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Die Zeichen der Marquise: Das Schweigen, die Sprache und die Schriften

Drei Annäherungsversuche an eine komplexe Textstruktur
  • Dirk Grathoff
Part of the Kulturwissenschaftliche Studien zur deutschen Literatur book series (KSDL)

Zusammenfassung

Kleist, der Schriftsteller, begegnet uns, seinen Lesern, mit Schriftzeichen. Meist stellt er sie zu Worten zusammen, gelegentlich, so schon im Titel der Erzählung Die Marquise von O..., stehen sie für sich. Die drei Punkte hinter dem? — in zeitgenössischen Drucken werden dafür oft Asterisken gebraucht — verweisen auf andere, verschwiegene Schriftzeichen. Kleist nennt uns die Buchstaben nicht. Warum? Warum darf der Name nicht genannt werden, warum erscheint die Marquise bloß im Zeichen des O? Über diese Frage ist ein wenig ergiebiger Disput der Forschungsgeschichte geführt worden,1 und ebenso sind schon die ersten Reaktionen auf den Erstdruck der Erzählung im Februarheft des Phöbus 1808 davon bewegt. Varnhagen von Ense war verärgert: »Der große Cervantes würde nimmer sagen: in dem ***Kriege, ein Oberst der ***Truppen, bei der Bestürmung von M***, die Marquise von O***. O über den ekelhaften Kerl, der als Dichter ordentlich an sich halten will und beileibe nicht die ganze Welt enthüllen mag, in der seine Gestalten leben!« (LS 260). Womöglich hat Kleist als Dichter gerade deshalb an sich gehalten, um im Nicht-Nennen etwas über die Welt zu enthüllen, in der seine Gestalten leben? Denn es ist ja nicht nur der Autor, der uns, seinen Lesern, etwas verhüllt, auch seine Gestalten hüllen sich in Schweigen: das Nicht-Nennen, das Nicht-Aussprechen ist offenbar ein thematisch bedeutendes Problem der Erzählung selbst. Die Beschränkung auf das Zeichen des O hat also einen immanenten Grund in der Erzählung selbst, und kann nicht bloß äußerlich entstehungs- und wirkungsästhetisch begründet werden.

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Hinweise

  1. 1.
    Vgl. Steven R. Huff: Kleist and Expectant Virgins: The Meaning of the »O« in Die Marquise von O.... In: JEGP 81, 1982, S. 367–375; mit der These, das »O« verweise über eine iberische Marienfigur im schwangeren Zustand (»Madonna« oder »Maria de 1a O«) auf die Gottesmutter; sowie die Zurückweisung vonGoogle Scholar
  2. H.H.J. de Leeuwe: Warum heißt Kleists Marquise von O... von O...? In: Neophilogus 68, 1984, S. 478–479.CrossRefGoogle Scholar
  3. 12.
    Vgl. etwa Herta-Elisabeth Renk: Heinrich von Kleist: Die Marquise von O... In: Deutsche Novellen von Goethe bis Walser. Interpretationen für den Deutschunterricht. Bd. 1. Königstein 1980, S. 31–52; bes. die Titelfragen in Abschnitt 3: »Wieso kann sich Julietta...«, »Wieso will Julietta...«, »Wieso läßt Julietta...«, S. 46 f.Google Scholar
  4. 25.
    Walter Müller-Seidel: Die Struktur des Widerspruchs in Kleists Marquise von O.... In: DVjS 28, 1954, S. 497–515.Google Scholar
  5. 27.
    Vgl. Erika Swales: The Beleaguered Citadel: A Study of Kleist’s Die Marquise von O.... In: DVjS 51, 1977, S. 130–147; Politzer 1977, S. 71 f. Festung und Haus verstehe ich dabei allerdings wörtlich, nicht aufgelöst metaphorisch; vgl. dagegen Pfeiffer 1988.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Wiesbaden 2000

Authors and Affiliations

  • Dirk Grathoff

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