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Paradoxien des Multikulturalismus

  • Gerhard Schweppenhäuser

Zusammenfassung

Ein guter Geist scheint umzugehen, nicht nur in Europa, sondern in der ganzen Welt — der Geist des Multikulturalismus. Jeder, der es gut meint oder sich politisch korrekt gibt, beschwört ihn. Es ist mittlerweile wohl den meisten klar geworden, daß in unserer Zeit die Kulturen zusammenrücken, und zwar sowohl im internationalen Maßstab als auch innerhalb der Nationen selbst, die vormals durch integrale kulturelle Identitäten gekennzeichnet waren, inzwischen aber in viele Sub-Kulturen zu zerfallen scheinen, die es gleichwohl miteinander aushalten müssen. Zu offensichtlich ist es also geworden, daß wir zur Toleranz aufgefordert sind, wenn wir miteinander leben wollen, als daß wir es uns leisten könnten, auf multikulturelle Gesinnung und Politik zu verzichten. Aber: Was verbirgt sich eigentlich hinter diesem Begriff? Ein Blick auf die neueste philosophische Diskussion über das Problem des Multikulturalismus, die sich als Fortsetzung der politikphilosophischen und ethischen Kontroverse zwischen Universalisten und Kommunitaristen präsentiert, zeigt, wie überraschend schwierig es offenbar ist, eine gehaltvolle Definition des Phänomens zuwege zu bringen. Amy Gutman aus Princeton z. B. bietet an: „Als Multikulturalismus bezeichne ich den Zustand einer Gesellschaft oder der Welt, sofern es in ihr viele Kulturen gibt, die in signifikanter Weise interagieren. Eine Kultur ist eine den Umfang einer Familie überschreitende Gemeinschaft von Menschen, die durch kontinuierliche Erlebnis-, Handlungs- und Denkweisen gekennzeichnet ist. Diese Definition hat den Vorzug, die meisten moralischen Fragen über den Multikulturalismus offenzulassen und ausdrücklicher Diskussion anheimzustellen. Multikulturalismus ist nicht per definitionem gut oder schlecht.“ (Gutman 1995: 273f.) Zweifellos: Diese Definition ist wasserdicht. Wer wollte bezweifeln, daß auf der Welt kontinuierliche Gemeinschaften ‚in signifikanter Weise interagieren‘? Also ist die Welt der Multikulturalismus bzw. der Multikulturalismus ist die Welt. Und die Welt ist sicherlich nicht per definitonem gut oder schlecht. Gutman hat vollkommen Recht, wenn sie betont, daß ihre Definition ‚die meisten moralischen Fragen über den Multikulturalismus offenläßt‘.

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Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1997

Authors and Affiliations

  • Gerhard Schweppenhäuser

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