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Die Polygamiefrage in der frühen Neuzeit

  • Paul Mikat
Chapter
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Part of the Rheinisch-Westfälische Akademie der Wissenschaften book series (VG, volume 294)

Zusammenfassung

1963 hielt Franz Wieacker vor der damaligen Arbeitsgemeinschaft für Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen, der heutigen Rheinisch-Westfälischen Akademie der Wissenschaften, seinen vielbeachteten Vortrag „Zum Stand der heutigen Naturrechtsdiskussion“1. In der Diskussion, die sich an diesen Vortrag anschloß, kam das Polygamieproblem zur Sprache, von Wieacker eingeführt als anschauliches Beispiel dafür, daß das Naturrecht „uns im hic et nunc die Aufgabe der Entscheidung für die eine gerechte gegen die anderen unrichtigen Lösungen gar nicht abnehmen“ kann, „wenn es als Norm und nicht als Weisung verstanden wird“2. Im einzelnen führte Wieacker dann aus: „Das drastische Beispiel ist die europäische Einehe. Es ist außer jeder Diskussion, daß in unserem geschichtlichen und gesellschaftlichen Raum, d. h. im kirchlichen und profanen Eherecht und den gesellschaftlichen Wertungen, die aus den Wertaspekten des Christentums hervorgegangen sind, die Einehe nicht nur positives Recht ist, sondern auch in concreto gerechtes Recht: die Doppelehe, die Vielweiberei, der Harem sind heute schlechthin Unrecht. Aber wir wissen auch, daß diese Entscheidung z.B. für den Gerechten des Alten Bundes nicht verbindlich war, und zwar aus tieferen Gründen, als sie irgendein dogmatisches Naturrecht anbieten oder widerlegen könnte. Nicht deswegen ist die Einehe bei uns zwingendes sittliches Gebot und übergesetzliches Recht, weil sie sich schließlich auch in ein Naturrechtssystem einbauen läßt, in dem sie auch denknotwendig ist. Wir sollten vielmehr wie die großen Naturrechtsdenker des Mittelalters und der Neuzeit bis auf Grotius und Pufendorf verfahren und uns ohne Selbsttäuschung eingestehen, daß die Einehe keineswegs überzeitliches außergeschichtliches Recht ist: wir vermissen sie auch bei solchen Völkern, die ersichtlich an sich den Anspruch auf ein Leben in Gerechtigkeit stellten. Wir sollten wie sie den Mut haben, uns zu gestehen, daß kein vorgegebenes Naturrecht uns die Entscheidung unseres christlichen Aions zur Einehe abnehmen oder beglaubigen kann. Es liegt auf der Hand, daß das Engagement für solche Lösungen, bei denen man sich wirklich auf eine evidente moralische Wahrheit jenseits der Geschichtlichkeit unseres Aions berufen kann, kraftvoller und überzeugender wird, wenn wir diese Wahrheit nicht für die konkreten geschichtlichen Entscheidungen unseres Aions bemühen“3.

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© Westdeutscher Verlag GmbH Opladen 1988

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  • Paul Mikat

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