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Der soziale Ausgleich in der Sozialversicherung

Anspruch und Wirklichkeit
  • Harald Schumacher
Part of the Forschungsberichte des Landes Nordrhein-Westfalen book series (JSG)

Zusammenfassung

Das Selbstverständnis der Bundesrepublik als Sozialstaat gründet sich zu einem nicht geringen Teil auf die als „soziales Netz“ apostrophierten Sozialleistungen und den damit verbundenen korrigierenden Eingriffen in die Einkommensverteilung. Die in diesen staatlichen Umverteilungsprozessen geforderte Solidarität der wirtschaftlich begünstigten Gesellschaftsschichten mit den im Marktprozeß Benachteiligten hatte jedoch nur so lange Bestand wie mit steigenden Wachstumsraten des realen Durchschnittseinkommens gerechnet werden konnte. Angesichts knapper werdender Ressourcen, wachsender Ansprüche der Länder der Dritten Welt und sinkender Zuwachsraten des Realeinkommens, in einer Zeit also, in der es gerade einer verstärkten Solidarität der gesellschaftlichen Gruppen bedarf, erweist sich die Brüchigkeit dieser sozialpolitischen Maxime. In den Programmen zur Sanierung der Staats- und Sozialhaushalte überwiegen die Eingriffe in die Sozialleistungen, werden die Finanzierungslasten vor allem den wirtschaftlich benachteiligten Gruppen aufgebürdet, während höhere Einkommensschichten kaum betroffen sind, ja zum Teil noch begünstigt werden.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Vgl. Albers, W.: Grenzen des Wohlfahrtsstaats, in Külp, B., Haas, H.-D. (Hrsg.): Soziale Probleme der modernen Industriegesellschaft, Berlin 1977, S. 937 ff.Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. Merklein, R.: Der Griff in die eigene Tasche, Hamburg 1980Google Scholar
  3. 3.
    Vgl. Müller, H., (Hrsg.): Fortentwicklung der sozialen Sicherung, Limburg 1978.Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. BVerfGE 17, Nr. 1, S. 9; vgl. auch Bogs, W. u. a.: Sozialenquête, Stuttgart 1966, S. 63.Google Scholar
  5. 5.
    Der ex ante vorgenommene Risikoausgleich ist von dem sich ex post ergebenden Risikoausgleich zu unterscheiden. Dieser durch die Abweichung der tatsächlichen von den erwarteten Gegenleistungen mögliche Risikoausgleich ex post ist ein konstitutives Merkmal des Versicherungsprinzips, da andernfalls ein reiner Sparakt vorläge.Google Scholar
  6. 6.
    Im Sprachgebrauch der Transferökonomie sind „Transfers“Geld- und Realströme, denen keine unmittelbaren Gegenleistungen gegenüberstehen. Im vorliegenden Fall handelt es sich um „implizite Transfers“, die als Folge einer Abweichung vom Äquivalenzprinzip entstehen. Vgl. dazu eingehend Boulding, K. E., Pfaff, M., (Eds.): Redistribution to the Rich and the Poor, Belmont, Calif. 1972.Google Scholar
  7. 7.
    Der hier und im folgenden verwendete Einkommensbegriff umfaßt nicht nur Geldleistungen, sondern auch — dem Geldeinkommen gleichwertige — Sachleistungen.Google Scholar
  8. 8.
    Vgl. Meinhold, H.: Fiskalpolitik durch sozialpolitische Parafisci, Tübingen 1976, S. 35.Google Scholar
  9. 9.
    Die sich im Rahmen des Familienlastenausgleichs vollziehenden Umverteilungen werden häufig dem (sozialen) Risikoausgleich zugerechnet, da allein wegen der größeren Personenzahl eine höhere Risikohäufigkeit zu erwarten ist. Aufgrund der unterschiedlichen sozialpolitischen Zielsetzungen ist jedoch die Hervorhebung des Familienlastenausgleichs als besondere Form des sozialen Ausgleichs sinnvoll. Vgl. auch Bogs, W., u. a.: Sozialenquête, a. a. O., S. 205.Google Scholar
  10. 10.
    Zu den Begriffen „horizontale“und „vertikale Einkommensumverteilung“vgl. Liefmann-Keil, E.: Ökonomische Theorie der Sozialpolitik, Heidelberg 1961, S. 57.CrossRefGoogle Scholar
  11. 11.
    Vgl. Bogs, W., u. a.: Sozialenquête. a. a. O., S. 206. Eine umfassende Analyse aller Sozialtransfers findet sich in Transfer-Enquête-Kommission: Bericht der Kommission, Juni 1981.Google Scholar
  12. 12.
    Vgl. Bogs, W., u. a.: Sozialenquête, a. a. O., S. 206. Auch die rein intertemporale Einkommensumverteilung des „typischen“Versicherten ließe sich begrifflich als sozialer Ausgleich fassen, nur daß hier im Lebensverlauf unterschiedliche Lebenslagen angeglichen werden.Google Scholar
  13. 13.
    Vgl. den empirischen Beleg bei Andel, N.: Verteilungswirkungen der Sozialversicherung am Beispiel der gesetzlichen Krankenversicherung der Bundesrepublik Deutschland, in Dreißig, W., (Hrsg.): Öffendiche Finanzwirtschaft und Verteilung III., Berlin 1975, S. 46 ff.Google Scholar
  14. 14.
    Ebenda, S. 57. Unterschiede ergeben sich naturgemäß aufgrund des Schwangerschaftsrisikos. Dabei sollten aber die anderen Belastungsfaktoren der Frauen nicht übersehen werden. Vgl. Schneider, U., (Hrsg.): Was macht Frauen krank? Frankfurt 1981.Google Scholar
  15. 15.
    Die Beitragsbemessungsgrenze in der GKV (zugleich Versicherungspflichtgrenze) beträgt 75% der Beitragsbemessungsgrenze der Rentenversicherung, die durch die Bindung an die allgemeine Bemessungsgrundlage dynamisiert ist.Google Scholar
  16. 16.
    Eine regressive Belastung des Einkommens wird auch durch die Absetzung der Versicherungsbeiträge vom Einkommen bei der Lohn- und Einkommenssteuerberechnung bewirkt.Google Scholar
  17. 17.
    Vgl. den Überblick bei von Loeffelholz, H. D.: Die personale Inzidenz des Sozialhaushalts, Göttingen 1979, S. 167.Google Scholar
  18. 18.
    Andel, N.: Verteilungswirkungen..., a. a. O., S. 46 ff.Google Scholar
  19. 19.
    Ebenda, S. 53.Google Scholar
  20. 20.
    Aus der Sicht des „typischen Versicherten“läge allerdings nur ein intertemporaler Ausgleich vor.Google Scholar
  21. 21.
    Vgl. Andel, N.: Verteilungswirkungen..., a. a. O., S. 75.Google Scholar
  22. 22.
    Vgl. Siegrist, I., Bertram, H.: Schichtspezifische Variationen des Krankheitsverhaltens, in: Soziale Welt, Bd. 20/21, (1970/71), S. 206 ff.Google Scholar
  23. 23.
    Vgl. Andel, N.: Verteilungswirkungen..., a. a. O., S. 61.Google Scholar
  24. 24.
    Bogs, W. u. a.: Sozialenquête, S. 207.Google Scholar
  25. 25.
    Vgl. zu den Ursachen im einzelnen Thiemeyer, Th.: „Kostenexplosion“im Gesundheitswesen, in: Pfaff, M., Voigtländer, H.: Sozialpolitik im Wandel, Bonn 1978, S. 78 ff.Google Scholar
  26. 26.
    Ebenda, S. 86.Google Scholar
  27. 27.
    Ebenda, S. 88 f.Google Scholar
  28. 28.
    Vgl. Brück, G. W.: Die Sozialversicherungsreform 1977, in: Sozialer Fortschritt, 9, 1977, S. 197.Google Scholar
  29. 29.
    Vgl. Ehrenberg, H.: Die Wirksamkeit des Kosten dämpf ungskonzepts wird erhöht, in: Wirtschaftsdienst, 9, 1981, S. 423 ff.Google Scholar
  30. 30.
    Ebenda, S. 425.Google Scholar
  31. 31.
    Ob die Selbstbeteiligung für diese Zwecke geeignet ist, ist dabei durchaus fragwürdig. Vgl. Schaper, K.: Zur Kritik des moral-hazard-Theorems der Überinanspruchnahme medizinischer Leistungen, in: Sozialer Fortschritt, 7–8, 1979, S. 178 ff.Google Scholar
  32. 32.
    Er beträgt annähernd 50% der Kosten der KVdR.Google Scholar
  33. 33.
    Vgl. Schmähl, W.: Einkommensumverteilung im Rahmen von Einrichtungen der sozialen Sicherung, in Külp, B., Haas, H.-D. (Hrsg.): Soziale Probleme der modernen Industriegesellschaft, a. a. O., S. 537.Google Scholar
  34. 34.
    Ebenda, S. 544.Google Scholar
  35. 35.
    Vgl. dazu und zu den entsprechenden Reformvorschlägen aufgrund der Bundesverfassungsgerichtsentscheidung Sachverständigenkommission: Vorschläge zur sozialen Sicherung der Frau und der Hinterbliebenen, Stuttgart o. J.Google Scholar
  36. 36.
    Vgl. Schewe, D.: Die Bundeszuschüsse in der sozialen Rentenversicherung, in: Soziale Sicherheit, 15. Jg. 1966.Google Scholar
  37. 37.
    Vgl. Schmähl, W.: Einkommensumverteilung..., a. a. O., S. 551 ff.Google Scholar
  38. 38.
    Vgl. Standfest, E.: Probleme der Finanzierung von Sozialleistungen — Beiträge oder Steuern, in: WSI-Mitteilungen, 9, 1973, S. 349.Google Scholar
  39. 39.
    Ebenda, S. 349.Google Scholar
  40. 40.
    Vgl. dazu Andel, N.: Verteilungswirkungen..., a. a. O., S. 77.Google Scholar
  41. 41.
    Ebenda, S. 74.Google Scholar
  42. 42.
    Vgl. z. B. Jahn, E. u. a.: Die Gesundheitssicherung in der Bundesrepublik Deutschland, Köln 1973.Google Scholar
  43. 43.
    Vgl. Schmähl, W.: Alterssicherung und Einkommensverteilung, Tübingen 1977, S. 165Google Scholar
  44. 44.
    Vgl. Schmähl, W.: Besteuerung, Nettoanpassung und Beitragsbelastung von Renten, in: Wirtschaftsdienst, H 1, 1980, S. 28 ff.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1982

Authors and Affiliations

  • Harald Schumacher

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