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Ästhetik statt Politik?

Zum Verhältnis von Kultur und Politik im NS-Staat
  • Peter Reichel
Part of the Politische Vierteljahresschrift Sonderheft book series (PVS, volume 18/1987)

Zusammenfassung

In der Zuspitzung der krisenhaften Entwicklung der 1930er Jahre haben sich bekanntlich große Teile der proletarisierten Mittelschichten nicht den „linken“ Parteien zugewandt, sondern nach „rechts“ orientiert. Diese „Schere“ (W. Reich) zwischen Sein und Bewußtsein, zwischen materieller und mentaler Entwicklung großer Bevölkerungsmassen, hat naturgemäß gerade unorthodoxe marxistische Intellektuelle beunruhigt und herausgefordert. Nicht wenige von ihnen haben sich wohl vor allem deshalb mit den soziologischen, den kulturellen, den sozialphilosophischen und sozialpsychologischen, aber auch mit den ästhetisch-sinnlichen Aspekten und Erscheinungen des Faschismus beschäftigt. Hier sind vor allem Walter Benjamin (1963), Ernst Bloch (1962), Bert Brecht (1973) und Siegfried Kracauer (1963, 1979) zu nennen (vgl. Emmerich 1977). Sie sahen darin zu Recht keinen Widerspruch zur materialistischen Erklärung der prokapitalistischen Funktion des Faschismus. Im Gegenteil. Gerade die Verknüpfung beider Erklärungsansätze schien ihnen geeignet, den offenkundigen Widerspruch zwischen sozialer Basis und Funktion zu lösen.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Auch die von Jürgen Habermas (Die Zeit v. 11.7.86), Ernst Nolte (FAZ v. 6.6.86) und Andreas Hillgruber, Zweierlei Untergang. Die Zerschlagung des Deutschen Reiches und das Ende des europäischen Judentums, Berlin 1986, ausgelöste neuerliche Debatte über die Einzigartigkeit der Ermordung der europäischen Juden, insbesondere aber die Diskussion um die beiden geplanten Museen zur Deutschen Geschichte in Berlin und Bonn gehören in diesen Zusammenhang.Google Scholar
  2. 2.
    Wer die Widersprüchlichkeit und den möglichen Wandel der NS-Kultur und -Kulturpolitik erkunden will, kann bei einer Differenzierung verschiedener Phasen der Systementwicklung nicht stehenbleiben. Gleichsam zwischen dem machtpolitischen Gesamtzusammenhang des NS-Regimes und seiner konkreten Kunst- und Kulturproduktion muß ergänzend die programmpolitische Steuerungsebene ins Blickfeld kommen. Das kann hier aus Platzgründen nur beispielhaft angedeutet werden: Was in der Mobilisierungsphase als „Kampfbund für Deutsche Kultur“ unter der Führung von Alfred Rosenberg mit lokalplebiszitären „Kulturkampf-Aktionen begonnen und besonders Thüringen unter Frick 1929/31 zum „völkischen“ Aktionsfeld gemacht hatte, wurde spätestens bei der Schaffung neuer formaler kulturpolitischer Kontrollen unter Goebbels überflüssig, ja, bei Bestrebungen, sich der modernen Kunst — entsprechend dem italienischen Beispiel — zu öffnen, hinderlich. Wohl nicht zuletzt wegen der zahlenmäßig großen Anhängerschaft der Völkischen griff Hitler erst spät in den Programm- und Kompetenzkonflikt ein, um beiden, den Völkischen wie den Avantgardisten eine Absage zu erteilen und zugleich das „Rivalitätsprinzip“ zu bestätigen (vgl. Brenner 1963: 7 ff., 35 ff., 63 ff.).Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1987

Authors and Affiliations

  • Peter Reichel

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