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Die Kommunikation vor Gericht

  • Rainer Hegenbarth
Chapter
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Part of the Forschungsberichte des Landes Nordrhein-Westfalen book series (FOLANW, volume 3163)

Zusammenfassung

Es ist überflüssig zu sagen, daß das Gerichtsverfahren ein sprachlicher Kommunikationsprozeß ist. Der Rechtsfall, über den das Gericht zu entscheiden hat, wird durch den Vortrag und die Anträge der Parteien konstituiert. Selbst der erstinstanzliche Richter hat nur selten eine eigene Anschauung der Situation und ist daher auf die sprachlich vermittelten und gefilterten Eindrücke der Parteien und Zeugen angewiesen. Wenn man von den (seltenen) Ortsbesichtigungen und den nur informationsergänzenden Fotografien und Skizzen absieht, die die Parteien in den Prozeß einbringen, besteht der “Stoff” eines Rechtsfalls aus (unterschiedlichen) sprachlichen Darstellungen sprachlicher und nicht-sprachlicher Ereignisse. Von diesem genannten sprachlichen Material wiederum ist nur dasjenige rechtlich verwertbar, das in Schriftform kondensiert in die Prozeßakte Eingang gefunden hat, sei es als Schriftsatz oder als Terminsprotokoll. Angesichts der Bedeutung, der der Schriftlichkeit schon von Gesetzes wegen (vgl. z.B. §§ 253, 275, 276, 159 ff. ZPO), aber auch der Praxis nach zukommt, fragt sich, warum § 128 Abs.1 ZPO für den Regelfall eine mündliche Verhandlung vorschreibt. Das Gesetz gibt auf diese Frage keine Antwort.

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Anmerkungen

  1. 1).
    Vgl. Peter Arens, Mündlichkeitsprinzip und Prozeßbeschleunigung im Zivilprozeß, Berlin 1971, S. 47.Google Scholar
  2. 2).
    So vor allem Rudolf Wassermann, Gericht und Bürger — Was heißt bürgerfreundliche Rechtspflege und wie läßt sie sich verwirklichen?, in: ders., Justiz für den Bürger, Neuwied 1981, S. 27-94.Google Scholar
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  4. 4).
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  5. 5).
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    Siehe dazu Harvey Sacks, Das Erzählen von Geschichten in Unterhaltungen, in: Rolf Kjolseth/Fritz Sack (Hrsg.), Zur Soziologie der Sprache (Sonderheft 15 der KZfSS), Opladen 1971, S. 307-314.Google Scholar
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  14. 13).
    Dieses Phänomen ist empirisch gut untersucht. Vgl. den Literaturüberblick bei Rainer Hegenbarth, Von der legislatorischen Programmierung zur Selbststeuerung der Verwaltung, in: Erhard Blankenburg/Klaus Lenk (Hrsg.), Organisation und Recht (Jahrbuch für Rechtssoziologie und Rechtstheorie Bd. 7), Opladen 1980, S. 130-152 (136 f.).Google Scholar
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  17. 16).
    Vgl. etwa Thomas/Putzo, ZPO, 11. Aufl. 1981, § 139 — Rdnr. 3.Google Scholar
  18. 17).
    Thomas/Putzo (Fn. 16), § 139 Rdnr. 2b.Google Scholar
  19. 18).
    Vgl. Wassermann (Fn. 2).Google Scholar
  20. 19).
    Rudolf Wassermann, Sprachliche Probleme in der Praxis von Rechtspolitik und Rechtsverwirklichung, Zeitschrift für Rechtspolitik 14 (1981), S. 257–262 (259).Google Scholar
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    Dazu näher Hans Erich Troje, Mißstände im Rechtswesen. Unveröffentlichtes Rundfunkmanuskript, o.J.Google Scholar
  23. 22).
    Vgl. etwa Rüdiger Lautmann, Justiz — die stille Gewalt, Frankfurt 1972, S. 103.Google Scholar
  24. 23).
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  26. 25).
    Vgl. etwa die zahlreichen sinnvollen Anregungen von Wassermann (Fn.2).Google Scholar
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  28. 27).
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  31. 29).
    Es ist nirgendwo vorgeschrieben, an welcher Stelle des Tatbestandes die Anträge stehen sollen, ob Rechtsausführungen der Parteien in den Tatbestand gehören, wie ein Rubrum auszusehen hat (usw.). Tatsächlich nehmen diese Fragen jedoch in Literatur und Ausbildung breiten Raum ein. Vgl. etwa Sattelmacher/Sirp (Fn. 28) S. 198 ff.Google Scholar
  32. 30).
    Siehe dazu Theodor Weber, Gütliche Beilegung und Verhandlungsstil im Zivilprozeß, Deutsche Richterzeitung 1978, S. 166-169.Google Scholar
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    Manfred Wolf, Gerichtliches Verfahrensrecht, Reinbek 197Ö, S. 16.Google Scholar
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    Zu den Folgen dieser Entwicklung, die das Individuum dazu nötigt, sein emotionelles Leben zu ‘managen’, vgl. Peter L. Berger u.a., Das Unbehagen in der Modernität, Frankfurt/New York 1975, bes. S. 157 ff.Google Scholar
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    Vgl. Niklas Luhmann, Legitimation durch Verfahren, 2. Aufl. Darmstadt/Neuwied 1975, S. 100 ff.Google Scholar
  37. 35).
    Wolf (Fn. 31) S. 35.Google Scholar
  38. 36).
    Siehe dazu die Darstellung psychologischer Konfliktlösungsmethoden bei Hegenbarth/Scholz (Fn. 7).Google Scholar
  39. 37).
    Wassermann (Fn. 19) S. 259.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1983

Authors and Affiliations

  • Rainer Hegenbarth

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