Advertisement

Keplers Universum: Seine Physik und Metaphysik

  • Gerald Holton

Zusammenfassung

Die wichtigen Veröffentlichungen von Johannes Kepler (1571–1630) gehen denjenigen von Galilei, Descartes und Newton zeitlich voran und sind in vieler Beziehung auch aufschlußreicher1. Dennoch wurde Kepler oft vernachlässigt und mißverstanden2. Ein Grund dafür liegt vielleicht in der Mischung scheinbar inkongruenter Elemente wie Physik und Metaphysik, Astronomie und Astrologie, Geometrie und Theologie, die Keplers Werk charakterisiert. Sogar im Vergleich mit Galilei und Newton sind Keplers Schriften auffallend in der Art ihrer Vorurteile. Er ist viel offensichtlicher in einer Zeit verwurzelt, in der Animismus, Alchemie, Astrologie, Numerologie und Hexerei ernsthaft zu diskutierende Probleme darstellten. Seine Art der Darstellung erscheint heutigen Lesern unzugänglich und nur allzu oft den geraden Weg zu verlassen, der zu wichtigen Fragen der Physik führt. Dieser Eindruck entsteht aber nicht nur durch die unvermeidliche Verzerrung der historischen Distanz. Wir haben den asketischen Standard der Darstellung schätzen gelernt, die sich von Euklid ausgehend beispielsweise in den Büchern I und II von Newtons Principia finden3 und werden instruiert, die Rätsel, Irrtümer und gelegentlich Glückssträhnen, die fast jeder wissenschaftlichen Arbeit zugrundeliegen, hinter unpersönlichen Formulierungen und Phrasen zu verstecken. Keplers bestürzende Offenheit und intensive emotionale Verstrickung zwingen ihn, uns einen detaillierten Bericht seines verschlungenen Arbeitsweges zu geben. Die Schönheit und Vielfalt dieser Welt überwältigt ihn so sehr, daß er sich insgesamt nicht wirklich auf irgendein Hauptproblem beschränken kann, das lösbar ist. Lange berichtet er von seinen Fehlschlägen und läßt dabei seinen Stolz über die Schwierigkeit seiner Aufgabe durchblicken. Seiner reichen Phantasie drängen sich oft übertriebene oder alltägliche Analogien zu jeder Lebenslage auf. Häufig unterbricht er seine wissenschaftlichen Gedanken, entweder mit der Mahnung an den Leser, seinen fast unlesbaren Bericht noch etwas länger zu folgen, oder mit trivialen Seitenbemerkungen und Wortklaubereien, oder auch mit persönlichen Anekdoten und entzückten Ausrufen über irgendeine neue geometrische Beziehung, eine numerische oder muskalische Analogie. Manchmal bricht er auch in Gebete oder in Poesie aus — Ausdruck einer heiligen Ekstase, wie er es nennt. Wir folgen ihm auf seinen Pionierpfaden, bei der Erforschung des sicheren Grundes, auf den unsere Wissenschaft später errichtet werden konnte und werden dabei in Bereiche geführt, die wir heute als unbrauchbares Sumpfgebiet betrachten.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Anmerkungen

  1. 1.
    Keplers Werke sind in einer ausgezeichneten Gesamtausgabe zugänglich: Walter von Dyck und Max Caspar (Hrsg.), Johannes Keplers gesammelte Werke (München, ab 1937). Siehe auch Johannes Kepler, Weltharmonik (übersetzt und eingeleitet von Max Caspar, Oldenburg, München 1967) und Johannes Kepler, Weltgeheimnis (herausgegeben und eingeleitet von Max Caspar), Vieweg, Braunschweig 1985 ) und Johannes Kepler, Warnung an die Gegner der Astrologie (Tertius interveniens) (mit Einführung, Erläuterungen und Glossaren, hrsg. von Fritz Krafft, Kindler, München 1971 ).Google Scholar
  2. 2.
    Bezüglich Kepler Biographien siehe Max Caspar, Johannes Kepler W. Kohlhammer, Stuttart 1950); Erhard Oeser, Kepler, Musterschmid, Göttingen 1971); Walther Gerlach und Martha List, Johannes Kepler, Leben und Werk Piper, ( München 1980 ). Dieses Buch enthält auch eine kurze Bibliographie.Google Scholar
  3. 3.
    Die Newtonsche Optik erinnert speziell in ihrem späteren Teil an Keplers Stil. Buch II, Teil IV, Beobachtung 5 enthält beispielsweise einen Versuch ’feile des Lichtspektrums mit „Unterschieden in der Länge eines Monochords“ zu verknüpfen.Google Scholar
  4. 4.
    Brief an David Fabricius vom 11. Oktober 1605.Google Scholar
  5. 5.
    Brief an Herwart von Hohenburg vom 26. März 1598. Dieser Brief entstand also sieben Jahre bevor Stevinus die Absurdität eines Perpetuum mobile in der Hypomnemata Mathematica (Leyden, 1605) andeutete. Einige von Keplers wichtigsten Briefen finden sich bei Max Caspar und Walther von Dyck, Johannes Kepler in seinen Briefen (Oldenburg, München und Berlin 1930). Eine vollständigere Sammlung in der Originalsprache findet sich in den Bänden 13–15 der Neuausgabe von Keplers gesammelten Arbeiten. Diese Briefe wurden bei früheren Kepler-Studien nur unzureichend beachtet.Google Scholar
  6. 6.
    Ernst Goldbeck, Abhandlungen zur Philosophie und ihrer Geschichte, Keplers Lehre von der Gravitation (Max Niemeyer, Halle 1896), Band VI. Diese nützliche Monographie zeigt Keplers Rolle als Führer der mechanischen Astronomie. Das Zitat bezieht sich auf De Revolutionibus,erste Ausgabe, S. 3. Der Hauptpunkt, daß die Beschreibung der Phänomene bei Kopernikus die Erde gelegentlich anders als die anderen Planeten behandelt, ist kaum anzuzweifeln.Google Scholar
  7. 7.
    In Keplers Vorwort zu seiner Dioptrice (1611) nennt er sein früheres Mysterium Cosmographicum „eine Art Kombination von Astronomie und euklidischer Geometrie“ und beschreibt seine Hauptergebnisse folgendermaßen: „Ich nahm die Dimensionen des Planetensystems der Kopernikanischen Astronomie gemäß an, die die Sonne unbeweglich ins Zentrum setzt und die Erde beweglich sowohl rund um die Sonne als auch um ihre eigene Achse macht. Ich zeigte, daß die Abstände der Planetenbahnen den fünf regulären pythagoreischen Körpern entsprechen, welche bereits von ihrem Urheber auf die Elemente der Welt verteilt worden waren, wenngleich sein Versuch mehr bewunderswert als glücklich oder legitim warchwr(133)” Das Schema der fünf umschriebenen regulären Körper war für Kepler ursprünglich die Ursache der beobachteten Anzahl (und Bahnen) der Planeten: „Habes rationem numeri planetarium“. Google Scholar
  8. 8.
    Johannes Kepler, Die Zusammenklänge der Welten, hrsg. von Otto J. Bryk, (Diederichs, Jena 1918 ) S. xxiii.Google Scholar
  9. 9.
    Brief an Herbert von Hohenburg vom 10. Februar 1605. Ungefähr zur gleichen Zeit schreibt er in ähnlicher Weise an Christian Severin Longomontanus bezüglich der Zusammenhänge zwischen Astronomie und Physik: „Ich glaube, daß beide Wissenschaften so eng miteinander verknüpft sind, daß die eine nicht ohne die andere Vollkommenheit erlangen kann.“Google Scholar
  10. 10.
    Zuvor diskutiert Kepler die Anziehung des Mondes in einem Brief an Herwart vom 2. Januar 1607. Die relative Bewegung zweier isolierter Körper und den Begriff der Trägheit behandelt er in einem Brief an D. Fabricius vom 11. Oktober 1605. Siehe dazu auch Alexander Koyr, Galileo and the Scientific Revolution of the Seventeenth Century, The Philosophical Review 52, 344–345 (1943).Google Scholar
  11. 11.
    Nicht nur die Postulate sondern auch einige Details ihrer Verwendung innerhalb des Arguments sind falsch. Eine kurze Diskussion dieses konkreten Gebrauchs, den Kepler von der Physik der Astronomie macht, findet sich bei Max Caspar, Johannes Kepler. Neue Astronomie (Oldenburg, München und Berlin 1929), S. 3*-66*.Google Scholar
  12. 12.
    Gilileo Galilei, Dialog liber die beiden hauptsächlichsten Weltsysteme, das pto lemäische und das kopernikanische, hrsg. von Roman Sexl und Karl v. Meyenn ( Teubner, Stuttgart 1982 )Google Scholar
  13. 13.
    Isaac Newton, Mathematische Prinzipien der Naturlehre,hrsg. von J.Ph. Wolfers (Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1963), S. 377. In Buch 3 bemerkt Newton bezüglich der Tatsache, daß das dritte Gesetz für die Jupitermonde gilt: „Dies ergibt sich aus den astronomischen Beobachtungen.“ (S. 381). Erst einige Seiten weiter (S. 384) schreibt er dann: „Dieses von Kepler gefundene 13/2-] Verhältnis ist bei allen außer Zweifel.” Newtons Dankesschuld an Kepler geht am besten aus seinem Brief an Halley vom 14. Juli 1686 hervor: „Die doppelte Proportion [das 1/r2 Gesetz der Gravitation] lernte ich aus Keplers Theorem vor ungefähr zwanzig Jahren.“Google Scholar
  14. 14.
    Brief an Johann Brengger vom 4. Oktober 1607. Dieses Bild eines Mannes, der die vorwiegend aristotelische Tradition verlassen möchte, ist vielleicht genauso bezeichnend wie das übliche, das Kepler als Kopernikaner in einer ptolemäischen Welt zeigt. Auch Keplers Einwand war nicht wirklich polemäisch. Denn nach Keplers eigener Meinung in den Harmonice Mund i, Buch 3 stimmen alle Astronomen darin überein, daß „ alle Planeten die Sonne umkreisen“. Nicht das kopernikanische System, sondern das Tychonische ist damit gemeint, in dem die Erde fest ist und die bewegte Sonne als Zentrum der Bewegung der anderen Planeten dient.Google Scholar
  15. 16.
    Zitiert in Kepler, Weltharmonik,hrsg. von Max Caspar (Oldenbourg, München und Berlin 1939), S. 55*Google Scholar
  16. 17.
    Siehe z.B. Edwin Arthur Burtt, The Metaphysical Foundations of Modern Science (Routledge & Kegan Paul, London 1924 und 1932), S. 47 ff.Google Scholar
  17. 18.
    Eine neuere Analyse neu-platonischer Lehren, die bedauerlicherweise auf Kepler nicht eingeht, findet sich bei Max Jammer, Das Problem des Raumes (Wiss. Buchgesellschaft, Darmstadt 1960). Die Beziehung zwischen Neu-Platonismus und Kepler wird von Thomas S. Kuhn, Die kopernikanische Revolution (Vieweg, Braunschweig 1981) diskutiert.Google Scholar
  18. 19.
    Wolfgang Pauli, Der Einfluß archetypischer Vorstellungen auf die Bildung naturwissenschaftlicher Theorien bei Kepler, in Naturerklärung und Psyche ( Rascher-Verlag, Zürich 1952 ), S. 129.Google Scholar
  19. 20.
    Hedwig Zaiser, Kepler als Philosoph ( Suhrkamp, Stuttgart 1932 ), S. 47.Google Scholar
  20. 21.
    Brief an Mästlin vom 19. Apirl 1597 (Hervorhebungen von G.H.) Die „numerologisehe“ Komponente moderner physikalischer Theorien hat hier ihre Wurzeln.Google Scholar
  21. 23.
    Brief an Herwart vom 9./10. April 1599. Galilei ist auf dieses Prinzip auch später zurückgekommen: „Daß die Pythagoreer die Zahlentheorie hochschätzten und Plato selbst das menschliche Verständnis und Denken in seinem Teilhaben an der Gottheit bewunderte, da es die Naturen der Zahlen verstand, weiß ich sehr wohl und ich teile diese Meinung auch fast.“ Siehe de Santillana, op. cit., S. 14. Descartes Bemerkung: „Man kann die mathematische Naturordnung für „Gott” setzen, wo immer ich auch den letzteren Ausdruck verwende,“ stammt aus der gleichen Quelle.Google Scholar
  22. 24.
    Eine Diskussion von Keplers mathematischer Erkenntnistheorie und ihrer Beziehung zum Neu-Platonismus findet sich bei Max Steck, Über das Wesen des Mathematischen und die mathematische Erkenntnis bei Kepler, die Gestalt (Max Niemeyer, Halle 1941), Band V. Diese nützlichen Materialien sind teilweise unter nazionalsozialistischen Doktrinen verborgen. Eine andere interessante Quelle ist Andreas Speiser, Mathematische Denkweise ( Birkhäuser, Basel 1945 ).Google Scholar
  23. 25.
    Brief an Mästlin vom 3. Oktober 1595. Brief an Herwart vom 16. Dezember 1598.Google Scholar
  24. 26.
    Brief an Herwart vom 28. März 1605. Dieser Brief enthält auch die Antwort auf die Frage, wie Kepler den Konflikt zwischen der Autorität der Bibel und der Autorität wissenschaftlicher Resultate bewältigte: „Damit will ich daher anfangen. Ich halte dafür, daß wir auf die Absicht der vom Geiste Gottes inspirierten Menschen schauen müssen. Diese gingen nirgends darauf aus, die Menschen in den natürlichen Dingen zu belehren, außer im ersten Kapitel der Genesis, über den übernatürlichen Ursprung der Dinge.“ Diese Ansicht, die später Galilei zugeschrieben wurde, ist in Keplers Einleitung zur Astronomia Nova weiterentwickelt.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1984

Authors and Affiliations

  • Gerald Holton

There are no affiliations available

Personalised recommendations