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Schluß: Knappe Ressource Normalität?

  • Jürgen Link
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Part of the Historische Diskursanalyse der Literatur book series (HDL)

Zusammenfassung

Die Schwierigkeit der vorliegenden Studie lag darin, einen sozialen Gegenstand im Zusammenhang zu analysieren und zu rekonstruieren, der empirisch in einen disparaten ‘Archipel’ aus teils hochoperationalen und hochformalisierten speziellen Dispositiven, teils alltäglichen ‘psychischen’ Ressourcen und Allerweltsfloskeln zu zerfließen scheint. Allerdings war die explizite Frage nach der Normalität in einer Situation überfällig, in der diese Kategorie nicht bloß den Alltag überflutet, sondern auch auf ‘seriöser’ interdiskursiver Ebene immer lautstärker als solider Ersatz für teleologische Programme, für ideale Zukunftshorizonte und „konkrete Utopien“, insofern implizit als letzter Wert okzidentaler Kulturen proklamiert wird. Offensichtlich ist „Normalität“ für das weitere Existieren solcher Kulturen absolut unverzichtbar geworden. Als ‘Provisorium auf unabsehbare Zeit’ erlaubt, wie es scheint, nur sie die Verabschiedung aller teleologischen Programme. Was für ein „Ding“ ist aber diese Normalität? Ist sie ein „Ding“ oder eher die Eigenschaft eines Dings? Noch scheinen die meisten praktischen Benutzer die Normalität für eine Natur-Ressource zu halten, die bei richtigem Verhalten nachwächst. Wo sie zu fehlen scheint wie in der deutschen „nationalen Identität“, glaubt man sich zu starker symbolischer Düngung genötigt. Immer noch wirkt dabei der Glaube, daß die Natur selbst uns Normalfelder und Normal-Einstell-Skalen gerichtet habe, deren flexible Bestellung sie uns mit dem ver-sichernden Signal der symbolischen Gaußoidkurve und vor allem mit ihrer reichen Spontaneität und Kreativität lohne. Allerdings stößt die Natürlichkeits-These gerade durch jede langandauernde und in eine Vielzahl von Sektoren ausgedehnte Praxis des Flexibilitäts-Normalismus (wie die seit 1945) an ihre Grenzen. Wenn sich die Durchschnitte und Normalitätsgrenzen (Grenzwerte) sichtlich in Abhängigkeit von rein kulturellen Parametern deutlich ändern, beweist das die Autonomie der Normalitäts-Dispositive gegenüber der „Natur“. Wenn Kinsey zu Recht auf den engen Zusammenhang zwischen beschleunigtem Petting und Auto verweist, desavouiert er schlagend seine Rahmenideologie von der „biologischen Normalität“.

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1997

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  • Jürgen Link

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