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Die Angst vor dem Glück

Anthropologische Motive
  • Karl-Siegbert Rehberg

Zusammenfassung

Wie immer der Mensch bestimmt wurde — als intellektuelles Wesen, als sterbliches animal rationale (das sich seinen Leviathan, diesen sterblichen Gott, schaffen muß), als Sprach-, als Spiel- oder Handlungswesen, als „Neinsagenkönner“2, „Gottsucher“ oder als toolmaking animal3, als Arbeitswesen und Homo Creator — als Glückswesen wurde er selten definiert, wenngleich durchgängig wenigstens als ein des Glückes fähiges. Glück und Unglück wären also Besonderheiten des Menschen wie Lachen und Weinen.4 Zwar rückten die Aufklärungsphilosophen — und zwar keineswegs nur in England (wie Nietzsche nicht ohne Ressentiment spottete) — das Glück des Menschen in den Mittelpunkt, ließen es zum Synonym werden für seine Selbstbestimmung (mit aller daraus folgenden Riskiertheit, so daß etwa Glücksfähigkeit und das Recht auf Selbsttötung logisch zusammengehörten5. Jedoch mußten sie damit auch das Problem der Verbindung von Kausalität und Normativität lösen (wie besonders Panajotis Kondylis gut herausgearbeitet hat6. Auch entstanden Fragen nach der Rechtfertigbarkeit des Glückes, z.B. wie es mit der Triebnatur des Menschen zu verbinden sei, wie mit der sozialen Ungleichheit oder wie es nihilistischen und selbstzerstörerischen Konsequenzen entgehen könne — die man gerne dem Epikuräertum zuschrieb. Wie konnte also Natur (vor allem der Trieb zur Selbsterhaltung und -Optimierung) überwunden werden durch kulturelle Leistungen, und zugleich doch Maßstab und Richtschnur sein für die Zivilisierung, welche in der „Natur“ (des Menschen) ihr Fundament finden sollte (nicht nur bei Rousseau, auch bei La Mettrie, Helvétius, d’Holbach u.a.)? Die Frage der Nonnenstabilisierung blieb also ein Unterthema der viel beschworenen Glücksemphase des 18. Jahrhunderts. Meine These ist, daß sich schon damals Aporien andeuteten, die im 20. Jahrhundert durch die Spannung zwischen Massengesellschaftlichkeit und persönlicher Erfüllungschance zu einer Skepsis dem Glück gegenüber geführt haben. Es mag dies ein Grund dafür sein, daß die moderne Philosophische Anthropologie des Menschen Glück weitgehend ausgeblendet hat, obgleich es auf dieses doch ankommen könnte. Der Grund liegt im Konflikt von Glück und Ordnung, eben in einer spezifischen Angst vor dem Glück.

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Anmerkungen

  1. 4.
    Vgl. Helmuth Plessner, Lachen und Weinen (zuerst 1941). In: GS VU: Ausdruck und menschliche Natur. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1982, S. 201–387.Google Scholar
  2. 6.
    Panajotis Kondylis, Die Aufklärung im Rahmen des neuzeitlichen Rationalismus. Stuttgart: Clett-Cotta 1981.Google Scholar
  3. 26.
    Vgl. dazu Karl-Siegbert Rehberg, Das Werk Helmuth Plessners. Zum Erscheinen der Edition seiner „Gesammelten Schriften“. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 36 (1984), S. 799–811.Google Scholar
  4. 54.
    Arnold Gehlen, Das entflohene Glück. Eine Deutung der Nostalgie. In: Was ist Glück? Ein Symposion. München: Fischer 1976, S. 26–38, hier: 27.Google Scholar
  5. 60.
    Fritz Mauthner, Art. Glück. In: ders., Wörterbuch der Philosophie [zuerst 1910/11]. Bd. 1. 1980, S. 438–442, hier: 439f.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1997

Authors and Affiliations

  • Karl-Siegbert Rehberg

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