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Grundzüge Eines Systementwurfs

  • Gerhard Vowe
Part of the Studien zur Sozialwissenschaft book series (SZS, volume 57)

Zusammenfassung

Um das Modell an mögliche Formen der Realisierung anschließen zu können, werden Barrieren identifiziert und entsprechende Gelenkstücke zwischen Modell und Realität konzipiert.

Als Barrieren wirkt vor allem die zeitliche Begrenzung des Partizipationsbudgets: Zu viele Anforderungen durch zu viele Rollen, in denen man an den Entscheidungen teilhaben müßte. Aus dem Scheitern der Politikberatung läßt sich eine weitere Barriere ableiten: Politische Rationalität hat andere Kriterien zur Entscheidungsfindung, als sie die sachverhaltsbezogene nahelegen würde, wie sie insbesondere durch die Wissenschaft vertreten wird.

Von daher sind Gelenkstücke notwendig, die beide Seiten — Modellanforderung und Zwänge der Realisierung — miteinander verknüpfen. Die Beschränkung des Partizipationsbudgets wird durch einen funktionalen Begriff der Aneignung und Interessenvertretung gekontert. Nicht alle müssen bei allem zu gleicher Zeit anwesend sein, um vertreten zu sein. Von daher werden arbeitsteilige Lösungen nach Phasen (Unterscheidung von Ziel und Routine) von Personen (Stellvertreter) und Problemen (Kompetenzteilung) möglich, wodurch dennoch übergreifend eine gesellschaftliche Aneignung gewährleistet werden kann. Dies wird durch weitere Selektionsinstrumente gestützt.

Gegen die Hegemonie politischer Rationalität bieten sich die Antizipation möglicher Widerstände, die rechtliche Absicherung, vor allem aber die Schaffung von Gegengewichten durch eine soziale Basis: Der Konflikt ist die beste Gewähr für die Einfriedung politischer Rationalität.

In einer Bestandsaufnahme wird zunächst die historische Entwicklung der einzelnen akteursbezogenen Informations- und Kommunikationssysteme aufgezeigt, die — zunächst abgesetzt voneinander — die Funktionen ihrer jeweiligen Akteurszusammenhänge verfolgen. So entwickelt sich das wissenschaftsbezogene Informations- und Kommunikationssystem von einer Disziplinorientierung über eine Orientierung auf technische Projekte zu einer Orientierung auf gesellschaftliche Probleme. Dies ist dann schon begleitet von der Ausbildung überlappender Strukturen zu den anderen Informations- und Kommunikationssystemen, die ähnliche Entwicklungen vollziehen und mündet in ein technisch mögliches und problembezogen notwendiges, integriertes Informations- und Kommunikationssystem der in der Heterogenen Problemgemeinschaft zusammengeschlossenen Akteure.

Systematisch werden in der Bestandsaufnahme Bausteine der Wissensvermittlung, und Bausteine der sozialen Organisation und Kontrolle des Verhältnisses von Wissenschaft und Gesellschaft vorgestellt. Der erste Block enthält z.B. eine Darstellung des enzyklopädischen Gedankens, des Wissenschaftsjournalismus oder der Informationstechnik. Der zweite Teil der systematischen Bestandsaufnahme stellt Bausteine wie Gruppenkommunikation, Institutionen der politischen Kommunikation, Partizipationsmodelle aus der Stadtplanung, Science-Court u.a. zusammen.

Ein letzter Teil der Bestandsaufnahme zieht beispielhaft Erfahrungen mit zeitlicher Organisation heran, z.b. auf der Mikroebene mit Tagesordnungen als Ordnung von Problemrelevanz und Interaktionsdauer; auf der Mesoebene mit Geschäftsordnungen als Normierung von Ansprüchen an die Zeitstruktur in der Interaktion; auf der Makroebene mit Pilotprojekten als experimenteller Anlage und Erhöhung der Varietät vom Zeitablauf.

Daraus können insgesamt Defizite abgeleitet werden. Dies sind vor allem: Es fehlt eine Strukturierung des Gesamtfeldes in theoretischer und normativer Hinsicht; die internen Kommunikationssysteme und die Kommunikationsbeziehungen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft sind unausgewogen; insbesondere die Beziehung von schwach organisierten Teilen des Betroffenheitsakteurs zum Wissenschaftsakteur ist unverhältnismäßig gering ausgebaut; Wissensvermittlung hat nur geringen Handlungsbezug; Zeit ist als Problemvorlauf und als Ressource in der Interaktion gesellschaftlich nicht verfügbar; es gibt nur geringe Ansätze zu einer Organisation des Verhältnisses von Konflikt und Konsens, die nicht die Dynamik zu ersticken droht; es herrschen vor allem kultur- und verfahrenstechnische Defizite in der Problembewältigung; die Implementation ist nicht unter Kontrolle der Ziele.

Dies läßt die folgende Prioritätenbestimmung zu: Es wird in erster Linie als notwendig erachtet,
  • eine normative Strukturierung zu schaffen, die begründet und entwicklungsfähig ist;

  • das Verhältnis von Konflikt und Konsens behutsam zu organisieren, so daß Folgenreichtum gesichert ist;

  • eine Varietät in der Problembewältigung durch kulturtechnischen Fortschritt und einen Zeitvorlauf gesellschaftlich allgemein verfügbar zu machen.

Diese Prioritäten sollen nicht auf überschaubaren Ebenen greifen, sondern für hochkomplexe Problemkonstellationen konzipiert werden, die dadurch gekennzeichnet sind, daß in sozialer Hinsicht die Folgen nicht zurechenbar sind und die Auseinandersetzungen nicht durch soziale Nähe abgefedert sind; in kognitiver Hinsicht, daß die Problemhorizonte lebensweltliches und wissenschaftliches Wissen überfordern; in zeitlicher Hinsicht, daß Zeiträume jenseits “menschlicher” Wahrnehmungs- und Vorstellungsmöglichkeiten einbezogen sind; in räumlicher Hinsicht, daß die überschaubare Distanz durch Problem, Problembewältigung und Problemgemeinschaft überschritten wird.

Auf diese Ebene richtet sich der Systementwurf in den drei prioritären Defiziten aus.

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Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1984

Authors and Affiliations

  • Gerhard Vowe

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