann man rechnen und beim Interessenkonflikt die jeweiligen Reibungen zu einem dynamischen, stets neu zu erringenden Ausgleich und Gleichgewicht vortreiben.”Google Scholar
  72. 502.
    Nach Smith entsteht eine soziale Ordnung unter Akteuren, die ihren Eigeninteressen gehorchen gleichsam selbstläufig. Weil die Individuen von sich aus Anreizen folgen, ihr Handeln wechselseitig aneinander anzupassen, kann eine Steuerung durch moralische Werte entfallen. Eine instruktive Einführung in die Logik der Markt- und Austausch-Modelle sozialer Ordnung bietet Voss (1985, bes. Kap. 2).Google Scholar
  73. 503.
    Siehe hierzu auch Pöttker (1995), der den Unterschieden, aber auch manch frappierenden Überschneidungen in der Soziologie von Geiger und Habermas unter anderem.auch am Beispiel ihrer Demokratiekonzeptionen nachgeht.Google Scholar
  74. 504.
    Das rational-diskutante Konzept der öffentlichen Meinung schließt an die liberale Tradition der Mei-nungs- und Redefreiheit an, deren Leitprinzip John Stuart Mill in klassischer Weise formuliert hat: Die “richtige” Meinung entwickelt sich aus dem “Zusammenstoß von Wahrheit und Irrtum” . “Völlige Freiheit des Widerspruchs und der Bestreitung” ist die Garantie für eine größere Rationalität der Meinungsbildung im allgemeinen und der politischen Willensbildung im besonderen (zit. nach: Geißler 1973, 44). Die Idee des government by discussion findet sich aber auch bei dem geistigen Wegbereiter und Kronjuristen des Nationalsozialismus Carl Schmitt, dessen politische Philosophie sich schon in den 30er Jahren Geigers heftige Kritik gefallen lassen muß. Geiger warnt vor dem “Machiavellismus” Schmitts und seiner “gefährlichen” Bestimmung des Souveränitätsbegriffs, der denjenigen zum Souverän erklärt, der den Ausnahmezustand erklären kann. Ebenso wird die Ausspielung des Rechtsprinzips gegen das Machtprinzip sowie sein auf den Kriegszustand zielender Begriff der Außenpolitik an den Pranger gestellt (SOC, §32, 64f).Google Scholar
  75. 505.
    Vgl. zur Kritik des konsensorientierten herrschaftsfreien Diskurses auch Luhmann (1984, 148ff), der schon aufgrund des in alle Interaktionsprozesse eingewobenen, unlösbaren Problems der doppelten Kontingenz diese Konzeption verwirft.Google Scholar
  76. 506.
    Zu den wissenschafts- und sozialtheoretischen Besonderheiten dieser Tradition und ihren markanten Differenzen zum französischen Aufklärungsbegriff vgl. Vanberg (1973, insbes. Kap. 2).Google Scholar
  77. 508.
    “Die Substanz bürgerlicher Demokratie war die bürgerliche Gesellschaft. Und die in demokratischen Formen streitenden Meinungen wurzelten eben doch alle in der Bürgerlichkeit als gemeinsamem Grunde. Die Demokratie war die politische Form der Gesellschaft, über den Inhalt der Demokratie, die Gesellschaftsordnung im demokratischen Staate, herrschte kein ernster Streit” (DoD, 251).Google Scholar
  78. 509.
    Rousseaus volonté general zugrundeliegende kollektivistische Idee eines “mystischen” Volkswillens lehnt Geiger dementsprechend — ähnlich wie Ernst Fraenkel und Karl R. Popper nach ihm — als reine Gedankenkonstruktion ab (SOC, §32, 100). Seine Sympathie gehört in dieser Frage den “pessimistischnüchternen Engländern” (DoD, 248), die “niemals im gleichen Grade wie die Franzosen das aufklärungsoptimistische Vertrauen in die Diskussion (legten), sondern das Parlament mehr als einen Schauplatz für einen Machtkampf zwischen den Parteien nach Fairplay-Regeln auf(faßten). Der Ausgleich wird dann nicht in der Diskussion, deren Resultat eine gemeinsame Auffassung sein soll, gesucht, sondern im Pendeln der Mehrheit und der Macht zwischen den Parteien” (SOC, §32, 102).Google Scholar
  79. 511.
    Bekanntlich setzt Mannheim hierbei auf eine durch die Intellektuellen zu leistende Wertsynthese, die zusammen mit planmäßigen Erziehungsmaßnahmen die Homogenisierung der Wertvorstellungen möglich machen soll. Eine Abrechnung mit der Politik der Wertstandardisierung formuliert Geiger im Schlußkapitel von Fortidens Moral og fremdtidens (1952b) (Die Moral der Vergangenheit und Zukunft).Google Scholar
  80. 512.
    Gegenwärtig erhebt Wolfgang Welsch (1991, 348), als (gemäßigter) Vertreter ‘postmodernen Denkens’, die strukturellen Wert- und Normkonflikte der Gesellschaft zum Ansatzpunkt seines Plädoyers für ein radikal liberal-pluralistisches Demokratieverständnis. Er verkündet: “Die Demokratie ist eine Organisationsform nicht so sehr für den Konsens als vielmehr für den Dissens von Überzeugungen, Ansprüchen und Rechten. Sie ist von vornherein auf eine Situation gravierender Pluralität zugeschnitten und baut auf der Annahme auf, daß in der Gesellschaft unterschiedliche gleichermaßen legitime, im letzten jedoch unvereinbare Ansprüche bestehen. Eine Organisationsform für legitime Uneinigkeit in Grundüberzeugungen darzustellen, scheint mir geradezu den Sinn der modernen Demokratie auszumachen.” Allerdings hat bei Welsch — im Unterschied zu Geiger — die Demokratie in den allgemeinen Menschen- und Grundrechten ihren normativen Kern, deren primäre Funktion aber in der formalen Dissens- und Plura-litätsgewährleistung gesehen wird. Zu Geigers Kritik der Idee eines ethischen Universalismus und damit auch der des objektiven Geltungsanspruchs universeller Menschenrechte siehe: RS, 337f; DoD, 228.Google Scholar
  81. 515.
    Dementsprechend steht Geiger auch der von den westlichen Besatzungsmächten in Deutschland proklamierten demokratischen Werterziehung überaus skeptisch gegenüber. Obwohl er nach einigen Reisen in die von den Alliierten kontrollierten Besatzungszonen davon ausgeht, daß bei ca. 70–80% der Bevölkerung nationalsozialistische Präferenzen fortdauern (Burisch 1995, 26ff), setzt er nicht auf die Re-education Politik. Seine Hoffnung gilt einer gleichsam aus der Gesellschaft selbst herauswachsenden demokratischen Erneuerung.Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Wiesbaden 2001

Authors and Affiliations

  • Thomas Meyer

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