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Bausteine philosophischer Auffassungen der Wissenschaftsgeschichte

  • Ulrich Charpa

Zusammenfassung

Die Sichtung kontroverser philososophischer Deutungen der Wissenschaftsgeschichte verlangt eine besondere Darstellungsidee, die mit der Rede vom ‚neutralen Hintergrund‘ angedeutet wird. Gefordert ist ein Beschreibungsmittel, das Vergleiche fördert und vorschnelle Festlegungen verhindert. Das Prinzip des Vergleichs hat selbstredend den Charakter einer Maxime, die man am leichtesten mit dem Hinweis rechtfertigen kann, daß die philosophischen Deutungen der Wissenschaftsgeschichte ihre Geltung — wenngleich oft implizit — bereits voraussetzen. Unabhängig davon, ob sie sich ‚von oben‘, etwa unter Berufung auf einen Vernunftbegriff, legitimieren oder durch Fallstudien auszuweisen trachten, der Anspruch beschränkt sich nicht einmal bei entschiedenen Relativisten darauf, auch eine Auffassung zu vertreten. Zur Debatte steht immer aufs neue der Vorrang der eigenen Position, Überlegenheit im Vergleich mit konkurrierenden Auffassungen.

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Literatur

  1. 111.
    Vgl. die Programmankündigung v. Donovan, A. (his 77/1986, S. 75f.), sowie Laudan, L., u.a., „Scientific Change - Philosophical Models and Historical Research“, Synthese 69/1986. S. 141–223 u. die Konkretisierungen in Donovan, A., u.a., Scrutinizing Science: Empirical Studies of Scientific Change, Dordrecht 1988.Google Scholar
  2. 112.
    Wie Leo Apostel bereits vor 35 Jahren („Formal Studies of Models“, Boston Stud. Phil. Sci. Bd. 3, S. 163–77) befürchtete, ist eine überzeugende Sprachregelung in bezug auf,Modell’ (wie im Fall mancher anderer attraktiver Reflexionsbegriffe) angesichts des vielgestaltigen Sprachgebrauchs kaum zu erwarten. Von den ihrer Vorläufigkeit wegen vielleicht am ehesten mit philosophischen Konzeptionen vergleichbaren Theoretischen Modellen der Physik werden gemeinhin nach,oben’ u.a. die Kontextualisierung durch fundamentale Theorien und nach,unten’ Vereinfachungsleistungen im Blick auf Prognosen und die Berechnung von Größen verlangt. Anforderungen in bezug auf philosophische Wissenschaftshistorie mögen dem auf eine diffuse Weise entsprechen, wobei die Einbettung in großformatige Philosopheme gewiß das kleinere Problem darstellte.Google Scholar
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    Vgl. das von Pulte, H., Das Prinzip der kleinsten Wirkung und die Kraftkonzeptionen der Rationalen Mechanik (Stud. Leibn. Sonderheft 19) Stuttgart 1989 erörterte Beispiel.Google Scholar
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    Kitcher, Nature, S. 149ff.Google Scholar
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    Gelöste, ungelöste und unlösbare Probleme - Zu den Bedingungen wissenschaftlichen Fortschritts“, in: ders., Wissenschaftstheorie, S. 183–210.Google Scholar
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    Eine Ausnahme bildet Rescher, Grenzen, Kap. II u. III, wo aber desungeachtet die Relevanz des Frage/Antwort-Schemas bezweifelt wird. Möglicherweise lassen sich sich die Reserven gegenüber dem Frage/Antwort-Muster plausibel mit dessen Reduzierbarkeit in Verbindung bringen, sei es die auf andere Einheiten, Aussagen und Imperative (vgl. Hintikka, J., „New Foundations for a Theory of Questions and Answers“, in: Questions and Answers, hg. v. J. Kiefer, Dordrecht 1983, S. 159–190), sei es die auf zwei verhältnismäßig uninteressante vermeintlich engere Typen, den der binären Entscheidungsfrage und den der Bestätigung bzw. Verneinung. S. dazu Wisniewski, A., „On the Reducibility of Questions”, Erkenntnis 40/1994, S. 265–84.Google Scholar
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  14. 124.
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    Vgl. etwa die Distanzierung von der Rhetorik, ref. in Heidelberger, M., u. Thiessen, S., Natur und Erfahrung - Von der mittelalterlichen zur neuzeitlichen Naturwissenschaft, Reinbek 1981, S. 242 ff.Google Scholar
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    Vgl. etwa Justus v. Liebigs (Chemische Briefe, Heidelberg 1844) Verkehrung des,Hermetischen’ in einen nüchternen Labor-Terminus.Google Scholar
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    Vgl. Diederich, W., „The Development of Structuralism“, Erkenntnis 30/1989, S. 363–86; s.a. die Bibliographie ebenda S. S. 387–407.Google Scholar
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    Suppe, F., The Semantic Conception of Theories and Scientific Realism, Urbana 1989, reklamiert einen vorsichtigen „Quasi-Realismus“ wonach Theorien lediglich idealisierten Phänomen entsprechen; Baas van Fraassens Anti-Realismus (The Scientific Image, Oxford 1980) postuliert Angepaßtheit an Beobachtungsdaten, was auf die alte Antithetik von Empirismus und Realismus abhebt. Zum Vergleich mit dem zuvor genannten Ansatz s. Diederich, W., „Realität und Modell -,Semantischer’ und,strukturalistischer’ Ansatz in der Wissenschaftstheorie”, Allg. Zs. f Philosophie 14/1989, S.1–14. S. a. unten 11.2.5.Google Scholar
  28. 138.
    Für Autoren wie Emil Du Bois Reymond ist dies genau der Punkt, wo Goethe Unrecht hat: „Richtig gebaute und gebrauchte Instrumente.F…] sind unentbehrlich“ („Goethe und kein Ende”, in ders., Reden und Vorträge, Bd. 1, Leipzig 1886, S. 429. Unter den Gegenstimmen finden sich bekanntlich die von Helmholtz und Heisenberg.Google Scholar
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    Vgl. dazu Kuhn, Th. S., „Die Funktion des Messens in der Entwicklung der physikalischen Wissenschaften“, in: ders. Die Entstehung des Neuen, Frankfurt 1978, S. 254–307.Google Scholar
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  31. 141.
    Vgl. K. Pomians These, wonach die Inhalte der Sammlungen vielfach die Grenzen des,Sichtbaren’ markierten: Collectioneurs, amateurs et curieux - Paris, Venise: XVIe-XVIlle siècle, Paris 1987. Die Umwälzungen des 19. Jahrhunderts werden nicht zuletzt daran ersichtlich, daß die Datenmenge zu schnell anschwoll, um noch inventarisiert zu werden. Beispielsweise ist ein beträchtlicher Teil der in Cambridge lagendern Präparate von Darwins Beagle-Reise bis heute weitgehend unerschlossen geblieben.Google Scholar
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    S. z.B. in systematischer Perspektive die Unterscheidung von Daten und Phänomenen in Bogen, J., u. Woodward, J., „Saving the Phenomena“, Phil. Review 97/1988, S. 303–52, S. 317. Historisch betrachtet ist das Nebeneinander von natürlichen Objekten und Artefakten im handfesten Sinne ein typischer Zug der Kabinette in Worms’ Epoche und bestimmt beispielsweise auch die Sammlungen der Habsburger Kaiser oder Basil Beslers in Nürnberg. Vgl. die Beiträge in The Origins of Museums: The Cabinet of Curiosities in Sixteenth-and Seventeenth-century Europe, hg. v. O. Impey u. A. MacGregor, Oxford 1985.Google Scholar
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    Vgl. die entsprechenden Zusammenfassungen von Harrah, D., u.a. im Handbook of Philosophical Logic, hg. v. D. Gabbay u. F. Guenther, Dordrecht 1984. S.auch den Problemhinweis Anm. 122.Google Scholar
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    Vgl. A. Pérez-Ramos’ Auseinandersetzung mit einer popperianischen Inanspruchnahme („Francis Bacon and the Disputations of the Learned“, Brit. J. Phil. Sci. 42/1991, S. 577–88.)Google Scholar
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    Vgl. für den Zusammenhang mit der Herkunftsdisziplin die Literaturhinweise bei Brooke, J. H., Science and Religion - Some Historical Perspectives, Cambridge 1991, S. 352 ff.Google Scholar
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    Vgl. das Programm der Edinburgh-Schule, speziell Shapin, S., u. Thackray, A., „Prosopography as a Research Tool in History of Science: the British Scientific Community 1700–1800“, Hist. Sci. 12/1974, S. 1–28. Davon unabhängig gibt es eine Vielzahl mikrosoziologischer Ansätze im Blick auf Forschungsgruppen, etwa in der Weiterentwicklung marxistischer Ansätze. Über den Zusammenhang von persönlichen und gruppenmäßigen Prozessen s. etwa Geißler, U., „Zur Komplementarität von Individualität und Gruppenidentität”, in: Objekt-und Selbsterkenntnis - Zum Wandel im Verständnis moderner Wissenschaften, hg. v. H.-P. Krüger, Berlin 1991, S. 156–74. Allgemein s. Kragh, Introduction, S. 168ff.Google Scholar
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    Vgl. Ch. Singer über Vesalius, den Verfasser von De Humani Corporis Fabrica (1543), der Geburtsurkunde der moderne Anatomie: „A Word on the Philosophical Background of Vesalius“, Studies and Essays in the History of Science and Learning - In Homage to George Sarton, hg. v. M.F. Ashley, New York 1944, ND 1969, S. 77–84, S. 77.Google Scholar
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    Vgl. die umstrittenen Thesen von Fuller, S., „Is History and Philosophy of Science Withering on the Vine?“, Phil. Soc. Sci. 21/1991, S. 149–74.Google Scholar
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    Vgl. dazu Danneberg, L. u. Müller, H.-H., „Der,intentionale Fehlschluß’ ein Dogma? Systematischer Forschungsbericht zur Kontroverse um eine intentionalistische Konzeption in den Textwissenschaften“, Zs. allg. Wiss.theorie 14/1983, S. 103–37 u. 376–411.Google Scholar
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    Poggendorf, Geschichte, S. 2Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1995

Authors and Affiliations

  • Ulrich Charpa
    • 1
  1. 1.Philosophisches SeminarUniversität zu KölnKölnDeutschland

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