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Zur Realität der Wissenschaftsgeschichte

  • Ulrich Charpa

Zusammenfassung

Die Frage nach der Realität der Wissenschaftsgeschichte scheint in wesentlicher Hinsicht auf eine petitio hinzuführen, indem sie eine wissenschaftshistorische Einstellung zu erörtern aufgibt, die für Forschung erst zur Diskussion stehen soll. Mit der positiven Antwort wird Wissenschaftshistorie den Verlaufsmodellen der Wahrheitssuche (II.3) bzw. der ihren Erfolg voraussetzenden Kumulation (II.1) verpflichtet. Die scheinbare Selbstverständlichkeit dieser Beziehung wird durch nichts so offenkundig wie durch die gängige relativistische Praxis, die,wirkliche Wissenschaftsgeschichte gegen die Uneinsichtigkeit philosophischer Illusionisten ins Feld zu führen. Der Widerspruch läßt sich aufheben, indem man entweder postuliert, nur der Historie komme, im Gegensatz z.B. zur Physik, Wirklichkeitsbezug zu, oder aber der Historie einen anderen Zweck als den der Erschließung vergangener Realität zuschreibt. Die erste Möglichkeit, die der Privilegierung der Historie, läge auf der Linie von Giambattista Vicos Scienza Nuova und ihres Grundsatzes „verum et factum convertuntur”. Damit wäre gemeint, daß der Mensch über das von ihm ‚Gemachte‘, also beispielsweise über die Physik, eher Gewißheit erlangen könne, als mittels der Physik über die Natur. Der zweite Weg ist im Konstruktivismus beschritten worden. Der Wissenschaftshistorie wäre innerhalb dieser Konzeption aufgetragen, zur Erzeugung von nützlichen Maximen oder Prognosen beizutragen.

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Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1995

Authors and Affiliations

  • Ulrich Charpa
    • 1
  1. 1.Philosophisches SeminarUniversität zu KölnKölnDeutschland

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