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Zur Entstehung und Rekrutierung einer neuen Interessenvertretungselite - ein Überblick

  • Jürgen Kädtler
  • Gisela Kottwitz
  • Rainer Weinert
Part of the Schriften des Zentralinstituts für sozialwissenschaftliche Forschung der Freien Universität Berlin book series (SZFB)

Zusammenfassung

Auf betrieblicher Ebene entstehen industrielle Beziehungen in Ostdeutschland durch Übertragung westdeutscher Institutionen, in deren Rahmen ostdeutsche Akteure dann handeln. Zumindest gilt das für die Seite der abhängig Beschäftigten. Dieser Institutionentransfer gewinnt Handlungsrelevanz durch das Anbieten bestimmter Verfahren (und dem Ausschluß anderer), der Anwendung (und sukzessiven Akzeptanz) der Austragungsformen betrieblicher Interessengegensätze, womit die Handlungsorientierungen der Akteure nach und nach strukturiert werden. Der Umgang mit diesen vorgegebenen institutionellen Blaupausen ist jedoch nicht nur eine Frage der Angemessenheit oder Unangemessenheit an die sich vor Ort stellenden Probleme und des sich daraus ergebenden, vordergründig “objektiven” institutionellen Anpassungs- oder Innovationsbedarfs. Die faktische Ausgestaltung der Konfliktverarbeitung wird zudem bestimmt durch Profil und Orientierung derjenigen, die den neuen Rahmen mit konkretem Interessenhandeln ausfüllen und dabei jene Problembestimmungen vornehmen, aus denen sich dann ergibt, was “objektiv” zum Problem wird und welche Lösungsperspektiven überhaupt in Betracht kommen.

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Literatur

  1. 5.
    Die weibliche Form von Berufsbezeichnungen war in der ehemaligen DDR nicht üblich, sofern es sich nicht um typische Frauenberufe handelte. Auch das ist ein Hinweis auf das Mißverhältnis zwischen Anspruch — berufstätige Frauen als Ausdruck ihrer emanzipierten Stellimg in der DDR-Gesellschaft — und Wirklichkeit: Das Berufsund Arbeitsleben war i.d.R. nicht nur sprachlich auf die männliche Berufsbiographie hin ausgerichtet, auch die Karrierechancen waren für Frauen, sieht man von einer erhöhten Zahl als Ingenieurinnen qualifizierter Frauen ab, nach oben — ebenso wie in der alten Bundesrepublik — nicht sehr durchlässig.Google Scholar
  2. 6.
    Bei einer Befragung des Zentralinstituts für Jugendforschung in Leipzig gaben im August 1990 drei Viertel der befragten Frauen an, daß sie selbst dann einen Beruf ausüben wollten, wenn ihr (Ehe-)Partner genug verdienen würde, um die ganze Familie zu ernähren. Nur ein Viertel zöge ein Leben als Hausfrau vor. Vgl.: ifo-Schnelldienst 35–36/90, S. 36.Google Scholar
  3. 7.
    Der Einfachheit halber nennen wir die Mitglieder sämtlicher betrieblicher demokratischer Arbeitnehmer-Interessenvertretungen Betriebsräte, gleichgültig, welchen Namen diese Gremien in der Umbruchphase jeweils tragen.Google Scholar
  4. 8.
    In Westdeutschland liegt der Anteil bei 28 Prozent der Arbeitskräfte. Vgl. dazu Beschäftigungsobservatorium Ostdeutschland Nr.9, November 1993, S. 7.Google Scholar
  5. 9.
    Beschäftigungsobservatorium Ostdeutschland Nr. 6, Februar 1993, S. 3.Google Scholar
  6. 10.
    Wir erwähnen dies deshalb, weil es bei der bereits rollenden Entlassungswelle keine Selbstverständlichkeit war.Google Scholar
  7. 11.
    D.h. u.a., daß man ohne Scheu miteinander diskutieren konnte. Im Gegensatz dazu gibt es heute Abteilungen, die kein Mitglied des Betriebsrates als Kollegen persönlich keimen, was auf beiden Seiten gelegentlich zu Informationsdefiziten führt. Der inzwischen so nicht mehr vorhandene enge Kontakt zwischen Betriebsrat und Belegschaft hat aber vermutlich auch noch andere Ursachen, wie z.B. das Gefühl, dem allgemeinen Arbeitsplatzabbau ohnmächtig gegenüberzustehen und auf Seiten der Beschäftigten der dominierende Wunsch, dieser Kelch möge an einem vorübergehen.Google Scholar
  8. 12.
    Die Belegschaften reduzierten sich im Durchschnitt um 75 Prozent. Vgl. dazu Kap. 1 S. 24 ff. Für die Reduktion der Gruppe der Freigestellten haben wir nur die zehn Betriebe als Rechnungsgrundlage genommen, deren Daten wir komplett inkl. der ersten gesamtdeutschen Wahlen erheben konnten.Google Scholar
  9. 13.
    Die beiden G-Betriebe mußten wir aus unseren Berechnungen des 1. Gremiums aufgrund unvollständiger Daten herausnehmen. Aber auch in diesen Betrieben belegen die vorhandenen Daten zum ersten Betriebsrat einen überdurchschnittlichen Anteil der Angestellten, die wiederum überdurchschnittlich hoch qualifiziert sind.Google Scholar
  10. 14.
    Es handelte sich um die Vorsitzende von H und die stellvertretende Vorsitzende von G. Auch andere Betriebsräte wiesen eher im Nebensatz auf dieses Problem hin.Google Scholar
  11. 15.
    Auch sehr progressive Betriebsräte äußerten sich in Gesprächen, insbesondere wenn sie nicht danach gefragt wurden, etwas altmodisch zu den Geschlechterverhältnissen. In Randbemerkungen drückten sie ihre Sicht der Dinge dahingehend aus, daß der männliche Teil der Kollegen im Betrieb eher Anspruch auf das nun knapp gewordene Gut Arbeitsplatz habe, während die “Muttis” im Zuge der Stillegung betrieblicher wie öffentlicher Infrastruktur sozusagen gerne ihren nun wieder umfangreicheren häuslichen Pflichten nachkommen würden. Das Problem ist nicht, daß vermutlich eine ganze Anzahl von Frauen ihren möglicherweise ebenso ungeliebten wie anspruchslosen Job in eine fur sie erstmals (vom Arbeitsamt subventionierte) neue Lebensweise eintauschten, sondern die herablassende Verallgemeinerung, mit der alle Kolleginnen bedacht wurden. Sollte diese Haltung der männlichen Mehrheit in den einzelnen BR-Gremien entsprechen, so könnte dies im BR-Gremium ein Klima erzeugen, das den Frauen das Gefühl vermittelt, als Betriebsrätinnen an zu vielen Fronten kämpfen zu müssen.Google Scholar
  12. 16.
    Der Versorgungsgrad [in der DDR] betrug 1989 80,2 Prozent bei Krippen für Kinder bis zu drei Jahre und 95,1 Prozent bei Kindergärten für Kinder bis zum Schulalter. Für 81,2 Prozent der sechs- bis zehnjährigen Schulkinder standen Hortplätze zur Nachmittagsbetreuung zur Verfügung. Vgl. ifo-schnelldienst 35–36/90, S. 36.Google Scholar
  13. 17.
    Da wir ab der zweiten Wahl über die vollständigen Daten von G verfügen, fließen sie hier wieder ein, während G2 aufgrund der unvollständigen Daten erst ab dem dritten BR in der Analyse auftaucht.Google Scholar
  14. 18.
    Zum Vergleich: In einem großen westdeutschen Betrieb in der chemischen Industrie mit entsprechender F+E-Abteilung beträgt der Anteil der Hochschulabsolventen im Betriebsrat 13,8%.Google Scholar
  15. 19.
    Beim letzten Betriebsrat sind beide G-Betriebe in die Berechnungen mit einbezogen worden, aber L hat 1994 nicht mehr gewählt, sondern wurde liquidiert. L ist demnach nicht im Sample des letzten Betriebsrates vertreten.Google Scholar
  16. 20.
    Einer wurde schon 1993 aufgrund stark geschrumpfter Belegschaft gewählt.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1997

Authors and Affiliations

  • Jürgen Kädtler
  • Gisela Kottwitz
  • Rainer Weinert

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