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Wissenschaftsphilosophie und Wissenschaftshistorie

  • Ulrich Charpa

Zusammenfassung

Die einfachste aller denkbaren Verhältnissetzungen hat der Newton-Spezialist I. B. Cohen87 kolportiert: In seiner Studentenzeit ergab sich einmal die Gelegenheit, Rudolf Carnap, der gerade als Gastprofessor an seiner Universität weilte, anzusprechen und um einen Vortrag vor dem studentischen Wissenschaftshistoriker-Klub zu bitten. Der Wissenschaftsphilosoph ließ sich auf ein kleines Gespräch darüber ein, was denn die Studenten an der Wissenschaftsgeschichte interessiere, um am Ende festzustellen, er selbst habe nichts über die Wissenschaft zu sagen, das für Historiker irgendwie von Belang sein könne. Die Absage gibt keine Auskunft über Carnaps Bewertung der Wissenschaftshistorie. Andernorts hat er sich dahingehend geäußert, es handle sich um eine Angelegenheit von „sehr geringem Nutzen“88. Es gibt genügend weitere Beispiele dafür, wie Indifferenz mit Abwertung verbunden wird: Von R.B. Braithwaite, dem Cambridger Erklärungs- und Wahrscheinlichkeitstheoretiker, ist die Warnung an einen neuen Kollegen überliefert, er möge sich von der Wissenschaftsgeschichte fernhalten — das sei keine Sache für Leute von Verstand.89

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Literatur

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Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1995

Authors and Affiliations

  • Ulrich Charpa
    • 1
  1. 1.Philosophisches SeminarUniversität zu KölnKölnDeutschland

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