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Soziologie wider die Kulturkritik

  • Thomas Meyer
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Zusammenfassung

Wie kaum ein anderer vor und nach ihm schärft Geiger der Soziologie ein, endlich die ausgetretenen Pfade der Kulturkritik hinter sich zu lassen.162 Ich möchte behaupten, daß sein Schaffen oftmals bis in Detailfragen hinein Ausfaltungen gerade dieses Grundmotivs waren, das ihn geradezu beherrschte — eine Charakteristik, die mithin keinesfalls allein in Demokratie ohne Dogma, Geigers Manifest gegen Kulturpessimismus und Gemeinschaftsideologie (König 1961; Rehbinder 1991), studiert werden kann. Schon das Werk vor 1933 richtete sich nämlich in einer Vielzahl seiner Facetten gegen die ideologischen Stützpfeiler der Modernitätskritik163 — und hierbei vor allem gegen ein sozialromantisch motiviertes Denken, das die noch nicht durch den Prozeß radikaler Rationalisierung umgeformte Welt vorindustrieller Zeiten verklärt. Statt über die “Krankhaftigkeit” (1928b, 83) der modernen Kultur zu lamentieren, empfiehlt Geiger in der für ihn typischen Abgeklärtheit, die sozialen Gegebenheiten nüchtern als Tatsachen in den Blick zu nehmen:

“Die Gegenwart erlebt unter dem Eindruck besonders starker Reibungen in unserem sozialen Leben eine sozial-romantische Bewegung, die gegenüber den modernen Formen gesellschaftlichen Lebens mit Vorliebe auf die einfacheren ‘naturnahen’, konfliktärmeren Lebensformen hinweist. (...) Dagegen müssen wir uns als sehende Menschen mit der Tatsache vertraut machen and abfinden, daß die Formen heutigen geselligen Lebens notwendig andere sind als die des Lebens früherer Epochen” (1928b, 84).

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Literatur

  1. 162.
    Das Motiv einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Modernitätspessimismus und zumal der antiwestlichen Kulturkritik findet sich in der heutigen Soziologie als wesentliche Leitidee bei Jürgen Habermas. Allerdings gelingt es diesem nicht, wie Arpad A. Sölter (1996) jüngst überzeugend nachgewiesen hat, sich vollends aus den Fallstricken der überkommenen Kulturkritik der Frankfurter Schule zu befreien.Google Scholar
  2. 163.
    Zum Ausnahmecharakter dieser modernitätsbejahenden Position im Kontext der etablierten akademischen Soziologie vgl. die instruktive Abhandlung von Peter Wagner (1990, 226ff). Erwähnen könnte man hier noch die allerdings erst später zur Wirkung gelangende, aber schon in den 30er Jahren verfaßte Zivilisationstheorie von Norbert Elias, die aus dem kulturkritisch eingefärbten Koordinatensystem der frühen deutschen Soziologie ausschert. Elias gerät aber ein ums andere Mal in das Fahrwasser einer unkritischen — zu Recht häufig kritisierten (etwa H. König 1992, 22ff.) — Eloge auf das Modernisierungsund Zivilisierungsgeschehen.Google Scholar
  3. 165.
    Etwa: Habermas 1981, Bd.l, 332ff.; Hennis 1987, 208f; Peukert 1986; Alexander 1993, 48ff. ; Weiller 1994, Kap.II. Quer hierzu stehen aber die einschlägigen Arbeiten Wolfgang Schluchters, der bei Weber eine eindeutige Option für den modernen Anstaltsstaat ausmacht.Google Scholar
  4. 166.
    Vgl. hierzu auch Tyrell (1992), der den pessimistisch-tragischen Standpunkt Webers, wie er seit den 90er Jahren angefeuert von den intellektuellen Sichtwortgebern Schopenhauer, Burckhard und Nietzsche in Deutschland Konjunktur hatte, herausarbeitet. Freilich, so Tyrell, stand Weber einem Pessimismus nahe, der diesem “gerade weil es schmerzt, illusionslos und ‘mannhaft’ ins Auge sieht” (142).Google Scholar
  5. 167.
    Der Massenbegriff fungiert in den 20er Jahren als überwiegend normatives Deutungskonzept, so daß die mit ihm verbundenen empirisch-realen Entwicklungen kaum Beachtung fanden. Es blieb der Sozial-und Alltagsgeschichte neuerer Zeit überlassen, den fortlaufenden Verstädterungsprozeß, die Massenproduktion, die serielle Architektur, die Reallohnsteigerungen als Voraussetzungen für Massenkaufkraft und Massenkonsum, den Freizeitzuwachs, die massenkulturelle Freizeit- und Vergnügungsindustrie (Filmpaläste, Sportveranstaltungen, Rummelplätze), die Durchsetzung des Rundfunks als Massenmedium, die politische Mobilisierung und Formierung in Großkundgebungen und Aufmärschen einer genaueren Analyse zuzuführen (z.B. Peukert 1987, Hermand/Trommler 1988; Mooser 1984). Wenn gelegentlich der unverhältnismäßig hohe Begriffsaufwand der Geigerschen Massensoziologie kritisiert wird (H. König 1992, 154), ist dies sicherlich der in der Tradition von Tönnies und Vierkandt stehenden formalsoziologischen Zugriffsweise geschuldet. Man sollte freilich auch nicht verkennen, daß die frappierenden Unscharfen des Massenbegriffs Grundlegungsarbeiten notwendig machten.Google Scholar
  6. 168.
    Vor dem Krieg hatten auch schon Georg Simmel (1908) und Robert Michels (1970/1911) als zwei der ersten Soziologen der Masse einen Ort in ihren Arbeiten eingeräumt. Beiden gelingt es freilich noch nicht, sich aus den Befangenheiten des durch psychiatrische und psychologische Aspekte bestimmten Massendiskurses zu befreien.Google Scholar
  7. 169.
    In positiveren Konnotationen, nämlich als produktive Kraft erscheinen die Massen in der marxistischen Tradition. Aber auch dort fungieren sie nur als Zwischen- und Übergangsstufe bis zur letztlich entscheidenden Klassenformierung, in der die Massen als Subjekte der Geschichte auftreten. Insofern erscheint die Masse bei Georg Lukacs (1968, 535) solange als strukturlos und “chaotisch” , bis sie der ordnenden Kontrolle der Partei untersteht.Google Scholar
  8. 170.
    Vorarbeiten hierzu finden sich schon in zwei Heftnummern der finnischen Zeitschrift Työväenopisto unter dem Titel Yksilö — Ryhmä — Massa (Individuum- Gruppe — Masse) aus dem Jahr 1925.Google Scholar
  9. 171.
    So der ziemlich einhellige Tenor: Baier (1987, O.S.); Reiwald (1946, 306); Stölting (1986, 358); Burisch (1995, 34ff). Robert E. Park bezeichnet Geigers Buch 1928 als “the most important and valuable theoretical treatise” (zit. nach Bachmann 1995, 29) auf dem Gebiet der ‘collective psychology’. Allen Lobeshymnen zum Trotz läßt eine gründliche Auseinandersetzung mit dieser Untersuchung bis heute auf sich warten (ansatzweise bei Berking 1984, 74ff). Dies liegt wohl auch daran, daß die Massensoziologie -abgesehen von einigen Ausnahmen, etwa: Buß/Pross (1984), Franke (1985) und Schade (1993) — ein mehr oder weniger liegengebliebenes Forschungsfeld ist — eine Lücke, die weder von der späteren Soziologie kollektiven Verhaltens noch von der Soziologie sozialer Bewegungen geschlossen wurde.Google Scholar
  10. 172.
    Erwähnt werden müssen aber auch sein Landsmann Gabriel Tarde (1843–1904) und der italienische Soziologe Scipio Sighele (1868–1913), der dem Problem der Zurechnungsfähigkeit von kriminellen Delikten im Massenkontext nachgeht.Google Scholar
  11. 173.
    Für diese Linie der geistesaristokratischen Massen- und Demokratiekritik steht der von Geiger bekämpfte Othmar Spann, der mit Blick auf die Massendemokratie urteilt: “Jeder einzelne ist ein gleichwertiges Atom. Nietzsche und sein Stiefelputzer haben dieselbe Stimme, jeder wird in die gleiche Waagschale geworfen und mitgewogen” (Spann 1931, 84). Das wichtigste Werk in diesem Zusammenhang ist aber wohl José Ortega y Gassets Der Aufstand der Massen (1930), dessen eigentliche Erfolgsgeschichte aber erst nach dem Krieg einsetzen sollte. In Gefolgschaft Gustave Le Bons, Friedrich Nietzsches und Vilfredo Paretos wird dort die Überschwemmung und Invasion der bislang für die ‘Besten’ reservierten Räume durch die Massen sowie der freiheitsbedrohende Charakter der Demokratie beklagt.Google Scholar
  12. 174.
    Der Diskurs über die Massen ist insofern immer auch ein “Diskurs der Herrschaft” , in dem sich der politische und pädagogische Autoritarismus der Geistesaristokratie entfaltet (Berking 1984, 15).Google Scholar
  13. 175.
    Vgl. hierzu auch Geigers auf Entmythologisierung bedachte begriffs- und formalsoziologische Auseinandersetzung mit dem Führer- und Geniebegriff (1927b), die man auch als kritische Antwort auf das in den 20er und beginnenden 30er Jahren weitverbreitete Bedürfnis nach Führerschaft lesen kann. Die unausgesprochene Absicht ist es, das Verlangen nach messianischen Heilsbringern als Konstrukt irrationaler Sehnsüchte zu entlarven.Google Scholar
  14. 176.
    Drei Argumente führt Geiger gegen Le Bons Moralismus zusätzlich ins Feld. Zum einen ist im Sinne des von ihm vertretenen Transpersonalismus eine an dem Maßstab der individuellen Moral orientierte Betrachtung des Massenproblems abzulehnen (MA 190f), da der Masse als moralisch nicht zurechenbarem Subjekt jede sittliche Verantwortlichkeit fehlt. Zum anderen handelt es sich beim Massenhandeln um “symbolische Ausdrucksakte” (MA 103), die durch die Deutungs- und Interpretationsleistungen der in sie involvierten Handlungsträger bestimmt sind und deren Sinn sich somit externen Beurteilungen entzieht. Schlußendlich sind es die aristokratischen Voreingenommenheiten eines “größenwahnsinnigen Individualismus” , die glauben, die “Unterwertigkeit” — oder gar “Untermenschlichkeit” — kollektiver Erlebnisvorgänge behaupten zu können (MA, 183).Google Scholar
  15. 177.
    Damit ist angedeutet, daß die bloß additive, unverbundene Ansammlung von Menschen (sog. “Personenaggregate” im Sinne loser oder distributer Vielheiten) — etwa Menschenaufläufe oder Publikumsmassen — außerhalb der Geigerschen Gegenstandsbestimmung liegen.Google Scholar
  16. 178.
    Den emergenten Charakter gruppenhafter Vergesellschaftung unterstreicht Geiger auch dadurch, daß er allen massenpsychologischen Aufladungen zum Trotz an der Rede von der “Kollektivseele” (MA 182) festhält. Mit dem hier zum Ausdruck kommenden Transpersonalismus werden quasi die sich ‘hinter dem Rücken’ der Akteure vollziehenden, systemischen1 Gruppenprozesse als theoretisches Kernstück zur Erklärung der massenspezifischen Praxis herangezogen. Diese Sicht wird freilich auf den hoch-emotionalisierten Vergesellschaftungstypus der Masse beschränkt. In den rational-intellektuellen Vergesellschaftungstypen (z.B. Beratungs- und Beschlußgremien) soll diese nicht zur Anwendung gelangen.Google Scholar
  17. 179.
    Zur Oktoberrevolution finden sich nur sporadische und wenn, dann negativ akzentuierte Stellungnahmen. Er kritisiert von Beginn an die Etablierung einer proletarischen Klassendiktatur im Leninschen Sinn, weil sie die vorgesehene Selbstauflösung als Klasse durch die dauerhafte Diktatur des Proletariats ersetzt habe (MA, 115).Google Scholar
  18. 180.
    Eine von revolutionstheoretischen Überlegungen losgelöste Auseinandersetzung mit dem Massenbegriff, in welcher einige der früheren Annahmen revidiert werden, entwickelt Geiger einige Jahre später in Sociologi(1939).Google Scholar
  19. 181.
    Als Beispiel für den “mehr antisozialistisch-propagandistischen als wissenschaftlichen Charakter” einer Zugriffsart verweist er auf den im “circulus vitiosus Le Bons” verhafteten Werner Sombart (MA, 51;47f Fn. l,auch: 51f Fn. 1,91).Google Scholar
  20. 182.
    Dem beherrschten Proletariat als “degradierter Bodenschich” (MA, 46) fällt insgesamt trotz verwandter Schicksals- und Milieulage seiner Mitglieder kein objektiver Gruppencharakter zu. Die (marxistische) Rede vom proletarischen Klassenbewußtsein bildet insofern ein “agitatorisches Schlagwort” und ist zu “drei Vierteln” eine “Selbsttäuschung” (MA, 45), da den komplexen Binnengliederungen des Proletariats jeweils unterschiedliche Dispositionen zur revolutionären Vermassung entsprechen (MA, 93f). Als Rekrutierungsbasis der revolutionären Masse ist das beherrschte Proletariat natürlich von zentraler Bedeutung.Google Scholar
  21. 183.
    Helmuth Berking (1984,79) ist zuzustimmen, wenn er in der Art und Weise, wie Geiger den Tönniess-chen Gemeinschaftsbegriff anwendet, einen “semantischen Einbruch” in die gängige Diskurspraxis feststellt und zwar insofern, “als die Qualitäten eines positiven und vom beamteten Geist wohlbehüteten Begriffs — Gemeinschaft -jetzt, entsprechend der Logik der Konstruktion, einem durch das selbstdefinito-rische Begriffssystem des intellektuellen Milieus hindurch entworfenen Gegenbegriff, einem Feindbild -der Masse — supponiert werden.”Google Scholar
  22. 184.
    Wie positiv Geiger den Aufbauprozeß gewichtet, wird besonders deutlich, wenn er an-thropologisierend schreibt: “Mensch sein heißt: dem nackten, ungeschlachten Sein Gestalt geben” (MA, 101). Umgekehrt zeigt Geigers Verweis auf den “Erlösungswahn” und die “Brutalität” der revolutionären Masse trotz der von ihm ausdrücklich intendierten “positiven Begriffsstimmung” (MA, 56) seine Vorbehalte. Und auch mit der gegen das “Überwuchern des Gesellschaftsprinzips” gerichtete “Gemeinschaftssehnsucht” der Masse kann er wenig anfangen (73, 124ff). Wer Geiger deshalb aber, wie Helmut König (1992, 153) es tut, umstandslos unter eine Richtung rubriziert, der es darum geht, “sich die Massen und die von ihnen ausgehenden Beunruhigungen vom Halse zu halten” , wird ihm nicht gerecht.Google Scholar
  23. 185.
    Berührungspunkte mit der sozialdemokratischen Bedeutungstradition des Revolutionsbegriffs sind hier offensichtlich. Passend hierzu stellt Geiger Karl Kautsky, den sozialdemokratischen Cheftheoretiker des Massenstreiks, als einen seiner theoretischen Gewährsmänner vor.Google Scholar
  24. 186.
    Sein Credo faßt er einige Jahre später in die Formel: “Der Radikalist ist eine wichtige und brauchbare Figur, aber man darf nicht den Rabiaten mit ihm verwechseln” (1930a, 336f).Google Scholar
  25. 187.
    Käsler (1984a, 40); Bracher (1982, 79f); Ruddies (1994, 20); Gebhardt (1994. 532ff.)Google Scholar
  26. 188.
    Manche Interpretationen sprechen auch von zwei “Normaltypen” und gehen davon aus, daß Gemeinschaft und Gesellschaft durchaus nebeneinander bestehen können oder daß in der Gesellschaft auch Gemeinschaft existieren kann (etwa Spurk 1990, 32ff).Google Scholar
  27. 189.
    Dort werden in einer eher lockeren Anlehnung an das Gemeinschafts- und Gesellschaftskonzept unterschiedliche, nämlich emotional und intentional bestimmte Gestaltungsprinzipien von Gruppen unterschieden. Als gesellschaftstheoretisch gemeinte Konzepte gibt Geiger ihnen aber auch hier schon keine Chance. Bemerkenswert ist aber, daß er an diesem Ort, anders als sonst üblich, der Masse gemeinschaftliche Züge zuweist.Google Scholar
  28. 190.
    Als kritische Ausnahme ist Helmuth Plessners Studie Grenzen der Gemeinschaft aus dem Jahr 1924 unbedingt nochmals zu erwähnen, die zwar nicht ohne Einfluß blieb, sich gleichwohl aber außerhalb des engeren soziologischen Diskurskontextes bewegte. Frappierende Ähnlichkeiten in den Argumentationsmustern wie auch im ganzen Duktus legen eine Beeinflussung Geigers durch Plessner mehr als nahe.Google Scholar
  29. 191.
    Karl Dunkmann, Herausgeber des Archivs für angewandte Soziologie und Vordenker der Werkge-meinschafts-Bewegung in den 20er Jahren, erntet wegen seines wirtschaftspolitischen Engagements für eine Harmonisierung der gegensätzlichen Klasseninteressen und eine die Gruppeninteressen überwindende Politik zum Wohl des Ganzen immer wieder Geigers unerbittliche Kritik. Zudem war Dunkmann Anhänger einer angewandten Soziologie, die für ein unmittelbar praxisorientiertes Wissenschaftskonzept eintrat. Da sich diese Soziologie als Maximengeber konkreten Handelns verstand, kollidierte sie mit den methodologischen Grundüberzeugungen Geigers.Google Scholar
  30. 192.
    Außerdem ist es ein irriger Eindruck, “als werde nur an jener planmäßig veranstalteten Ordnung der Widerspruchsgeist des Individuums wach, als sei es hier wesentlich von den andern getrennt und ihnen nur ideell verbunden trotz leiblicher Einzelheit” ; dabei, so die Entgegnung Geigers, könne das Individuum in Wirklichkeit die “gewachsene Ordnung ebenso konflikthaft hemmend-fuhlen, wie kontrahierte” (1927,371).Google Scholar
  31. 193.
    Diese “immanente Regelhaftigkeit” (1927, 345) entspricht etwa dem “verbundenen Wesenwillen” oder dem Begriff der Gemeinschaft bei Tönnies.Google Scholar
  32. 194.
    Die starke Beteiligung Geigers an dem einschlägigen Handwörterbuch der frühen deutschen Soziologie spiegelt weniger seine hohe akademische Anerkennung als seine aus der Berliner Volkshochschulzeit herrührende langjährige Zusammenarbeit und Bekanntschaft mit dem Herausgeber Alfred Vierkandt wider.Google Scholar
  33. 195.
    So verwundert es nicht, daß Werner Sombart als ein herausragender Exponent des soziologischen Kulturpessimismus, der selber mit gleich sechs Beiträgen im Handwörterbuch der Soziologie am häufigsten vertreten (erfolglos) bei Vierkandt gegen die Übernahme zentraler Abhandlungen durch Geiger intervenierte (Lenger 1994, 318).Google Scholar
  34. 196.
    Die zu Beginn dieses Jahrhunderts laut werdenden Stimmen der Zivilisationskritik werden häufig — so auch von Geiger — als neoromantisch bezeichnet, da sie in vielerlei Hinsicht an die Traditionen der romantischen Kritik anknüpften, die sich seit der Mitte des 18. Jahrhunderts und besonders im Gefolge der französischen Revolution gegen die Aufklärung und den sich herausbildenden Industriekapitalismus wandte. Sinngemäß spricht gegenwärtig auch Helmut Dubiel (1994, 208) von der Phase des ausgehenden 19. Jahrhunderts bis 1933 als der “Epoche der Neuromantik” . Im Zusammenhang mit der “Neoromantik” (Mosse 1964, 52ff.) wird aber auch eine nach der Jahrhundertwende zur Entfaltung kommende Strömung bezeichnet, die sich maßgeblich um den Verleger Eugen Diederichs bildete und zu den wichtigsten Zentren des Kulturpessimismus gehörte. Als prominenter Vertreter der Soziologie wird ihr Werner Sombart zugerechnet. Zum Gehalt der romantischen Ideentradition in Deutschland vgl. insbesondere Fischer (1986). Zum Wiederaufleben gewisser Elemente des romantischen Vorstellungssyndroms und einer neoromantischen, alternativkulturellen Kulturkritik siehe auch Schimank (1983) und Weiß (1986).Google Scholar
  35. 197.
    So verfährt Geiger auch in seiner Sociologi (dän. 1939). Bestärkt wird er in diesem Entschluß durch das Problem, die Begriffe Gemeinschaft und Gesellschaft mit ihren spezifisch deutschen semantischen Schattierungen in eine fremde Sprache zu übersetzen (o.J., zit. nach Rodax 1991, 124).Google Scholar
  36. 198.
    Als Ergebnis einer auf sich selbst angewandten Ideologiekritik heißt es, daß sein “sympathetisches Verhältnis” (IW, 92) gegenüber Tönnies verhindert habe, dem Konzept eine noch eindeutigere und klarere Absage zu erteilen.Google Scholar
  37. 199.
    Gemeint ist der Aufsatz Die Gruppe und die Kategorien Gemeinschaft und Gesellschaft (1927).Google Scholar
  38. 200.
    Trotz dieser unmißverständlichen Distanzierung lassen sich in Geigers Soziologie verschiedentlich Berührungspunkte mit Tönnies finden. Übereinstimmungen zeigen sich insbesondere in der bereits dargelegten — allerdings von allem geschichtsphilosophisch-kulturkritischen Ballast befreiten — Übernahme der dichotomisierenden Gegenüberstellung traditionaler und moderner Ordnungen als begrifflichkonzeptionellen Rahmen für eine prozeß- und strukturanalytische Betrachtung der spezifischen Eigentümlichkeiten moderner Gesellschaften.Google Scholar
  39. 201.
    Als deren theoretischer Gewährsmann fungierte nicht zuletzt Tönnies. Dies fußt allerdings auf einigen Mißverständnissen, da dieser mit der sozialistischen Arbeiterbewegung sympathisierte und sich ausdrücklich gegen jedweden Versuch wandte, das Verhältnis zwischen Arbeitern und Unternehmern als Gemeinschaft zu proklamieren (ausführlicher Krell 1994, 116ff). Später fanden Werkgemeinschaftsideen in der NS-Betriebspolitik ihre Fortsetzung.Google Scholar
  40. 202.
    Der wichtigste Gegenpart Geigers bildet hier der in den 20er Jahren bekannte Theologe und Soziologe Karl Dunkmann, der nicht nur als leidenschaftlicher Verfechter der Werksgemeinschaftskonzeption in Erscheinung trat, sondern unter Rückgriff auf Emile Durkheim und Ferdinand Tönnies Attacken gegen den modernen Industrialisme und seine durch Spezialisierung und Differenzierung gekennzeichnete Berufsordnung unternimmt (vgl. hierzu Geiger 1929/30). Zur Werkgemeinschaftsbewegung kann man aber auch die von katholischen Intellektuellen — wie etwa dem von Geiger heftig kritisierten Heinrich Kautz — geprägte Industriepädagogik zählen. Ihr Ziel ist die klassenversöhnende Kooperation zwischen Arbeitern, Unternehmern und Intellektuellen. Das Heil sehen ihre Verfechter dabei in einer Familien-, Kirchengemeinden- und Vereinspädagogik, d.h., wie Geiger geißelt, in einer Rückformung zu allen jenen Bindungen, die dem Zerfall preisgegeben sind (...), zu Bindungen, die irreparabel sind, weil die Geschichte sich nicht wiederholt (1929b, 357).Google Scholar
  41. 203.
    U.a. wegen der Verquickung der Werkgemeinschaftsidee mit berufsständischen Ideologien spricht Geiger an einer Stelle auch von einem “ausgesprochen faszistische(n) Programm” (1932/33a, 315).Google Scholar
  42. 204.
    Man geht wohl nicht zu weit, wenn man formuliert, daß Geiger gegenüber der einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzenden human relations-Bewegung oder auch der bis heute anhaltenden euphemistischen Rede von den industriellen Beziehungen als Ideologiekritiker entgegengetreten wäre. Diese Rolle blieb in den 50er Jahren vor allem Ralf Dahrendorf (1956, 1959a) überlassen, dem das Verdienst zukommt, ähnlich wie Geiger, den industriellen Großbetrieb nicht nur ausdrücklich als Herrschafts- und Zwangsverband ausgewiesen, sondern vor allem auf die anhaltende Bedeutung von Konflikten in Form von Klassengegensätzen auch noch unter den Bedingungen eines formverwandelten Kapitalismus hingewiesen zu haben.Google Scholar
  43. 205.
    Geiger: “Mag aber auch der Käfig golden sein — ein Käfig bleibt die Werkhalle für den Arbeiter doch” (1929a, 777). Da die Menschen durch einen fremden Willen räumlich zusammengebracht sind, gehe es in der Fabrik, nicht anders wie im Zuchthaus und im Militärwesen auch um “Zwangsgruppierungen” (ebd., 779).Google Scholar
  44. 206.
    Namentliche Erwähnung findet in diesem Zusammenhang etwa Ernst Toller (1930c, Fn. 1, 248).Google Scholar
  45. 207.
    Nur: Für Geiger kann kein Zweifel daran bestehen, “daß die gleiche Arbeit bei gleicher Dauer und gleichem Lohnertrag den Arbeiter in vielen Fällen weniger belasten und erschöpfen würde, wenn sie im Zusammenhang einer nach seinem Sinn und Herzen aufgebauten Gesellschaft geleistet werden könnte” (1931d, 155).Google Scholar
  46. 208.
    Ähnlich fordert einige Jahrzehnte später Heinrich Popitz(1995, 31), “ohne irgendeine Dämonisierung” die Gebundenheit der Menschen an die Maschine zu untersuchen.Google Scholar
  47. 209.
    Dieser Einstellung entsprechend sträubt sich der späte Geiger, die durch Traditionen standardisierten geschmacklichen Schablonen von Handwerkserzeugnissen gegen die technisch-rationell und modisch bestimmten Formkonventionen industriell hergestellter Artikel auszuspielen (1960a, 223). Für ihn sind die “Gräuel eines volkstümlich wiederbelebten Kunsthandwerks” um nichts minder uniform als die industrielle Massenware (DoD, 15).Google Scholar
  48. 210.
    Trotz Geigers Weigerung, den Stimmen der Industrialismuskritiker zu folgen, übersieht er weder das Problem der “Erschöpfung der Rohstoffbestände” noch das einer forcierten “Rüstungsindustrie” (193 li, 104).Google Scholar
  49. 211.
    Charakteristisch für die abgeklärte Haltung Geigers ist die Kommentierung des durch die Entwicklung der Technik veränderten Alltagswissens Jugendlicher: “Das Aufwachsen in einer technisierten Welt, der tägliche Gebrauch technischer Hilfsmittel von frühester Kindheit an, gibt jedenfalls unseren Kindern schon im zarten Alter einen erstaunlichen Bestand — wenn auch naiven — technischen Wissens. Dagegen scheinen sie heutzutage weniger über Tiere und Pflanzen Bescheid zu wissen, ein Feld, das auch dem Stadtkinde meiner Generation wohl vertraut und Gegenstand unersättlicher Neugier war. Die Interessenrichtung hat sich geändert” (1952a, 64). Und etwas später fährt er fort: “Es ist schon wahr, daß die jungen Menschen von heute sich mehr für Motoren und drahtlose Wellen interessieren als für Dante, Shakespeare und Goethe. Auf ihre nüchterne Weise sind sie aber jedenfalls dem Puls des Lebens näher, als wir wohlerzogene Musterknaben es je waren. Und bei aller nach außen zur Schau getragenen Härte — ein Schutzgehäuse! — sind sie auch menschlicher als wir in unserer introvertierten Sentimentalität” (ebd., 68; vgl. auch 1955d, 75f).Google Scholar
  50. 212.
    Geigers Zustimmung zum “vielgeschmähten Spezialismus” zeigt sich aber nicht nur in seinem Standpunkt gegenüber dem technischen Zeitalter, sondern — wie seine Anmerkungen zum Gutachten zur Hoch- Schulreform Deutschlands (dem sog. Lindsay Report) zeigen — auch in seiner Kritik an den überkommenen, weiterhin dem “Oberklassenzuschnitt” (1951 UN, 3) verhafteten Idealen der Allgemeinbildung (1950b). Angesichts durchgreifender gesellschaftlicher Rationalisierungsprozesse, macht er sich zum Anwalt einer “Verstandesbildung” , in der das “Zweckhafte, Praktisch-rationale” zu seinem Recht kommt (1950 UN, 2).Google Scholar

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  • Thomas Meyer

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