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In Wirklichkeit ohne uns

  • Paul Wühr

Zusammenfassung

In einer vorläufigen Wirklichkeit wird an die endgültige geglaubt. Der Tod macht hier Wirklichkeit möglich. Wird Wirklichkeit nur ihrem Schöpfer zugesprochen, seiner Schöpfung aber bloßer Schein, stirbt es sich leichter, weil nur scheinbar. Beenden die Gespenster den Spuk und denken sich aus: Wirklichkeit aus dem Jenseits in unsere Welt geholt zu haben, dann bleibt für Gott keine mehr übrig. Es kommt allen Wesen so vor, als erschienen sie sich nicht mehr nur, sondern als begegneten sie sich wirklich, bis ihnen die Wirklichkeit genommen wird, und zwar endgültig. Dann stirbt es sich nicht mehr leicht, weil nicht mehr hinüber in eine endgültige Wirklichkeit. Die hatte man vor dem Tod schon. Der vernichtet jetzt endgültig. Wenn wahr ist, dass Wirklichkeit in der Gegenwart erst wird und erst da ist, wenn diese vergangen ist, kommt sie in der Gegenwelt gar nicht vor. Da wir sterblich sind, werden wir die Wirklichkeit in der Vergangenheit auch nicht lange behalten können. In der großen und ganzen Vergangenheit der Wirklichkeit muss es uns zwar geben, das Bewusstsein von ihr aber vernichtet der Tod: obwohl wir an dieser vergangenen Wirklichkeit mitgeschaffen haben, sie wurde von uns verändert, sie wurde erneuert von uns. Nichts zu wollen. Nur ausdenken dürfen wir uns, was wir nach dem Tode in der vergangenen Wirklichkeit alles sein könnten: etwa Besucher im Museum der Wirklichkeit, auf Führungen angewiesen. Es bleibt beim bescheidenen Wunsch. Wer will uns in Wirklichkeit loswerden: und nicht nur uns? Wer übergibt uns und alles, was wir veränderten und erneuerten, anderen, die sich aus unserer Vergangenheit holen, was sie zur Neugestaltung der wirklichen Welt brauchen. Stirbt es sich leichter in Gedanken, die sich ein gleiches Los für unsere Nachfolger ausdenken? Weder Bescheidenheit, die auf Bewusstsein verzichtet, noch Schadenfreude erleichtern das Sterben. Wir wissen, die Zukunft hilft beim Vergehen. Die Vergangenheit ist gegenwärtig für immer. Die Gegenwart ist im Entstehen vergangen. Und alle, die nach uns gegenwärtig sein dürfen, sind als in der Gegenwart Werdende nicht in der Zeit und als Gewordene sofort wieder wirklich vergangen: wirklich nur wieder für andere da. Alle verschenken sich. Keiner hat etwas davon. Wer von uns bleibt in Wirklichkeit übrig: allein mit sich selber?

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Wiesbaden und VG Bild-Kunst, Bonn 2000

Authors and Affiliations

  • Paul Wühr

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