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Sozialer Austausch als Interchange

  • Karl-Heinz Saurwein
Chapter
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Part of the Beiträge zur sozialwissenschaftlichen Forschung book series (BEISOFO, volume 109)

Zusammenfassung

Auf den ersten Blick scheint die Interchangeanalyse das Thema des interaktiven Austauschs nur auf einer makrosoziologischen Ebene weiterzuverfolgen. Wäre dies der Fall, dann müßten sich das Situations-/ Akteur Schema und das System-/ Umwelt Schema wechselseitig aufeinander reduzieren lassen, so daß die Interchangeanalyse lediglich komplexere Interaktionssysteme und die Interaktionsanalyse elementare gesellschaftliche Austauschprozesse umfaßt. Eine solche Sichtweise müßte freilich eine Homologie zwischen Mikro- und Makroanalyse, zwischen Einheiten- und Systemanalyse unterstellen, die empirisch wie theoretisch problematisch ist. Elementare Interaktionssysteme sind nicht notwendig einfach, gesellschaftlicher Austausch nicht notwendigerweise komplex strukturiert. Die Kritik am Elementarismus der Homans’schen Austauschtheorie ist ein Indiz dafür, daß PARSONS eine theoretische Kontinuität zwischen Interaktionsund Interchangeanalyse nur dann herstellen kann, wenn er ihre Unterschiedlichkeit analytisch bewahrt.2

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Literatur

  1. 2.
    Wagner kritisiert, daß Parsons ähnlich wie Homans keinen Unterschied zwischen der Analyse von Klein-und Großgruppen mache. Tatsächlich läßt sich die Interaktions-und Interchangeanalyse bei Parsons nicht mit dem empirischen Kriterium der Größe unterscheiden. Die Kritik ist verfehlt, weil es gerade nicht darum geht, “bereichsspezifische” Theorien zu formulieren, sondern generelle Analyseraster, die auf unterschiedlichen Aggregatebenen anwendbar sind. Vgl.H.R. Wagner, Displacement of Scope: A Problem in the Relation between Small Scale and Large Scale, Sociological Theories, in: AJS, 69, 1964, S. 571–584. Vgl. die kritische Auseinandersetzung mit dem Elementarismus in Homans’ Austauschtheorie: T. Parsons, Levels of Organization, op. cit., S. 23–35.Google Scholar
  2. 4.
    Die funktionalen Beziehungen können positiv oder negativ sein: Auch die Analyse dysfunktionaler Konsequenzen setzt die Vorstellung von einem Bezugssystem voraus. Parsons’ funktionale Analyse sucht gerade die klassischen Fehlschlüsse funktionalistischer Analyse zu vermeiden: Es wird weder unterstellt, daß es nur eufunktionale Konsequenzen gibt, noch daß nur derartige Strukturen “überleben”. Parsons behauptet auch keinesfalls, daß jedes Element für jedes Bezugssystem funktional signifikant sein müsse oder daß Elemente eines Sozialsystems einer immanenten Tendenz zur Erfüllung funktionaler Erfordernisse entspringen. Vgl. zu den funktionalen Postulaten die klassische Analyse von: R.K. Merton, Social Theory and Social Structure, New York 1957, S. 19–36.Google Scholar
  3. 5.
    Vgl. l’. Parsons, The Point of View of the Author, in: M. Black (ed.), The Social Theories of Talcott Parsons, Englewood Cliffs, N.J. 1961, S. 338–339 (311–363).Google Scholar
  4. 6.
    Die Input-Output Kategorien werden als Prozeßkategorien aufgefaßt; Werte, Normen, Kollektive und Rollen bezeichnen hingegen generelle Strukturmerkmale sozialer Systeme.Google Scholar
  5. 7.
    Vgl. die Formulierung in der Universitätsstudie von Parsons und Platt: AU, S. 13–15.Google Scholar
  6. 8.
    Vgl. dazu T. Parsons, Some Problems of General Theory in Sociology, op. cit., S. 231–234.Google Scholar
  7. 9.
    Vgl. C. Ackerman u. T. Parsons, Der Begriff “Sozialsystem” als theoretisches Instrument, op. cit., S. 76–77.Google Scholar
  8. 10.
    Die Leistungs-Sanktions-Bilanz zwischen Handlungseinheiten kann auch als Input-Output Gleichgewicht einer Handlungseinheit aufgefaßt werden, wenn man die betreffende Handlungseinheit als Subsystem in einem umfassenderen System betrachtet. Vgl. WP, S. 215–217.Google Scholar
  9. 12.
    Vgl. T. Parsons, The Evolution of Societies, (ed. by J. Toby), Englewood Cliffs, N.J. 1977, S. 237.Google Scholar
  10. 13.
    Es lassen sich drei Varianten ausmachen: In ES wird der Prozeß der strukturellen Differenzierung als ein Zyklus der Implementierung von Innovationen dargestellt. Diesem Innovationsmodell folgt später ein Progressionsmodell, bei dem der Prozeß der strukturellen Differenzierung eine bestimmte Abfolge von Phasen durchläuft. Diese Fassung wird dann evolutionstheoretisch erweitert. Vgl. ES, S. 255–274; eine frühere Fassung ist enthalten in: The Problem of Controlled Institutional Change, in: Essays in Sociological Theory, New York 1954, S. 238–274; Some Considerations on the Theory of Social Change, in: Rural Sociology, 26, 1 961, S. 219–239.Google Scholar
  11. 14.
    T. Parsons, Comparative Studies and Evolutionary Change, in: J. Vallier (ed.), Comparative Methods in Sociology, Berkeley 1971, S. 97–139; The Evolution of Societies, op. cit., S. 134.Google Scholar
  12. 15.
    Vgl. T. Parsons, An Approach to Psychological Theory in Terms of the Theory of Action, in: S. Koch (ed.), Psychology: A Study of a Science, New York 1959, S. 660 (612–711).Google Scholar
  13. 19.
    Um Mißverständnissen vorzubeugen: Dynamisierung schließt nicht die theoretisch wie empirisch unhaltbare Behauptung ein, daß Wandel von Sozialstrukturen stets auf ökonomische oder politische Faktoren zurückgingen. Gemeint ist lediglich, daß diese Faktoren dazu tendieren, Möglichkeitsräume zu eröffnen, die den Informationsgehalt normativer Strukturen tendenziell reduzieren. Eine Reinterpretation der Kontrol1-Bedingungshierarchie als gegenläufige Steuerungs-Dynamisierungshierarchie nimmt Richard Münch vor. Vgl. R. Münch, Theorie des Handelns, op. cit., S. 97–109.Google Scholar
  14. 20.
    T. Parsons, An Outline of the Social System, op. cit., insb. S. 60–70.Google Scholar
  15. 22.
    Vgl. dazu die Analogien zur klassischen Mechanik in den “Working Papers”. Parsons formuliert hier vier “Gesetze”, die als allgemeine Bedingungen von Gleichgewichten gelten sollen: Das Prinzip der Trägheit, das Prinzip der Aktion und Reaktion, das Prinzip der Kraft und das Prinzip der Systemintegration. WP, S. 102–103. Die Tragfähigkeit der Analogien beurteilt W.R. Catton aus naturalistischer Sicht weitgehend kritisch: W.R. Catton, From Animistic to Naturalistic Sociology, New York 1966, insb. S. 225–237.Google Scholar
  16. 23.
    Vgl. T. Parsons, The Point of View of the Author, op. cit., insb. S. 339–341.Google Scholar
  17. 24.
    Vgl. die Schaubilder in: ES, Fig. 4, S. 68; “Voting” and the Equilibrium of the American Political System, in: Politics and Social Structure, op. cit., S. 238 (204–240); AU, Fig. A 2, S. 428.Google Scholar
  18. 25.
    Goulds Kritik am Format des Interchangeparadigmas beruht auf dieser Unterstellung. Vgl. M. Gould, Systems Analysis, Macrosociology and the Generalized Media of Action, in: J.J. Loubser et al. (eds.) Explorations in the General Theory of Social Science, New York 1976, S. 470–506.Google Scholar
  19. 26.
    “The integrative functions on the other hand, are concerned with the internal environment of the system. They define the ways in which the action-situations of units and subsystems came to be a function of structures that transcend the particular subsystem itself, but which at the same time are characteristic of the larger system.” AU, S. 429.Google Scholar
  20. 27.
    Vgl. T. Parsons, Durkheim’s Contribution to the Theory of Integration of Social Systems, in: Sociological Theory and Modern Society, op. cit., S. 3–34; T. Parsons, The Point of View of the Author, op. cit., S. 343–345; T. Parsons, Pattern Variables Revisited, op. cit., insb. S. 211–214.Google Scholar
  21. 28.
    Die Veränderungen beziehen sich vornehmlich auf die Beziehung zwischen dem L-A System. Parsons bezeichnet dieses System als ‘Arbeits-Konsummarkt’-System. Dies stellt eine voreilige Konkretisierung eines analytischen Modells dar, da das Austauschsystem weder notwendig einen Marktcharakter hat, noch die Qualität der Beziehungen auf “Arbeit und Konsum” reduziert werden kann. Ebenso erscheint die Bezeichnung ’Rechtfertigungssystem’ (I-A) zweckmäßiger als die Bezeichnung “System der Allokationsstandards”, um den institutionell normativen Charakter des Austauschssystems deutlicher zu machen.Google Scholar
  22. 29.
    So werden z.B. in ES die Austauschbeziehungen zwischen dem ökonomischen und dem politischen System primär unter dem Aspekt der Steuerung von Investitionen, Geld und Kredit betrachtet. Im Aufsatz zum Medium Macht erfolgt dann eine modifizierte Fassung dieser Austauschbeziehung. Diese ist nicht nur genereller angelegt, sondern enthält eine Redefinition der Austauschkategorien. Vgl. ES, S. 72–78, 128139, 161–171; PP, S. 397 ff.Google Scholar
  23. 31.
    Selbst der Lohn symbolisiert mehr als nur Kaufkraft und die damit verbundenen Erwerbs-und Konsumchancen. Er symbolisiert auch differentielle soziale Anerkennung, Zugehörigkeit und Selbstbestätigung. Vgl. ES, S. 114–123, 179–184. Im Bereich des Konsums wird dies noch deutlicher. So hebt z.B.Bourdieu hervor, daß der Nichtbesitz eines Fernsehers zu einem distinktiven Merkmal des gehobenen Geschmacks in Frankreich geworden ist. Vgl. P. Bourdieu, Die feinen Unterschiede, Frankfurt 1982, S. 195–209.Google Scholar
  24. 32.
    Vgl. ES, S. 70–72; R. Mönch, Theorie des Handelns, S. 132138.Google Scholar
  25. 33.
    Zur kulturell-expressiven Dimension von Produktion und Konsum vgl. J. Baudrillard, La société de consommation, Paris 1970; M. Sahlins, Kultur und praktische Vernunft, Frankfurt 1981, Kap. 4 u. 5.Google Scholar
  26. 34.
    Vgl. hierzu die Kritik von Savage an Parsons: S.P. Savage, The Theories of Talcott Parsons, op. cit., insb. S. 188–193.Google Scholar
  27. 37.
    Für Parsons stellen die adaptive und die Strukturerhaltungsfunktion die zentralen Bezugspunkte der Systemdefinition dar. Vgl. AU, S. 429.Google Scholar
  28. 38.
    Vgl. den individualistischen Ansatz der nichtgewollten Effekte intentionalen Handelns bei: R. Boudon, Die Logik des gesellschaftlichen Handelns, Neuwied 1980; V. Vanberq, Markt und Organisation, Tübingen 1982, insb. S. 47–75.Google Scholar
  29. 39.
    Schon in SSA hieß es dazu: “But in estimating the role of the normative elements in the total system of action in which this particular actor constitutes a unit, it would obviously be illegitimate to include these elements in the situation for the system as a whole. For what are, to one actor, non-normative means and conditions are explicable in part, at least, only in terms of the normative elements of the action of others in the system.” SSA, S. 50.Google Scholar
  30. 40.
    Vgl. dazu die Kritiken von: R. Dahrendorf, Pfade aus Utopia. Zu einer Neuorientierung der soziologischen Analyse, in: Pfade aus Utopia, München 1974, S. 242–262; Struktur und Funktion. T. Parsons und die Entwicklung der soziologischen Theorie, in: Pfade aus Utopia, München 1974, S. 213–242; D.P. Ellis, The Hobbesian Problem of Order, op. cit., S. 692–703; J.C. Harsanyi, Rational-Choice Models of Political Behavior. vs. Functionalist and Conformist Theories, op. cit., S. 513–538.Google Scholar
  31. 41.
    Vgl. Smelsers Epilog in der Universitätsstudie von Parsons und Platt. N.J. Smelser, Epiloque: Social-Structural Dimensions of Higher Education, in: AU, S. 389–422.Google Scholar
  32. 44.
    Der Begriff der Interpenetration ist vor allem in der neueren Rezeption aufgegriffen worden. Der Begriff ist jedoch bei Parsons nicht systematisch entwickelt worden. Formal_ bezeichnet Interpeneration eine Klasse von SystemUmwelt-Beziehungen, die durch den partiellen Einschluß gemeinsamer Elemente charakterisiert werden kann. Von daher ist der potentielle theoretische Anwendungsbereich sehr weit gefaßt. Der substantielle Bezugspunkt für die o.g. theoretischen Konzepte besteht in der Implementierung kulturell-normativer Elemente in unterschiedlichen Subsystemen. Den Versuch, Interpenetration für eine vergleichend-historische Analyse im Anschluß an Webers Erklärung des Entstehens und der Entwicklung der modernen Sozialordnung fruchtbar zu machen, unternimmt: R. Munch, Theorie des Handelns, op. cit., insb. S. 470–547; zur theoretischen Einbindung des Konzepts: Vgl. N. Luhmann, Interpenetration. Zum Verhaltnis personaler und sozialer Systeme, in: ZfS, 6, 1977, S. 62–76; S. Jensen, Interpenetration - Zum Verhältnis personaler und sozialer Systeme, in: ZfS, 7, 1978, S. 116–129.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1988

Authors and Affiliations

  • Karl-Heinz Saurwein

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