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»Ausgesetztsein in die Kontingenz « — wie künstlich ist die Wirklichkeit?

  • Norbert Bolz

Zusammenfassung

Der Mensch und das Artifizielle — dieses Thema ist umfangslogisch fast so groß wie sein Vorbild: Gott und die Welt. Wir müssen es deshalb erst zurechtschneiden. Zu diesem Zweck unterscheide ich vier Schauplätze, auf denen das Artifizielle sich besonders prägnant zeigt:
  1. 1.

    Die Kunst; sie ist, modern, ohne externen Nutzen. Gerade deshalb aber ist sie in der Lage, uns vorzuführen, wie man Latenzbeobachtungen anstellt. Zunächst geschieht das durch die Unterscheidung von Fiktion und Realität. Erst durch fiktionale Realitätsverdoppelung wird es möglich, die »wirkliche Wirklichkeit« zu entdecken. Daraus kann man zwei höchst unterschiedliche, aber genau zusammenhängende Schlussfolgerungen ziehen: »Wirkliche« Wirklichkeit ist immer das Resultat einer Mystifikation. Aber auch: Was in Wahrheit wirklich ist, zeigt die Fiktion. »Phantasie für die Wahrheit des Realen« hat Goethe1 das einmal genannt. Das Imaginäre steht in beiden Fällen nicht im Gegensatz zum Realen, sondern entsteht in den Intervallen des Symbolischen. In der Moderne wird die Poesie prosaisch — und, wie wir gleich sehen werden, die Wirklichkeit poetisch.

     
  2. 2.

    Das Design; es verhält sich zur Kunst wie Wissen zum Glauben. Insofern ist Design theoriepflichtig und hat eine eigene Form der Schönheit: das Technikschöne. Design ist die Einheit der Differenz von Form und Funktion. Und diese Definition markiert auch deutlich, was eine Designwissenschaft von Kunst- und Naturwissenschaften trennt. Als Wissenschaft des Artifiziellen besiedelt die Designwissenschaft eine noch unerforschte Mitte zwischen Analyse und Ästhetik; ihre Maßstäbe bezieht sie bis auf weiteres von Technik und Rhetorik. Wenn Martin Heidegger mit einer wunderbar numinosen Formel sagt: »Die Dinge gebärden Welt«, dann ist das auch die Ultrakurzformel für Design: weltgebärdende Dinge gestalten. Design entsteht, wenn es keine geltenden Formen mehr gibt. Es schafft den Menschen eine künstliche Umwelt, in der sie sinnvoll existieren können. Design ist heute nicht mehr das Gewissen der Dinge, sondern user friendliness. Benutzerfreundlichkeit ist das Autonomieprinzip des Designs: funktionelle Einfachheit bei struktureller Komplexität — also leicht zu bedienen, aber schwer zu verstehen. Die Intelligenz der Produkte besteht gerade darin, den Abgrund des Nichtverstehens, die logische Tiefe zu verdecken. So emanzipiert sich das Gebrauchen vom Verstehen. Wer heute von intelligentem Design spricht, meint, dass der Gebrauch eines Artefakts selbsterklärend ist. Doch diese Erklärung führt nicht zum Verständnis, sondern zum reibungslosen Funktionieren.

     
  3. 3.

    Die Technik. Nicht die Grenzen meines Körpers, sondern die Grenzen meiner Geräte sind die Grenzen meiner Welt. Der Mensch ist kein Naturwesen, und deshalb vollzieht sich die Menschwerdung des Menschen in der Innervation seiner Techniken. Um Geräte, also technische, organisierte Gegenstände zu verstehen, muss man sie im Gebrauch studieren. Der Designer hat es nicht mit künstlerischen Formen sondern mit Lebensformen zu tun. Design ist die Hermeneutik der Technik. Wir bestätigen also jenen Satz Vicos, der eine Art Aufklärungsfazit aus der Einsicht zieht, dass die Götter die verklärten Helden der Technikgeschichte sind: »Der Mensch ist der Gott der Artefakte«. Aber er ist ein unglüklicher Gott. Und damit bestätigen wir Freuds Kulturtheorie, deren Schlüselwort »Prothesengott« lautet. Der Mensch ist das Wesen, dem Wesentliches mangelt und das deshalb auf Hilfskonstruktionen angewiesen ist. Mit anderen Worten, das Artifizielle ist das Medium der Menschwerdung des Menschen.

     
  4. 4.

    Der Kult der reinen Formen; gemeint ist das Medium einer Lebensartistik, die der Hegelianer Kojèe auf einer Japanreise entdeckt und als Heilmittel gegen die Weltkrankheit des American Way of Life, quasi das Kultur-AIDS, verstanden hat. Man denke etwa an die Teezeremonie, das No-Spiel —oder an Fußball. Jenseits der dialektischen Negativität tut sich im Snobismus der rein formalen Wertung ein neues Negationspotential auf: ein Leben als Funktion total formalisierter Werte, in dem man sich (als reine Form) sich selbst entgegenstellt, um die Minimalspannung menschlichen Daseins zu sichern; denn SubjektObjekt-Gegensätze gibt es nicht mehr.

     

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Literatur

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  • Norbert Bolz

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