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Ein unstillbarer Durst ist ein immerwährendes Strafgericht

Emile Durkheims soziologische Moralpolitik
  • Gerhard Vowinckel

Zusammenfassung

In seinem wissenschaftstheoretischen Hauptwerk Regeln der soziologischen Methode aus dem Jahre 1895 legte Emile Durkheim als „erste und grundlegendste“ Regel fest, soziale Tatsachen seien „wie Dinge zu betrachten“ (1965, 115)1. Als soziale Tatsachen bezeichnete er insbesondere das, was eine Gesellschaft den Menschen bei Strafe zu tun oder zu lassen gebietet: ihre normativen Strukturen. Diese „Dinge“ reservierte Durkheim der Soziologie als ihren höchsteigenen Untersuchungsgegenstand. Der eigene Untersuchungsgegenstand begründete die Soziologie als selbständige Wissenschaft, und tatsächlich gelang es Durkheim, Soziologie in Frankreich als universitäre Wissenschaft zu etablieren. Die Rede von der Dinghaftigkeit sozialer Tatsachen war nicht nur bestimmt, das soziologische Denken zu regeln, sondern auch das soziale Handeln (1965, 163). Gesellschaften sind Durkheim zufolge Teil der Natur; die moralischen Gesetzmäßigkeiten, denen sie unterliegen, seien, wie er meint, ebenso objektiv wie die Naturgesetze und hätten die gleiche Verbindlichkeit (1973a, 161, 300; 1977a, 317). Indem die Soziologie diese moralischen Gesetzmäßigkeiten untersuche, verhelfe sie zur Einsicht in ihre Notwendigkeit und zu freiwilliger Unterordnung: Sie mache moralisch und damit frei (1973a, 161 f.).

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Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1997

Authors and Affiliations

  • Gerhard Vowinckel

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