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Strukturerhaltung und Gedächtnis

Anmerkungen zum Kulturbegriff in der Systemtheorie
  • Georg Kneer

Zusammenfassung

Wiederholt hat man das philosophische und sozialphilosophische Denken des 20. Jahrhunderts als differenztheoretisches Denken bezeichnet. An die Stelle metaphysischer Einheitskonzeptionen, die von einem letzten Grund oder einem obersten Prinzip ausgehen, tritt dieser Auffassung zufolge ein nachmetaphysisches Denken der Differenzen, das jegliche Identitäten dekonstruiert, also in Relationen auflöst und somit relativiert und kontextualisiert. Dieser im Namen der Differenz artikulierte Affekt gegen das Eine, Allgemeine, Identische findet sich in prominenter Weise bei Nietzsche, Heidegger und Derrida ebenso wie bei Adorno, Lyotard und Rorty. Die abstrakteste Explikation des differenztheoretischen Denkens verdanken wir m.E. aber nicht einem der genannten Philosophen, sondern dem englischen Mathematiker und Logiker George Spencer Brown. Brown formuliert einen beobachtungstheoretischen Formenkalkül, der von einer Unterscheidung ausgeht, nämlich der Unterscheidung von Unterscheidung und Bezeichnung bzw., anders formuliert, der Differenz von Differenz und Identität. „We take as given the idea of distinction and the idea of indication, and that we cannot make an indication without drawing a distinction. We take, therefore, the form of distinction for the form.“ (Brown 1979: 1)

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Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1997

Authors and Affiliations

  • Georg Kneer

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