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Thesen zum Begriff der Öffentlichkeit

  • Oskar Negt
Chapter
Part of the Politische Vierteljahresschrift Sonderhefte book series (PVS, volume 6)

Zusammenfassung

Begriff und Sache, die mit dem Wort Öffentlichkeit verknüpft sind, verweisen in ihrer modernen Bedeutung, für die die Abgrenzung gegen politische Geheimpraxis und privaten Intimbereich kennzeichnend ist, eindeutig auf die Entstehungsgeschichte einer ganz bestimmten Gesellschaftsformation: der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft. Diese geschichtliche Spezifizierung und Eingrenzung des Begriffs der Öffentlichkeit bedeutet allerdings nicht, daß es vor der blutigen Umbruchphase der „ursprünglichen Akkumulation“, dem sozialökonomischen Vorposten der eigentlichen kapitalistischen Produktionsweise, institutionalisierte Kommunikationsformen, in denen die Gesellschaftsmitglieder ihre öffentlichen Angelegenheiten behandelt und entschieden hätten, nicht gegeben hat. Im Gegenteil: die vorbürgerliche Geschichte der Menschheit weist einen großen Reichtum von Einrichtungen auf, in denen auf der Basis von mehr oder minder entfalteter gesamtgesellschaftlicher Arbeitsteilung (Stadt — Land; geistige und körperliche Arbeit) die wichtigen, das heißt als offentlich bewerteten Angelegenheiten kollektiv behandelt und entschieden werden. Der Marktpz Athens, Umschlagsort nicht nur für Waren, sondern vor allem auch für politische Ideen und Entscheidungen, der eigentliche Tätigkeitsbereich des Zoon Politikon, des politischen Bürgers; das bereits im Griechischen diskriminierend gemeinte, aber nicEt auf Geisteskrankheit, sondern auf die gesellschaftliche Stellung bestimmter Personen bezogene Wort „Idiot“, bezeichnet den Privatmann, den Einzelnen, der an den Staatsgeschäften, der Öffentlichkeit nicht beteiligt ist; das Forum Romanum, auf dem, vor allem durch das erkämpfte öffentliche Intercessionsrecht der Volkstribunen, zeitweilig selbst die Klassenkämpfe zwischen Patriziern und Plebejern ausgetragen wurde; die Ting-Stätten der germanischen Stämme, an denen in regelmäßigen Abständen Gerichtstage gehalten wurden — alle diese und viele ähnliche Einrichtungen, die in der Regel nicht von eigens dafür ausgebildeten Leuten bedient wurden, sind Ausdrucksformen eines gemeinschaftlichen Willens der unter den jeweiligen gesamtgesellschaftlichen Bedingungen (Produktionsweise, Stand der Warenproduktion, Klassenverhältnisse usw.) als frei definierten Gesellschaftsmitglieder.

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Anmerkungen

  1. 2.
    Zur genaueren Bestimmung dieses Begriffs siehe: Oskar Negt/Alexander Kluge; Öffentlichkeit und Erfahrung. Zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit. Frankfurt/M. 1973.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1975

Authors and Affiliations

  • Oskar Negt

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