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Wertorientierung und symbolische Politik: Zur Fiktion der politischen Fundamentalalternative

  • Ulrich Sarcinelli
Part of the Studien zur Sozialwissenschaft book series (SZS, volume 72)

Zusammenfassung

Neben der Thematisierung bestimmter Issues vor allem über griffige Sprachsymbole mit hohem politischem Reizwert erweist sich die Berufung auf höhere Werte als ein dominantes Grundmuster konfliktgeladener politischer Argumentation insbesondere in der Wahlkampfkommunikation. Während jedoch im Kontext etwa der ”Rentenbetrugs”-Diskussion oder der ”Staatsverschuldungs”-Kontroverse der Rekurs auf politische Grundwerte nur gelegentlich argumentativ verstärkend eingesetzt wurde, stehen Diskussionen, Reden oder Wahlkampfanzeigen, in denen die politische Ordnung als Ganzes und die Sicherung ihrer tragenden Ordungsprinzipien zum Hauptgegenstand politischer Rechtfertigung und zwischenparteilicher Positionsfixierung gemacht werden, vielfach im Mittelpunkt des Wahlkampfgeschehens. Geht es im Zusammenhang mit den oben untersuchten Legitimationssymbolen mit Issue-Bezug zumindest zum Teil noch um Aspekte unterschiedlicher Problemlösungsansätze in der Gesellschafts-, Wirtschafts- und Finanz- oder Sozialpolitik, also Alternativen in politisch-inhaltlichen Detailfragen, so steht in der primär oder ausschließlich politische Grundprinzipien thematisierenden Wahlkampfkontroverse die Darstellung von vermeintlichen, fundamentalen Wertkonflikten zwischen Parteien und Akteuren im Mittelpunkt. Nicht die konkrete Streitfrage in einem bestimmten Politikfeld, sondern das angeblich Definitive, die ”Zukunft der Republik”, die ”Sicherung des Friedens” oder etwa der ”Weg in den Sozialismus” stehen hier zur Diskussion. Dabei konnte allerdings im Zusammenhang mit der Analyse zur ’Thematisierung’ von Issues gezeigt werden, daß auch die Problemlösungsdiskussion durch spezifische ”Inszenierungs”-Leistungen vielfach von Sachfragen weg auf Prinzipienfragen verlagert wurde.

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Literatur

  1. 1).
    Zur Begründung der Legitimationstrias vgl. oben Kap. 5.3Google Scholar
  2. 2).
    Vgl. den Forschungsüberblick bei Klages 1977Google Scholar
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  4. 4).
    Klages 1977, S. 295Google Scholar
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    Siehe dazu weitere Hinweise oben in Kap. 5.2Google Scholar
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    Zum langfristig relativ stabilen Kompetenzprofil vgl. die Längsschnittanalyse bei Klingemann/Taylor 1977, S. 345; zum Kompetenzprofil der Parteien zur Zeit des Bundestagswahlkampfes vgl. die einschlägigen demoskopischen Erhebungen zusammenfassend Sarcinelli 1982cGoogle Scholar
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    Zur Kriegsfurcht, die sich gleichwohl in der Schlußphase des Wahlkampfes verminderte, vgl. Der Spiegel Nr. 39/1980: Auch die Bayern setzen auf Sieg (S. 34); Allensbacher Berichte 18/1980, Tab. 1; Infas—Report Wahlen 1980, S. 11255Google Scholar
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    Vgl. Wahlkampfanzeige der SPD, in: Bild, 30. 9. 1980Google Scholar
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  22. 26).
    Vgl. Wahlkampfanzeige der SPD, in: Stuttgarter Zeitung, 26. 9. 1980Google Scholar
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    Vgl. zur Entwicklung der internationalen Lage und zur außenpolitischen Problemlösungskontroverse zusammenfassend Czerwick/Sarcinelli 1982Google Scholar
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    Zimmermann 1969, S. 147ff; siehe dazu auch Wygotskis Charakterisierung der “Pseudobegriffe”. (1964, S. 122ff, insb. S. 131, S. 162f )Google Scholar
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    Schumann 1979, S. 51; Lewandowski ( 1979, Bd. 2, S. 55f) sieht gerade in der Möglichkeit, die vage, deskriptive Bedeutung auf den speziellen Fall hin zu konkretisieren, ein Merkmal persuasiver KommunikationGoogle Scholar
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    Vgl. u.a. Bock 1982, S. 124; Schmidt 1972, S. 200; Helwerth u.a. 1977, S. 11Google Scholar
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    So war durchaus das Bemühen der Koalitionsparteien im Wahlkampf festzustellen, den Friedensbegriff bzw. “Friedenspolitik” vornehmlich mit der amtlichen Außenpolitik zu verknüpfen, vgl. dazu Bergsdorf 1982Google Scholar
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    Topitsch 1961, S. 75f; vgl. auch ders., in: Einleitung zu Weldon 1962, S. 26f; Luhmann (1977, S. 171ff) bezeichnet Werte als “Sicherheitsposten in jeder Kommunikation”. Sie entlasteten von jeder Notwendigkeit zur Information und vermitteln gleichwohl den Eindruck einer “wahrhaft souveränen Politik”.Google Scholar
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    Rolf Zundel, Kampf um hohe Werte, in: Die Zeit, 20. 6. 1980Google Scholar
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    Vgl. Hondrich 1973, S. 87; Lenk 1961, S. 43;Google Scholar
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    Vgl. Coser 1965, S. 134ff; siehe ebenso Aubert 1963Google Scholar
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    Vgl. Coser 1965, S. 114f, siehe vor allem auch Dittmer 1977, S. 560 mit Bezugnahme auf Arnold, The Symbols of Government, New York 1962; Newcomb 1959, insb. S. 535ff; vgl. auch Does 1978. Zur generellen verhaltenstheoretischen Relevanz ritueller Handlungen vgl. Pross 1974, S. 128ff; eine systemtheoretisch rechtfertigende Begründung gibt Luhmann 1971bGoogle Scholar
  40. 73).
    Im Wahlprogramm 1980 von CDU und CSU wird eine “realistische Friedenspolitik” gefordert, während der Begriff “Entspannungspolitik” meist ex negativo definiert wird: “Entspannung ist aber keine Einbahnstraße, wirkliche Entspannung ist unteilbar”,… “aus leichtfertiger Entspannungsillusion” (S. 8)…Google Scholar
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    Vgl. Kopperschmidt 1973, S. 99; zur Bedeutung von Parteisymbolen für Konsens und Dissens vgl. auch Lipsitz 1968, S. 269Google Scholar
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    Vgl. hierzu etwa die Kontroverse Klingemanns mit Murphy u.a.: Klingemann 1982; Murphy u.a. 1981; zu vergleichbaren Ergebnissen wie Klingemann kommt auch Gibowski 1977. Schmidtchen (1979, S. 133) spricht treffend von der politischen “Mitte” als “generalisierte Identität” für die verschiedensten Standpunkte. Vgl. zu dieser Grunddimension politischer Einstellungen kritisch aus sozialpsychologischer Sicht: Steck 1980, insb. S. 47ff. Zur systemtheoretischen Begründung vgl. Luhmann 1981cGoogle Scholar
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    Vgl. etwa die von Inglehart (1977; 1979) als “silent revolution” charakterisierte, verstärkte Hinwendung von “materialistischen” zu “postmaterialistischen” Werten, durch die ein neuer soziopolitischer Konfliktraum entstehe. In ähnlicher Weise unterscheiden Hildebrandt/Dalton (1977) die Dimensionen “alte” und “neue” Politik. Siehe auch Noelle—Neumanns (1978) These vom Verfall bürgerlicher Werte. Zur Wertwandelsproblematik vgl. vor allem die umfassende international vergleichende Studie von Barnes/Kaase (1979). Den Literaturstand zusammenfassend siehe auch Bürklin 1981; vgl. dagegen Gigerenzer (1982) in Kritik an der These, daß die Parteien mit einer Links—Rechts—Selbst— oder Fremddarstellung einen Teil der Wähler, vor allem jüngere, nicht mehr erreichen.Google Scholar
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    Zwar weiß die Wählerschaft insgesamt mit den Symbolen “Links” und “Rechts” bezogen auf die Parteien konsistent umzugehen, wie die neuere Wahlforschung wiederholt gezeigt hat. Pappi (1983) konnte jedoch nur bei der Hälfte der Wählerschaft feststellen, daß die kognitive Vorstellung über die Anordnung der Parteien auf einer Links—Rechts—Skala der Expertenmeinung entspricht. (Vgl. S. 349; siehe dort auch den umfassenden Literaturnachweis zum internationalen Forschungsstand).Google Scholar
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    Vgl. dazu Gibowski 1977, S. 613 und 622. Zum Verlauf der Freiheit—Sozialismus—Kontroverse im Bundestagswahlkampf 1976 vgl. Roth 1979b, S. 47ff; Kaltefleiter 1977, S. 172ff; Charlier 1976; zur Kritik vgl auch Burkett 1977 und Kremendahl 1978; zum Freiheitsbegriff vgl. aus sprachwissenschaftlicher Sicht Weldon 1962, S. 176ffGoogle Scholar
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    Für Habermas (1975) ist “diffuse Massenloyalität ein zentrales Stabilitätskriterium in spätkapitalistischen Staaten. Vgl. dazu Näheres unten in Kap. 12.3Google Scholar
  50. 90).
    Vgl. Kremendahl 1978, insb. S. 115ff; Döring/Smith 1982, S. 7; zur Bedeutung des Konsens über ‘die “Spielregeln” der Konfliktaustragung für die demokratische Stabilität vgl. aus elitetheoretischer Sicht Bachrach 1962, S. 442; siehe dazu auch Lehmbruch 1969 sowie insb. Lehmbruch 1976. Hoffmann—Lange (1980, S. 178f) weist — unter Berücksichtigung bisheriger empirischer Studien — darauf hin, daß der Konsens über grundlegende politische Werthaltungen in der “Sicht der politisch Aktiven in weit stärkerem Maße vorhanden ist als in der Wahlbevölkerung”, eine These, die den ’Inszenierungs’—Charakter des fundamentalen Wertekonflikts noch unterstreicht.Google Scholar
  51. 91).
    Vgl. dazu auch etwa die Kritik Ernst Fraenkels (1964), der dieses Faktum auch für den Bereich der parlamentarischen Auseinandersetzung konstatiert und die Umkleidung “jeden Sonderinteresses mit der Gloriole des Schutzes von Gemeinschaftsinteressen” beklagt. Er erklärt dies damit, daß es dem Abgeordneten verwehrt werde, sich offen zur “Doppelrolle” als “eines Repräsentanten der Nation und eines Vertreters von Partikularinteressen” zu bekennen. ( S. 20f )Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1987

Authors and Affiliations

  • Ulrich Sarcinelli

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