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Der gerichtliche Vergleich als Problem rechtssoziologischer Forschung

  • Klaus F. Röhl
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Part of the Forschungsberichte des Landes Nordrhein-Westfalen book series (FOLANW, volume 3163)

Zusammenfassung

Die empirische Erforschung des gerichtlichen Vergleichs begegnet erheblichen Schwierigkeiten, weil der Rechtsfigur des Vergleichs i. S. des § 794 Abs. 1 Nr. 1 ZPO eine vielschichtige, kaum abgrenzbare Realität entspricht. Praktisch kann der Vergleich sehr Verschiedenes bedeuten. Das Spektrum reicht von der bloßen Protokollierung einer außergerichtlichen Einigung bis zum “Zwangsvergleich” als Ergebnis massiver Schlichtungsbemühungen des Gerichts. Für das Gelingen oder Scheitern eines Vergleichs sind vermutlich alle augenfälligen Variablen des Prozeßgeschehens relevant, von der Art des Streitgegenstandes und der Höhe des Streitwerts über die Parteikonstellation, die Art der früheren und gegenwärtigen Beziehungen der Parteien zueinander, ihre Vertretung im Prozeß bis hin zur Besetzung des Gerichts und der konkreten Ausgestaltung des Verfahrens. Der Vergleich läßt sich nicht aus dem übrigen Prozeßgeschehen isolieren. Jede Untersuchung des Vergleichs gerät damit zwangsläufig zu einer Untersuchung des Zivilprozesses insgesamt, die allenfalls einen Schwerpunkt setzen kann. Doch damit nicht genug: Der gerichtliche Vergleich läßt sich ohne Einbeziehung des vor- und außergerichtlichen Konfliktgeschehens kaum ausreichend erklären. Da die Justiz bei ihren Bemühungen um eine vergleichsweise Regelung von Streitigkeiten, anders als bei ihrer Entscheidungstätigkeit, mit anderen Einrichtungen konkurriert, kommen auch alternative Verfahren der Streitregelung in den Blick1). Schließlich hat der Gütegedanke im Zivilprozeß nicht nur eine Ideengeschichte, sondern auch eine höchst praktische Vergangenheit, so daß die historische Perspektive — ebenso wie die rechtsvergleichende — nicht vernachlässigt werden darf2).

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Anmerkungen

  1. 1).
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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1983

Authors and Affiliations

  • Klaus F. Röhl

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