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Systematische Bilanz der historischen Interpretation

  • Detlef Lehnert

Zusammenfassung

Die unvergleichlichen epochalen Verwüstungen des staatsterroristischen NS-Regimes haben Nachgeborene, durchaus auch wissenschaftlicher Profession, in unterschiedlicher Nuancierung und Differenzierung immer wieder in doppelter Weise zu einer zugespitzten Alternative gedrängt: entweder den politischen Zeitgenossen eine drückende Verantwortung für eine völlig unzureichende Sensibilität hinsichtlich des erkennbaren totalitären Bedrohungspotentials der NSDAP aufzubürden, oder sie eher mit dem Hinweis auf eine in derlei entfesselter Weise schwer vorherzusehende Eskalationsdynamik von solchen Vorhaltungen weitgehend zu entlasten. Dabei sollte freilich mit Nachdruck eine Unterscheidung zwischen dem tatsächlich — im Ausmaß und der barbarischen Methode — vorgängig Unvorstellbaren der millionenfachen Ermordung insbesondere des europäischen Judentums einerseits und der seit bestimmten Entwicklungsabschnitten sehr wohl absehbaren diktatorischen Machtstrategie des Nationalsozialismus andererseits vorgenommen werden. Im Hinblick auf die in diesem Zusammenhang mit einigen neuen Gesichtspunkten ohnehin nur thematisierbare zweitgenannte Dimension gilt es wiederum eine zusätzliche Differenz der reichsdeutschen zur österreichischen Konstellation abzuklären: Auf eine Kurzformel gebracht, standen den größeren Handlungsspielräumen einer politisch selbständigen Entwicklung der späten Weimarer Republik ein dramatischer Krisenzyklus seit 1929/30 und entsprechend kurze Reaktionszeiten für verbleibende Einbremsungschancen der nationalsozialistischen „Erfolgsspirale“ gegenüber. Nicht minder ambivalent waren die beschriebenen Ungleichzeitigkeiten einer österreichischen Konstellation, die eine „Verspätung” von Erosionstendenzen samt der NS-Auftriebsdynamik um etwa anderthalb Jahre aufwies; die Chancen einer zutreffenden Problemdiagnose erschienen insoweit verbessert, was allerdings durch zunehmende Sogwirkung der Reichsverhältnisse konterkariert wurde.

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen/Wiesbaden 1998

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  • Detlef Lehnert

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