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Sprechakttheoretische Erläuterungen zum Begriff der kommunikativen Rationalität

  • Jürgen Habermas

Zusammenfassung

Gegen meinen Versuch, den Begriff der Rationalität am Leitfaden der Begründ-barkeit und Kritisierbarkeit von Äußerungen zu analysieren und damit der in der Argumentationspraxis verkörperten Verfahrensrationalität eine Schlüsselstellung einzuräumen, hat Herbert Schnädelbach einen ernstzunehmenden Einwand vorgebracht. Daß alle rationalen Äußerungen, so meint er, „prinzipiell auf Rückfragen hin verteidigt werden können (in argumentativer Anknüpfung an ihre sprachliche Darstellungsweise), kann man zugestehen; aber damit ist nicht gesagt, daß das, woran die Argumentation anknüpft, selbst die Form der Argumentation aufweisen müßte, um als rational gelten zu können; argumentative oder diskursive Rationalität (Habermas) ist eben nur ein Teilbereich. Die Fixierung an das Begründungsmodell von Rationalität verführt dazu, alles solange für irrational zu halten, wie es nicht vollständig argumentativ oder diskursiv eingelöst ist — und damit wäre das Feld des Irrationalen ins geradezu Gigantische ausgeweitet. Rational ist auch das Vermögen der Realitätsprüfung (Freud), des Lernens aus Fehlern und Irrtümern (Popper), des Problemlösens in rückgekoppelten Handlungszusammenhängen (Gehlen), der zweckorientierten Mittelwahl (M. Weber) — viele andere prominente Muster ließen sich anfügen; die genannten gehen im Schema ,Begründung‘ oder ,diskursive Einlösung von Geltungsansprüchen„ (Habermas) einfach nicht auf“.1

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Anmerkungen

  1. 1.
    H. Schnädelbach (1992), „Über Rationalität und Begründung“, in: Ders., Zur Rehabilitierung des animal rationale, Frankfurt am Main, S. 63.Google Scholar
  2. 2.
    H. Schnädelbach (1992), „Philosophie als Theorie der Rationalität“,in: Ders., Zur Rehabilitierung des animal rationale, S. 47f.Google Scholar
  3. 3.
    Ibid., S. 76.Google Scholar
  4. 4.
    J. Habermas, „Individuierung durch Vergesellschaftung“, in: Ders., Nachmetaphysisches Denken, Frankfurt am Main 1988, S. 153–186.Google Scholar
  5. 5.
    Das erklärt die Fülle der bildungssprachlichen Gebrauchsweisen von „rational“;J. Habermas,die verschiedenen „Rationalitatstypen“ in: H. Lenk, H.E Spinner (1989), „Rationalitatstypen, Rationalitatskonzepte und Rationalitätstheorien im Überblick“, in: Handbuch pragmatischen Denkens, hg. v. H. Stachowiak, Hamburg, S. 1–31.Google Scholar
  6. 6.
    H.I. Brown (1988), Rationality, London; cf. auch die frühe Arbeit von H. Schnädelbach, „Über den Realismus“, in: Zeitschrift für allgemeine Wissenschaftstheorie, III 1972, S. 88 ff.Google Scholar
  7. 7.
    G. H. von Wright (1991), Explanation and Understanding, London, S. 83–132.Google Scholar
  8. 8.
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  9. 9.
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  10. 10.
    Cassirer hat dem epistemischen Sprachgebrauch, der in der Wissenschaft zur mathematischen Darstellung von Gesetzmäßigkeiten oder Fregeschen Gedanken spezifiziert wird, die „Bedeutungsfunktion“ zugeordnet. E. Cassirer (1958), Philosophie der symbolischen Formen, Bd. III Darmstadt, S. 329 ff.Google Scholar
  11. 11.
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  12. 12.
    Zur Welterschließungsfunktion der Sprache cf. Chr. Lafont (1993), „Welterschließung und Referenz“, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophy 41, S. 491–505; M. Seel (1993), „Über Richtigkeit und Wahrheit“, ibid. S. 509–524.Google Scholar
  13. 13.
    J. Habermas (1981), Theorie des kommunikativen Handelns, Bd. 1, Frankfurt am Main, S. 385 ff.; ders. „Zur Kritik der Bedeutungstheorie“ in: Ders. (1988) op. cit., S. 105–135.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1997

Authors and Affiliations

  • Jürgen Habermas

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