Advertisement

Gruppen als selbststeuernde und selbstreferentielle Systeme: Das Untersuchungsmodell

  • Karl Schattenhofer
Chapter
  • 48 Downloads
Part of the Beiträge zur psychologischen Forschung book series (BPF, volume 27)

Zusammenfassung

Nach den verschiedenen Annäherungen an die vielfältigen Bedeutungen von Selbstorganisation im ersten Kapitel geht es jetzt um die Übertragung auf einen speziellen Typ von sozialem System: die Gruppe. Im zweiten Kapitel werden die Fragen und Perspektiven der Selbstorganisation auf (selbsorganisierte) Gruppen bezogen, um darauf die empirische Befragung und Untersuchung der Gruppen in bezug auf ihren Prozeß der Selbstorganisation und ihr Potential zur Selbststeuerung aufbauen zu können.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. 1.
    Zwei interessante Beispiele für die wechselseitige Befruchtung sind in diesem Zusammenhang:Die im ersten Drittel des Jahrhunderts v.a. in Berlin um Wertheimer und Köhler (vgl. H.Walter1985, W.Stadler 1986) entstandene Gestalttheorie. Sie kann als Vorläufer systemischen, ganzheitlichen, vernetzten Denkens angesehen werden, von dem Wirkungen auf naturwissenschaftliche Modelle ausgegangen sind.Google Scholar
  2. K.Lewin wurde nach seiner Emigration in die USA und seiner Hinwendung zur Sozialpsychologie bei seinen Arbeiten zur Gruppendynamik auch von N. Wieners Formulierungen zu Feedback und Kybernetik beeinflußt (vgl. W.Metzger 1979 ).Google Scholar
  3. 2.
    Beide Richtungen - und sehr viele andere - betrachten soziale Systeme wie Familien, Institutionen und Betriebe besonders unter dem Gesichtspunkt der Veränderung und Lenkung. Sie werden deshalb im fünften Kapitel dieser Arbeit kurz eingeführt, wenn es um die Frage der möglichen Hilfestellungen für und Intervention in selbstorganisierte Gruppen geht.Google Scholar
  4. 3.
    Vgl. N. Lohmann ( 1984, S. 16 ff.) Die direkte Analogsetzung von biologischen und sozialen Systemen wird dadurch unmöglich, der Vergleich muß über eine Verallgemeinerung von Systemprinzipien erfolgen.Google Scholar
  5. 4.
    N. Lehmann ( 1984 S.16 ff) Sie stehen auf einer Ebene der Systemtypen und sind nur über eine abstrahierte Theorie sozialer Systeme miteinander zu vergleichen. Mit dieser zunächst eher intuitiv getroffenen Zuordnung bestimmter Systemarten (vgl. S.18), sollen Vergleichsebenen eingeführt werden, anhand derer nach funktionalen Äquivalenten eines Systemtyps im Vergleich zu anderen gefragt werden kann. Zu dieser Form des Erkenntnisgewinns durch den Vergleich von Mustern und Prozessen in biologischen und geistigen Entwicklungsprozessen s.a. G. Bateson 1982 (S. 218.ff).Google Scholar
  6. 5.
    Vgl. F. Neidhardt (1979, 1983 ), H.Tyrell (1983 a,b). Die Elemente der Definition sind:Face to face: Unmittelbare Beziehungen müssen möglich sein, ohne daß es eine rein numerische Grenze gibt. ( Im Gegensatz zu Großorganisationen )Google Scholar
  7. Diffusheit der Mitgliederbeziehungen (als Abgrenzung von den zweckbezogenen und zumindest von der Intention her rational gestalteten Beziehungen in Organisationen): Beziehungen in Gruppen lassen eine Vielzahl von Bezügen zu und sind nicht von vorneherein auf spezifische Zwecke eingegerenzt.Google Scholar
  8. Relative Dauerhaftigkeit: Zur Unterscheidung vom einfachen Sozialsystem (Interaktion), oder “Quasisystem”. Gruppen hören nicht auf zu existieren, wenn die Mitglieder nicht anwesend sind (Fähigkeit zur Latenz).Google Scholar
  9. Insgesamt lautet der Definitionsvorschlag, Gruppen als Systeme persönlicher Beziehungen anzusehen. Je nach dem Ausmaß der Unmittelbarkeit, der Diffusität und der Dauer lassen sich dann unterschiedliche Gruppienmgsgrade unterscheiden. An bestimmten Grenzen hält er “Sprünge” von einem Systemtyp zum anderen für möglich.Google Scholar
  10. 6.
    Man könnte die Theorien differenzieren nachihrer theoretischen Herkunftder Art der untersuchten Gruppen (v.a. “künstliche” ad hoc Gruppen, “natürliche” Gruppen, Familien, Cliquen, Teams Therapie-oder selbstanalytische Gruppen)der Untersuchungsmethode: v.a. teilnehmende Beobachtung, Analyse von Sitzungsprotokollen, Verhaltensbeobachtung mit verschiedenen Methoden.nach dem Interesse des Modellierenden: Als Trainer, Therapeut, Mitglied, Leiter /Führer /Manager, PolitikerGoogle Scholar
  11. 7.
    Z.B. in der Zusammenfassung von D. Cartwright and A.Zander ( 1968 ) Und zur sozialen Identität z.B. A. Mummendey (1984).Google Scholar
  12. 8.
    Vergleichend z.B. D.Sandner (1978), A.Heigl-Evers (1972).Google Scholar
  13. 9.
    Zusammenfassungen zu Ergebnissen der Gruppensoziologie: F. Neidhardt (Hg.) (1983), B.Schäfers (I-1g.) (1980). Hier werden v.a. “natürliche” Gruppen untersucht wie Motorradclubs, Vereine, Forschungsteams, Wohngemeinschaften, also solche mit einer konkreten äußeren Umwelt.Google Scholar
  14. 10.
    z.B. A.Heigl-Evers, F.Heigl (1975): “Das soziale Interaktionsfeld wirkt ständig auf latente intrapsychische Konflikte ein, je nachdem mobilisierend und verstärkend oder immobilisierend abschwächend oder auch scheinbar ohne Effekt…. Die intrapsychischen pathogenen Konflikte werden also aufgrund der Beteiligung von mehreren oder vielen anderen und deren Reaktionen und Antworten zu interpersonellen Konflikten mit anderen umgeformt.” (S. 243, 244 )Google Scholar
  15. 11.
    Die einzelnen Mitglieder mit ihren spezifischen Gedanken, Gefühlen und Verhaltensweisen können zugleich Teil und Umwelt der Gruppe sein. Nur in totalitären Verhältnissen ist es denkbar, daß jemand vollkommen ohne jede Alternative einer Gruppe, einer Organisation, einem Clan angehört, der kein Außerhalb zuläßt.Google Scholar
  16. 12.
    Es scheint mir nicht so wichtig, diese sehr gebräuchlichen Konzepte hier auszuführen.(Zusammenfassungen z.B. bei M. Schwonke (1980), U.Froschauer und S.Titscher (1984). N.Luhznann (z.B. 1964) beschreibt sie als Formen der Generalisierung von Verhaltenserwartungen, die die Systembildung vorantreiben, allerdings nicht unabhängig voneinander beliebig maximierbar sind.Google Scholar
  17. 13.
    Nonnen und Rollen, die Struktur der Gruppe, sind konkretere Begriffe für die Kategorie Sinn, die nach N. Luhmann (v.a. 1984 S. 74ff) die Identität eines sozialen Systems ausmacht. Die Sinnkonstruktion (und damit die Grenzziehung) wird als selbstreferentieller Prozeß verstanden: Soziale Systeme sind sinnkonstituiert und sinnkonstituierend (zusammenfassend H. Willke 1982, 1987 ).Google Scholar
  18. 14.
    B.Tuckmann (1965) zeigt in der Analyse von 50 Artikeln über Phasenverläufe in Therapiegruppen, Trainingsgruppen, natürlichen (Job-orientierten) Gruppen und Laborgruppen einen typischen, in fast allen Untersuchungen gefundenen Phasenablauf des Prozesses auf. Die inhaltlichen Beschreibungen der Phasen: Dependence and Testing, Intra group conflict (storming), Developement of group cohesion (norming) und Working phase (performing) ähneln sich in den verschiedenen Darstellungen sehr (z.B. A. Däumling u.a. (1974), S. Bernstein, L.Lowy (1969)). Alle Modelle, besonders aber die psychonanalytischen, beschreiben die Gruppenentwicklung v.a. in bezug auf sich verändernde Abhängigkeit von der Leitung im Sinne eines “Erwachsenwerdens” der Gruppen (zusammenfassend D.Sandner 1976 ).Google Scholar
  19. 15.
    Z.B. als Übergang oder Entwicklung vom Systemtyp “Gruppe” zum Systemtyp “Organisation” (F. Neidhardt 1979). Ein anderer Klassifikationsvorschlag zur Erfassung von unterschiedlichen Graden der Organisiertheit kommt von D.Claessens (1977): Absprachen, Organsieren, Organisation als Stufenleiter zu zunehmend festeren und irreversibleren Regeln und Differenzierungen in einem sozialen System.Google Scholar
  20. 16.
    Der GruppenprozeB wird als mechanistisches Kräftespiel im physikalischen Sinne, als organismische Entwicklung (im biologischen Sinn), als Ergebnis einer endlosen Reihe von Konflikten, als Gleichgewichtssystem, das Störungen von innen und außen mit entgegengesetzten Kräften begegnet und das Gleichgewicht wiederherstellt, oder als strukturell-funktionales System verstanden (dazu auch K.Schütz 1990).Google Scholar
  21. 17.
    Vergleichbare Modelle für Selbststeuerungsprozesse in verschiedenen Formen sozialer Systeme finden sich u.a. bei M.Giesecke (1988) und in Anlehnung daran K.Rappe-Gieseke (1990) für Supervisionsprozesse in Teams und Gruppen, bei J. Schmidt 1989 ein Steuerungsmodell für Trainingsgruppen, (s.3.2.4. in diesem Kapitel) und bei W. Frindte, H.Schwartz, F.Roth ( 1989 ). Letztere entwickeln ein Modell der Intervention in Arbeits-und Sportgruppen. Von den strukturellen Gegebenheiten unterscheiden sich die hier untersuchten Gruppen v.a. dadurch, daB sie keine formalen Berater oder Leiter zur ProzeBsteuenwg haben.Google Scholar
  22. 18.
    A.Hahn 1987 nennt das ein “explizites Selbst - ein Ich, das seine Selbstheit zum Gegenstand von Darstellung und Kommunikation erhebt”(S.10), also selbstreflexiv ist.Google Scholar
  23. 19.
    Zum Verhältnis von Reflexion und Alltagshandeln am Beispiel des Aktionsforschungsansatzes J.A. Schülein (1979).Google Scholar
  24. 20.
    Im Zusammenhang der Aufgabe der Selbststeuerung in sozialen Systemen wird das Lernfeld des gruppendynamischen Trainings neu zu bewerten sein: J.Schmidt (1989, 1990): Der Umgang mit unstrukturierten chaotischen Situationen kann hier erlebt und bearbeitet werden. E.Krainz 1990 (S.37): “Gruppendynamik läßt sich in ihrer Anwendung als Möglichkeit begreifen, soziale Systeme über diejenigen, die an ihnen teilhaben und von ihnen betroffen sind, zu einem höheren Bewußtsein ihrer selbst zu bringen und damit ihre bewußte Handlungsfähigkeit zu erhöhen.” Siehe Kapitel V.Google Scholar
  25. 21.
    Im systemtherapeutischen Jargon heiBt das: Neue Unterscheidungen und Informationen im System generieren (z.B. L.Hoffmann 1987 ).Google Scholar
  26. 22.
    Bateson erklärt den Unterschied zwischen Proto-und Deuterolernen gerne am Vergleich des Erlernens des Scheibenschießen mit dem Zielen über Kimme und Korn (Torpedo!), wo die Korrektur unmittelbar erfolgen kann und dem des Tontaubenschießen, wo nur über eine Klasse von Handlungen gelernt werden kann, also gelernt werden muß, wie man lernt (1984, 247 f.).Google Scholar
  27. 25.
    Watzlawik et al. 1974 differenzieren zwischen Lösungen erster und zweiter Ordnung. Lösungen zweiter Ordnung sind Lösungen, die den Kontext einer Lösung verändern. (Watzlawik et al. 1974). Man kann analog dazu von Leitungsaufgaben erster und zweiter Ordnung sprechen (z.B. R.Wimmer 1989 ).Google Scholar
  28. 26.
    Leitungshandeln erster Ordnung bezieht sich in der Regel auf die Sachebene der Aufgabe, das zweiter Ordnung auf den Kontext, in dem die Sachaufgabe gelöst wird, auf das soziale System “Gruppe”. Von den Steuernden wird somit nicht nur “Sachverstand”, sondern auch Verständnis für die Eigenheiten sozialer Systeme verlangt.Google Scholar
  29. 27.
    Das Axiom der themenzentierten Interaktion: Störungen haben Vorrang (faktisch, weil sie stören, wenn sie stören, ob man sie nun thematisiert oder nicht) kann natürlich auch im Sinne einer Fortsetzung eines Konflikts mit anderen Mitteln benutzt werden: Wenn ich mich auf Sachebene nicht durchsetzen kann, versuche ich auf Metaebene darüber zu reden, warum es nicht geht. Der Wechsel der Ebene vom Thema zum Kontext muB vorher von allen akzeptiert werden, was oft nicht einfach ist. Deswegen wird hier auch weniger von einer Regel, als von einer inneren Haltung gesprochen (z.B. R.Cohn 1975 ).Google Scholar
  30. 28.
    Konkrete Beispiele zum Einfluß des informellen Systems und der Notwendigkeit der Selbstthe-Google Scholar
  31. Damit soll nicht gesagt werden, daß informelle Beziehungsnetze in Gruppen und Organisationen keinen steuernden Einfluß haben: Sie bilden oft die eigentlich einflußreichen und (gegen-)steuernden Systeme. Einfluß im Sinne von Leitung können die informellen Inhalte nur bekommen, wenn sie formal integrierbar und bearbeitbar sind. Das Prozeßwissen der Beteiligten wird oft systematisch ausgeblendet, weil Organisation die Aufgabe der hierarchisch höheren Positionen und nicht die der davon Betroffenen ist (vgl.J.Schmidt 1990). In die individuelle Fähigkeit zur Selbstthematisierung wird wohl zur Zeit wesentlich mehr investiert als in das Reflexionspotential von Organisationen und Institutionen. Ersteres kann - und soll vielleicht auch gar nicht - steuernd wirksam werden, weil der Erhalt und weniger die Veränderung des jeweiligen sozialen Systems primär angestrebt wird: Für neue Sichtweisen des einzelnen bleibt gar kein Platz, das System selbst schafft keinen Ort, wo diese steuernd einfließen können.29matisierung K.Buchinger (1989),R. Wimmer (1989), J.Schmidt (1987), G.Probst (1987).Google Scholar
  32. 29.
    Nach H.Brück ( 1987, S. 299ff) und seinem Kommunikationsmodell für Gruppen sollte der “kommunikative Raum” von Gruppen möglichst groß sein, es sollten also möglichst viele Belange - v.a. die gefühlsmäBigen - der Mitglieder zur Sprache kommen können und möglichst wenig ins Informelle abgedrängt werden. Das kann nur in der Hinsicht stimmen, daB Gruppen den emotionalen Bereich in der Regel zu wenig berücksichtigen. Es kann nicht darum gehen, ihn beliebig auszudehnen: Die Arbeitsfähigkeit jeder Gruppe wäre damit in Frage gestellt, weil sie zu “abhängig” würde von ihrer inneren Umwelt. Viele psychologische Interventionen in Gruppen richten sich nach diesem Primat: Man kann nie genug über die Beziehungen untereinander sprechen. Das vermehrt oft die Probleme, wenn sie strukturelle und keine Beziehungsursachen haben (z.B. K.Buchinger 1990 ).Google Scholar
  33. 30.
    Solche “Selbststeuerungsabfolgen” haben eine lange Tradition: In der individuellen Besinnung: Sehen, Urteilen, Handeln, in der Zukunftswerkstatt, als kollektive Form neue Ideen, Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten für eine gemeinsame Zukunft zu entwickeln (R.Jungk), in der Verschränkung von Praxis und Reflexion im BewuBtseinsbildungsprozeB der Pädagogik von P. Freire (1973).Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1992

Authors and Affiliations

  • Karl Schattenhofer
    • 1
  1. 1.GroßhesseloheDeutschland

Personalised recommendations