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Der “deutsche Geist” und die Soziologie

  • Thomas Meyer
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Zusammenfassung

Anders als zumeist üblich, dies muß vorausgeschickt werden, läßt die nachfolgende Skizze die frühe deutsche Soziologie nicht mit dem Jahr 1933, sondern erst zur Mitte des Jahrhunderts hin ausklingen.

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Literatur

  1. 13.
    So war Geiger in seiner Rolle als dänischer Delegierter und aktiver Mitarbeiter der International Sociological Association (ISA), die im September 1949 in Oslo gegründet wurde, auch daran gelegen, die Internationalisierung der deutschen Soziologie voranzutreiben. Zusammen mit René König machte er sich mit Erfolg dafür stark, die DGS — personifiziert durch ihren eher widerstrebenden Präsidenten Leopold von Wiese — in die Weltorganisation der Soziologie von Beginn an zu integrieren (Weyer 1984, 53f.).Google Scholar
  2. 15.
    Zur Präzisierung und Differenzierung des Schemas eines deutschen und eines westeuropäischen Geistes vergleiche grundlegend: Faulenbach (1980, 122–177). Siehe hierzu aber auch Georg Bollenbeck (1994), der in einer vorzüglichen Studie am Beispiel des Kultur- und Bildungsbegriffs nochmals die Ideengestalt des typischen ‘deutschen Geistes’ herausgearbeitet hat: Er notiert: “demnach sind ‘Geist’ des deutschen Volkes und der Charakter seiner ‘Kultur’ anders geartet als der ‘Geist’ und die ‘Kultur’ der westeuropäischen Länder, gibt es eine besondere Idee des organisch gewachsenen ‘Kulturstaates’ und der deutschen Freiheit, die Interessenhader und Parteiengezänk nicht kennt. (...) Unter Berufung auf‘deutsche Bildung’ und deutsche ‘Kultur’ verstärkt sich eine antiaufklärerische, idealistisch-romantische Tradition gegen Positivismus und Rationalismus, gegen Empirismus und Materialismus” (22).Google Scholar
  3. 16.
    Für Joachim Fest (1991, 46) ist das Deutschland am Vorabend des Ersten Weltkrieges das modernste Land Europas.Google Scholar
  4. 17.
    Vgl hierzu: Ringer (1987, 12f); Stern (1986, 15); Käsler (1984, 175), Dorowin (1991); Fest (1991, 46); Pohlmann (1992, 283); Vollrath (1990).Google Scholar
  5. 18.
    Eine umfassende und systematische Darstellung der Kulturkritik bleibt ein Forschungsdesiderat. Hilfreiche Bruchstücke liefern aber insbesondere: Sölter (1996), Bollenbeck (1994), Dorowin (1991), Schnä-delbach (1992), Bolz (1989), Stern (1986), Ringer (1987) und Sontheimer (1978).Google Scholar
  6. 19.
    Bekanntlich hingen gerade zahlreiche Intellektuelle aus den Bereichen der Kunst und Architektur — man denke nur an das Bauhaus — einem nachgerade unkritischen Modernismus an. Die sich in der Gleichzeitigkeit von Kulturkritik und Modernismus ausdrückende Ambivalenz des Zeitgefühls gehört wohl zu den allgemeinen Kennzeichen des damaligen Diskurses (Peukert 1987, 166) — eine Gemengelage, die im übrigen auch die Ideen der sog. “konservativen Revolution” (Armin Mohler) kennzeichnet. Die Positionen dieser rechtsradikalen Intelligenz eint zwar ein rückwärtsgewandter Pessimismus und die radikale Negation der liberalen Demokratie, zugleich kennzeichnet sie aber eine ausgesprochen aufgeschlossene Haltung gegenüber der Industriegesellschaft und ihrer Technik (Dupeux 1994). Stefan Breuer zeigt in seinem Standardwerk “Anatomie der konservativen Revolution” (1993) in aller Klarheit, daß es sich zumal in punkto Antimodernismus verbietet von einer einheitlichen Ideologie der “konservativen Revolutionäre” zu reden. Für Differenzierungen dieser Art kann in meiner — um es noch einmal zu sagen — notwendigerweise stilisierten Betrachtung kein Raum bleiben.Google Scholar
  7. 21.
    Erwähnen muß man in diesem Zusammenhang die sich um die Jahrhundertwende entfaltende namentlich mit Wilhelm Dilthey, Henri Bergson, Friedrich Nietzsche und Ludwig Klages verbundene Lebensphilosophie, die sich in den 20er Jahren als Gegenbewegung zum wissenschaftlichen Rationalismus formierte. Diese von Geiger wie vor ihm schon von Weber bekämpfte philosophische Tradition beeinflußte vor allem in Gestalt Georg Simmeis die Profilbildung der Soziologie in ihrer Konstituierungsphase nachdrücklich (Rehberg 1991, 253ff, 258). Zu den Ideenlieferanten und Impulsgebern der Modernitätskritik der 20er Jahre zählen natürlich auch Autoren wie Gottfried Benn, Knut Hamsun und Franz Kafka, deren oftmals scharfsichtige Reflexionen mit dem hysterisch-vulgären Kulturpessimismus eines Moeller van den Bruck oder auch eines Oswald Spengler nicht in einen Topf zu werfen sind. Zu den vielfältigen Strömungen des “antimodernistischen Fundamentalismus” in den ‘Niederungen’ des Alltags siehe: Reichel (1992).Google Scholar
  8. 22.
    Der sozialhistorische Hintergrund des Massendiskurses findet sich in den tiefgreifenden sozio-ökonomischen Umwälzungen und Revolutionen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts: Der industriekapitalistischen Industrialisierung, der Bevölkerungsexplosion, der Verstädterung, den wachsenden Arbeiterschichten und ihrer Massenorganisationen, den Streiks und Revolutionen sowie der einsetzenden Massenproduktion und -konsumption.Google Scholar
  9. 23.
    Zur Massenkritik Nietzsches vgl. auch die sehr aufschlußreichen Beiträge von Reschke (1992) und Blättler (1995, 191–225).Google Scholar
  10. 24.
    Zu erwähnen ist aber, daß sich neben den vielgestaltigen massenkritischen Stimmen in den 20er Jahren auch ein teilweise begeisterter Amerikanismus — allerdings vornehmlich außerhalb der akademischen Gelehrtenwelt — entwickelte (Hermand/Trommler 1988, 55). In dessen Gefolgschaft firmierte die Massengesellschaft als Chiffre für die Segnungen der modernen Zivilisation und äußerte sich beispielsweise in einer regelrechten Technik- und Maschinenschwärmerei.Google Scholar
  11. 25.
    “Ohne systematischen Bezug auf ‘Masse-Vermassung’, Technik-Mechanisierung’, ‘Entfremdung-Entseelung’ lassen sich ‘Persönlichkeit’, ‘Bildung’, ‘Kultur’, ‘Geist’ nicht mehr denken. Erst in diesem Prozeß (...) gewinnen die traditionellen Topoi überhaupt ihre antikapitalistische Prägnanz und modernitätskritische Tiefenschärfe, erst jetzt wird das bildungshumanistische Gesellschaftsbild zur Defensivideologie des geistesaristokratischen Ideologieprojekts” (Berking 1984, 54).Google Scholar
  12. 26.
    An den vorwiegend negativen Konnotationen hat sich bis heute wenig geändert: “Ob nun als Gegenbild einer positiv bewerteten Elite oder in Kontrast zu einem emphatischen Begriff der Persönlichkeit beschrieben, beinahe immer gilt ‘Masse’ als verächtlich, gefährlich für Geist und Kultur, bedrohlich für die Freiheit. Fast durchgehend wurde und wird ‘Masse’ mit abweisenden Attributen belegt. Sie sei diffus, amorph, blind, chaotisch, entfesselt, wild, panisch, labil, eine pathologische Erscheinung im sozialen Leben” (Pross/Klewes 1984, 7).Google Scholar
  13. 27.
    In Karl Jaspers Bestseller Die geistige Situation der Zeit (1931) können in geballter Form die Anwürfe gegen die Massengesellschaft und die ihr korrespondierende Massendemokratie nachgelesen werden. Die Masse, heißt es dort, um zumindest einen Einblick zu geben, ist das “Ungeheuer” (34), welches “man mit Grauen erblickt” (74). “Sie ist Dasein ohne Existenz, Aberglaube ohne Glaube. Sie kann alles zertreten, hat die Tendenz, keine Selbständigkeit zu dulden und keine Größe, aber die Menschen zu züchten, so daß sie zu Ameisen werden” (37). “Das Individuum ist aufgelöst in Funktion” (43), wie überhaupt “Geistigkeit durch Ausbreitung der Masse (verfällt)” (115). Als weiteres prominentes Zeugnis der Massenkritik könnte man auch Oswald Spenglers Untergang des Abendlandes erwähnen, dessen Modell kultureller Reifungs- und Verfallszyklen weit über die Grenzen Deutschlands hinaus breite Leserschichten zu faszinieren vermochte.Google Scholar
  14. 28.
    Der selten klar definierte Begriff der Masse taucht vor allem in drei Bezügen auf: Erstens in der konservativen Kritik der französischen Revolution. Zweitens als aufständische Masse in der Pauperismusdiskussion. Und drittens in den Ausführungen von Marx und Engels als Übergang und Vorstufe zur Klasse. Dies braucht hier nicht ausgeführt zu werden: Vgl. hierzu aber die instruktive Arbeit Helmut Königs (1992, 123ff). Oftmals werden relativ wahllos mal die unteren Klassen, das Lumpenproletariat und der Pöbel, dann aber auch wieder die neuen Arbeiter-, Mittel- und Angestelltenklassen unter dem Massenbegriff rubriziert.Google Scholar
  15. 29.
    Eingedenk dieser Zeilen kann es kaum verwundern, wenn Geiger seinen Kollegen Sombart als Prototypen des “deutschen kulturellen Schwarzsehers” (KR, 314) vorstellt — vgl. zu dieser Einschätzung aber auch Sombarts 1903 erschienenes Werk Die deutsche Volkswirtschaft sowie Händler und Helden (1915), die das ressentimentgeladene kulturkritische Gedankengut Sombarts und die mit ihr verbundenen Sehnsüchte in Reinform veranschaulichen. Siehe zusammenfassend: Appel (1992, 159ff) und — obschon bisweilen wenig kritisch — Lenger (1994, 136ff).Google Scholar
  16. 30.
    Vgl. auch: Sontheimer 1978, 250ff; Joas 1993; Käsler 1988; Jacoby 1971.Google Scholar
  17. 31.
    Allerdings sind die außerwissenschaftlichen Vereinnahmungen und Radikalisierungen keinesfalls nur den Fragwürdigkeiten einer unglücklichen und oberflächlichen Rezeptionsgeschichte geschuldet. Auch bei einer genaueren Durchsicht kommt man kaum umhin, die zahlreichen kulturpessimistisch imprägnierten, normativen Schlagseiten der Tönniesschen Abhandlung zu registrieren. Dies heißt aber nicht übersehen zu wollen, daß sich neben den Verklärungsmomenten der Gemeinschaft durchaus auch eine Würdigung der Nützlichkeit rationaler Gesellschaftsstrukturen bei Tönnies findet. In diesem Sinn argumentiert auch Cornelius Bickel (1990), wenn er versucht, den kritisch-rationalen Gehalt des “negativen Oppositionsbegriffs” (ebd., 27) bloßzulegen.Google Scholar
  18. 12.
    Für die undogmatische Linke der Kritischen Theorie ist eine untrennbare Verwobenheit mit dem Geist der Kulturkritik schon des öfteren konstatiert worden. Die Verachtung der Massengesellschaft, des Utili-tarismus und Positivismus, die apolitische Haltung sowie das Gefühl des Verlusts und des Niedergangs offenbart eine “verblüffende Ähnlichkeit” mit den Verdikten der deutschen Mandarine (so z.B. Jay 1976, 340). Der große Einfluß Arthur Schopenhauers und Friedrich Nietzsches nicht nur auf den rückwärtsgewandten, konservativen Kulturpessimismus, sondern etwa auch auf das Denken der Kritischen Theoretiker der Frankfurter Schule ist hier zu beachten. In Anbetracht der vielfältigen ideologischen, aber auch organisatorischen “Austauscheffekte” (Ruddies 1994, 22) ist die klare Scheidung zwischen einer rechten und einer linken Kulturkritik nicht immer einfach. So ist z.B. das Oeuvre Theodor W. Adornos trotz dort fehlender Vorbehalte gegen die westlich-liberale Demokratie von einem unverwechselbar deutsch gefärb-ten Strang romantischer Zivilisationsskepsis durchzogen. Dies zeigt sich während seines amerikanischen Exils etwa in seiner Verurteilung des Jazz wie überhaupt der Kulturindustrie in Hollywood, aber auch in seinen späteren Polemiken gegen den Positivismus. Es bleibt allerdings der Sachverhalt, daß die radikale Kulturkritik Max Horkheimers und Theodor W. Adornos allen dialektischen Kehrtwendungen zum Trotz sich letztlich bestrebt zeigt, an dem normativen Gehalt der aufklärerischen Emanzipationsphilosophie festzuhalten. Da sich Geigers Kritik, wie noch zu zeigen sein wird, eindeutig, wenn auch nicht ausschließlich auf die konservativen Varianten des Kulturpessimismus konzentriert, kann dieses Problem hier außer Acht bleiben.Google Scholar
  19. 33.
    Zur These eines deutschen Sonderwegs der Soziologie siehe aber auch die älteren Arbeiten von Helmuth Plessner (1966, 36ff.) und Raymond Aron (1969). Für die Virulenz eines deutschen Sonderbewußtseins auf Seiten der Ethnologie der 20er Jahre, welches auch noch nach 1945 fortlebte, vgl. jetzt Spöttel (1995).Google Scholar
  20. 34.
    So der Titel des immer noch lesenswerten Aufsatzes von Kurt Lenk (1964).Google Scholar
  21. 35.
    Ein Sachverhalt, der Robert Nisbet (1966, 18) die frühen Soziologen nicht nur als Analytiker, sondern immer auch als normativ ambitionierte “Moralphilosophen” sehen läßt.Google Scholar
  22. 36.
    Georg Lukacs (1962, 68) dienen Max (aber auch Alfred) Weber als Beispiel für die Wertlosigkeit “der besten deutschen Intelligenz” gegenüber dem Ansturm des Irrationalismus.Google Scholar
  23. 37.
    Weber hat — nicht zuletzt geprägt von Nietzsche (vgl. Tyrell 1991) — den jahrhundertlangen Prozeß intellektueller Rationalisierung als zentrales Moment der Errungenschaften der westlichen Zivilisation begriffen, ihn zugleich aber immer auch in einem doppeldeutigen, Freiheitsgewinn und Traditionsverlust umschließenden Sinn als Entzauberung interpretiert. Wesentlich waren ihm hierbei vor allem die neuen Gefahren durch die Entkräftung traditioneller, mythologisch-religiöser Deutungsmuster. Sein Ratschlag lautet, das “Schicksal der Zeit männlich zu ertragen” oder, wie es seinem berühmten Vortrag Wissenschaft als Beruf zu entnehmen ist, in die “weit und erbarmend geöffneten Arme der alten Kirchen” zurückzukehren (1973, 612).Google Scholar
  24. 38.
    Zu dem in Deutschland im Vergleich zu Westeuropa ausgeprägten Einfluß des romantischen Denkens auf die Sozialwissenschaften siehe auch Alvin W. Gouldner (1984, 179ff).Google Scholar
  25. 39.
    Auch Geiger sieht im Geistesleben Deutschlands, ohne die Soziologie namentlich zu nennen, die Nachklänge eines romantischen Mittelalterkults und verbindet sie mit dem nur zögerlich zur Geltung gelangenden Positivismus (DoD, 11). Mit dem ihm eigenen lakonischem Spott schreibt er über die “Verherrlicher des Mittelalters” : “Man sollte diesen Schwärmern vierzehn Tage Mittelalter-Dasein verschreiben können” (DoD, 44).Google Scholar
  26. 40.
    Siehe hierzu vor allem: Ringer (1987); Käsler (1984); Wagner (1990); Korte (1992, 77ff); Lepsius (1981).Google Scholar
  27. 41.
    Vor allem die Kultur- und Wissenssoziologie Georg Simmeis, Max Schelers und Alfred Webers blieb der Gegenüberstellung einer ‘tiefen’ deutschen Kultur einerseits und einer ‘flachen’ westlichen Zivilisation andererseits verhaftet. Karl, Mannheim fällt aufgrund seines “modernistischen” Gepräges dagegen mit seiner Wissenssoziologie aus dem Rahmen (Kettler/Meja/Stehr 1989).Google Scholar
  28. 42.
    Vgl.: Käsler (1984a, 40); Bracher (1982, 79f); Ruddies (1994, 20); Gebhardt (1994, 532ff.); Janka (1997, 129ff).Google Scholar
  29. 41.
    Die Vorbehalte gegenüber einer ‘westlich-undeutschen’ Soziologie wurden vor allem von Wilhelm Dilthey (1959, 420ff), dem Ahnherrn geisteswissenschaftlichen Denkens, in Auseinandersetzung mit den positivistischen Traditionen Auguste Comtes und Herbert Spencers ausformuliert. Wobei der Westen überall ist, um mit Arthur Moeller van den Brück, dem Vordenker der konservativen Revolution zu sprechen, “wo Kultur, Industrie, Verkehrsverdichtung, Menschenanhäufung, Großstadtbildung vorherrscht” (zit. nach Fetscher/Münkler 1987, 311).Google Scholar
  30. 44.
    Auch schon das Thema des Dritten Soziologentags in Jena (1922), Revolution, wurde eigentümlich abgehoben behandelt. Es paßt ins Bild, daß sich die Hauptdebatten des Vierten Soziologentags dem Problem der Abgrenzung von Soziologie und Sozialpolitik widmeten. Vor allem die Beziehungssoziologie und namentlich Leopold von Wiese machten sich immer wieder für eine auf die Lehre reiner Begriffe konzentrierte Wissenschaft stark (Käsler 1984, 70ff), währenddessen sich die Kultursoziologie zunehmend in methodologische Selbstreflexionen verstrickte.Google Scholar
  31. 45.
    Ausführlich: Käsler (1984, 385ff.); in die gleiche Richtung weisen die Arbeiten von Papcke (1986) und Vollrath (1990). Aber auch heute noch — so jedenfalls Dirk Käsler (1999, 24) — steht die “‘anständige’ Wissenschaft im deutschen Sinne” unverändert in einer Tradition, die möglichst weit weg vom Zeitdiagnostischen ist und sich nicht am fragwürdigen Geschäft tagespolitisch eingef&rbter Zeitanalysen beteiligt.Google Scholar
  32. 46.
    Als Zeugen werden von Käsler einerseits Werner Sombart, Othmar Spann, Johann Plenge und Alfred Weber und andererseits Ferdinand Tönnies, Georg Simmel, Leopold von Wiese und Hans Lorenz Stoltenberg ins Feld geführt (1984a, 39f.).Google Scholar
  33. 47.
    Dies ist der Hintergrund, wenn Karl Dietrich Bracher (1982, 77ff.) konstatiert, daß man auch den Soziologen nicht den Vorwurf ersparen kann, sich an der Zerstörung der Republik von Weimar beteiligt zu haben. Wie man es auch dreht und wendet — die bei Fritz Ringer (1987, 12ff.) behauptete Sonderrolle der Soziologie innerhalb des deutschen Mandarinentums läßt sich kaum halten.Google Scholar
  34. 48.
    Hauptsächlich einige Außenseiter und nicht-arrivierte Nachwuchskräfte wie Theodor Geiger, Svend Riemer, Franz Borkenau, Emil J. Gumbel, Carl Dreyfuß, Emil Grünberg oder Fritz Sternberg hatten sich vor 1933 kritisch mit dem braunen Ansturm des Nationalsozialismus befaßt. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang noch die 1929 unter Leitung von Erich Fromm (1980) begonnene empirische Studie über Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches, die in der Emigration fertiggestellt wurde und dann erst 1980, übersetzt und überarbeitet von Wolfgang Bonß, erscheint. Entgegen der marxistisch inspirierten Hoffnung auf die besonderen revolutionären Qualitäten des Proletariats zeigte die Auswertung der Fragebögen, daß sich nur eine Minderheit von ca. 15% der Befragten einem eindeutig “revolutionären” Charakter zuordnen ließ, ebenso groß war der Anteil der eindeutig “Autoritären” . Die große Mehrzahl wurde als ambivalent eingestuft. Außerdem zeigt sich, daß viele mit einer radikal-linken Meinung in ihrer Einstellung gegenüber Familie, Frau und Kultur sehr konservativ waren. In dieser Inkon-sistenz der Charakterstrukturen sah Fromm nach 1933 eine Erklärung für die schwache Widerstandskraft der Arbeiterbewegung gegen den Nationalsozialismus.Google Scholar
  35. 49.
    Norbert Elias, Zeitzeuge und damaliger Assistent Mannheims, bemerkt 1982 hierzu: “Man diskutierte schon gelegentlich den italienischen Faschismus. Aber den Nationalsozialismus unter Hitler nahm man in den akademischen Kreisen, die ich kannte, nicht ganz ernst. Weil er vulgär, barbarisch und mit seinen schrillen Stimmen, seiner Philosophie für Halbgebildete, seinen schreienden Symbolen auf Menschen der alten Bildungstradition eigentlich recht fremdartig wirkte (...) fiel es, soweit ich mich entsinne, niemandem ein, ihn zum Thema soziologischer Veranstaltungen oder Untersuchungen zu machen” (zit. nach Papcke 1986, 188).Google Scholar
  36. 50.
    Dies gilt im übrigen auch für die Frankfurter Schule, die das allgemeine Desinteresse an der nationalsozialistischen Bewegung teilte und sich erst im Exil systematisch diesem Problem zuwandte. Im Hintergrund stand hier natürlich die fatale These, die im Faschismus keine grundlegende Zäsur, sondern lediglich eine graduelle Formveränderung des Kapitalismus sieht.Google Scholar
  37. 51.
    Die erste industriesoziologische Untersuchung über die Auslese und Anpassung der Arbeiter in den privaten ‘Riesenbetrieben’ auf der Basis exakter Beobachtungen und standardisierter Fragebögen wurde nach Anweisungen Max Webers durchgeführt. Webers Rolle als Fürsprecher einer empirischquantitativen Sozialforschung wird allzu häufig übersehen (Heckmann 1979).Google Scholar
  38. 52.
    Raymond Aron hat schon vor längerer Zeit, den in Deutschland — gerade im Vergleich zu Frankreich -eher “spiritualistischen” Charakter der Soziologie hervorgehoben (1969, 152), welcher sich insbesondere in der Achtung der “besonderen Eigenart der geistigen Gegebenheiten” äußert (ebd., 152). Zu den frühen Kritikern der ‘Geistmetaphysik’ zählt Karl Mannheim (1932, 33f), der sich, ähnlich wie Theodor Geiger, von dem Sonderweg der deutschen Soziologie in mancherlei Hinsicht abhebt.Google Scholar
  39. 53.
    Eine Attitüde, die auf Seiten der Frankfurter allerdings erst nach 1936/37 vermerkt werden kann.Google Scholar
  40. 54.
    Ein Grundmotiv für das rigide Festhalten am Prinzip der Werturteilsfreiheit war die Absicht, gegen die moralischen Prätentionen der sog. Kathedersozialisten (Gustav Schmoller, Adolph Wagner etc.) die disziplinare Ausgestaltung einer eigenständigen Soziologie zu sichern.Google Scholar
  41. 55.
    Zu nennen sind hier neben Theodor Geiger die zumeist programmatisch bleibenden Neuakzentuierungen von Ferdinand Tönnies, Max Rumpf und Rudolf Heberle. Erwähnenswert für die ersten Ansätze der empirischen Sozialforschung sind aber auch die unter Leitung von Götz Briefs unternommenen Untersuchungen des Instituts für Betriebssoziologie und soziale Betriebslehre an der TU Berlin. Diese blieben allerdings auf unsystematisch-ganzheitliche Methoden beschränkt.Google Scholar
  42. 56.
    Weber war zur damaligen Zeit freilich noch weit vom Status eines unbestrittenen Klassikers entfernt und gelangte kaum über eine Außenseiterrolle hinaus (Heckmann 1979; Jonas 1980, 182; Käsler 1978, 173f.; König 1984, 32; kritisch hierzu: Fogt 1981).Google Scholar
  43. 57.
    Vgl. zum mühseligen, letztendlich glücklosen Institutionalisierungsprozeß der empirischen Sozialforschung die informative Abhandlung Horst Kerns (1982, insbes. Kap. IV).Google Scholar
  44. 58.
    Die Statistik, welche oftmals als Konkurrenzfach der um weitere Institutionalisierung ringenden einzelwissenschaftlichen Soziologie verstanden wurde, hatte — abgesehen von einigen Vertretern der Sozio-graphie — vorzugsweise in der auf administrative und sozialpolitische Zwecke ausgerichteten Forschung, wie sie etwa in der sozialpolitischen Abteilung des Kölner Forschungsinstituts betrieben wurde, ihre Heimstatt.Google Scholar
  45. 59.
    Siehe dagegen aber auch die umfangreiche Studie von Irmela Gorges (1986), die mit einer Fülle sozialhistorischer Dokumente die unterschätzte Bedeutung empirischer und statistischer Forschungstätigkeiten während der Weimarer Republik belegen möchte. Dieser Beweis gelingt ihr aber vor allem dadurch, daß sie diesbezügliche Aktivitäten in der sozialpolitischen und sozialrechtlichen Abteilung des Kölner Instituts für Sozialforschung und die vornehmlich wirtschaftspolitischen Schriften des Vereins für Sozialpolitik heranzieht. Für die DGS, die dritte von ihr untersuchte Institution, kann Gorges vor allem für die letzte Phase ein verstärktes empirisches Engagement feststellen. Der hier im Anschluß an Susanne P. Schad (1972) und Horst Kern (1982) formulierten These des nachrangigen Status der empirischen Sozialforschung in der Mainstream-Soziologie kann damit aber kaum widersprochen werden.Google Scholar
  46. 60.
    An erster Stelle sind hier die Forschungen von Sven Papcke, Otthein Rammstedt, Dirk Käsler, Carsten Klingemann, Johannes Weyer und Erhard Stölting zu nennen. Als Beispiel für die nicht abreißenden wissenschaftsgeschichtlichen Diskussionen siehe jetzt die polemische und stark moralisch getönte Kontroverse zwischen Klingemann und Käsler in Soziologie (3/1997), dem Mitteilungsblatt der DGS.Google Scholar
  47. 61.
    Erhard Stölting (1984, 54) formuliert allgemeiner: “Der Nationalsozialismus trat als administrative, politische, vielleicht gar als welthistorische Umwälzung auf, aber nicht unmittelbar als Bruch in der Entwicklung der Wissenschaft.”Google Scholar
  48. 62.
    Einen guten Überblick gibt Rehberg (1992). Siehe auch, wenngleich nicht ganz frei von verzerrenden Schieflagen:Cobet(1988).Google Scholar
  49. 63.
    Diese merkwürdige Abstinenz der Soziologie gegenüber dem Nationalsozialismus gilt bis hin zur jüngeren Fachgeschichte (vgl. Herz 1987).Google Scholar
  50. 64.
    Realgesellschaftlich informierte Untersuchungen zur sozialen Wirklichkeit der Zeit hatten mit Geigers Klassengesellschaft im Schmelztiegel einen ihrer wichtigsten Startpunkte. Johannes Weyer nennt wegen der ungenügenden Praxis- und Wirklichkeitsbezüge die damalige Soziologie ein “Phantomfach” (1986, 94).Google Scholar
  51. 65.
    Zu den raren Ausnahmen zählt Otto Stammer, der seit 1948 an der Deutschen Hochschule für Politik in Berlin als Pionier der politischen Soziologie in Erscheinung tritt.Google Scholar
  52. 66.
    Hervor traten hierbei vor allem Hans Freyer, Arnold Gehlen, Alexander Rüstow und Wilhelm Röpke. Letzterer — späterer Repräsentant des Ordoliberalismus und Vordenker der sozialen Marktwirtschaft -wird von Geiger in Demokratie ohne Dogma einer harschen Kritik unterzogen.Google Scholar
  53. 67.
    In der Öffentlichkeit spielte die soziologisierte Kultur- und Massenkritik als ein bis in die “Alltagssprache abgesunkenes ‘Soziologiegut’”(Baier 1987, O.S.) eine weit größere Rolle als die raren Ergebnisse der empirisch-analytischen Forschung (Lepsius 1979, 25). Die Abwertung der industriekapitalistischen Massendemokratie gehörte bis in die 50er Jahre gleichsam zur Normalsicht des tonangebenden Zeitgeistes und wurde unterstützt von so einschlägigen Kassenschlagern wie etwa Dämon Masse (Walter Ehrenstein), Die Antiquiertheit des Menschen (Günter Anders), Vermassung und Kulturverfall (Hendrik de Man) und der Aufstand der Massen (José Ortega y Gasset). Auf eine detaillierte Auseinandersetzung mit den Verdikten der in den 40er und 50er Jahren wiederbelebten Kultur- und Zivilisationskritik, die sich nun hauptsächlich um den Begriff der Massengesellschaft zentrierte, kann an dieser Stelle verzichtet werden (Oppen 1954; Kohl 1970, 12ff; Dahrendorf 1984, 114ff; H. König 1988, 199; Grebing 1971, 84ff; Greifenhagen 1986; Bollenbeck 1994, 302f; Schildt 1995, 424ff). Die nach dem Krieg wiederbelebten kulturkritischen Ressentiments stehen freilich nicht für eine längst zur Geschichte gewordene Episode. Zumal in Teilen der bildungsbürgerlichen Schichten lassen sich unterschwellige Kontinuitätslinien der Zivilisationskritik weit über die 50er Jahre hinaus registrieren. Rolf Peter Sieferle (1984) schreibt hierzu: “Der jeweils neuesten technischen Innovation stand man mit Mißtrauen und tiefer Verachtung gegenüber. So stieß das Fernsehen auf verbreitete Ablehnung. Hatte der Rundfunk noch in den fünfziger Jahren als Feind jeder tieferen Kultur gegolten, als Instrument der Kulturindustrie, das die Menschen davon abhielt, sich einem ‘guten Buch’ zuzuwenden, so stieg er jetzt in der Achtung, als das Fernsehen ihm eine mächtige Konkurrenz bot. Auch das Kino, in den zwanziger Jahren Menetekel der alles verwüstenden Massenkultur, wurde zur Stätte ästhetischer Zelebration aufgewertet, als das Fernsehen es zu verdrängen begann. (...) Es gehörte lange Zeit zum guten Ton in gebildeten Kreisen, den Technikglauben und die Wohlstandsbesessenheit der Massen zu belächeln, zum Teil auch, asketische Distanz zu bestimmten Produkten des Industriesystems zu halten” (232f).Google Scholar
  54. 68.
    Es kann nur als symptomatisch gelten, wenn Geigers Schlüsselwerk Demokratie ohne Dogma, das sich einer vehementen Abrechnung mit der gemeinschaftsnostalgischen Modernitätskritik widmet und sich für einen liberal-westlichen Demokratiebegriff stark macht, 1950 keinen Verleger fand und daher erst postum 1960 in Dänemark unter dem Titel Die Gesellschaft zwischen Pathos und Nüchternheit erscheinen konnte.Google Scholar
  55. 69.
    Um ein Beispiel zu geben: “Der von Hitler heraufgeführte Umschlag von der Despotie ist nur scheinbar widersinnig. Er war im Keim seit Jahrzehnten vorbereitet, der Liberalismus hat, indem er dem Massenmenschen das Feld bereitete und ihm freien Auslauf verhieß, in sich die Grundlagen für die Diktatur erzeugt. Mechanisierung, Nivellierung, Standardisierung und Uniformierung hatten eine Vorarbeit geleistet, ohne die der Demagoge niemals zum Diktator und der Diktator niemals zum Triumphator geworden wäre. Hitler übernahm es, die äußersten Konsequenzen aus einem langwierigen geistig-moralischen Auflösungsprozeß zu ziehen” (Aich 1947, 225). Der analytische Wert dieser Form von reaktionärer Massenkritik ist so gering, daß sich alle weitere Ausführungen hier erübrigen — als Zeitsymptom ist sie freilich von Interesse.Google Scholar
  56. 70.
    Zu denken ist hier vor allem an die immer noch schlecht erforschte Bedeutung der durch die Gelder der amerikanischen Militärregierung und Stiftungen (Ford; Rockefeller) vorangetriebene Etablierung einer -vorerst allerdings überwiegend außeruniversitären — empirisch-praxisbezogenen Sozialforschung durch den Aufbau der ftir ihre Durchführung benötigten Institute. Nicht zu vergessen ist die für die weitere Fachentwicklung bedeutsame Sozialforschungsstelle an der Universität Münster in Dortmund. Ihre Verdienste — wie sie die von Popitz, Bahrdt, Jüres und Kesting verfaßte klassische Studie Das Gesellschaftsbild des Arbeiters (1961) dokumentiert — dürfen allerdings nicht übersehen lassen, daß sie unter der Leitung Schelskys auch als “Waschanlage” für etliche NS-belastete Soziologen fungierte (Rehberg 1992, 37), darunter so exponierte Reichssoziologen wie Karl-Heinz Pfeffer, Günther Ipsen und Wilhelm Bre-pohl.Google Scholar
  57. 71.
    Eine Einschätzung, an der auch die Wiedereröffnung des Frankfurter Instituts für Sozialforschung (1950) nichts ändert, da es sich seinen empirischen Bekenntnissen zum Trotz immer wieder einer mit anti-amerikanischen Untertönen versehenen Kulturkritik verpflichtet zeigte (vgl. Lepsius 1979, 38ff). Erst danach, im Zuge der allmählichen Internationalisierung der Soziologie, erreichte das Konzept der empirischen Sozialforschung, untermauert durch den Re-Import der analytischen Philosophie des Wiener Kreises, seinen allmählichen Durchbruch.Google Scholar
  58. 72.
    Berücksichtigt man jedoch, daß bis Ende der 50er Jahre etwa genauso viele Exilanten oder der ‘inneren Emigration’ wirklich zurechenbare Soziologen auf Lehrstühle berufen wurden wie solche, die der NSDAP angehörten (Rehberg 1992, 36), macht es Sinn, im Anschluß an Heinz Bude (1992) mit dem Übergang von der Gründer- zur Nachkriegsgeneration — etwa personifiziert durch Ralf Dahrendorf, Hans-Paul Bahrdt, Jürgen Habermas, Heinrich Popitz, Erwin Scheuch, Niklas Luhmann, Renate Mayntz und Rainer Lepsius — erst die wirkliche Neukonstituierung der Soziologie beginnen zu lassen. Karl-Siegbert Rehberg (1992, 28) markiert den “wirklichen Bruch” in der Geschichte der Soziologie sogar erst mit der 68er Zeit. Als ausschlaggebend gilt ihm die einsetzende Expansion zum Massenfach, die Soziologisierung des Alltagswissens und der hohe Stellenwert gesellschaftstheoretischen Denkens für die 68er-Bewegung.Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Wiesbaden 2001

Authors and Affiliations

  • Thomas Meyer

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