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Bilanz: Geigers Bedeutung für die Soziologie

  • Thomas Meyer
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Zusammenfassung

Während Geigers Bedeutung als Wegbereiter der Schichtungs- und Rechtssoziologie schon verschiedentlich hervorgehoben wurde, steht eine auf sein Oeuvre insgesamt bezogene Würdigung — wenn man von zwei Ausnahmen (Trappe 1978; Geißler/Meyer 1999) absieht — noch aus. Diese Ausgangslage veranlaßt mich, in einer Art Bilanz darzulegen, wie die Güte und Relevanz der Geigerschen Soziologie einzuschätzen ist. Dazu ist es freilich erforderlich, der schwierigen Frage zu folgen, wie man das Prädikat eines bedeutsamen fachdisziplinären Vorläufers erwirbt und wer es für sich in Anspruch nehmen kann. Unstrittig scheint zu sein, daß Max Weber, Emile Durkheim und Karl Marx, evtl. auch Auguste Comte und Georg Simmel, diese Ehre gebührt. Schwieriger gestaltet sich das Problem, wenn man versucht, über dieses gängige Pantheon hinauszugehen — eine Aufgabe, die durch die seit einiger Zeit zu beobachtende Freizügigkeit bei der Verteilung des Gütesiegels ‘klassisch’ eher verschärft als gemildert wird.535 Hinzu kommt, daß die Einschätzung der Klassiker maßgeblich durch das jeweils favorisierte Konzept der Soziologie entscheidend bedingt zu sein scheint.

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Literatur

  1. 535.
    Während in Dirk Käslers zwei Bänden Klassiker des soziologischen Denkens (1976/1978) der Kreis der Auserwählten auf 14 Autoren beschränkt war, hat er sich in seiner Neufassung Klassiker der Soziologie (1999a) mit 31 Personen mehr als verdoppelt.Google Scholar
  2. 536.
    Zu den Fallstricken einer Zitationsanalyse am Beispiel Georg Simmeis siehe Barrelmeyer (1992). Er kommt zu dem Ergebnis, daß die wesentliche Funktion der Bezugnahme auf Simmel einerseits darin liegt fachwissenschaftliche Identität für die disziplinare Kommunikation herzustellen und andererseits mittels “Kompetenzzitation” einen legitimierenden Anschluß für die eigene Arbeit zu gewinnen. Wenn ich auf formale Kriterien nicht weiter eingehe, heißt das natürlich nicht, deren Gewicht für die Erfolgsgeschichte eines Denkers geringzuschätzen. Unstrittig erscheint mir — um ein Beispiel zu geben -, daß der Aufstieg von Norbert Elias in die vorderen Reihen des fachkollektiven Gedächtnisses ohne die Aufnahme seines Hauptwerkes Über den Prozeß der Zivilisation in die ‘Suhrkamp-Kultur’ kaum zu denken ist; überhaupt läßt sich der späte, dann aber um so erfolgreichere Prozeß der Klassikergenese und -produktion am Beispiel von Elias, wie ich finde, gut studieren.Google Scholar
  3. 537.
    Dies kann so weit führen, daß die ‘Entdeckungen’ zum common sense des Fachverständnisses werden, so daß die Erinnerung an die Pioniere nur mehr musealen Wert haben oder gar ganz verblassen (Käsler 1999,31).Google Scholar
  4. 538.
    Hinzufügen kann man: Über die ‘Anschlußfahigkeit’ im eigenen Disziplinfeld hinaus wird bei wegleitenden Forschungsbefunden, Begriffen, Konzepten und Hypothesen immer auch von der Verwendbarkeit in den Nachbarwissenschaften ausgegangen.Google Scholar
  5. 539.
    Hettlage (1991, 404) führt zudem noch die Funktion des “paradigm bridger” ein. Diese werde ich nicht systematisch, sondern nur am Rande miteinbeziehen.Google Scholar
  6. 540.
    Geiger sieht sich auch selbst als Vertreter des Positivismus (IW, 43).Google Scholar
  7. 541.
    Die Mentalität — oder wie es auch heißt, der soziale und psychische “Habitus” (SV, 13, 15) — gilt einerseits als (nicht-deterministisches) Produkt objektiver Soziallagen und andererseits als (nichtdeterministischer) Produzent des “Lebensduktus” (Lebenshaltung, Gewohnheiten, Lesegeschmack, Geselligkeit) (SV, 80). Diesem Konzept und seinen Einzelheiten mangelt es bis heute an einer gebührenden Würdigung. Zu den Ausnahmen zählt die Hannoveraner Arbeitsgruppe um Michael Vester (1993), die sich in ihren Studien nicht nur des Geigerschen Mentalitätsbegriffs bedient, sondern auch die auf der Hand liegenden Parallelen zum Habituskonzept Bourdieus zieht.Google Scholar
  8. 542.
    Geiger steht mit dieser Auffassung aber auch quer zum heimlichen Konsenspunkt der modernen Philosophie, die eine Neubegründung der Ethik anstrebt.Google Scholar
  9. 543.
    Diese Erkenntnis vermochte die deutsche Wissenschaft erst nach längeren Umwegen wiederzugewinnen. Fast alle, die zeitgleich mit Geiger den Triumph des Nationalsozialismus zu verstehen suchten, einschließlich der an den gesellschaftlichen Voraussetzungen interessierten Soziologen, unterschätzten die tief eingewurzelten kulturpessimistischen und gemeinschaftsnostalgischen Sehnsüchte so vieler Anhänger des Nationalsozialismus (Stern 1986, 347). Wie weit Geiger seiner Zeit voraus war, sieht man daran, daß noch die Historiker der 50er und 60er Jahre dazu neigten, den Nationalsozialismus gewissermaßen als Einbruch in die besseren Traditionen der deutschen Geschichte zu betrachten. Man lastete die Zerstörung der Weimarer Republik den ökonomischen und politischen Umständen der Zeit an und blendete so die längeren vorgeschichtlichen Wurzeln aus. Thomas Mann zählt zu den rühmlichen Ausnahmen, die auf die spezifisch deutsche Geistesbefindlichkeit und ihre Bedeutung zum Verständnis der nationalsozialistischen Katastrophe hinweisen.Google Scholar
  10. 544.
    Dieser Perspektive entsprechend gehört es zu den bleibenden Leistungen Geigers, die mit nationalem Denken und Fühlen eng verbundene Problematik kollektiver Aggressivität prägnant aufgewiesen zu haben.Google Scholar
  11. 545.
    Auch Kurt Sontheimer (1994) fordert nachdrücklich die Einbeziehung dieses Kriteriums in die Würdigung etablierter Traditionsbestände. Sontheimer erklärt, daß die Ausblendung dieses Gesichtspunkts Tendenzen eines “heute gängigen historischen Revisionismus” widerspiegelt, die beispielsweise in Abhandlungen zu Martin Heidegger oder Carl Schmitt erkenntlich werden und letztendlich der “moralischen Verharmlosung” des Nationalsozialismus zuarbeiten.Google Scholar
  12. 546.
    Ferner versteht es sich von selbst, daß manches in seinem Werk veraltet ist und lediglich wissenschaftsgeschichtlichen Wert hat. Verschiedentliche inhaltliche Einwände, etwa bezüglich Geigers Religionskritik oder gegenüber dem Programm des intellektuellen Humanismus, habe ich im Text zum Ausdruck gebracht. Sie sollen hier nicht nochmals zusammengefaßt werden.Google Scholar
  13. 547.
    Siehe auch die Reflexionen der Herausgeber zu dem auf den ersten Blick vielleicht etwas überholt anmutenden Vorbildbegriff.Google Scholar
  14. 548.
    Dies könnte auch eine (Neu-)’Entdeckung’ seiner Soziologie über den Umweg der USA, wie dies, zumindest teilweise, bei Max Weber, Alfred Schütz und Georg Simmel der Fall war, verhindert haben.Google Scholar
  15. 549.
    So weit ich sehe, hat das Werk Geigers weder in Schweden noch in Dänemark eine nachhaltige Wirkung entfaltet. Die von Geiger gezogenen Spuren kommen allerdings in der von ihm initiierten ersten soziologischen Schriftenreihe in Skandinavien (Nordiske Studier i Sociologi), aus der nach seinem Tode die Acta Sociologica, die erste skandinavische soziologische Fachzeitschrift entstand, zum Ausdruck.Google Scholar
  16. 550.
    Noch immer harrt die von Jürgen Habermas (1993) formulierte Einsicht, “daß der Positivismus eines der stabilsten Elemente der Aufklärungstradition ist” , einer Verbreitung.Google Scholar
  17. 551.
    Zu diesem Diskurs hätte Geigers moralischer Relativismus und radikaler Wertnihilismus bei einer genaueren Überprüfung freilich durchaus manchen Anknüpfungspunkt geboten. Zu den Möglichkeiten einer Integration Geigers in den postmodernen Diskurs siehe jetzt aber den Vergleich zwischen Michael Foucault und Theodor Geiger, den Urs Fazis (1993) zumindest ansatzweise gezogen hat.Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Wiesbaden 2001

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  • Thomas Meyer

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