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Kritischer Realismus — Das Soziologie-Programm Geigers

  • Thomas Meyer
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Zusammenfassung

Die folgenden Kapitel haben die Aufgabe, Geiger als frühzeitigen Wortführer einer Soziologie vorzustellen, der in zentralen Punkten aus der skizzierten Typik der “Sonderwegs-Ideologie” (Käsler 1984a, 11) der Soziologie ausbricht — ein Profil, welches es rechtfertigt, Geiger als den vielleicht wichtigsten Protagonisten einer “realistischen Wende” der Soziologie zu bezeichnen. Zu einer Zeit, als nur eine kleine Minderheit ein empirisch-einzelwissenschaftliches Fachverständnis favorisierte, zielte er darauf ab, die Disziplin neu zu bestimmen und setzte verstärkt empirische Forschungen und anwendungsbezogene Untersuchungen zur Gesellschaft der Gegenwart auf die Tagesordnung.

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Literatur

  1. 73.
    Siehe hierzu insbesondere Geiger (1927, 1928, 1928f, 1928g).Google Scholar
  2. 74.
    Deshalb überrascht es nicht, daß Geiger in einer Besprechung von Hans Freyers Theorie des objektiven Geistes diesen als “Propagandisten eines neuen Idealismus” abqualifiziert (1929g, 108). Dagegen bemüht er sich, Freyers Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft (1932) aufgrund der dort entfalteten (vordergründig) tatsachenwissenschaftlichen Programmatik noch einiges abzugewinnen. Später kann er in diesem Buch aber nur noch einen Rückfall in “den neuromantischen Dunstkreis” feststellen, aus welchem Freyer stammte (NLd, 434).Google Scholar
  3. 76.
    Die antiwestlichen Polemiken erfuhren mit Beginn des Ersten Weltkriegs ihren Höhepunkt. Paradigmatisch steht hierfür Werner Sombarts schon erwähntes Pamphlet Händler und Helden (1915) oder auch Wilhelm Wundts Die Nationen und ihre Philosophie (1915), in denen der englische Pragmatismus und der französische Positivismus an den Pranger gestellt werden — Ressentiments, die auch in den 20er Jahren fortlebten und die man etwa — um nur ein Beispiel zu geben — in Hans Freyers gegen den amerikanischen Empirismus und französischen Positivismus gerichteten Klassiker Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft (1930) ohne Mühe entdecken kann.Google Scholar
  4. 77.
    Auf Amerika beliebte man von den Höhen der deutschen Kultur und des ‘deutschen Geistes’ mit Verachtung herabzublicken: “If they all had one attitude in common it was fear of ‘américanisation’. America represented simplicity, optimism, reckless ingenuity, a belief in progress and automation, all of these were rejected as too naive. The Germans prided themselves on being stepped in philosophy and a rich cultural heritage which they thought gave them the right to snub Americans” (Schroeter 1974, 12).Google Scholar
  5. 78.
    Zu dem in amerikanischen Untersuchungen häufig anzutreffenden Mißverhältnis zwischen technischem Aufwand und neuen Einsichten, auf das hier angespielt wird, vgl. auch Geiger (1931m, 643).Google Scholar
  6. 79.
    Geigers Sympathie für eine empirische, auf Quantifizierung bedachte amerikanische Soziologie bezeugen auch seine von Zustimmung getragenen Auseinandersetzungen mit dem Behaviorismus John Broadus Watsons und dem soziologischen Pragmatismus James Deweys (1932a, 636ff). Dem entspricht es, wenn der international belesene Geiger bei seinen Bemühungen zur Profilierung der deutschen Erziehungssoziologie die in den USA schon länger etablierte Educational Sociology zum Leitbild erhebt (1930b, 406f).Google Scholar
  7. 80.
    Für den Fall, daß die Konstruktion wirklichkeitsenthobener theoretischer Systeme zum deutschen Stil würde, wollte Geiger sich “lieber in den USA naturalisieren lassen” (1930o, 279). Dementsprechend hatte er als Emigrant seine Hoffnungen eigentlich auf die USA gerichtet, wie er im Dezember 1933 in einem Brief an Tönnies mitteilt. Aufgrund seiner “alten Liebe zum Norden” empfand er es allerdings als “großes Glück” , in Skandinavien ein neues Leben aufbauen zu können (Bachmann 1995, 46 Fn. 82).Google Scholar
  8. 81.
    Die mit einer empirischen Soziologie verbundene Notwendigkeit einer Ausdehnung des finanziellen Rahmens und die Überwindung solitärer Arbeitsformen rückt Geiger nach dem Krieg ganz oben auf die Tagesordnung.Google Scholar
  9. 82.
    Zu den Beziehungen Geigers zur Uppsala-Schule und vor allem zu dessen Begründer Axel Hägerström (1868–1939) vgl. Trappe (1959, 120ff).Google Scholar
  10. 83.
    Der späte Geiger spricht polemisierend nur noch in Anführungszeichen von der “so genannten ‘Geistes’-wissenschaft” (DoD, 17; 1952, 184).Google Scholar
  11. 84.
    Dieser Haltung entsprechen Geigers Aktivitäten in der amerikanisch ausgerichteten International Sociological Association (ISA), zu deren Mitbegründern und ersten Vorstandsmitgliedern er zählt (Neumann 1988, 120).Google Scholar
  12. 85.
    Norbert Elias und Pierre Bourdieu können als weitere prominente Fürsprecher einer empirischen, aus dem Bann spekulativer Philosophie befreiten Soziologie genannt werden.Google Scholar
  13. 86.
    Hierbei fällt vor allem Ferguson nach Geiger das Verdienst zu, die Soziologie als eine Wissenschaft von der civil society bestimmt zu haben, die in Abgrenzung zur politischen Theorie des Absolutismus und in Opposition zum absolutistischen Staatsbegriff die nicht-staatlichen Vergesellschaftungen als Untersuchungsschwerpunkt betrachtet. Damit haben sie nach Geigers Sicht entscheidend dazu beigetragen, den Dualismus der Begriffe Staat und Gesellschaft — die er auch als eine “liberale Kampfideologie” bezeichnet (IW, 95), die lediglich die Funktion hatte, den politischen Zielen ausgewählter Schichten eine wissenschaftliche Legitimität zu verleihen — aufzubrechen und den Staat nur noch als eine besondere, wenngleich sehr bedeutsame Vergesellschaftungsform unter anderen zu betrachten (IW, 93ff.).Google Scholar
  14. 87.
    In diesem Bekenntnis zum klassischen Utilitarismus und zur angelsächsischen Aufklärungstraditon des skeptischen Empirismus scheint mir ein Schlüssel zu einer theoriegeschichtlich informierten und schlüssigen Interpretation der auf den ersten Blick oftmals so disparat wirkenden Soziologie Geigers zu liegen. Vgl. hierzu zusammenfassend: Swingewood (1970), Jonas (1980, 96–117) und Vanberg (1975, 4–30). Im gegenwärtigen Theorienspektrum sind es die rational choice-Ansätze, die das ihnen eigene individualistische Programm von den Schotten nachgerade vorformuliert sehen (Esser 1993, 239ff). Die wichtigste Gegenposition markiert immer noch Parsons, der gerade durch die Überwindung des Utilitarismus die Soziologie erst richtig auf den Weg kommen sah.Google Scholar
  15. 88.
    Die Anfänge der Soziologie werden somit nicht bei den Klassikern der Jahrhundertwende gesucht. Für Geiger standen diese stets in Gefahr sich “in kühnen Konstruktionen ohne Wirklichkeitsbezug zu verirren” (1950 UN, 3).Google Scholar
  16. 89.
    Nichts anderes hat nach Geiger im übrigen auch für die traditionell durch eine individualisierend-ideographische Zugriffsweise bestimmte Geschichtswissenschaft zu gelten.Google Scholar
  17. 90.
    Passend hierzu geht Geiger, unter Verweis auf Malinowski und Nieuwenhuis, von der Invarianz der Gesetze der Logik und Kausalität aus und wendet sich gegen Lucien Levy-Bruhls Lehre vom prälogischen Denken der Naturvölker. So gilt ihm auch das zu allen Zeiten virulente magische Denken der Naturvölker als ein kausales Denken, welches nur auf andere Wirkungsursachen verweist (SOC, §29, 219; ähnlich IW, 130ff).Google Scholar
  18. 91.
    Von Interesse für Geigers methodologischen Werdegang ist, daß er in einer seiner letzten Veröffentlichungen Zweifel an der Legitimität des Kausalmodells im soziologischen Denken hegt und vorsichtig von diesem abrückt (1949b, 112). Er folgt jetzt dem später von Helmholtz aufgegriffenen “causal nihilism” David Humes, der besagt, daß es bei Kausalgesetzen genau genommen nicht um Ursache-Wirkungsverhältnisse geht, sondern um die zeitliche Abfolge des Ereignisses B auf das Ereignis A (1952, 184).Google Scholar
  19. 92.
    So gesehen ist die Unterscheidung zwischen den sogenannten exakten Naturwissenschaften und den unscharfen Sozialwissenschaften lediglich graduell.Google Scholar
  20. 93.
    Deshalb bemerkt Heinrich Popitz (1993, 101) völlig zu Recht, daß Geiger, wenn er nicht so früh gestorben wäre, dazu hätte beitragen können, “das Erzübel der Soziologie, das Schisma von Theorie und empirischer Forschung” , zu überwinden.Google Scholar
  21. 94.
    Siehe zu diesem Problem auch: Geiger (1949a, 1949b).Google Scholar
  22. 95.
    Geiger spricht statt von Individuen gern von “Einern” , um der soziologischen Denkweise diamet Einzigartigkeitsimplikationen erst gar nicht aufkommen zu lassen.Google Scholar
  23. 96.
    Analogien zum Eliasschen Begriff der Figuration sind hier nicht zu übersehen.Google Scholar
  24. 97.
    So auch andernorts: Die “Gesellschaft ist nie und nimmer, sondern geschieht ewig, wird” (1929c, 835).Google Scholar
  25. 98.
    Geigers Plädoyer gilt einem Ansastz, der sich aus den “Niederungen statischer Betrachtung” in die “dünnere Höhenluft dynamischer Analyse” begibt (IW, 126). Daß dies nicht nur ‘leere’ Programmatik sondern integrales Element seiner Soziologie ist, zeigt eindrucksvoll seine Schichtungstheorie. Dort nähert er sich mit Hilfe des Umschichtungs-, Fluktuations- und Mobilitätskonzepts dem historischdynamischen Charakter der Schichtungsverhältnisse. Womit, nebenbei gesagt, auch der gegenüber der Schichtungssoziologie generell erhobene Standardvorwurf einer adynamisch-statischen Sichtweise zumindest in der klassischen Version Geigers keinen Zeugen findet (vgl. auch KSch, 149ff).Google Scholar
  26. 99.
    Genau diese Unabdingbarkeit eines dialektisch aufeinander bezogenen Verhältnisses von Theorie und Empirie drohte der frühen Soziographie, so etwa bei Tönnies, wie der Sozialstatistik des 19. Jahrhunderts überhaupt aus den Augen zu geraten (Kern 1982, 63ff).Google Scholar
  27. 100.
    Bereits die zweite Veröffentlichung Geigers (1919a) widmete sich Problemen zur Statistik der Unehelichen.Google Scholar
  28. 101.
    Dieses Lernziel gehörte mittlerweile zu den basalen methodischen Grundkompetenzen, die von allen modernen sozialwissenschaftlichen Curricula eingefordert werden.Google Scholar
  29. 102.
    Eine soziologischen Frageinteressen genügende Statistik kann in den Augen Geigers, wie er einige Jahre später bemerkt, auch für die politische Praxis unentbehrliche Dienste leisten (1949a, 132ff). Er registriert jedoch auch jetzt eine völlig unzureichende Anpassung der hauptsächlich von ökonomischen Gesichtspunkten geleiteten Statistik an die Fragen der Soziologie und vor allem an die einer — von ihm nachdrücklich eingeklagten — empirisch orientierten Sozialstrukturforschung, um die von ihm diagnostizierten tiefgreifenden Veränderungen der Gesellschaftsstruktur auch quantifizierend kenntlich machen zu können. Damit geißelt er einen Mißstand, der bis heute nichts an Aktualität eingebüßt hat. Weiterhin gilt, daß die amtliche Statistik unter soziologischen Auspizien allzu viele Fragen offen läßt.Google Scholar
  30. 103.
    Geiger veröffentlicht im Rahmen dieser Tätigkeit zwischen 1923 und 1924 auf der Grundlage ihm zur Verfügung stehender statistischer Daten vier Aufsätze zu den ausländischen Handelsbeziehungen Deutschlands. Vgl. hierzu die Geiger-Bibliographie von Bachmann und Hoyer (1995a).Google Scholar
  31. 104.
    Vor dem Hintergrund der stark quantitativ ausgerichteten Methodenoption Geigers nimmt es nicht wunder, daß er in einer Besprechung des von Alfred Vierkandt herausgegebenen einschlägigen Handwörterbuchs der Soziologie (1931) — in dem er selbst mit fünf zentralen Artikeln u.a. zum Gesellschafts- und Soziologiebegriff vertreten ist — die ungenügende Darstellung des quantifizierend-statistischen Methodeninstrumentariums und ihrer Ergebnisse anprangert (1932/33, 263). Nicht anders ergeht es Karl Dunkmanns Lehrbuch der Soziologie und Sozialphilosophie, welches er aufgrund seines “grimmigen Protests” gegen eine empirisch-exakte Soziologie verwirft (1932b).Google Scholar
  32. 105.
    Die Soziographie wurde als sozialwissenschaftliche Sonderdisziplin 1913 mit einer dezidiert empirisch-statistischen Ausrichtung von dem holländischen Soziologen Rudolph Steinmetz (1862–1942) begründet und verbindet sich in Deutschland namentlich mit Rudolf Heberle, Max Rumpf und Ferdinand Tönnies. Geiger verdankt es nicht zuletzt seiner Stellung als “Soziograph” , daß er von René König und dann auch von Rainer Lepsius (1981, 14ff) als herausragender Repräsentant der seit dem Ausgang der 20er Jahren in Erscheinung tretenden “neuen Welle” lobende Erwähnung findet. Zu Geigers Engagement hinsichtlich einer soziographischen Neudefinition der Soziologie vgl. auch Geiger 1933d und 1933e.Google Scholar
  33. 106.
    Es kann als programmatisch verstanden werden, daß diese Studie den Auftakt zur 1931 gegründeten Schriftenreihe Soziologische Gegenwartsfragen im Enke Verlag, herausgegeben von Alfred von Martin, Sigmund Neumann und Albert Salomon, bildete. Wie man dem Klappentext entnehmen kann, war es das Ziel dieser Reihe, eine “konkrete Soziologie, die die gegenwärtige gesellschaftliche Wirklichkeit in ihren Tatbeständen, bestimmenden Bildungskräften und Strukturzusammenhängen, natürlich auch in ihren geschichtlichen Verwurzelungen, zu erfassen sucht.” Folgende weitere Arbeiten wurden in der Schriftenreihe in Aussicht gestellt: Hans Beyer: Die Frau in der politischen Entscheidung. Eine statistisch soziologische Untersuchung über das Frauenwahlrecht in Deutschland, Hans Speier: Soziologie der deutschen Angestelltenschaft, Svend Riemer: Die soziale Stellung des modernen Studenten, Charlotte Luetkens: Die Soziologie der amerikanischen Intelligenz. Dieses durchweg von Nachwuchskräften in Angriff genommene Programm blieb freilich unerfüllt, da die drei Herausgeber 1933 aus politischen Gründen abserviert wurden.Google Scholar
  34. 107.
    Vgl. hierzu auch Geigers (1933d; 1933e) sozialstatistische Untersuchung zu den Arbeitnehmern und wirtschaftlich Selbständigen in Deutschland. Geigers noch zu behandelnde Hinwendung zur Eugenik hat wohl auch in deren quantitativ-statistischem Methodenzuschnitt einen Beweggrund.Google Scholar
  35. 108.
    Mannigfaltige politisch-soziale Phänomene — Geiger erwähnt den “Faschismus” oder die “Demokratie” — können schon mangels einer genauen Begriffspräzisierung keiner quantifizierenden Betrachtung zugeführt werden (1948/49, 302).Google Scholar
  36. 109.
    Die Verbindung einer verstehenden Deutung der Lebenswelt mit der makrosoziologischen Strukturanalyse findet auch in der geforderten Gleichzeitigkeit anaskopischer und kataskopischer Methoden ihre Entsprechung (1931 d). Dies spiegelt sich auch in Geigers Braunschweiger Lehrangebot. Neben statistischen Erhebungen zu den gesellschaftlichen Lebensverhältnissen, Vorlesungen und Übungen speziell zur empirischen Soziologie der Erziehung dienen ihm dort vor allem autobiographische Arbeiterliteratur, Arbeiterdichtung und Romane aus dem industriellen Milieu als empirisches Ausgangsmaterial für die von ihm auszubildenden Volksschullehrer (vgl. Rodax 1991, 82ff). Dieser Methodenpluralismus zeigt sich auch in Die soziale Schichtung des deutschen Volkes (1932), wo Geiger ausgehend von der These, daß sich gleiche Lebensumstände mit typischen Schichtmentalitäten verbinden, eine doppelte methodische Zugriffsweise verfolgt. Zum einen ein quantitativ-statistischer Ansatz, der durch die Unterscheidung von Bevölkerungsteilen bestimmter sozio-ökonomischer Lagen ein erstes Lagerungsbild der Gesellschaft möglich macht. Und zum zweiten einen hermeneutischen Ansatz, der den statistisch abgegrenzten Bevölkerungsmassen beobachtete Figuren kollektiver Sozialmentalitäten interpretativ zuordnet.Google Scholar
  37. 110.
    Diese Nähen zur verstehenden Soziologie dürfen aber nicht über seine schwerwiegenden Bedenken gegenüber diesem Forschungsparadigma hinwegtäuschen. Er warnt vor den “Einflüsterungen einer allzu geisteswissenschaftlichen Psychologie” und einer Überschätzung der introspektiven Methoden. Dabei geben besonders die Vernachlässigung der sozialen Lage, die mangelnde Überprüfbarkeit und Tatsachen-bezogenheit seinen Bedenken gegenüber der Methode des Fremdverstehens Nahrung (1931d). In den behavioristischen Arbeiten von Charlotte und Karl Bühler sieht Geiger (1932a, 638) schon früh erfolgversprechende Anknüpfungspunkte für eine gegenüber den Vagheiten der Hermeneutik gefeite Soziologie.Google Scholar
  38. 111.
    Dieses subjektive Moment ist natürlich auch biographischen Zeugnissen, mündlichen Befragungen und der Feldforschung zu eigen, weshalb diese trotz ihrer unumstritten hohen Bedeutung für den sozialwissenschaftlichen Erkenntnisprozeß nach Geiger nicht gegen die Forschung auf rein statistischer und dokumentarischer Grundlage ausgespielt werden sollten (1949b, 76).Google Scholar
  39. 112.
    Diesen Vorbehalten entsprechend betrachtet Geiger in seinen Vorstudien zu einer Soziologie des Rechts das Handeln unter Verzicht auf alle Sinndeutungsprozesse als Wirklichkeitszusammenhang vom reinen Akt her.Google Scholar
  40. 113.
    Obwohl sich subjektive Faktoren laut Geiger “ihrem Wesen nach” (1950 UN, 15) der Messung verschließen, so ist er, angeregt durch die Fortschritte amerikanischer Research-Arbeit, optimistisch, daß man sich den subjektiven Faktoren auf der Grundlage quantifizierender Verfahren zukünftig zumindest indirekt wird annähern können.Google Scholar
  41. 114.
    “We admire the progress made by the natural sciences. We believe, nay we know the method applied by them, the one method of all sience, will enable us to achieve similar results in our field” (1955e, 16).Google Scholar
  42. 115.
    In diesem Punkt herrscht bei den Klassikern von Max Weber über Emile Durkheim, Ferdinand Tönnies, Georg Simmel, Talcott Parsons bis Norbert Elias Einigkeit. Gleichwohl hat Klaus Rodax (1991, 43) Recht, daß sich Geiger in der Heftigkeit des Engagements für eine “Deideologisierung soziologischer Theorien” hervortut. Dirk Käsler (1984, 47 Iff.) schlägt vor, Geigers Drängen auf Sachlichkeit und prosaische Nüchternheit, die ihn — wie im Fall Karl Mannheims und Max Graf zu Solms auch — von der “Romantik” der klassischen Vorläufergenerationen unterscheidet, mit dem Ereigniskomplex des Ersten Weltkriegs zu verbinden. Geiger verbrachte den Krieg im Alter von 23 Jahren zuerst als Freiwilliger in Frankreich, dann im Lazarett, auf dem Balkan, in Rußland und zuletzt im Militärverwaltungsdienst. Die existentiellen Erfahrungen der Zerstörung der Welt, so die plausible Interpretation Dirk Käslers, bildeten den Nährboden für einen Geist neuer Sachlichkeif (473) und einen dezidierten Wirklichkeitssinn.Google Scholar
  43. 116.
    Zur Kritik dieses Abgrenzungsversuchs vgl. Albert (1975, 80ff.). Mit Karl R. Popper könnte man hier einwenden, daß der empiristische Positivismus daran krankt, daß er ein sicheres Fundament der Erkenntnis (Sinnesdaten des raum-zeitlichen Erfahrungsbereichs) für möglich hält.Google Scholar
  44. 117.
    Die Nicht-Realität von Werten heißt indes natürlich nicht, wie noch zu zeigen sein wird, deren sozialen Folgenreichtum und faktische Relevanz übersehen zu wollen.Google Scholar
  45. 118.
    Dies heißt, um ein Beispiel zu geben, daß Mord weder als schlechte noch als richtige Handlung bezeichnet werden kann — es sei denn, man kennzeichnet dies als eine rein persönliche Gefühlseinstellung, ohne sie mit dem Schein der Sachlichkeit zu umgeben. Grundsätzlich gilt es als unmöglich, außerhalb der Sphäre subjektiver Primärbewertungen, des persönlichen Gefallens oder Mißfallens wertwidrige oder wertvolle Handlungen oder Gegenstände kenntlich zu machen.Google Scholar
  46. 119.
    Diese Auffassung heißt natürlich nicht zu übersehen, daß rein persönliche Wertäußerungen außerhalb jeder Kritik stehen und “als Urphänomene menschlicher Gefühlstätigkeit” (DoD,182) zum Untersuchungsgegenstand der Soziologie gehören.Google Scholar
  47. 120.
    Wie ernst er es mit der Verpflichtung des Wissenschaftlers auf die Beobachterperspektive meint, läßt sich daran erkennen, daß er selbst noch unter den Bedingungen eines totalitären Unrechtsregime die normative Kritik im Namen der Wissenschaft für unzulässig erklärt: “Gegen den totalitären Staat der Gegenwart (...) gibt es keinen wissenschaftlichen Einwand, sondern nur” — wie er nicht versäumt hinzuzufügen — “den aktiven Widerstand einmütiger Ablehnung” (IW, 96).Google Scholar
  48. 121.
    Interessant ist, daß Geiger in diesem Zusammenhang davon ausgeht, daß die ‘Aufgelöstheit der modernen Gesellschaft’ strukturell besonders günstige Bedingungen für die hier eingeforderte Distanznahme zur Verfügung stellt. Gerade die mit der gesellschaftlichen Differenzierung verbundenen Handlungsroutinen, so die Argumentation, erleichtern die Distanznahme gegenüber sich selbst und insofern die Chancen für ein von Gefühlslagen emanzipiertes, d.h. tendenziell sachlicheres und ideologiefreies Denken (NLd, 448ff).Google Scholar
  49. 122.
    Geiger sucht sich wiederholt Mannheim als Widerpart; dies ändert aber nichts an dem Sachverhalt, daß beide, wie Wolfram Burisch (1995, 42) treffend formuliert, in “freundlicher Gegnerschaft” verbunden waren. Sie zählten zur “neuen Welle” der frühen deutschen Soziologie (Lepsius 1981, 14ff), die in ihrem wissenschaftlichen und demokratisch-republikanischen Engagement unbeschadet mannigfaltiger Unterschiede im Detail auch viele Berührungspunkte hatten.Google Scholar
  50. 123.
    Den Vertretern der Gegenaufklärung — erwähnt werden Nietzsche, Sorel und Pareto — macht Geiger den Vorwurf des “intellektuellen Defaitismus” (IW, 19), da sie den ideologischen Hang des Menschen zu einer seiner Natur entsprechenden Erscheinung verewigen und damit jede Wahrheitssuche ad absurdum führen.Google Scholar
  51. 124.
    Auch wenn Geiger die Rolle der Kultur als herausragenden Prägefaktor der menschlichen Erfahrung betont, ändert dies seines Erachtens nichts an dem Sachverhalt einer vorfindbaren objektiven Wirklichkeit. Ganz in diesem Sinn unterstreicht gegenwärtig Ronald Inglehart (1998, 25): “Es gibt eine objektive äußere Realität, und sie gilt für soziale Beziehungen genauso wie für die Naturwissenschaften. Die äußere Realität ist entscheidend, wenn es zum letzten politischen Mittel, der Gewalt kommt: Wenn man jemanden erschießt, dann stirbt dieser Mensch, unabhängig davon, ob er oder sie nun an Kugeln glaubt oder nicht.”Google Scholar
  52. 125.
    Es gibt nur eine unheilbare Ideologie: “Die Meinung des Denkers, die absolute Objektivität in Pacht zu haben” (NLd, 454).Google Scholar
  53. 126.
    “Ist es nicht eben oberste Maxime des wissenschaftlichen Ethos, den Einflüsterungen des Willens, der Sentiments und Ressentiments nach Menschenkräften zu widerstehen — apage satanas! — obgleich man doch weiß, daß der schwache Leib mancher Versuchung doch erliegt?!” (1929/30, 221 f.)Google Scholar
  54. 127.
    Methodologische Nähen Geigers zum Logischen Empirismus des Wiener Kreises sind schon verschiedentlich vermerkt worden (etwa: Mühlmann 1957, 133; Leder 1969, 21 f.); allerdings sollte man angesichts der sozialreformerischen und gesellschaftskritischen Zugriffsweise Geigers präzisierend hinzufügen, daß die Parallelen unter dem Gesichtspunkt seines gesellschaftspolitisch engagierten Wissenschaftsethos vor allem auf Otto Neurath, Edgar Zilsel, Rudolf Carnap, Philipp Frank und Hans Hahn zutreffen, die — ähnlich wie Geiger — das Programm des Logischen Empirismus mit dem Ziel der rationalen Umgestaltung der Gesellschaft verbinden. Hinsichtlich der Verteidigung der modernen Demokratieidee und des schonungslos ideologiekritischen Engagements des späten Geigers könnte man aber auch Vergleiche mit Karl R. Poppers Abwehr der ‘geschlossenen’ und sein Eintreten für die ‘offene’ Gesellschaft ziehen. Interessant ist, daß Geiger schon einige Jahre vor Popper im dritten Buch der Sociologi (§28, 94) zwischen “geschlossenen und offenen Kulturen” unterscheidet — “geschlossen” heißt bei ihm, “wenn sich die Kulturgemeinschaft dem Fremden gegenüber ablehnend verhält, offen, wenn sie die fremden Schätze akzeptiert” .Google Scholar
  55. 128.
    Selbstverständlich ist ihm klar, daß die Aussage, “daß Wahrheit wert sei, gesucht zu werden, keine Wahrheit (ist), sondern ein Werturteil” (IW, 98).Google Scholar
  56. 129.
    Vgl. hierzu etwa Geigers vehemente Replik auf den Rezensenten W. Jost, der eine seiner betriebssoziologischen Studien nicht sachimmanent, sondern aufgrund vermeintlicher ‘sozialistischer Einfärbungen’ attackiert (1930k).Google Scholar
  57. 130.
    Anzunehmen ist, daß Geiger diese Zeitschrift aufgrund ihres im Vergleich zu den etablierten Fachorganen außerordentlich hohen Informationswertes über die realen Gegebenheiten der Gesellschaft schätzte. Ähnlich dürfte sein Engagement in dem seit 1921 von Emil Lederer herausgegebenen Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik zu begründen sein. Auch dies wich in seiner Themenorientierung von der Linie der DGS ab und bevorzugte neben sozialphilosophischen und kultursoziologischen Themen vor allem Arbeiten zur Wirtschafts- und Sozialpolitik sowie zur Sozialstruktur (Stölting 1986, 154f).Google Scholar
  58. 131.
    Wohl auch seinen eigenen Rollenkonflikt reflektierend hält Geiger fest: “Wer eine sozialistische Gesellschaft herbeiwünscht, bedarf wahrhaftig nicht des Stempels der Wissenschaft, um mit gutem Gewissen für sein Ziel wirken und kämpfen zu können” (KSch, 143f.).Google Scholar
  59. 132.
    Dem entspricht es, wenn als Fürsprecher der empirischen Sozialforschung innerhalb der frühen deutschen Soziologie vor allem das zur Peripherie zählende Lager der Marxisten und Sozialisten hervorzuheben ist (Käsler 1984; Gorges 1986).Google Scholar
  60. 133.
    So begründete Otto Neurath als Soziologe und klassischer Repräsentant des Positivismus seine Verbundenheit zum Sozialismus (Gröbl 1983, 220). Die Übereinstimmungen zwischen der “wissenschaftlichen Weltauffassung” Otto Neuraths (Hegselmann 1979; Gröbl-Steinbach 1995, 256 ff.) und dem Denken von Geiger sind im übrigen verblüffend. Sie reichen von dem gemeinsamen Interesse an einer wissenschaftlich orientierten Volksbildung über die Hochschätzung statistisch-quantitativer Verfahren in den Sozialwissenschaften bis hin zum Anliegen einer sozialistischen Gesellschaftsreform. Kontakte Geigers zu Neurath, wie zum Wiener Kreis überhaupt, sind jedoch, soweit ich sehe, nicht nachzuweisen. Da Wien zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der wissenschaftlich orientierten Volksbildung als führend galt, ist es allerdings nicht unwahrscheinlich, daß der als Fürsprecher einer wissenschaftszentrierten Erwachsenenbildung engagierte Geiger zumindest mit Veröffentlichungen Neuraths in Berührung gekommen ist. Verbindungen Geigers zu dem in den 20er Jahren ebenfalls in Berlin ansässigen Kreis um Hans Reichenbach — Mitglied der Berliner Gesellschaft für empirische Philosophie und wichtiger späterer Repräsentant des Wiener Kreises — sind ebenfalls nicht nachweisbar (Wilsman 1998). Nicht auszuschließen ist ferner, daß das Engagement in der bayerischen Räterepublik, welches nach Kriegsende Geiger und Neurath an den Tag legten — letzterer publizierte 30 Arbeiten zu Sozialisierungsproblemen und war 1919 Präsident des Zentralwirtschaftsamtes, das die Sozialisierung Bayerns vorbereiten sollte (vgl. hierzu Hegselmann 1979, 23ff.) — beide zusammenführte.Google Scholar
  61. 134.
    Die in der Spannung zwischen Wissenschaft und Politik angelegte “Selbst-Entzweiung” (ASI, 128) hat zur Folge, wie Geiger später schreibt, daß es der wissenschaftlichen Intelligenz prinzipiell erheblich leichter falle, mit einer politischen Richtung zu sympathisieren als in ihr organisiert zu sein. Das den politischen Parteien eigene Streben nach vereinfachenden Losungen, die erwartete Gesinnungsdisziplin und die “parteipäpstlich approbierte Doktrin” (ASI, 130f), so fährt er fort, widerspricht der Intelligenz und ihren Idealen autonomen Denkens. In Ideologie und Wahrheit fordert er sogar die grundsätzliche Distanz gegenüber politisch weltanschaulicher Bindung, um den Gefahren ideologischer Infektion zu begegnen (IW, 110). Ähnliche Forderungerungen finden sich bei Norbert Elias, aber auch bei Pierre Bourdieu, der rät, sich als Sozialwissenschaftler von allen Gruppenbindungen und Glaubensauffassungen zu emanzipieren: Denn “in die Soziologie tritt nur ein, wer die Bande und Verhaftungen löst, die ihn gemeinhin an eine Gruppe binden, wer den Glaubensüberzeugungen abschwört, die unabdingbar sind, um dazuzugehören, wer jegliche Mitgliedschaft oder Abstammung verleugnet” (1985, 50). Einige Jahre später schreibt er: Die “Wahrheit kennt keine Heimat und keine Partei” (1996), so daß die Soziologie um so mehr Chancen hat der Macht entgegenzuwirken, “je mehr sie ihre genuin wissenschaftliche Funktion erfüllt” (1993, 27).Google Scholar
  62. 115.
    Einen vergleichbaren Bestimmungsversuch formuliert einige Jahre später Ralf Dahrendorf (1965, 328), der notiert: Wenn die Intelligenz es “nicht fertigbringt, als Stachel jede Form der Verteilung von Herrschaft, jeden Inhalt politischer Entscheidung zu begleiten, sondern die Herrschenden entweder umklammert oder sich ganz von ihnen trennt, dann muß man von einer nicht-demokratischen Intelligenz sprechen.”Google Scholar
  63. 136.
    Auch wenn Macht- und Herrschaftsfragen zu den in Geigers Soziologie gleichbleibend zentralen Aspekten gehören, stellt er keine ausgearbeitete Macht- und Herrschaftstheorie vor. Gleichwohl hat die von Pierre Bourdieu (1993, 27) vorgenommene Funktionsbestimmung der Soziologie, “die soziale Welt und zumal die Macht zu verstehen” , hier ohne Zweifel einen ihrer klassischen Vorläufer.Google Scholar
  64. 137.
    Geiger folgt der zuerst vom Enzyklopädisten Claude Adrien Helvetius formulierten These vom Herren- und Priestertrug, wonach alle Machthaber danach trachten, die Bevölkerung zum Zwecke ihrer Regierbarkeit in Unwissenheit zu halten.Google Scholar
  65. 138.
    Diese Erkenntnis heißt natürlich nicht, das Ziel der Machteindämmung aufzugeben. Denn, um es mit Heinrich Popitz auszudrücken: “Machtordnungen sind nicht gottgegeben, sie sind nicht naturnotwendig, nicht durch unantastbare Traditionen geheiligt. Sie sind Menschenwerk. Wie sie ins Werk gesetzt worden sind, so können sie auch neu bewerkstelligt werden” (1992, 12).Google Scholar
  66. 139.
    D.h.: Die Intelligenz ist Teil im arbeitsteiligen Funktionshaushalt der Gesellschaft, wo sie als in sich differenzierte Berufsgruppe — unterschieden werden die künstlerische, naturwissenschaftlich-wirtschaftliche und sozialwissenschaftliche Intelligenz — wichtige Gesellschaftsaufgaben zu übernehmen hat.Google Scholar
  67. 140.
    Ganz in diesem Sinn definiert auch Norbert Elias die Soziologen als Mythenjäger (1970, 188f). Mit Francois Furet (1996), könnte man sagen, daß es beiden um eine Kritik der “Ideokratie” , d.h. auf Ideologien beruhender Formen staatlicher Machtabsicherung, geht. Während Furet jedoch den Begriff der “Ideokratie” verwendet, um die auf propagandistischer Ideologie- und Mythenbildungen basierende totalitäre Herrschaftsform des Stalinismus zu brandmarken, sind bei Geiger und Elias Ideologien eine universale Form der Herrschaftspraxis.Google Scholar
  68. 141.
    Was Wolfram Burisch (1995, 77) dazu veranlaßt von einer “funktionalistisch verkürzten Stellenbeschreibung” Geigers zu reden und ihm ein affirmatives, “unreflektiertes Festschreiben des jeweils vorfindbaren Zustandes” (79) anzukreiden, bleibt angesichts dieser Bestimmung schleierhaft. Diese Fehldeutung, wie manch andere auch, ist wohl dem Versuch Burischs geschuldet, mit aller Macht seine allzu simple These zu retten, die behauptet, daß Geiger den Weg vom revolutionären Impulsgeber zum positivistischen Verflacher gegangen sei. Fest steht: Geigers Bestimmung der Intelligenz gerät nie in Gefahr, Werturteilsfreiheit mit autoritätskonformer Unparteilichkeit zu verwechseln.Google Scholar
  69. 142.
    Auch René König (1971, 99f) folgt, angeregt durch die Studien Geigers, der Ansicht, daß eine empirisch und objektiv forschende Wissenschaft eben “kein Luxus” , sondern “ein zentraler Bestandteil einer demokratischen Industriegesellschaft” ist.Google Scholar
  70. 143.
    In der Gestalt Arnod Gehlens und Helmut Schelskys fand der Anti-Intellektualismus aber auch noch nach 1945 eine prominente Fortsetzung. Siehe zu diesem Problemfeld auch: Bering (1982, 102ff, 144ff); Lederer (1979, Kap. 5); Habermas (1987, Kap.2). Zur Vorherrschaft “staatskonservativer” Rollenbilder in der Gesellschaftsgeschichte der Intelligenz siehe: Dahrendorf (1965, 31 Iff).Google Scholar
  71. 144.
    Negativer Bezugspunkt ist auch hier Karl Mannheim, der die Intelligenz als Sachwalter politischer Vernunft begreift, die es vermag, konstruktive politische Syntheseleistungen hervorzubringen.Google Scholar
  72. 145.
    So äußert sich Geiger in einem vom Emil J. Gumbel herausgegebenen Exil-Sammelband. Eine — wie auch immer geartete — Verbundenheit Geigers mit Gumbel, der in Heidelberg seit den 20er Jahren am Institut für Sozial- und Staatswissenschaften Statistik lehrte, kann wohl unterstellt werden. Gumbel gehörte nämlich als Mitglied der Deutschen Liga für Menschenrechte wie Geiger auch zu den entschiedenen Gegnern der politischen Rechten. Zudem dürften dessen statistisch-empirischen Untersuchungen über politische Verbrechen in Deutschland auf das methodologische Interesse Geigers gestoßen sein.Google Scholar
  73. 146.
    Freilich bereitet es Geiger große Sorge, daß die “lebenswichtigen” machtkritischen Funktionen der sozialwissenschaftlichen Intelligenz in einem Zeitalter, das sich den Prinzipien des Kommerzes unterwirft, nur auf eine geringe gesellschaftliche Akzeptanz stoßen. Dagegen werde, wie er argwöhnt, den alltagspraktischen technischen und medizinischen Errungenschaften mit “religiöser Ehrfurcht” begegnet (ASI, 46). Daß seitens der Politik die wissenschaftliche Gesellschaftsbetrachtung auf wenig Gegenliebe stößt, überrascht Geiger nicht, da ihr die Tendenz eigen sei, die Bevölkerung “unregierlich und aufsässig” zu machen (ASI, 152).Google Scholar
  74. 147.
    Die ausführlichen und grundlegenden Arbeiten von Klaus Rodax (insbes. 1991) erübrigen hier jede breitere Erörterung. Einen informativen Überblick zum Beitrag Geigers zur Theorie der Arbeiter- und Erwachsenenbildung gibt Johannes Weinberg (1995).Google Scholar
  75. 148.
    Besonders der programmatische Aufsatz Erziehung als Gegenstand der Soziologie (1930b) gehört zum Kernbestand der Kompendien über die großen Denker der Erziehungssoziologie.Google Scholar
  76. 149.
    Zur Unzulänglichkeit der in den Kategorien eines nostalgischen Gemeinschaftsgeistes und einer konservativen Kulturkritik verhafteten Erwachsenenbildungstheorie der 20er Jahre siehe Tietgens (1969, 10ff).Google Scholar
  77. 150.
    Dies ist um so bemerkenswerter, als Geiger immer, wie erwähnt, auch als politisch überzeugter Sozialist argumentiert, der über die ganze Dauer der Weimarer Republik danach trachtet, den “kapitalistischen Machtstaat” durch die Arbeiterklasse zu überwinden (1921, 158). Die erwähnte Doppelrolle Geigers, die strikt zwischen seiner Rolle als Wissenschaftler und politischer Bürger unterscheidet, tritt hier wieder zutage. Wenn deshalb eine demokratisch orientierte Bildung unter allen Umständen jede Parteilichkeit zu übersteigen hat und sich nicht zum Werkzeug des Klassenkampfs erniedrigen lassen sollte, heißt dies aber nicht, die Klassenlage des Kindes im pädagogischen Prozeß zu übersehen — dies wäre, wie der Schichtungssoziologe polemisch anmerkt, “wolkenkuckucksheimerische Phrasenpädagogik” (1930a, 331).Google Scholar
  78. 151.
    Die besondere “verhängnisvolle Neigung deutscher Menschen” (1933a, 37) zu einer in Weltanschauung, Gesinnungen und Doktrinen befangenen Sicht wird von Geiger zeitlebens kritisch kommentiert. Polemisch schreibt er (19301, 313): “Weltanschauung — das Strahlenmeer kosmischer Unermeßlichkeiten im trüben Hohlspiegel unserer gebrechlichen Geistigkeit gesammelt! — wahrlich ein großes Wort. Heute ist es ein wohlfeiler Mantel geworden, in dem der Rohköstler sein Ernährungsdogma auf Werbereisen schickt; der Biochemiker schmückt seine Pillenkuren damit, zwanzig allzu parlamentarische Splittergruppen die mikroskopischen Sonderinteressen ihrer Anhänger (...) Ist es nicht so, daß wir umsomehr von Weltanschauung reden, je verwirrender uns das Wissen bedrückt, daß wir in Wirklichkeit keine haben, sondern ‘das sonderbare Schauspiel eines gebildeten Volkes ohne Metaphysik’ (Hegel) darbieten?” “Weltanschauung” ist laut Geiger ähnlich wie Weltschmerz ein ausschließlich deutscher Begriff, der im angelsächsischen Sprachraum nur als Fremdwort auftaucht und in Skandinavien wörtlich übersetzt wird — ein Beitrag zum internationalen Wortschatz, wie es bissig heißt, von höchst “zweifelhaftem Gewinn” (1968, 71).Google Scholar
  79. 152.
    Die deutschen Universitäten hatten sich relativ spät — erst nach der Universitätsausdehnungsbewegung in Österreich und England — dem Problem der Volksbildung gestellt.Google Scholar
  80. 153.
    Vgl. hierzu Geiger 1921; 1921a; 1921b; 1923. Neben Geiger kann man auch noch Hermann Heller als namhaften Pionier einer neuen Volksbildung erwähnen.Google Scholar
  81. 154.
    Geiger denkt hierbei in erster Linie an die Biologie, Psychologie und allen voran die Soziologie, deren zielbewußte Forschungsmethoden und aktuelle Problembezogenheit er im Unterschied zu der Wirklich-keitsenthobenheit der traditionellen Wissenschaftsdisziplinen rühmt. Weiterhin wird aber auch der besondere Bildungswert der Geschichts-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaft hervorgehoben (1923, 37).Google Scholar
  82. 155.
    Mit populärwissenschaftlicher Wissensmehrung hat Geiger deshalb auch wenig im Sinn. Seine diesbezüglichen Vorbehalte bringt er verschiedentlich zum Ausdruck, so etwa wenn er festhält: “Was die ‘Bücher für Jedermann’ angeht, so wage ich zu behaupten: Es wäre um die Volksbildung besser bestellt, wenn es ihrer viele — nicht gäbe” (1928a, 357).Google Scholar
  83. 156.
    Mit der starken Betonung der formalen Verstandesbildung stellte sich Geiger reformpädagogischen Grundüberzeugungen diametral entgegen. Auf seine Sympathie dürfte jedoch der von Ernst Meumann initiierte Weg einer empiristisch-szientifischen Reformpädagogik (Tenorth 1988, 215f.) gestoßen sein.Google Scholar
  84. 157.
    Geiger: “Die meisten Menschen stehen, trotz ihrer Freiheitssehnsucht, unter dem Einfluß von Vorstellungen und Lehren, die sie nicht aus frei verantwortlichem Entschluß anerkennen, sondern aus fremdem Mund hören und ohne eigenes Urteil gefühlsmäßig hinnehmen. Sie sind geistig unfrei” (o.J., 59).Google Scholar
  85. 158.
    Passend hierzu zieht Geiger in einer modern anmutenden Weise die methodisch-didaktischen Konsequenzen und verlangt, den Lehrervortrag zugunsten kooperativer Arbeitsformen zurückzudrängen und im Gegenzug dem eigenständigen Selbststudium einen größeren Stellenwert einzuräumen (1921c).Google Scholar
  86. 159.
    Damit nimmt Geiger, wie Klaus Rodax (1997, 337) betont, eine Vorreiterrolle für spätere didaktische Positionen ein, die das stärkere Sicheinlassen auf die Lebenswelt der Schüler und Schülerinnen fordern.Google Scholar
  87. 160.
    Daß es in dieser Argumentation weder um die Affirmation der bestehenden Gesellschaft noch um deren Kritik im Lichte einer zukünftigen Gesellschaft geht, belegt die folgende Stelle: “Wie heut der Soziolog sich hütet, Prophezeiungen künftiger Gesellschaftsentwicklungen in die Welt zu senden, so kann auch der autonome Pädagog einsehen, daß ihm nicht zusteht, den Büttel und Kerkermeister einer heute errichteten Gesellschaftsform zu spielen, noch auch als göttliche Vorsehung in der Gesellschaftsgeschichte aufzutreten, indem er sein Wunschbild der Zukunft als das ‘Erziehungsziel’ propagiert” (1930b, 417f).Google Scholar
  88. 161.
    Diesen Gesichtspunkt bringt Klaus Rodax (1997, 337) treffend auf den Punkt, wenn er schreibt, daß Geiger “— überspitzt formuliert — am liebsten eine Schule wäre, in der gar nicht absichtsvoll erzogen, sondern nur unterrichtet würde.” Zum erziehungsskeptischen Denken Geigers vgl. auch: Rodax (1995).Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Wiesbaden 2001

Authors and Affiliations

  • Thomas Meyer

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