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Der „moderne Staat“ Ein historischer Begriff und seine Problematik

  • Stephan Skalweit
Part of the Rheinisch-Westfälische Akademie der Wissenschaften book series (VG, volume G 203)

Zusammenfassung

Im herkömmlichen wissenschaftlichen Sprachgebrauch dient die Wortverbindung „moderner Staat“ dazu, den Staat der Neuzeit vom antiken oder vom mittelalterlichen Staat begrifflich abzuheben. Sie entspringt dem Bedürfnis, den in seiner Allgemeinheit inhaltsleeren Oberbegriff für alle politischen Herrschaftsformen, eben den Staat, mit Hilfe eines Epochenschemas weiter zu differenzieren. Dabei soll hier außer Betracht bleiben, ob es überhaupt zulässig ist, den Begriff „Staat“ auf politische Ordnungen anzuwenden, die ihn entweder noch gar nicht kannten, oder doch in anderem Sinne gebrauchten als dem, den er erst in der Neuzeit empfing1. Auch der „moderne Staat“ ist ein Idealtypus, der als solcher der Individualisierung und Konkretisierung bedarf, um geschichtlichen Inhalt zu gewinnen. Er besitzt jedoch eine Eigentümlichkeit, die ihn von den beiden vergleichbaren Idealtypen „antiker“ und „mittelalterlicher Staat“ sehr wesentlich unterscheidet. Wer ihn gebraucht, setzt unwillkürlich das Staatsleben der Neuzeit, soweit es auch in die Vergangenheit zurückreichen mag, in Bezug zur eigenen politischen Gegenwart, einen Bezug, den das Wort „modern“ mehr oder minder deutlich vermittelt. Ein „modern“ genannter Staat, mag er auch längst vergangen und historisch geworden sein, wie etwa der des 17. und 18. Jahrhunderts, besitzt für seinen Betrachter noch immer einen Restgehalt von Aktualität, die im gegenwärtigen Staatsleben nachwirkt.

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Literatur

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    Ebenda S. 536 heißt es: „Diese Stelle, worin Natur und die meisten modernen Staaten, wie Preußen zum Teil in bürgerlichen Geschäften, England, Österreich und andere Staaten hingegen auch in militärischer Hinsicht, den Unterschied verringern, ist in Frankreich aufs höchste gestiegen. Die gerichtlichen Stellen sowie die militärische Laufbahn ist ihnen (sc. den Bürgerlichen) erschlossen und das Reinpersönliche zum Prinzip gemacht worden.“Der Sinn der Stelle erschließt sich nur, wenn man in der vorletzten Zeile das Wort „verschlossen“in Hegels Manuskript durch „erschlossen“ersetzt (vgl. G. W. F. Hegel, Werke 1, a.a.O., S. 536, Anm. 27). Der sinnwidrige Ausdruck „verschlossen“hat auch die neuesten Interpreten der Stelle in die Irre geführt. Das gilt sowohl für die wertvolle Untersuchung von R. K. Hocevar, Stände und Repräsentation beim jungen Hegel. Ein Beitrag zu seiner Staats- und Gesellschaftslehre sowie zur Theorie der Repräsentation, Münchener Studien zur Politik 8, München 1968, 157, wie für die beiden gleichzeitig erschienenen Monographien von H. S. Haris, Hegels Development. Towards the Sunlight 1770–1801, Oxford 1972, 468, und S. Avineri, Hegel’s Theory of the Modern State, Cambridge 1972, 53, Anm. 48.Google Scholar
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    Im Rückblick auf Hintzes Akademievortrag bemerkt Kurt v. Raumer schon 1957: „Inzwischen ist längst die Veränderung eingetreten, der gegenüber sogar der liberale Nationalstaat des 19. Jahrhunderts nicht mehr ‚inodern‘erscheint.“(„Absoluter Staat, korporative Libertät, persönliche Freiheit“, HZ 183, 1957, Anm. 40). Die wachsende Unsicherheit im Gebrauch des Begriffs verrät sich auch darin, daß man die Wortverbindung immer häufiger in Anführungszeichen setzt oder auch vom „sog. modernen Staat“spricht. Eine sehr weitgehende terminologische Konsequenz aus dieser Aporie hat neuerdings Th. Schieder gezogen, indem er vom „Typus des modernen, d. h. vom 17.–19. Jh. reichenden Staats“spricht („Wandlungen des Staats in der Neuzeit“, a.a.O., 266). Der Begriff wird hier zeitlich determiniert und in seiner Geltung auf drei Jahrhunderte neuzeitlicher Geschichte beschränkt. Er verliert damit als historischer Begriff den Aktualitätsbezug, der ihm vom Wortsinn her anhaftet.Google Scholar
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    So H. Lutz in seiner ungedruckten Saarbrücker Antrittsrede „Anfang und Ende der Neuzeit“(1964). Für die freundliche Überlassung des Manuskripts sei ihm hier noch einmal gedankt.Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1975

Authors and Affiliations

  • Stephan Skalweit

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