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“Tagesschau” und “heute” — Politisierung des Unpolitischen?

  • Heribert Schatz
Chapter

Zusammenfassung

Politisierung des einzelnen, Politisierung sozialer Interaktionen und damit Politisierung der Gesellschaft, — das sind Forderungen, die in zunehmendem Maße in der kritischen Öffentlichkeit diskutiert werden. Hinter diesen auf den ersten Blick recht vagen Begriffen verbirgt sich ein breites Spektrum von Vorstellungen über die optimale Organisation der Gesellschaft zur Bewältigung ihrer Verteilungs-, Anpassungs- und Entwicklungsprobleme. Neben rein normativen Positionen, die in der Politisierung des einzelnen den Weg zur Selbstverwirklichung oder gar zur herrschaftsfreien Gesellschaft sehen, finden sich eine ganze Reihe mehr instrumental ausgerichteter, gleichwohl normativer Überlegungen, die sich auf die wachsende Diskrepanz zwischen dem Steuerungsbedarf moderner hochkomplexer Gesellschaften und der herkömmlichen Rollenverteilung in politischen Systemen beziehen.(1) Aus der einen Sicht bedeutet Politisierung der Gesellschaft verstärkte Partizipation am politischen Willensbildungsprozeß, d.h. Erhöhung der Mitwirkungschancen des einzelnen bei der Bestimmung seiner existenziellen Situation. Aus der anderen Perspektive heißt Politisierung Verminderung des non-decision-Bereiches, d.h. Verbesserung vorhandener Artikulationsmöglichkeiten gesellschaftlicher Gruppierungen, deren Bedürfnisse bisher mehr oder weniger übersehen wurden und die damit latente Krisenherde für das politische System bilden. Daneben soll Politisierung Konflikt- und Konsensbildungsprozesse in Bezug auf langfristige Zukunftsprobleme der Gesellschaft intensivieren, die in Parteien und Parlamenten wegen des ihnen immanenten kurzen Zeithorizontes zu wenig berücksichtigt werden.

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Anmerkungen

  1. (1).
    Vgl. dazu als Beispiel die Beiträge von Wolf-Dieter Narr, Walter Euchner, Claus Offe, Joachim Hirsch in: Gisela Kress und Dieter Senghaas (Hrsg.), Politikwissenschaft, eine Einführung in ihre Probleme, Frankfurt, 1969 sowie Wolf-Dieter Narr, Theoriebegriffe und Systemtheorie, Frieder Naschold, Systemsteuerung, beide Stuttgart, 1969, Fritz W. Scharpf, Demokratiebegriff zwischen Utopie und Anpassung, Veröffentlichung in Vorbereitung, und Johannes Agnoli, Peter Brückner, Die Transformation der Demokratie, Frankfurt, 1968.Google Scholar
  2. (2).
    Vgl. zum folgenden Gerhard Maletzke, Psychologie der Massenkommunikation, Hamburg, 1963; Horst Holzer, Massenkommunikation und Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland, Opladen, 1969; Hermann Meyn, Massenmedien in der Bundesrepublik Deutschland, Berlin 1966 und Martin Löffler (Hrsg.), Die Rolle der Massenmedien in der Demokratie, München und Berlin, 1966; Wilbur Schramm (Hrsg.), Grundfragen der Kommunikationsforschung, München, 1968 mit weiteren Literaturangaben sowie Lewis A. Dexter und David N. White (Hrsg.), People, Society and Mass Communications, New York, 1964.Google Scholar
  3. (3).
    Im Dezember 1967, also zum Ende des Untersuchungszeitraumes, gab es 13,8 Mio. Fernsehgenehmigungen. Bei durchschnittlich 3 Zuschauern pro Gerät ergibt das ein Fernsehpublikum von über 40 Mio. Von den vorhandenen Geräten wurden durchschnittlich zwischen 50 und 60 Prozent zum Empfang der “Tagesschau” und 10–15 Prozent zum Empfang von “heute” eingeschaltet (Zahlen für 1965 in: Was sie sahen — wie sie urteilten, 1963 — 1967, Bad Homburg, 1967); nach Alphons Silbermann, Bildschirm und Wirklichkeit, Berlin, Frankfurt, Wien, 1966, S. 126 sehen durchschnittlich 42 Prozent der Bevölkerung mindestens jeden 2. Tag die Nachrichten der “Tagesschau” bzw. der Sendung “heute”.Google Scholar
  4. (4).
    Die im folgenden verwendeten Daten entstammen einer von Marianne Schatz-Bergfeld durchgeführten Inhaltsanalyse der Fernsehnachrichtensendungen “Tagesschau” und “heute” von 73 repräsentativ ausgewählten Sendetagen aus dem Zeitraum Oktober 1966 bis Dezember 1967. Vergleichsdaten wurden einer vom Verfasser durchgeführten Inhaltsanalyse von 57 ebenfalls als Zufallsstichprobe ausgewählten Ausgaben von 4 überregionalen Tageszeitungen (“FAZ”, “Die Welt”, “Süddeutsche Zeitung”, “Bild-Zeitung”) aus dem selben Zeitraum entnommen. Insgesamt wurden jeweils über 5000 einzelne Fernsehmeldungen bzw. Zeitungsartikel analysiert, was den Daten eine hohe statistische Aussagekraft gibt.Google Scholar
  5. (5).
    Als Einheit der Analyse galt jede einzelne Meldung, jeder Bericht und Kommentar und jeder “Nachrichtenspot”, d.h. jedes einzelne Element der Nachrichtensendung, das sich in Büd und Ton mit einem in sich geschlossenen Zusammenhang, Gegenstand, Ereignis oder Faktum befaßte.Google Scholar
  6. (6).
    Zum 1.1.1969 wurden Sendebeginn und Struktur der Sendung “heute” verändert. Diese beginnt jetzt um 19.45 Uhr. Die Trennung von Nachrichten und “Themen des Tages” wurde aufgehoben, nunmehr wird die gesamte Sendung moderiert. Nachrichten und kommentierte Berichte wechseln dabei einander ab.Google Scholar
  7. (7).
    Zur Analyse wurde ein Katalog von 217 Einzelthemen aus 12 Themenbereichen benutzt. Im Durchschnitt entfielen auf jede Erhebungseinheit 1,5 Einzelthemen.Google Scholar
  8. (8).
    Der Codeplan enthält für die Bewertung von Themen die Kategorien “pro, positiv, zustimmend”; “contra, negativ, ablehnend”; “kritisch-neutral, ausgewogen”; und “nicht entscheidbar”. Für die Bewertung von Personen waren die Kategorien “ausgesprochen positiv”, “ausgesprochen negativ” und “neutral, nicht entscheidbar” vorgesehen.Google Scholar
  9. (9).
    Auf Regierung und einzelne Politiker ausländischer Staaten entfallen zusätzlich rund 35 Prozent der Nennungen.Google Scholar
  10. (10).
    Hier ist allerdings die vergleichsweise höhere Publizitätschance solcher Gruppierungen in den Magazinsendungen zu berücksichtigen.Google Scholar
  11. (11).
    Um die Vergleichbarkeit der Zahlen trotz unterschiedlicher Gesamtheiten herzustellen, wurden Indexwerte verwendet, bei denen die Häufigkeit, mit der Kiesinger genannt wurde, (3,8 Prozent aller Nennungen bzw. 8,2 Prozent der Nennungen von Politikern und Institutionen der Bundesrepublik) den Wert 100 erhielt.Google Scholar
  12. (12).
    “FAZ”, “Die Welt”, „Süddeutsche Zeitung’, “Bild-Zeitung”; vgl. auch Anmerkung (4).Google Scholar
  13. (13).
    Vgl. dazu die Hypothesen zur selektiven Perzeption von L. Festinger in seiner Theorie der kognitiven Dissonanz in: Wilbur Schramm (Hrsg.), Grundfragen der Kommunikationsforschung, München, 1968.Google Scholar
  14. (14).
    Diese wurde unter Mitwirkung des Lehrstuhls für Politische Wissenschaft der Universität Mannheim (Prof. Dr. Rudolf Wildenmann) von INFRATEST, München, durchgeführt; Zahl der Befragten: 2 004 Personen an 291 Sample-Points.Google Scholar
  15. (15).
    Die Zahlen entsprechen den Prozentanteilen der Befragten, die den betreffenden Politiker seiner Partei richtig zuordneten. Nach Kiesinger wurde bei dieser Frage nicht gefragt.Google Scholar
  16. (16).
    Der Indexwert 100 entspricht einem Anteil von 79 Prozent der Befragten, die auf die Frage, “Wenn Sie jetzt einmal an unsere Politiker in Bonn denken, welche Namen fallen Ihnen da in erster Linie ein? “den Namen Kiesinger nannten.Google Scholar
  17. (17).
    Die Beliebtheit wurde mit Hilfe einer von + 5 bis — 5 reichenden Sympathieskala gemessen. Die Spalte “positiver Sympathie-Index” enthält die auf den Wert für Kiesinger (100 Punkte = 77 Prozent der Befragten) bezogenen Anteile der Befragten, die Wertungen zwischen + 3 und + 5 abgaben. Der negative Sympathie-Index umfaßt alle Einstufungen zwischen — 1 und — 5.Google Scholar
  18. (18).
    Materialbasis der folgenden Ausführungen sind diverse Umfragen von INFRATEST, EMNID und des Instituts für Demoskopie, Allensbach.Google Scholar
  19. (19).
    Über die günstigen Auswirkungen von Fernsehsendungen für “new-comer” gibt es eine Reihe von Studien, die sich auf die Fernsehdebatten zwischen den beiden Kandidaten für das Amt des amerikanischen Präsidenten (Kennedy und Nixon) von 1960 beziehen; siehe dazu Sidney Kraus (Hrsg.), The Great Debates: Background-Perspective-Effects, Indiana, 1962.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1971

Authors and Affiliations

  • Heribert Schatz

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