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Zusammenfassung

Das historische Vorbild für Kleists Michael Kohlhaas hieß bekanntlich Hans Kohlhase,1 doch gelang nicht ihm, sondern Kleists literarischer Fiktion 1845 der Sprung in den Brockhaus, in dessen Allgemeine Deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Lexikonwürdig sind von Rechts wegen eigentlich nur historische Personen, aber bei mythischen Figuren scheinen Ausnahmen möglich. Michael Kohlhaas wurde also in die 9. »Originalauflage« des Brockhaus aufgenommen, die von 1843 bis 48 erschien, und dementsprechend vom Geist der Vor-Achtundvierziger-Zeit geprägt war. Im 8. Band von 1845 findet sich folgender Artikel: »Kohlhaas (Michael), ein Roßkamm aus der Altmark, geb. 1521, der, da er gegen ungerechte Behandlung kein Recht zu finden vermochte, sich dasselbe selbst verschaffte, freilich aber auch nun weiter ging, als recht war. Als er einst mit seinen Pferden auf die leipziger Messe ziehen wollte, wurde er von den Leuten des Junkers Tronka wegen Mangels an Ausweis festgehalten, nach der Tronkaburg gebracht und hier durch den Junker und dessen Genossen ohne alles Gehör genöthigt, zwei seiner schönsten Pferde nebst einem Knecht zurückzulassen. Dies hätte nun weiter nichts zu bedeuten gehabt; allein der Junker ließ die Pferde zu den schwersten Arbeiten gebrauchen und halb verhungern, den Knecht aber zum Thor hinauswerfen. Kaum hatte K. solches erfahren [...]«.2 Im folgenden wird in dem Lexikonartikel die Geschichte dieses K. in gekürzter Form so weitererzählt, wie sie Kleist für seine Novelle erdacht hatte. Helmut Sembdner hat den Anfang des Artikels in seiner Sammlung Heinrich von Kleists Nachruhm nach der 10. Auflage des Brockhaus von 1853 wie ein bloßes Kuriosum gedruckt (NR 673a), wodurch aber der ursprüngliche Zusammenhang mit dem Vor-Achtundvierziger-Geist nicht mehr sichtbar wird. Und bekanntlich ist die erste Frage, die Kleists Michael Kohlhaas immer wieder aufgeworfen hat: wie es um die mindestens rebellische, wenn nicht gar revolutionäre Haltung dieser Erzählung bestellt sei? Den 48ern ist sie jedenfalls lexikonwürdig gewesen, wobei dahingestellt bleiben muß, ob Kleists subversives Erzählen im Kohlhaas hier einen subversiven Akt der Brockhaus-Redaktion provoziert haben könnte.

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Wiesbaden 2000

Authors and Affiliations

  • Dirk Grathoff

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